Verfasst von: cosmo | 13.12.2009

Formspring me!

Derzeit tritt formspring.me seinen Siegeszug an, ein Dienst, bei dem man sich anonyme Fragen stellen lassen und beantworten kann.
Unter meinen Twitterfollowern ist offenbar niemand, dem gescheite Fragen einfallen: Die erste Frage, die ich bekommen habe, lässt mich an der Nüchternheit des Fragers schwer zweifeln und die zweite und bisher letzte bringt den Frager in den schweren Verdacht, mit mir verwandt zu sein.
Daher biete ich meinen Account mal hier an: Fragen Sie mir anything!

WordPress verweigert mir strikt, das Widget in die Seitenleiste oder in dieses Posting einzubauen, daher kann ich Formspring hier leider nicht einbinden, sondern nur via Link drauf verweisen. Trotzdem: Wer mich anonym etwas – egal was – fragen will, hat jetzt die Gelegenheit dazu!

Update 1: Google hat diesen Artikel auf Seite eins der Suchergebnisse zum Suchbegriff „Formspring“ gesetzt, weswegen gerade viele herfinden, die vermutlich etwas über den Dienst selbst erfahren möchten.
Mein erster Tipp an euch ist: Ausprobieren! Durchs selbst Mitmachen lernt man Formspring wahrscheinlich am besten kennen, weil es eigentlich relativ simpel ist.
Mein zweiter Tipp ist dieser Artikel bei Datenschmutz, auf den mich in den Kommentaren aufmerksam zu machen sein Autor Ritchie Pettauer die Freundlichkeit hatte. Der erklärt recht gut, was es über Formspring zu wissen gibt:

Der ultimative Guide zur Nutzung dieser neuen Plattform fällt kurz und knapp aus: originelle und interessante Fragen stellen, originelle und/oder (bzw. im Idealfall „sowohl als auch“) hilfreiche Antworten geben, immer an das Gute in Social Media glauben.

Update 2: Interessante Entwicklung in den letzten Tagen: Während letzte Woche noch fast alle Fragen, die ich bei Formspring gelesen habe, anonym gestellt wurden, treten seit dem Wochenende zunehmend Fragen auf, die mit dem Formspring-Account des Fragers verknüpft sind. Dadurch entstehen zunehmend spannende Fragernetze und Pingpongspielchen mit Fragen.

Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes unbrauchbares Gerät in einander verfahren verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch einmal im Spiel um eine Stange gewunden hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist Dir heimlich, fühlst Du Dich zuhause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht an der Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so daß ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer der sein Geheimnis wahren will.


Verfasst 1923, ursprünglich ohne Titel

Verfasst von: cosmo | 18.12.2009

WTF, BVG?!?

Jeden Freitagmorgen war in den letzten Wochen war ich zu spät. Aus verschiedenen Gründen, mehrmals aber schon wegen ausgefallener oder stark verspäteter Busse. Jeden Freitagmorgen.
Um dem heute einmal vorzubeugen, bin ich daher so aus dem Haus gegangen, dass ich sogar gut 10 Minuten zu früh ankommen würde.
Ich stellte mich also bei beginnendem Schneefall in der Bushaltestelle unter und wartete auf den Bus vor dem Bus, mit dem ich rechtzeitig sein würde. Und wartete.

Vergeblich. Er fiel aus.
Das hat mich etwas überrascht, denn als ich die Verbindung ein paar Minuten zuvor auf BVG.de nachgesehen hatte, war da von Verspätungen, geschweige denn einem Ausfall keine Rede.
Aber naja, ich hatte ja ein Polster – also wartete ich einfach auf den nächsten Bus. Den, mit dem ich normalerweise genommen hätte, weil er für mich gerade rechtzeitig kommt.

Vergebens. Der fiel auch aus. Weit und breit keine Spur von ihm. Ich wurde etwas ungeduldig.
Meine Wohnung liegt zwischen einem S- und einem Regionalbahnhof. In welche Richtung ich den Bus nehme, nimmt sich also für die letztliche Fahrzeit in die Innenstadt nicht allzuviel.
Der Bus in Gegenrichtung war inzwischen durchgefahren. Den zu nehmen, hätte noch keine Zeit gespart, aber der nun kommende wäre mit einer Regionalbahn eingetaktet, die zu nehmen sich lohnen würde.
Ich schielte also nach dem Bus in Gegenrichtung, um womöglich rechtzeitig noch die Straßenseite und damit die Haltestelle wechseln zu können. Aber dieser Bus in Gegenrichtung fiel auch aus.
Ich blieb also und wartete auf den nächsten Bus in Richtung S-Bahn.

Umsonst. Nachdem ich nun knapp eine halbe Stunde an der Bushaltestelle rumgestanden und in dieser Zeit zumindest einen einzigen Bus – nämlich in die Gegenrichtung – gesehen hatte, wechselte ich also doch die Straßenseite, um auf jene Buslinie weiterzuwarten.

Für nichts. Auch dieser Bus fiel einfach aus. Meine Hoffnung, heute einmal früher – oder wenigstens einmal gerade rechtzeitig – anzukommen, begruben die auf den Asphalt fallenden Schneeflocken unter sich. Der Gedanke, wenigstens mal nur moderat verspätet zu sein, erfror im eisigen Wind.

Vier Busse in Folge habe ich ausfallen sehen. Vier Busse einer einzigen Buslinie. Der Bus, der als nächstes endlich kam, kam mehrere Minuten verspätet. All das ohne eine einzige Vorwarnung wenigstens ein paar Minuten zuvor. Was zur Hölle ist bei dir kaputt, BVG?
Was haben sie mit dir gemacht, BVG, dass du deine zahlenden Kunden so hasst?
Was ist mit dir schiefgelaufen, BVG? Wo kommt all der Zorn her, mit dem du die ihr Vertrauen in dich setzenden so verachtungsvoll demütigst?

Was ging voran? Was ist passiert?
Was hat dich bloß so ruiniert?

WTF, BVG?!?

Halt! Hammerzeit.

Freunde ulkig übersetzter Bedienungsanleitungen und Verpackungen dürfen sich auf ein neues Schmankerl freuen: Twitter gibt es jetzt auch auf Deutsch. Ganz im Stile des Aufrufs „Folgen Sie mir auf zwitschern!“ haben sich unter twitter.com/translate einige Meister des guten Übersetzungshumors zusammengefunden, um die in wochenlanger Kleinstarbeit entstandenen ausgefeilten Sprachwitze zu sammeln. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Selten war Twitter so ein Riesenspaß.
Die Zivilschein-Kolchose für Sprachwitz und Gekicher legt jedem wärmstens ans Herz, den Dienst selbst auf Deutsch auszuprobieren, denn die erfrischenden Späße hellen den Gebrauch des Dienstes stark auf.

Zivilschein fasst einige der besten Gags zusammen.

Menüleiste

Zunächst muss die Sprachwitze-Edition aktiviert werden. Hierzu begibt man sich mittels der Menüleiste oben rechts in die Einstellungen.

Settings

Mit einem Klick auf "Settings" gelangt man ins Einstellungsmenü.

German - Deutsch

Unter "Language" wählt man nun "German - Deutsch". Jetzt nur noch ein Klick auf "Save" und der Spaß kann beginnen!

Was ist Ortsidentifizierung?

Schon sprüht ein Feuerwerk gepfefferten Sprachhumors auf uns ein. Bereits auf der Seite mit den Profileinstellungen, auf der wir uns noch immer befinden, ist ein Highlight eingebaut: Aus "Enable geotagging" hat man "Ortsidentifizierung aktivieren" gemacht. Die simple Frage "What is Geotagging?" wurde somit zu "Was ist Ortsidentifizierung?".
Hab ich Frage, musst du Antwort geben: Wozu ist Artikel in deutsche Sprache?

Direkt darunter der nächste Klassiker: "Erlaube Applikationen von Drittanbieter, Deine Tweets mit Ortsinformationen zu versehen"
Kauf jetzt: DrittanbieterTM. Denn von DrittanbieterTM bekommst du deine Tweets mit Ortsinformationen versehen!

Neues

Auf der eigenen Hauptseite ist der Humor noch subtil. Das englische "What's happening?" wurde noch ziemlich treu in "Was gibt's Neues?" übersetzt...

Direktnachrichten

...doch hat man sich in der rechten Leiste bereits den nächsten Kracher erlaubt: Sind "Home" mit "Startseite" noch recht konservativ und "listed" mit "Gelistet" noch verhalten gewagt übersetzt, hat man für die "Direct Messages" die seit Jahren in Foren bekannten "Privaten Nachrichten" umgangen und "Direktnachrichten" daraus gemacht.

Aktuelle Themen

Bei den "Trending Topics" wurde mit "Aktuelle Themen" ein angemessener Tagesschau-Jargon angeschlagen: Es ist Deutschland hier!

Folge ich!

Besucht man die Profilseite eines Twitterers, dem man folgt, steht dort "Following!". Nicht so in der Sprachwitze-Edition, wo uns ein grammatisch mutiges "Folge ich!" anlacht.

"Anstupsen"

Kehrt man ins Einstellungsmenü zurück, bekommt man weitere Perlen guten Übersetzerhumors zu sehen. Unter "Benachrichtigungen" erwartet uns nicht nur die abenteuerliche Konstruktion "[...] bitte mir Neuigkeiten per E-Mail schicken!", sondern auch erstaunliche Erkenntnisse in den Erklärungstexten rechts. Nämlich: "Diese Einstellungen bestimmen wie oft wir Dich über verschiedenen Dingen benachrichtigen." Man kann also beruhigt sein, dass man nicht etwa unter, sondern ÜBER diesen Dingen benachrichtigt wird!

"Dein Profilbild [...] erzählt denen, die Dich noch nicht kennen, ein bisschen mehr über Dich."

Auch der Menüpunkt "Profilbild" bringt weitere Spitzengags hervor, getarnt als praktische Lebenshilfe: "Dein Profilbild [...] erzählt denen, die Dich noch nicht kennen, ein bisschen mehr über Dich."
Also Vorsicht! Wenn hinter dem eigenen Rücken die Leute tuscheln und sich intime Geheimnisse rumsprechen: Das Profilbild wars! Das erzählt immer noch ein bisschen mehr über Dich!

Ebenso wird hier "[ein] echtes Bild von Dir [...] empfohlen. Es fügt etwas persönliches zu Deinen Tweets hinzu."
Nur mal eben "Gute Nacht!" getwittert? Ein echtes Bild fügt noch hinzu, dass man vor dem Schlafengehen nicht geduscht hat. Klar doch, das wird empfohlen!

Aber auch pragmatische Tipps werden gegeben: "'Anstupsen' funktioniert nur, wenn Du ein registriertes Gerät benutzt und es angeschaltet ist." Das packt uns doch sofort! Ich jedenfalls will jetzt wissen, wo ich so ein Anstupsgerät bekommen kann!

Das Zivilschein-Humorsonderkommando gratuliert den lustigen Kollegen von der Übersetzungsabteilung zu diesem gelungenen Konglomerat des Übersetzungshumors!

Leider meldet der Fail Whale derzeit noch auf Englisch: „Twitter is over capacity.“ Mein Vorschlag wäre hier: „Zwitschern ist vorbei Aufnahmefähigkeit.“

Gerne möchte ich auch anregen, dass sich dasselbe Team als nächstes formspring.me vornimmt. „You don’t have any questions in your inbox.“ könnte „Du hast keine Fragen in deiner Innenschachtel.“ werden und „Include your Userinfo“ zu „Beinhalte deine Nutzerinfos“.
Den Dienst selbst kann man vielleicht als „Formularfrühling.mir“ übersetzen.

Verfasst von: cosmo | 14.12.2009

Brutal Violins: Don’t Forget to Tell me

Am Freitag sind Brutal Violins auf der 5. Stiftsweihnacht in Kaufungen aufgetreten. Das hab ich hier nicht vorher erwähnt. Weil ich es selbst nicht vorher wusste.

Am Mittwochabend rief mich unerwartet unser Bassist an. Ich war gerade in Berlin unterwegs und hatte eigentlich keine Zeit, um über die Band zu reden. Er sagte mir daher knapp: Seine andere Band muss einen Auftritt am Freitag absagen und man braucht dringend Ersatz. Uns blieben also weniger als 48 Stunden, um zu entscheiden, ob wir einspringen wollen, abzusprechen, was wir spielen wollen, den Auftritt zu organisieren und unser Equipment nach Kaufungen auf den Stiftshof zu bringen. Proben? Keine Zeit!
Wir haben das später am Abend nochmal alle miteinander abgesprochen und uns entschieden, das zu stemmen. Unser erstes Konzert war ja ins Wasser gefallen und seitdem hatten wir nicht mehr gespielt, also konnte uns die Gelegenheit, uns endlich mal auf der Bühne zu beweisen, Recht sein.
Also haben wir am Donnerstagabend nochmal zu dritt telefoniert, um alles weitere abzuklären.

Eine der größte Herausforderungen war für mich die Tour nach Kaufungen.
Für die weitere Dokumentation veröffentliche ich hier daher einfach mal mein Tourtagebuch (höhöhö):

  • Freitag, 11. Dezember 2009, 7:50, Berlin Steglitz-Zehlendorf: So… anziehen, frühstücken, Tasche packen, und ab dafür. Sind gut 7 Stunden Fahrt bis Kaufungen, in denen ich dem Quer-durchs-Land-Ticket alle Ehre mache. Das wird also ein ganz schön zugiger Tag für mich.
  • 10:30, RE Berlin-Potsdam: Ich möchte mich in dem sehr vollen Zug neben einen Vokuhila-Träger mit Oberlippenbart setzen. Der Gute hat einen Rucksack (gewöhnliche Schulrucksackgröße) neben sich auf dem Sitz, den er ganz dringend dort lassen möchte. Die Gepäckschiene (sicher nicht üppig, aber für seinen Rucksack locker geräumig genug) ist klaffend leer.
    Folgender Dialog entspinnt sich:
    „Kann ich mich hier hinsetzen?“
    „Und wo soll dann meine Tasche hin?“
    „In den Fußraum?“
    „Ja und meine Füße?“
    „Ich werde hier bestimmt nicht stehen, damit Ihre Tasche sitzen kann…“
    „*grummelndestascheindenfußraumstellen*“
    „Danke!“
    „*düsteresgrummeln*“
    Alsbald wir durch Potsdam durch sind, setze ich mich woanders hin. Ich möchte seine gute Beziehung zu seiner Tasche lieber nicht unnötig belasten.
  • 12:20, RE Magdeburg-Sangerhausen: Mir gegenüber sitzt ein langhaariger 17-jähriger, auf dessen T-Shirt das alte Batman-Logo von 1964 prangt.
    Ein harter Typ eigentlich, aber er hat eine Rose auf den Hals tätowiert.
  • 15:00, RE Sangerhausen-Witzenhausen: Mir gegenüber sitzt ein unauffälliger Lockenkopf.
    Zwei Sitze vor mir ein dickes Mädchen, auf dessen grellgelbem mit T-Shirt die Aufschrift „Be peacefull“ steht. Sie liegt so inhaltlich richtig wie orthografisch falsch.
  • 15:40, Bus Witzenhausen-Helsa: Ich zahle für eine Dreiviertelstunde Busfahren 6,20€. Über sechs Euro. Für eine Fahrt. Komme mir etwas albern dabei vor. Wie im Vergnügungspark.
    Während der Fahrt springt bergab dem Bus offenbar der Gang raus und der Fahrer lässt mehrmals im Leerlauf den Motor durchdrehen. Da letzterer mit der Verkleidung weit in den Passagierraum hineinragt, sind die Geräusche deutlich zu hören. Ein Geek auf der anderen Seite des Busses lächelt mir belustigt zu. In Uengsterode fährt der Bus – versehentlich, wie ich erst vermute – auf eine schmale Brücke, die zu überqueren mir selbst als Radfahrer abenteuerlich vorkäme. Als er darauf hält, nehme ich an, er setzt gleich behutsam wieder zurück und wählt einen sicheren Weg. Stattdessen ist die Fußgängerbrücke eine Haltestelle, wo ein paar Schüler zusteigen. In Großalmerode fährt das Vehikel gute 50m auf dem Bürgersteig entlang. Mir wird mit jeder Minute unwohler, obwohl die anderen Insassen die Fahrt zu genießen scheinen. Wie im Vergnügungspark.
  • 16:25, Helsa Bahnhof: Hinter mir liegen bereits gut sechs Stunden Reisezeit, als ich aus dem Bus steige, um erstmal zu Fuß weiterzugehen. Die besten Ortsnamen auf meiner Route waren: Kirchmöser, Wusterwitz, Genthin, Güsen(b Genthin), Güsten, Hettstedt, Berga-Kelbra, Heringen(Helme), Wolkramshausen, Bleicherode Ost, Heilbad Heiligenstadt und Witzenhausen-Hundelshausen.
    Ich begebe mich zur Kirche, wo ich unseren Gitarristen treffe. Er bringt mich auf den aktuellen Stand der Dinge, bevor wir wieder gemeinsam zurück zum Bahnhof laufen, um die Tram zu nehmen.
  • 17:15, Tram Helsa-Kaufungen: Eine Menge Leute in der Bahn. Viel Dorfjugend unterwegs. Wollen aber alle nicht auf den Weihnachtsmarkt, sondern haben privates Gelage vor. Da ist wieder dieser Gedanke, dass Rockmusik etwas für alte Leute ist…
  • 17:30, Kaufungen: Yay, Kaufungen! Die Geburtsstadt von Bruce Willis seine Mutter! Wir tigern hoch in den Stiftshof, um unser Zeug loszuwerden und ein paar Hände zu schütteln.
    Kurz darauf treten Brutal Violins zum ersten Mal seit Juni zusammen.
  • 19:15, Stiftsweihnacht Kaufungen: Der Weihnachtsmarkt ist gut besucht, die Besucher bei starker Stimmung. Nach dem Musikzug kam noch eine Kindergartengruppe auf die Bühne. Gut eine halbe Stunde später als geplant und nach einem wenig ermutigenden Soundcheck fangen wir an, den Platz zu rocken.
    Nach den ersten Takten von „Hold on, I’m Coming“ springen kleine Mädchen vor der Bühne auf und ab. Meine von der Kälte tauben Finger machen mir beim Gitarrespielen Schwierigkeiten – nachlassen wird das erst nach einer ganzen Weile.
  • 19:20: Nach dem zweiten Song die ersten „Zugabe! Zugabe“-Rufe aus dem Publikum. Frage mich irritiert, wie wir den Eindruck vermittelt haben, schon aufhören zu wollen.
  • 19:30: Wir spielen zum ersten Mal an diesem Abend einen Song, den ich geschrieben habe: „Cassandra“. Auf das erste Mal, dass er gut gespielt wird, wird er noch weiter warten müssen.
  • 19:40: Mit „As a Child“ endet unser zweiter eigener Song des Abends. Der reichhaltige Applaus und Jubel von wildfremden Menschen versetzen mich in tiefe Rührung.
    Mein hinterhergeworfenes Ranschmeißen an den Austragungsort wird mir aber scheinbar nicht recht abgenommen.
  • 19:55: Mit „Make it Yours“ geht unser fünfter und vorerst letzter eigener Song zuende. Es ist seine Livepremiere. In der Schlussstrophe singe ich einige Zeilen von John Lennons „Happy XMas“. Das ungefähr Einzige an unserem Auftritt auf der Stiftsweihnacht, das man als „weihnachtlich“ bezeichnen könnte.
    In der folgenden gut fünfminütigen Pause versuchen wir, unser Flügelhorn und das Keyboard aufeinander abzustimmen, bis wir verzweifelt aufgeben. Wir fahren also ohne den Song mit dem Horn fort.
  • 20:10: Wir spielen den Song mit der Mundharmonika. Nachdem mir kurz zuvor eröffnet wurde, dass wir unsere Mundharmonika nicht dabei haben, spielen wir ihn aber ohne Mundharmonika.
    Während ich den letzten Refrain ins Mikrophon brülle, bemerke ich, wie sich meine Stimme langsam verabschiedet.
  • 20:15: Während unseres Elvis-Covers ist meine Stimme so entschlossen, schon mal Feierabend zu machen, dass ich mich schonungshalber nicht in die oberen Tonregionen begebe. Ich bin heilfroh, dass Elvis schon tot ist, da er sich so immerhin nicht wegen unserer Darbietung umbringen kann, habe aber keine Zweifel daran, dass er auf Hochtouren in seinem Grab rotiert – zu Unrecht, denn anders als mir mein Eindruck sagt, klingt die Nummer gut.
    Danach gelingt es mir, eine Tasse heißen Tee zu trinken und meine Stimme etwas zu schonen (weil der nächste Song nicht von mir gesungen wird).
  • 20:20: Der aufrichtige Jubel und die begeisterten Pfiffe auf dem Stiftshof verwirren mich nachhaltig. Meine Meinung von unserer Leistung in der letzten Viertelstunde geht mit der der Gäste jedenfalls stark auseinander.
    Mit „Stand by Me“ von Oasis beginne ich daraufhin einen unserer besten Songs des Abends. Noch ein bisschen besser wäre er, wenn unserem Gitarristen und Zweitsänger nicht das Mikrophon stummgedreht wäre.
  • 20:30: Nach der Livepremiere von „Outta Here“ entschuldige ich mich aufrichtig beim Publikum. Zurecht: Das war unter aller Kanone.
    Es folgt die Livepremiere von „Don’t Forget to Tell Me“, dem ältesten Stück aus unserem Eigenmaterial. Sie verläuft verdammt gut: Den letzten nicht gecoverten Song des Abends kriegen wir nahezu fehlerfrei und ziemlich gelungen über die Bühne.
  • 20:40: Während des Schlussakkords von Tom Pettys „Walls“ stellen wir uns einzeln vor und verabschieden uns von den Verbleibenden. Erneut (aber deutlich entschiedener) werden Rufe nach Zugabe laut.
  • 21:00: Nach zwei weiteren äußerst bekannten Liedern kündige ich unter Jubel unser nächstes Konzert an. Eine Stunde nach dem offiziellen Ende der freitäglichen Stiftsweihnacht geht ein Konzert mit reichlich Pannen und Verspielern zuende. Während ich über unsere Performance den Kopf schüttele, verwundert mich die starke Begeisterung davon seitens des Publikums.
    Einer der jugendlichen Zuschauer lässt sich von jedem von uns Autogramme auf die Mütze geben. Teeniemädchen springen auf der Bühne herum. Mir völlig Unbekannte gratulieren mir für den Abend.
  • 22:00: Nach einer Stunde Abbauen und Einladen machen wir uns vom Acker. Meine Stimme fühlt sich wieder normal an. Hinter uns liegt das erste Brutal-Violins-Konzert, wovon wir alle vor 52 Stunden noch nichts geahnt hätten.
  • 1:00: Nach der Nachbesprechung mit unserem Gitarristen setze ich den letzten Tweet des Tages ab und gehe pennen. Um acht werde ich frühstücken, um neun trete ich meine Heimreise an.

Unseren nächsten Auftritt werden wir am 20. Februar hinlegen.

Verfasst von: cosmo | 08.12.2009

Zitiert (30): Franz von Assisi

Ein Sonnenstrahl reicht hin, viel Dunkel zu erhellen.


Franz von Assisi bei Wikiquote

Verfasst von: cosmo | 07.12.2009

Mädchen halten unsere Bushaltestellen sauber

Vormittags gegen halb zwölf in einer deutschen Großstadt: Drei Jugendliche – zwei Jungen, ein Mädchen – warten an einer Haltestelle auf den Bus und reden über dies und das. Freunde. Partys. Schule.
Nach ein paar Minuten kommen weitere Jungs dazu. Kurz laufen mehrere Gespräche nebeneinander, eine Weile später geht man zum Schweigen über. Dann verabschiedet sich das Mädchen: Jedem einzelnen gibt sie eine Umarmung und geht dann davon.
Sie ist etwa an der nächsten Ecke, als einer der Jugendlichen mit einem kratzenden Geräusch Luft durch den Rachen presst. Dann landet mit charakteristischem hellem Klatschen ein dicker Tropfen Spucke auf dem Pflaster direkt vor ihm. Sofort genau dieselben Geräusche von zwei seiner Freunde. Dann beginnt, ohne weitere Hochzieh-Geräusche aus dem Rachen, ein beinahe rhythmisches Platschen von Spucketropfen auf den Boden, welche bald der Pfützenbildung des vormittäglichen Nieselregens vor der überdachten Bushaltestelle Konkurrenz machen.
Als die verbleibenden Jugendlichen in den vorgefahrenen Bus steigen, hinterlassen sie eine stattliche Spur an Speichelproben.1


  1. Auf der Con Leonis 2006 war ich in einem von Chris Gosse gehaltenen Workshop, nach dessen Schluss einer der Anwesenden, der vielleicht gerade volljährig war, anmerkte, man müsse wirklich mal einen Workshop über „Mädchen beim Rollenspiel“ machen, weil die eine Rollenspielrunde stark verändern: Lässt in einer männlichen Runde einer einen Furz, argumentierte der Gute, lachten alle. Ist aber ein Mädchen anwesend, funktioniert sowas nicht.
    Ich glaube, diese beiden Anekdoten haben irgendwas miteinander zu tun. []

Ein Philosoph trieb sich immer dort herum wo Kinder spielten. Und sah er einen Jungen, der einen Kreisel hatte lauerte er schon. Kaum war der Kreisel in Drehung, verfolgte ihn der Philosoph um ihn zu fangen. Daß die Kinder lärmten und ihn von ihrem Spielzeug abzuhalten suchten kümmerte ihn nicht, hatte er den Kreisel, solange er sich noch drehte, gefangen, war er glücklich, aber nur einen Augenblick, dann warf er ihn zu Boden und ging fort. Er glaubte nämlich, die Erkenntnis jeder Kleinigkeit, also z. B. auch eines sich drehenden Kreisels genüge zur Erkenntnis des Allgemeinen. Darum beschäftigte er sich nicht mit den großen Problemen, das schien ihm unökonomisch, war die kleinste Kleinigkeit wirklich erkannt, dann war alles erkannt, deshalb beschäftigte er sich nur mit dem sich drehenden Kreisel. Und immer wenn die Vorbereitungen zum Drehen des Kreisels gemacht wurden, hatte er Hoffnung, nun werde es gelingen und drehte sich der Kreisel, wurde ihm im atemlosen Laufen nach ihm die Hoffnung zur Gewißheit, hielt er aber dann das dumme Holzstück in der Hand, wurde ihm übel und das Geschrei der Kinder, das er bisher nicht gehört hatte und das ihm jetzt plötzlich in die Ohren fuhr, jagte ihn fort, er taumelte wie ein Kreisel unter einer ungeschickten Peitsche.


Verfasst 1920, Titel von Max Brod

Verfasst von: cosmo | 05.12.2009

Antworten, die zehn Weise geben können

Das siebentorige Theben, kein Mensch
Hätt’ es erbaut, ohne die Leitung von Königen.
Niemand schleppt Felsen für anderer Wohl.
Der Babylonier in Überfluss zerborstene Stadt -
Vergängliche Ruinen ohne stärkende Herren. Paläste
Goldstrahlender Metropolen – Ehre, wem Ehre gebührt.
Maurer der Chinesischen Mauer, in deren Schutz sie
Den Abend verbrachten, ohne es zu merken. Das große Rom
War voll großer Männer, Feldherren, die des Reiches
Wohlstand mehrten. Das vielbesungene Byzanz
Hätte kein Lied je bekommen ohne weise Beherrscher. Selbst
Das sagenhafte Atlantis wurde zur Zeit
Seines Aufstiegs nur von klugen Köpfen geführt.

Der junge Alexander eroberte Indien.
Hüter einer Herde.
Cäsar schlug die Gallier.
Ohne ihn wären sie unbesiegt geblieben.
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Keiner hatte sie retten können.
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Sein
Heer hatte gewonnen.

Jede Seite ein Sieg.
Jedem Sieg ein Sieger.
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Jedem Volk der Herr, den es verdient.

All die Toren stellen Fragen,
Die zehn Weise nur beantworten können.


Verfasst Ende 2001

Verfasst von: cosmo | 04.12.2009

Teuflisch einen im Tee

Liebe Tee-Hersteller,

seit kurzer Zeit bin ich ein gelegentlicher Teekonsument. Aus diesem Grund verbringe ich ab und zu etwas Zeit vor dem Teeregal des örtlichen Supermarktes. Dort bietet sich mir dann zum Beispiel folgendes Bild:

Als ich zum ersten Mal Tee getrunken habe, war dieses Getränk in den meisten Fällen noch tatsächlich ein Verarbeitungsprodukt der Teepflanze. Früchte- und Kräutertee führten mir aber bald vor Augen, dass man Tee auch aus anderen Dingen als Tee machen kann.
Seit ich vor einigen Monaten erstmals an einer Tasse „Sweet Kiss“ genippt habe, befinde ich mich jedoch in Zweifel darüber, ob ihr überhaupt noch wisst, was Tee eigentlich mal war, und wie lange ich mich tatsächlich noch darauf verlassen kann, unter dem Namen zumindest irgendwas trockenes in wasserdurchlässigen Beuteln zu bekommen.
Wirklich, Teeproduzenten: „Heiße Liebe“? Im Sinne von leidenschaftlicher Zuneigung? In einer Pappschachtel für zwofuffzich? Das bietet ihr ernsthaft erwachsenen Menschen zum Erwerb an?
Und, Teemenschen, „kleine Sünde“ ist etwas, das ihr mit einem Engel als Abbildung als angenehm und interessant unter die Leute bringen möchtet? Ungestört davon, dass das ein religiöser Begriff für eine verwerfliche Tat (die sich mit Engeln äußerst schwer in Verbindung bringen lässt) ist? Und das soll ein Aufgussgetränk sein, ja?

Ich weiß, ich weiß, verehrte Teemann-Brothers: Ich hätte mit der „Apfeltee macht man aus Apfel, aber woraus soll Blasen- und Nierentee sein?“-Empörung schon kommen sollen, als ihr „Kindertee“ in die Regale gestellt habt. Und die geistesgestörte Anpreisung des religiös Verwerflichen als genussvoll und erstrebenswert im Nahrungsmittelbereich ist dank Magnums „7 Sünden“ spätestens seit 2003 ein alter Hut.
Aber „süßer Teufel“ als entspannendes Heißgetränk? Der Teufel, das personifizierte Böse, süß? Habt ihr sie noch alle? Was glaubt ihr denn, wer so bescheu…

Oh.

Moment…

Liebe Teetrinker,

seit kurzer Zeit bin ich ein gelegentlicher Teekonsument. Ich trinke allerdings schon seit geraumer Zeit Bier. Bier, müsst ihr wissen, unterteilt man in übersichtliche und leichtverständliche Sorten wie „Schwarzbier“ und „Weizenbier“, „Bockbier“ und „Pils“. Vor einigen Jahren begann ich, an der geistigen Gesundheit meiner biertrinkenden Mitmenschen zu zweifeln, als ich Mischsorten wie „Lemon“ und „Orange“ aufkommen sah, welche ja bekanntlich ein Irrweg des Alkoholkonsums sind.
Nun aber, da ich weiß, mit was für abwegigen Sorten an „Tee“ man euch sehr erfolgreich zu ködern schafft, was für intransparente Bezeichnungen (Apfeltee macht man aus Apfel, aber woraus… ach, egal…) in den „Tee“-Regalen ihren Siegeszug unternehmen, ist mein Vertrauen in die Biertrinker relativ wiederhergestellt.

Die scheinen immerhin noch was zu haben, das sie sich wegzusaufen trauen.

Teuflisch sündige Liebesgrüße und Küsse,

cosmo

Verfasst von: cosmo | 03.12.2009

BahnCard BullShit (Part I)

Am 20.11.2009 habe ich die ersten Stunden des Tages damit verbracht, auf der Webseite der Deutschen Bahn eine BahnCard 50 online zu bestellen. Dabei habe ich den Fehler gemacht, den Satz

  • Schüler und Studenten bis 26 Jahre
    Bitte senden Sie uns eine Kopie des Schüler-/Studentenausweises und eines Kindergeldnachweises oder Lichtbildausweises als Nachweis des Alters

so zu lesen, dass statt einer „Kopie des Schüler-/Studentenausweises und eines Kindergeldnachweises“ auch eine Kopie „eines Lichtbildausweises“ ausreichen würde (also „Schüler-/Studentenausweis UND Kindergeldnachweis oder aber stattdessen ein Lichtbildausweis“).
Ich lud also einen Scan meines Personalausweises hoch und schickte meine Bestellung ab. Kurz darauf kam per Mail meine Bestellbestätigung. Dort hieß es:

Ihre BahnCard wird Ihnen innerhalb von 9 Tagen nach Eingang aller erforderlichen Dokumente (z. B. Foto oder Nachweise für ermäßigte Karten oder Zusatzkarten) per Post zugeschickt.

Hoffnungsfroh, meine ermäßigte BahnCard bis Ende November in Händen zu halten, wartete ich also ab.

Und wartete.

Vergeblich.

Am 30. November, also 10 Tage nach meiner Bestellung, hatte ich immer noch keine BahnCard. Auch keine Nachricht, dass zur regelmäßigen Erstellung meiner BahnCard vielleicht noch etwas von meiner Seite fehlt. Nichts. Es war, als sei mein Sachbearbeiter im deprimierenden Monat November einfach verstorben und hätte meine BahnCard-Bestellung mit sich genommen.

Das war mir unangenehm, weil ich die BahnCard ja eigentlich verwenden wollte. Im Dezember steht einige Pendelei zwischen meiner Studienstadt Berlin und meiner Heimatstadt an, die preisvergünstigt abfahren zu können mir doch sehr zupass käme.

Ich wollte nachfragen und mich nach der Gesundheit meines Sachbearbeiters erkundigen, aber die Service-Telefonnummer für solche Fälle (01805-340035) ist auf der Bahn-Homepage mit einem lapidaren Hinweis versehen:

(14 Cent/Min. aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunktarife können abweichen)

Das dämpfte mein Anrufbedürfnis stark. Ursprünglich wollte ich mit der BahnCard ja schließlich Geld sparen – und nicht verbrennen.
Also schrieb ich am Abend des 30. November eine Email an den BahnCard-Service (bahncard-service@bahn.de), in der ich mich nach dem Stand der Dinge erkundigen wollte:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Am Freitag, den 20.11.2009 habe ich um 02:05:19 eine Bestätigung per Email erhalten, dass meine BahnCard-Bestellung eingegangen sei und unter der Nummer XXXXXX bearbeitet werde.

In dieser Email heißt es:
„Ihre BahnCard wird Ihnen innerhalb von 9 Tagen nach Eingang aller erforderlichen Dokumente (z. B. Foto oder Nachweise für ermäßigte Karten oder Zusatzkarten) per Post zugeschickt.“

Ich habe alle erforderlichen Dokumente direkt bei Bestellung online mitverschickt und seither keine Benachrichtigung erhalten, dass irgendeines fehle. Überhaupt fehlt mir jedwede Spur davon, dass mein Auftrag tatsächlich weiter bearbeitet wurde. Auch die bestellte BahnCard ist nicht bei mir eingegangen.

Die Frist von neun Tagen ist am vergangenen Sonntag, dem 29.11.2009 verstrichen. Auch am heutigen Montag habe ich weder Post noch sonstige Nachricht in der Sache erhalten.

Ich habe die BahnCard am 20.11. bestellt, weil ich am 02.12.2009 eine ermäßigte Fahrt von Berlin nach Falkenberg/Elster unternehmen möchte – selbst bei voller Ausreizung der Frist von neun Tagen sollte es mir rechtzeitig möglich sein, ein entsprechendes Ticket zu lösen.

Bitte teilen Sie mir Folgendes mit:
Werde ich die geplante Fahrt mit der BahnCard-Ermäßigung wie geplant unternehmen können? Falls nicht, wer wird mir den entstehenden Preisunterschied erstatten?
Welchen Stand hat die Bearbeitung meines Auftrages mit der obengenannten Nummer?
Wann werde ich mit der Zustellung der bestellten BahnCard rechnen können?

Am darauffolgenden Dienstag, den 1. Dezember, geschah nichts.

Auch am Mittwochmorgen sah ich vergeblich in mein Email-Postfach. Dabei wollte ich am Mittwochabend ja schon eine mittels BahnCard ermäßigte Fahrkarte lösen!

Also begab ich mich gegen Mittag zum DB-Kundenservice im Bahnhof Friedrichstraße, wo ich einer sehr freundlichen und hilfsbereiten Schalterdame mein Problem schilderte. Diese versicherte mir, selbst nicht weiter helfen zu können, rief aber sogleich die BahnCard-Servicenummer an, unter der ich mit einer sehr freundlichen und hilfsbereiten Telefonistin sprechen durfte (immerhin mit charmanten Frauen telefonieren darf ich auf Kosten der Bahn, das muss man neidlos zugeben!).
Nachdem ich meinen vollen Namen und mein Geburtsdatum angegeben hatte, konnte diese mir mitteilen, wo der Schuh drückt: Mein Studentenausweis wurde noch vermisst. Satte elf Tage nach meiner Bestellbestätigung erfuhr ich also erstmals irgendetwas über meine BahnCard – dadurch, dass ich selbst zum Kundenservice laufe.
Na gut, dachte ich, meinen Studentenausweis hatte ich ja bei mir.
„Wenn ich den Ihnen zumaile“, fragte ich, „können Sie mir dann eine vorläufige BahnCard ausstellen, mit der ich schon mal ein Ticket lösen kann?“
„Dafür“, gestand sie, „müssten Sie dann nochmal einen Serviceschalter aufsuchen.“
„Ich bin gerade an einem“, erklärte ich, „und hier wurde mir gesagt, dass das nicht geht.“
„Ja“, gab sie mir zu verstehen, „die müssen uns dann wieder anrufen.“
„Wenn ich Ihnen den Ausweis sofort per Mail schicke“, hakte ich nach, „kann ich denn dann noch heute eine vorläufige BahnCard ausgestellt bekommen, mit der ich dann ein Ticket lösen kann?“
„Das dauert alles etwas länger“, geriet sie ins Stammeln, „bis wann brauchen Sie es denn?“
„In drei Stunden?“
„Also frühestens geht es eigentlich heute abend. Aber Sie können es ja heute nachmittag nochmal probieren… Und geben Sie auf jeden Fall immer Ihren Namen und Ihr Geburtsdatum mit an!“

Reichhaltig mit vager Hoffnung von gleich zwei freundlichen und hilfsbereiten Bahn-Servicemitarbeiterinnen versorgt, scannte ich daraufhin (also knapp eine halbe Stunde später) meinen Studentenausweis ein und verschickte ihn um 13:37 mit folgender Email:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Manuel XXXXXX. Ich wurde am XX.XX.XXXX geboren. In dieser Email geht um die BahnCard-Bestellung mit der Auftragsnummer XXXXXX.

Am Montag, dem 30.11.2009, also vorgestern abend, habe ich Ihnen um 22:17:20 eine Email geschrieben. In dieser habe ich den bisherigen Hergang der Sache geschildert, in der ich vor mittlerweile 12 Tagen eine ermäßigte BahnCard 50 bestellt und seit der Bestellbestätigung nie wieder davon gehört habe.
Heute mittag war ich beim Service des Bahnhofs Friedrichstraße in Berlin. Die dortige Mitarbeiterin verband mich telefonisch mit dem BahnCard-Service. Deren Mitarbeiterin konnte mir sagen, dass Sie noch auf einen Nachweis für die Berechtigung auf Ermäßigung von mir warten. Tatsächlich fordern Sie in der Bestellprozedur wörtlich:

„Bitte senden Sie uns eine Kopie des Schüler-/Studentenausweises und eines Kindergeldnachweises oder Lichtbildausweises als Nachweis des Alters“

Ich darf darauf hinweisen, dass es nicht unbedingt fern liegt, diesen Satz so zu lesen, dass man anstelle des Studentenausweises samt Kindergeldnachweis auch einfach einen Lichtbildausweis einreichen kann. Das habe ich bei meiner Bestellung auch getan.
In den 12 Tagen seither ist es allerdings nicht gelungen, mich vom Fehlen des anderen erforderlichen Nachweises in Kenntnis zu setzen. Trotz meiner nachhakenden Email vom 30.11.

Dennoch: Mein Studentenausweis ist in Form eines Scans an diese Email angehängt.

Ich habe bei meinem Telefonat mit dem BahnCard-Service die Dame am Telefon außerdem gefragt, ob ich eine vorläufige BahnCard bekommen könnte, sobald Sie den genannten Nachweis von mir haben. Ich bin sicher, nach einer Prüfung meiner Daten und des beiliegenden Scans ist das eine Sache von ein paar Klicks.
Die Dame antwortete, „das dauert alles etwas länger“ und verwies auf „frühestens heute abend“, sagte mir aber zu, dass es ich am Nachmittag ja mal probieren könne.

Noch einmal: Ich möchte heute nachmittag eine ermäßigte Fahrt von Berlin nach Falkenberg/Elster mithilfe meiner BahnCard lösen. Ich bin sehr überrascht, dass ich, um Informationen zu meiner Sache zu bekommen (eine online (!) bestellte BahnCard), erst persönlich in einen Servicepunkt gurken muss, weil eine Email nicht beantwortet wird und die fragliche Service-Telefonnummer exorbitante Kosten verschlingt.
Schon jetzt bin ich gespannt, ob ich heute nachmittag meine vorläufige BahnCard werde lösen können.

Überdies muss ich Ihnen gestehen, dass ich die ganze Sache schon jetzt hochspannend finde. So hochspannend, dass Andere sicherlich auch daran interessiert sein werden. Gehen Sie bitte davon aus, dass ich die gesamte Geschichte, einschließlich Ihres weiteren Vorgehens, auf meinem Blog http://zivilschein.wordpress.com veröffentlichen werde.

Ich habe bis jetzt noch keine Ahnung, wo diese Mail gelandet ist…

(Fortsetzung folgt)

»Ach«, sagte die Maus, »die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell auf einander zu daß ich schon im letzten Zimmer bin und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.« »Du mußt nur die Laufrichtung ändern«, sagte die Katze und fraß sie.


Verfasst 1920, Titel von Max Brod

Verfasst von: cosmo | 01.12.2009

Lügestütze mit Zensursula

Anlässlich der Erkenntnis, dass das Netzzensurgesetz immer noch nicht in Kraft getreten ist (und sich damit wohl zumindest noch ein paar Wochen Zeit lässt), erinnern wir an dieser Stelle an ein Interview, das Ursula von der Leyen anfang August dem Hamburger Abendblatt gegeben hat.
Die Arbeitsministerin, die bis vor Kurzem noch Familienministerin war (Wer sieht da schon noch durch?), antwortete dort auf die Eingangsfrage:

abendblatt.de: Frau Ministerin, im vergangenen Herbst haben Sie im Hamburger Abendblatt Ihre Pläne zur Sperrung kinderpornografischer Internet-Seiten angekündigt. Wann wird die erste Seite gesperrt?

mit der absolut sicher vorgetragenen Feststellung:

Ursula von der Leyen: Die Sperrungen beginnen spätestens Mitte Oktober. Dazu haben sich die fünf wichtigsten Provider, die 75 Prozent des Marktes beherrschen, vertraglich verpflichtet. Bis dahin müssen sie die technischen Voraussetzungen geschaffen haben.

Die technischen Voraussetzungen haben die Provider inzwischen tatsächlich geschaffen.
Aber die Sperrungen? „Spätestens Mitte Oktober“? Markus Beckedahl hat Mitte Oktober das BKA gefragt, ob es noch in jenem Monat „mit der Aussendung von Filterlisten starten“ würde. Die schlichte Antwort:

Nein. Im Lichte des derzeit vor dem Verwaltungsgericht Wiesbaden anhängigen Verfahrens und des durch eine drohende Negativentscheidung zu befürchtenden Schadens sowohl für die betroffenen Provider als auch für das BKA hat das Bundesministerium des Innern entschieden, nicht in den Wirkbetrieb auf vertraglicher Grundlage zu gehen.

Was Zensursula da als Fakt behauptet hat, ist einfach nicht eingetreten: Inzwischen ist der November bereits um und es ist immer noch keine einzige Seite gesperrt.

Die Aussage von Ursula von der Leyen, dass die „[die] Sperrungen [...] spätestens Mitte Oktober“ anfangen würden: Eine Lüge.

Aber nunja, eben nur eine weitere.


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Verfasst von: cosmo | 28.11.2009

Keine Netzsperren mit Horst Köhler (vorerst)

Spiegel online berichtet, dass Bundespräsident Horst Köhler das umstrittene Gesetz zur Netzzensur nicht unterschrieben hat. Köhler, so Spon, wolle erst „ergänzende Informationen“ von der Bundesregierung:

Bundespräsident Horst Köhler hat von der Bundesregierung „ergänzende Informationen“ zum umstrittenen „Gesetz zur Erschwerung des Zugangs zu kinderpornografischen Inhalten in Kommunikationsnetzen“ erbeten. Erst nach Auswertung der Reaktion der Regierung will er entscheiden, ob er das von der bisherigen Familienministerin Ursula von der Leyen initiierte Gesetz unterschreibt oder nicht.

Die jetzige Bundesregierung hat das Sperrengesetz aber gar nicht zu verantworten, sondern die Vorängerregierung. Welche Informationen sich Köhler da erhofft, spekuliert Spon ebenfalls:

Möglich wäre etwa, dass Bundestag und Bundesrat eine neue Regelung verabschieden, mit dem das Gesetz über die Internetsperren wiederaufgehoben wird. Köhler könnte warten, bis dieses Änderungsgesetz bei ihm eingeht, dann könnte er dieses ausfertigen – und das Internetsperren-Gesetz hätte sich erledigt.

Das klingt nicht unbedingt danach, als gedenke Köhler, dem Gesetz dauerhaft seine Unterschrift zu verweigern, denn das darf der Bundespräsident nur, wenn ein Gesetz nicht verfassungsgemäß zustande gekommen ist – und das war im vorliegenden Gesetzgebungsverfahren etweder der Fall oder eben nicht.

Im Juni, kurz nach Erlass des Gesetzes, wurde Köhlers Gästebuch von dutzenden besorgten Bürgern besucht, die ihn mit Einträgen um den Unterlass seiner Unterschrift baten. Diese wurden innerhalb einer Woche wieder gelöscht.

Bundespräsident Köhler hat seit Beginn seiner Amtszeit bereits sovielen Gesetzen seine Unterschrift verweigert wie kein deutscher Präsident vor ihm: Das neugeregelte Flugsicherungsgesetz von 2006 konnte ohne seine Unterzeichnung nicht in Kraft treten, das Gesetz zur Neuregelung des Rechts der Verbraucherinformation aus demselben Jahr ebenfalls nicht. Weiterhin stellte er sich unter Anderem 2006 und 2008 bei der Realisierung des EU-Reformvertrags quer.

(via netzpolitik.org)

Verfasst von: cosmo | 28.11.2009

Zitiert (29): Ernst Ferstl

Solange uns die Menschlichkeit miteinander verbindet, ist es völlig egal, was uns trennt.


Aus „Kurz und fündig“

Ernst Ferstl bei Wikiquote

Es war ein Geier, der hackte in meine Füße. Stiefel und Strümpfe hatte er schon aufgerissen, nun hackte er schon in die Füße selbst. Immer schlug er zu, flog dann unruhig mehrmals um mich und setzte dann die Arbeit fort. Es kam ein Herr vorüber, sah ein Weilchen zu und fragte dann, warum ich den Geier dulde. »Ich bin ja wehrlos«, sagte ich, »er kam und fing zu hacken an, da wollte ich ihn natürlich wegtreiben, versuchte ihn sogar zu würgen, aber ein solches Tier hat große Kräfte, auch wollte er mir schon ins Gesicht springen, da opferte ich lieber die Füße. Nun sind sie schon fast zerrissen.« »Daß Sie sich so quälen lassen«, sagte der Herr, »ein Schuß und der Geier ist erledigt.« »Ist das so?« fragte ich, »und wollten Sie das besorgen?« »Gern«, sagte der Herr, »ich muß nur nachhause gehn und mein Gewehr holen. Können Sie noch eine halbe Stunde warten?« »Das weiß ich nicht«, sagte ich und stand eine Weile starr vor Schmerz, dann sagte ich: »Bitte, versuchen Sie es für jeden Fall.« »Gut«, sagte der Herr, »ich werde mich beeilen.« Der Geier hatte während des Gespräches ruhig zugehört und die Blicke zwischen mir und dem Herrn wandern lassen. Jetzt sah ich, daß er alles verstanden hatte, er flog auf, weit beugte er sich zurück um genug Schwung zu bekommen und stieß dann wie ein Speerwerfer den Schnabel durch meinen Mund tief in mich. Zurückfallend fühlte ich befreit wie er in meinem alle Tiefen füllenden, alle Ufer überfließenden Blut unrettbar ertrank.


Verfasst 1920, Titel von Max Brod

Verfasst von: cosmo | 25.11.2009

[gelöscht]

This Posting is no longer available due to a copyright claim by a very big company.

(via Nerdcore)

Verfasst von: cosmo | 22.11.2009

Der Tod vor dem Haus

Der Tod klopft draußen an mein Tor.
Ich steh’ dahinter, er davor.
Kann ich denn von Sinnen sein?
Hol ich den Tod ins Haus mir rein?

Er klopfet stärker, lauter nun.
Soll ich’s lassen, soll ich’s tun?
Soll ich ihm öffnen die Tür zum Haus?
Kann zögern ich den Tod hinaus?

Nun klopfet er, so stark er kann,
Der grimmig schwarze Sensenmann.
Er kommt, um mir Geleit zu geben.
Ist hier am Ende schon mein Leben?

So mach’ ich auf die hölzern Pforte
Zu diesem heimeligen Orte.
Ich blicke hoch, ich seh hinaus-
Der Vater ist’s, der steht daraus.

Starr die Augen, kalt der Leib,
Von Frost und Eis zerfressen’s Kleid.
Hab den Tod nicht zu mir gelassen,
Damit den Vater sterben lassen.


Verfasst im Juli 2002

Verfasst von: cosmo | 21.11.2009

Eigenwerk

Roter Abend,
Roter Morgen,
Rauher Winter,
Große Sorgen.

Vielleicht nicht ganz unbeeinflusst von Lukas Heinsers Reihe „A Decade Under The Influence“ habe ich letztes Wochenende mal etwas in meinen Schränken herumgewühlt und alte Schulhefte vom Anfang des Jahrzehnts überflogen.
Dabei sind mir neben ein paar Dichterbeschimpfungen (Goethe: „Kann der Mann keine richtige Kunst?“, Gottfried Benn: „Totale geistige Umnachtung!“) ein paar Gedichte aus dieser Zeit in die Hände gefallen.
Das oben angeführte zum Beispiel habe ich Mitte Januar 2001 in mein Hausaufgabenheft gekritzelt.1

Auch wenn der Haiku-Zyklus „Salome“ sicherlich nicht als einziges weiterhin in den Untiefen kiloschwerer Papierstapel verschollen bleibt, sind ein paar davon sind ganz lesenswert. Daher werde ich ab morgen in der Reihe „Eigenwerk“ selbstgeschriebene Gedichte veröffentlichen. Zunächst aus meiner Schulzeit, später aber auch weitere bis hin zu dem einzigen, das ich dieses Jahr verfasst habe. Vielleicht kommt auch noch die eine oder andere Kurzgeschichte hinzu.
Schon jetzt ermuntere ich zu Nachfragen und Feedback beliebiger Art (gern auch negativ) unter jeden dieser Texte. Mit eigenen Kommentaren werde ich mich jedenfalls in den Artikeln selbst zurückzuhalten versuchen.

Ich glaube, die Jahreszeit ist ganz günstig für etwas gelesene Lyrik; aber die Reihe wird noch tief bis ins nächste Jahr hineinreichen.
Insofern: Viel Freude mit „Eigenwerk“!


  1. Wir hatten in dieser Zeit quasi zwei Stundenpläne zugleich: Abwechselnd den für die "rote Woche" und den für die "blaue Woche". Als es mir nach kurzer Zeit zu albern wurde, die Worte "rot" und "blau" als Markierung zu benutzen, fing ich an, andere Deklarationen vorzunehmen. Ich denke, das erklärt den Vierzeiler in der Einleitung ganz gut. []

Ich bin ein Diener, aber es ist keine Arbeit für mich da. Ich bin ängstlich und dränge mich nicht vor, ja ich dränge mich nicht einmal in einer Reihe mit den andern, aber das ist nur die eine Ursache meines Nichtbeschäftigtseins, es ist auch möglich daß es mit meinem Nichtbeschäftigtsein überhaupt nichts zu tun hat, die Hauptursache ist jedenfalls daß ich nicht zum Dienst gerufen werde, andere sind gerufen worden und haben sich nicht mehr darum beworben als ich, ja haben vielleicht nicht einmal den Wunsch gehabt gerufen zu werden, während ich ihn wenigstens manchmal sehr stark habe.
So liege ich also auf der Pritsche in der Gesindestube, schaue zu den Balken auf der Decke hinauf, schlafe ein, wache auf und schlafe schon wieder ein. Manchmal gehe ich hinüber ins Wirtshaus, wo ein saueres Bier ausgeschenkt wird, manchmal habe ich schon vor Widerwillen ein Glas davon ausgeschüttet, dann aber trinke ich es wieder. Ich sitze gern dort, weil ich hinter dem geschlossenen kleinen Fenster ohne von irgendjemandem entdeckt werden zu können, zu den Fenstern unseres Hauses hinübersehn kann. Man sieht ja dort nicht viel, hier gegen die Straße zu liegen, glaube ich, nur die Fenster der Korridore und überdies nicht jener Korridore die zu den Wohnungen der Herrschaft führen. Es ist möglich, daß ich mich auch irre, aber irgendjemand hat es einmal, ohne daß ich ihn gefragt hätte, behauptet und der allgemeine Eindruck dieser Hausfront bestätigt das. Selten nur werden die Fenster geöffnet und wenn es geschieht, tut es ein Diener und lehnt sich dann wohl auch an die Brüstung, um ein Weilchen hinunterzusehn. Es sind also Korridore wo er nicht überrascht werden kann. Übrigens kenne ich diese Diener nicht, die ständig oben beschäftigten Diener schlafen anderswo, nicht in meiner Stube.
Einmal, als ich ins Wirtshaus kam, saß auf meinem Beobachtungsplatz schon ein Gast. Ich wagte nicht genau hinzusehn und wollte mich gleich in der Tür wieder umdrehn und weggehn. Aber der Gast rief mich zu sich und es zeigte sich, daß es auch ein Diener war, den ich schon einmal irgendwo gesehn hatte, ohne aber bisher mit ihm gesprochen zu haben. »Warum willst Du fortlaufen? Setz Dich her und trink. Ich zahl’s.« So setzte ich mich also. Er fragte mich einiges, aber ich konnte es nicht beantworten, ja ich verstand nicht einmal die Fragen. Ich sagte deshalb: »Vielleicht reut es Dich jetzt, daß Du mich eingeladen hast, dann gehe ich«, und ich wollte schon aufstehn. Aber er langte mit seiner Hand über den Tisch herüber und drückte mich nieder: »Bleib«, sagte er, »das war ja nur eine Prüfung. Wer die Fragen nicht beantwortet, hat die Prüfung bestanden. «


Verfasst 1920, Titel von Max Brod

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