Verfasst von: Manuel | 09.10.2014

Interpretation: “Köln, Am Hof”

Der Dichter Paul Celan pflegte von 1948 bis 1952 ein Liebesverhältnis zu der fünf Jahre jüngeren Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Während Bachmann in Wien lebte, wohnte er in Paris. Dem Verhältnis zwischen den beiden bekam sein Misserfolg vor der Gruppe 47 schlecht. Im Dezember 1952 heiratete er Gisèle de Lestrange. Daraufhin fanden zunächst keine Begegnungen zwischen Celan und Bachmann mehr statt, der bis dahin rege geführte Briefwechsel erlahmte, die ganze Kommunikation zwischen den beiden Literaten wurde rar. Erst bei der Tagung “Literaturkritik – kritisch betrachtet” beim Wuppertaler Bund am zweiten Oktoberwochenende 1957, kurz nachdem Celan das Gedicht “Sprachgitter” fertiggestellt hatte, begegneten sich beide nach vier Jahren ohne Kontakt – mit Ausnahme einer Ansichtskarte von Ingeborg Bachmann an Paul Celan im Januar 1955 – und wohl ungeplant wieder. Daraufhin wurde der Briefwechsel wieder aufgenommen, die Liebesbeziehung wiederbelebt, mehrere Wiedersehen in den nächsten Jahren folgten. Am Beginn dieses erneuten Kontakts stand ein Treffen in Köln direkt nach der Wuppertaler Tagung. Celan war in einem Hotel in der Straße “Am Hof” in der Nähe des Kölner Doms untergebracht; im Mittelalter war das Gebiet um jene Straße den Juden zugewiesen.
Im Anschluss wird die Korrespondenz zunächst durch Celan wieder vorangebracht. Nur drei Tage nach dem Treffen in Köln schreibt er am 17.10.1957 das Gedicht “Weiß und Leicht”, das er nach einem Jahr Arbeit am Monatsanfang fertiggestellt hatte, unter die hinwendungsvolle Formel

Lies, Ingeborg, lies:

Für Dich, Ingeborg, für Dich –

und legt zudem die Gedichte “Nacht”, “Stilleben mit Brief und Uhr”, “Ich komm” und “Matière de Bretagne” bei, deren erstes und letztes jedenfalls ebenso erst im Oktober 1957 vollendet wurden.1 Die Gedichtbeilage war bis dahin ein Merkmal der Bachmann‑Briefe an Celan, nun kehrt sich diese Asymmetrie ins Gegenteil um. Gleich nächstentags schickt er das Gedicht “Schuttkahn” unter dem Titel “Rheinufer” nach, zwei weitere Tage darauf das Gedicht “Köln, Am Hof”, beide Briefe enthalten als Entstehungsangabe den Tag des jeweiligen Briefversandts (letzterer sogar bis hin zur Uhrzeit: “Paris, Quai Bourbon, Sonntag, den 20. Oktober 1957, halb drei Uhr nachmittags –”), beide Gedichte stehen dabei in einer Frühform und werden bis zu ihrer letztlichen Veröffentlichung noch abgeändert.2
Die Suhrkamp‑Ausgabe des Briefwechsels zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann nahm aus dem ersten Vers von “Köln, Am Hof” ihren Namen: Herzzeit.

Wie viele der Gedichte Paul Celans stehen auch in “Köln, Am Hof”3 die Verse überwiegend im Daktylus: Auf eine betonte Silbe – die Anfangssilbe von “Herzzeit” ist gleich die erste davon – folgen zwei unbetonte. In den ersten zwei Strophen setzt dieser Daktylus mehrmals aus und wieder ein, so folgen auf die betonte mittlere Silbe von “Verloren” nicht etwa zwei unbetonte, sondern nur eine, “waren daheim” beginnt wieder betont. Gebrochen wird das Muster jedoch erst nach der zweiten Strophe: Ab “Ihr Dome.”, der einversigen dritten Strophe, steht jeder Vers durchgehend im Jambus. Dies bereits grenzt die ersten beiden Strophen von den letzten beiden ab.
Die Zweiteilung des Gedichts wird durch weitere sprachliche Mittel unterstützt. So steigt die Silbenanzahl in der ersten Strophe von Vers zu Vers an (vier, fünf, sechs), sinkt in der zweiten von Vers zu Vers (zwölf, acht, sechs, vier) und beträgt in der dritten Strophe (drei) genau die Hälfte von der jedes der drei Verse der Schlussstrophe (sechs).
Das Wortfeld “Zeit” ist mit den Worten “Herzzeit”, “Mitternachtsziffer”, “Uhren” (ganz zu schweigen von der im Brief an Bachmann genannten Entstehungsnotiz “[…] Sonntag, den 20. Oktober 1957, halb drei Uhr nachmittags –”) dominant vertreten, was eine Betrachtung der Zeitformen im Gedicht nahelegt. So wie sich die Verslängen in den ersten beiden Strophen gegensätzlich entwickeln und in den letzten beiden konstant bleiben, verhalten sich auch die Tempora strophenweise: “die Geträumten” in Strophe eins “stehn” im Präsens “für die Mitternachtsziffer”, die zweite Strophe ist im Präteritum gehalten – “sprach”, “schwieg”, “ging”, “waren”. Die dritte enthält keine Verben, die in irgendeiner Zeitform stehen könnten, die vierte lediglich die Partizipien “ungesehen” und “unbelauscht”, deren Verwendung analog zu “tief in uns” jedoch eher zu einer ebenfalls adjektivischen Lesart auffordert.
Als Bewegung lässt sich daraus erkennen, dass das Gedicht vom Gegenwärtigen über das Vergangene zum – eigens abgesetzten, weil in diesen Kategorien nicht fassbaren – Zeitlosen geht. Jedenfalls im Vergleich zum menschlichen Erleben zeitlos beständig sind “Dome”, “Ströme” und die “Uhren” in den Menschen allerdings, während im Gegenteil “Herzzeit”, eine Zeit des Liebens, und Geträumtes als ebenso vorübergehend wie eine Uhrzeit, etwa Mitternacht, empfunden werden können.

Finden sich in den ersten beiden Strophen rätselhafte Wortschöpfungen (“Herzzeit”, “die Geträumten”, “Mitternachtsziffer” sowie “Verbannt” und “Verloren” als Substantive), die Fragen zu ihrer Bedeutung aufwerfen, ja geradezu verschleiern, was in diesen Strophen überhaupt vor sich geht, benennen die beiden Schlussstrophen recht klar Zuordenbares. Ein Gedicht namens “Köln, Am Hof” verlangt keine große Übertragungsleistung, um die genannten “Dome” als Kirchengebäude, die “Ströme” als fließende Gewässer zu verstehen. “Uhren tief in uns” sind zwar kein üblicher Ausdruck für etwas tatsächlich Fassbares, Metaphern wie “innere Uhr” oder “biologische Uhr” aber stehende Begriffe und ohne weiteres assoziierbar.
Daran lässt sich eine zweite Bewegung festmachen: Vom Rätselhaften, Abstrakten zu Beginn des Gedichts zum Klaren, Konkreten zu seinem Ende.

Die Vokale in den ersten beiden Strophen sind vermehrt offene, helle Vokale: E, Ei (“Herzzeit”) I, A (“Mitternachtsziffer”). Die Schlussstrophe wird hingegen von geschlossenen, dunklen Vokalen dominiert: O, Ö, U (“Dome”, “Ströme”, “Uhren”, “uns”). Sie enthält zudem die einzige Andeutung auf ein lyrisches Ich, nämlich das “uns” mit den inneren Uhren. Streng anaphorisch gegliedert nehmen alle Verse der beiden letzten Strophen zudem die Form einer Anrufung an (“Ihr Dome”, “ihr Ströme”, “ihr Uhren”), was in Zusammenhang mit dem Kirchengebäude Dom und der schon angesprochenen Zeitlosigkeit am Gedichtende auf etwas Sakrales, Überindividuelles hinweist.4 Die erste Strophe spricht von “Herzzeit” und “Geträumten”, Verweisen auf emotionale Individualempfindungen. Die zweite Strophe indessen unterscheidet dreimal “Einiges” mit je verschiedenem Verhalten und spielt auf die Kollektiverlebnisse der Verbannung und des Verlierens an.
Als dritte Bewegung gibt das Gedicht damit die vom individuell Emotionalen über das kollektiv Erlebte zum allgemein Sakralen her.

Mit der Dreieinheit von Konstanz/Ewigkeit, Klarheit und Sakralität, abgetrennt durch den Einzelvers der dritten Strophe, lässt sich die Schlussstrophe als “geheimes Zentrum” deuten, auf das die Bewegungen zuführen und das auf die vorherigen Strophen wie eine Antwort auf eine Frage wirkt.
Im Kleinen werden hier die Bewegungen wieder zurückgeführt. Der erste Blick richtet sich hinauf, zu den Domen, der zweite und mittlere hinab zu den Strömen, der dritte und letzte inwendig zu den “Uhren tief in uns”. Jahrhunderte verbleibende, verlässliche Gebäude der Sakralität zunächst, lange überdauernde, aber auch stets bewegliche, weltliche Ströme danach, und schließlich die zwar in jedem Menschen vorhandenen, aber auch ständig fortlaufenden Uhren, die je nach Verfassung für manche schneller, für andere langsamer gehen, und ganz und gar subjektiv empfunden werden.

Durch das Zusenden seiner neuesten Gedichte an Ingeborg Bachmann, die Widmungen und die präzisen Entstehungsangaben verdeutlicht Celan die Nähe, die er zwischen ihr und seinem Schaffen darstellen möchte. Auch die unmittelbar folgenden nächsten Teile des Briefwechsels sind von Celan an Bachmann geschrieben: Am 23. Oktober 1957 zeigt er sich reuig, es ihr schwer, “schwerer noch als bisher” zu machen und erklärt sich ihr, vermittelt durch die intime Abschiedsformel “Sei ruhig und rauch nicht zu viel! Paul”, Nähe, am 25. Oktober erklärt er sich weiter und schließt mit der Forderung “Du sollst, Du mußt mir schreiben, Ingeborg.”5 Auch dieses Verhalten sieht der Briefwechsel von Celan hier erstmals; sich erklären und Antworten verlangen war bis dahin ebenfalls Bachmanns Sache. Am 27. Oktober erneut ein gerade angefertigtes Gedicht Celans an Bachmann. Diese reagiert zunächst mit einem Telegramm, das ihren Antwortbrief ankündigt, schreibt dann in jenem von Celans Ehe: Er hat seiner Frau Gisèle Celan‑Lestrange von seinem Liebesverhältnis zu Bachmann erzählt, wofür sie dankbar ist. Widersprüchlich bittet sie ihn einerseits, seine Frau und seinen Sohn nicht zu verlassen und erklärt, ihn nicht umarmen zu können, wenn sie an die beiden denkt (was sie müsse), fordert andererseits aber: “Wir müssen uns jetzt sehen” und beklagt sich, “die Zerstörung” zu bringen und “verdammt” zu sein. Im Bewusstsein dieses Widerspruchs setzt sie hinzu: “Sag mir, ob Du es für unvereinbar hältst, daß ich mir wünsche, Dich zu treffen und Dir das sage.” Celan reagiert prompt mit weiterer Annäherung, lehnt den Gedanken der “Zerstörung” unmittelbar ab, nennt einen Termin für ein Treffen, zeigt wieder Reue für “all diese Jahre”, in denen er “so ungerecht” gewesen sei. Am 02. und 05. November schickt er ihr wieder je ein Gedicht, zugleich mit zweiterem konkretisiert er das angedachte Treffen, bietet an, auch auf weitere Begegnungen ganz zu verzichten, fordert aber ein, von ihr ein Gedicht im Monat zu bekommen. Ihre Antwort am 07. November fällt knapp aus: Sie sei erschöpft und könne nicht mehr schreiben. Celan erfährt indessen, Bachmann habe etwas verfasst und bittet im nächsten Brief um Zusendung, redet von seinem “Zu‑Dir‑Wollen”, macht sich erbötig, mit ihr eine Lampe für ihre neue Wohnung suchen zu gehen.
Von hier an findet tatsächliche einvernehmliche Kommunikation statt: Bachmann geht positiv auf Celans neue Gedichte ein, ebenso wie auf sein Dichten allgemein, und gibt ihm damit die von ihm gesuchte Bestätigung. Sie verabreden eine Zusammenarbeit an einer Literaturzeitschrift, planen gemeinsam ihr bevorstehendes Treffen – selbst für die Einrichtung ihrer Wohnung will sie ihn einbinden.6
Das Zusammentreffen verläuft glücklich, von Celan folgen unmittelbar Liebeserklärungen, im Dezember ein weiteres aktuelles Gedicht. Bachmann reagiert dankbar und verbindlich, aber Celans Leidenschaft (“Ingeborg. Ingeborg. Ich bin so erfüllt von Dir.”) erwidert sie nicht.7 Auch schickt sie ihm das ganze Jahr 1957 über keines ihrer Werke. Zum Jahresende hin wird sie zunehmend geschäftlich, berichtet mehr von ihrer Arbeit. Auch hier macht sich eine Umkehrung bemerkbar: In den Briefen 1949 bis 1951 waren ihre die leidenschaftlicheren, seine Reaktionen waren die kühleren.

Die Liebe füreinander ist 1957 wiederum – eher noch als zu Beginn ihrer Bekanntschaft – das eine Element, das die Kommunikation zwischen Celan und Bachmann überhaupt aufrecht erhält. Ein sinnstiftender Austausch zu einem bestimmten Thema findet kaum statt, betrifft dann vor allem ihre Beziehung selbst bzw. Celans Ehe. Ein Austausch von Literatur bleibt aus, lediglich Celan schickt sehr viele Gedichte, die von Bachmann jedoch nicht mehr so hingebungsvoll auskommentiert werden wie die vor Celans Ehe, sondern nur auf Aufforderung und sehr knapp.
Dass vor allem Bachmann ihre Beziehung für langfristig schädlich hält und keine Konkurrenz zu Celans Ehe mit Gisèle Celan‑Lestrange aufbauen will, wird weniger aus ihren Äußerungen zu dieser als aus ihrer allgemeinen Zurückhaltung klar. Obwohl beide eine Leidenschaft füreinander teilen, stehen Frau und Kind Celans einer festen Beziehung im Weg – oder: Eine feste Beziehung käme diesen in den Weg.
Schon aus den Briefen des Jahres 1957 ist zu erkennen, dass Paul Celan und Ingeborg Bachmann beide keine gemeinsame Zukunft sehen und sich mit Vorübergehendem abfinden müssen.


  1. Herzzeit: Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Hrsg. von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009. S. 58 f. []
  2. Paul Celans Werke sind noch nicht gemeinfrei. Der Gedichttext ist aber leicht im Internet zu finden. Die hier verwendete Fassung ist die der Gesamtausgabe: Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. von Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2005, S. 104 []
  3. Herzzeit: Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Hrsg. von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009. S. 59 f. []
  4. Die Anrufung, gerade in sakralem Zusammenhang und einem Gebäude gegenüber, gemahnt auch an “O die Schornsteine”. Dieses 1947 von Nelly Sachs geschriebene Gedicht ist das nach Celans “Todesfuge” wohl bekannteste über den Holocaust:

    O ihr Schornsteine,
    O ihr Finger,
    Und Israels Leib im Rauch durch die Luft!

    Sowohl Celan, der Nelly Sachs sehr verehrte, als auch Bachmann begegneten der Schriftstellerin mehrmals persönlich, letztere zum ersten Mal 1961. Nelly Sachs erhielt 1966 den Literaturnobelpreis. []

  5. Herzzeit: Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Hrsg. von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009. S. 60 f. []
  6. Herzzeit: Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Hrsg. von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009. S. 61 ff. []
  7. Herzzeit: Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Hrsg. von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009. S. 73 ff. []
Verfasst von: Manuel | 15.09.2014

Interpretation: “Sprachgitter”

Bereits kurz nachdem er im Mai 1948 Ingeborg Bachmann zu ihrem 22. Geburtstag in Wien das Gedicht “In Aegypten” widmete, zog Paul Celan Ende Juni nach Paris, wo er im Herbst 1951 Gisèle de Lestrange kennen lernte. Diese heiratete Celan im Dezember 1952. Im Sommer 1955 wurde der Lyriker französischer Staatsbürger und sein Sohn Eric Celan geboren.
Im Juni 1957 erhielt Paul Celan eine Ansichtskarte des Verlegers Günther Neske, die das sogenannte “Sprechgitter” des ehemaligen Klarissen‑Klosters Pfullingen zeigte. Kurz darauf besuchte Celan während eines Urlaubs in Österreich Klaus und Nani Demus in Wien, mit denen sowohl er als auch Ingeborg Bachmann eng befreundet waren. Dort, am Rennweg im dritten Wiener Bezirk, nahm er am 14. Juni 1957 die Arbeit an dem Gedicht “Sprachgitter”1 auf, welches am 08. Oktober 1957 von ihm fertiggestellt und schließlich zum Namensgeber seines nächsten, im März 1959 beim S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main erschienenen, Gedichtbandes gemacht wurde. Von allen Gedichtbänden Celans ist “Sprachgitter” der schmalste.2

Das frühgotische “Sprechgitter” des besagten Klosters war die eine Verbindungsstelle, die die Nonnen zur Außenwelt hatten: Zwischen Eisenträgern hindurch konnten an dieser Lücke in der Mauer Gespräche mit außerhalb des Klosters stehenden Personen geführt werden. Die Gesprächspartner konnten einander dabei nur durch die Gitterstäbe hindurch sehen.
Paul Celans Gedicht “Sprachgitter” bildet diese Konstellation nach: Das lyrische Ich begegnet einem “Du”, um eine Kommunikationssituation herzustellen. Das “Augenrund” des “Du” ist dabei nur “zwischen den Stäben” wahrzunehmen, die Begegnung findet zudem andeutungsweise heimlich statt, denn “der blakende Span” “in der eisernen Tülle” lässt sich als glimmender Brennkörper in einer Lampe verstehen, das Zusammentreffen läuft also nicht tagsüber ab, zumal “der Himmel” nicht etwa hell ist, sondern “herzgrau”.

Damit zeigt das Gedicht bereits zwei typische Celan‑Motive: Die Dunkelheit (siehe etwa die Gedichte “Schlaflied”, “Schwarze Flocken”, “Ein Lied in der Wüste”, “Corona” und “Von Dunkel zu Dunkel”) und das kommunizierende Begegnen von Ich und Du (siehe beispielsweise die Gedichte “Ein Krieger”, “Talglicht”, “Ein Tag und noch einer” und “Zürich, zum Storchen”). Ebenfalls zum Grundstock von Celans Lyrik müssen die Körperreferenzen gezählt werden: Der “Mundvoll” am Schluss, vor allem aber die Augenmotivik, die das erste Drittel von “Sprachgitter” beherrscht: “Augenrund”, “Flimmertier Lid […] gibt einen Blick frei”, “Iris”. Diese zieht sich so stark durch Celans Gedichte, dass hier nur ein kleiner Bruchteil an Exempeln genannt werden kann: “Dunkles Aug im September”, wiederum “Corona”, “In Ägypten”, “Aus dem Meer”, “Zwiegestalt”, “Fernen”, “Die Halde”, “Ich weiß”, “Auge der Zeit” und “Die Winzer”.

Dass die “Iris” eine “Schwimmerin” und zudem “traumlos” ist, verdeutlicht die Traurigkeit der Situation: Die müden und tränennassen Augen sehen den “Himmel” gerade nicht in romantischen Farben gezeichnet, sondern grau – dass es “herzgrau” ist, die Herzen also ebenfalls grau und nicht etwa warm oder sehnsuchtsvoll sind, trägt die antiromantische Grundstimmung weiter.
Der Verlauf der beschriebenen Zusammenkunft ist kein glücklicher: Lediglich in Klammern wagt das lyrische Ich zu wünschen, “wie du” zu sein, oder einem Du gegenüber zu stehen, das “wie ich” ist. Der Konjunktiv verrät jedoch: Die vorgefundenen Differenzen sind unüberbrückbar. Die rhetorische Frage “Standen wir nicht unter einem Passat?” macht es noch deutlicher – die beiden Passate unterscheidet man nach unterschiedlichen Windrichtungen, einer besteht nur auf der Nord-, der andere nur auf der Südhalbkugel der Erde, getrennt durch den Äquator wie die beiden Zusammentreffenden durch das Gitter. Als letztes vor der schließenden Klammer konstatiert das lyrische Ich nüchtern: “Wir sind Fremde”.
Der Austausch scheitert, die Kommunikation verharrt beim Versuch. Erneut “herzgrau” sind in der Schlussstrophe “dicht beieinander” “die beiden […] Lachen”, die sich aus den Tränen der “Schwimmerin” “Iris” gebildet haben. Zu sagen haben Ich und Du einander nichts mehr, stattdessen bilden den letzten Vers zwei “Mundvoll Schweigen”, ein jeder weint also still für sich.

Die gleichmäßig vor sich hin wabernden Gedanken des lyrischen Ichs werden durch den daktylischen Aufbau der Verse unterstützt. Lediglich zweimal wird dieser unterbrochen: Der jeweils letzte Vers der vorletzten und der letzten Strophe gibt Erkenntnisse besonderer Schwere wieder, die im Trochäus vermittelt werden: “Wir sind Fremde” und die zwei “Mundvoll Schweigen”. Dass gerade diese beiden Wortgruppen metrisch hervorgehoben werden, unterstreicht ihre Hoffnungslosigkeit.

Völlig hoffnungslos ist “Sprachgitter” allerdings nicht von Anfang an: Das Lid des Auges “rudert” zunächst nach oben, der erste Blick geht also hoffnungsvoll aufwärts. Er begegnet dem Auge auf der anderen Seite des Gitters, es findet also ein ebenes Einander‑Anschauen statt. Erst danach geht der Blick “schräg” hinab und betrachtet das Licht, das von einem der beiden Zusammengekommenen gehalten wird. Nach der Erkenntnis der Fremdheit letztlich werden “die Fliesen” betrachtet, der Blick geht also nunmehr senkrecht nach unten.
Das Gitter legt sich nun eben nicht nur vor das Sprechen, sondern vor die Sprache selbst, ist ein Sprach- und kein Sprechgitter, weil die Kommunikation geradezu von Grund auf unmöglich ist. Der Eindruck des Schweigens beendet das Treffen: Passenderweise ist “Schweigen” genau das letzte Wort des Gedichts, so wie Schweigen sich einem Vortrag desselben anschließen würde.

Im Kommentar zu “Sprachgitter” in der Gesamtausgabe verweist die Herausgeberin Barbara Wiedemann zurecht auf Parallelen zu einem Gedicht aus Rainer Maria Rilkes “Neuen Gedichten”.3 Rilke, dessen Werk Celan gut kannte, lebte einige Jahre genau wie dieser in Paris, wo er im November 1902 im Jardin des Plantes das Gedicht “Der Panther”4 verortete:

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf — Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille —
und hört im Herzen auf zu sein.

Der namensgebende Panther ist im Käfig eingeschlossen, das Gedicht arbeitet sich ebenfalls an seiner Müdigkeit und seinen durch die Gitter schauenden Augen ab: “Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt”. Wie das “Flimmertier” “Lid” bei Celan anfangs “nach oben [rudert]“, so “schiebt sich” in der letzten Strophe bei Rilke “der Vorhang der Pupille […] lautlos auf”. Auch der Panther bleibt zuletzt in “Stille”, “im Herzen” hoffnungslos.
Nicht weniger nahe liegen Bezüge zu “Wink”5, dem zehnten Gedicht im “Buch Hafis” aus Johann Wolfgang von Goethes “West-östlichem Divan”:

Wink

Und doch haben sie recht, die ich schelte:
Denn, daß ein Wort nicht einfach gelte,
Das müßte sich wohl von selbst verstehn.
Das Wort ist ein Fächer! Zwischen den Stäben
Blicken ein paar schöne Augen hervor,
Der Fächer ist nur ein lieblicher Flor,
Er verdeckt mir zwar das Gesicht,
Aber das Mädchen verbirgt er nicht,
Weil das Schönste, was sie besitzt,
Das Auge, mir ins Auge blitzt.

Auch hier trennen Stäbe das lyrische Ich von seinem Gegenüber, welches hier explizit mit einem “Mädchen” spricht. Die Stäbe sind allerdings nicht die eines Gitters, durch das gesprochen wird, sondern eines Fächers, der aus den Worten selbst besteht: “Das Wort ist ein Fächer!”
Anders als bei Rilke und Celan bleibt die Situation in Goethes “Wink” jedoch hoffnungsfroh: “schöne Augen” blicken hervor und weinen nicht etwa oder sehen ermüdet, der letzte Blick verläuft nicht zu Boden, sondern ins Auge des Mädchens, “das Schönste, was sie besitzt”.
Die Kommunikation läuft hier verschlüsselt ab, ein Wort gilt “nicht einfach”, sondern wird immer mit mehrfacher Bedeutung aufgeladen, wie ein Fächer in verschiedene Richtungen aufgeht. Die eigenen Intentionen werden so nicht direkt offengelegt, bleiben wie das Gesicht hinter einem Fächer verdeckt, doch bleibt das Wesentliche letztlich nicht verborgen, sondern die Begegnung verläuft – anders als in Celans “Sprachgitter” – glücklich für beide Teilnehmer, wie das “ins Auge” blitzende Auge im Schlussvers zeigt.


  1. Paul Celans Werke sind noch nicht gemeinfrei. Der Gedichttext ist aber leicht im Internet zu finden. Die hier verwendete Fassung ist die der Gesamtausgabe: Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. von Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2005, S. 99 f. []
  2. Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. von Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2005, S. 643 und 652 []
  3. Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. von Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2005, S. 653 []
  4. zitiert nach: http://gutenberg.spiegel.de/buch/831/43 []
  5. zitiert nach: http://gutenberg.spiegel.de/buch/3656/3 []
Verfasst von: Manuel | 19.08.2014

Paul Celan und die Gruppe 47

Im Oktober 1948 erschien Paul Celans erster Gedichtband “Der Sand aus den Urnen” beim Verlag A. Sexl in Wien. Darin enthalten waren unter anderem das Gedicht “In Ägypten” sowie die “Todesfuge”. Dem Gedichtband wurde jedoch insgesamt kein großer Erfolg zuteil, auch die “Todesfuge” blieb zunächst allgemein unbekannt.

Die “Todesfuge” wird gemeinsam mit anderen Gedichten aus “Der Sand aus den Urnen” in einem zweiten Gedichtband, “Mohn und Gedächtnis”, im Dezember 1952 bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart erneut veröffentlicht. Möglich ist das nur, weil deren Cheflektor kurz zuvor persönlich auf Celan trifft, als dieser eine bemerkenswerte Lesung vor der gewichtigen Gruppe 47 hält. Ingeborg Bachmann, deren Liebesverhältnis mit dem Lyriker zu dieser Zeit noch ein Geheimnis ist, hat zuvor über die Schriftsteller Milo Dor und Reinhard Federmann auf Hans Werner Richter persönlich eingewirkt. Nachdem Celans Einladung durch die Deutsche Verlags-Anstalt, Mitorganisatorin der Tagung, nie abgegangen ist, “keineswegs aus Gründen, sondern infolge schlechter Organisation”1, erzielt sie eine Einladung von Richter höchstsselbst, an der Frühjahrstagung 1952 teilzunehmen:

Sehr geehrter Herr Celan,
ich würde mich freuen, wenn Sie an der Tagung der “Gruppe 47″ teilnehmen würden. Die Tagung findet in Hamburg vom 23.-25. Mai statt. Der 22. Mai ist der Anreisetag. Falls Sie kommen, melden Sie sich bitte beim Nordwestdeutschen Rundfunk, Büro Ernst Schnabel (Intendant). Sie erfahren dort alles Nähere.
Herzlichen Gruss
Hans Werner Richter2

Paul Celan reist mit dem Zug aus Paris an. Auf der 10. Tagung der Gruppe 47, im Erholungsheim des NWDR in Niendorf an der Ostsee, liest er von seinen Gedichten unter anderem “Ein Lied in der Wüste”, “Schlaf und Speise”, “In Ägypten” und die “Todesfuge”.3 Diese Lesung wird zu einem Fiasko. Zwar ermöglicht ihm der Kontakt zu Willi Koch, dem Cheflektor der traditionsreichen Deutschen Verlags-Anstalt, die Veröffentlichung seines zweiten Gedichtbandes im folgenden Dezember, doch vor den deutschen Literaten fällt der Dichter mit seinen Werken haltlos durch.

Dieses historische Scheitern ist ein doppeltes Menetekel. Einerseits für Paul Celan, der sich den weiten Weg in froher Hoffnung gemacht hat, der heute zu den bedeutendsten Lyrikern deutscher Sprache zählt und mit der “Todesfuge” das wohl wichtigste deutsche Gedicht des 20. Jahrhunderts vorträgt. Die Gesellschaft, vor der er auftritt, ist für ihr Gespür für gute Literatur bekannt, doch Celan wird auf ihrer Tagung gnadenlos verrissen. Andererseits für die Gruppe 47, die bis dahin eine zuverlässige Talentschmiede gewesen ist, die einigen der bedeutendsten Schriftsteller ihrer Zeit mit der Gelegenheit einer Lesung den Karrierestart ermöglichte. Sie greift mit ihrer Schmähung beispiellos daneben. Der Schriftsteller und Tagungsteilnehmer Rolf Schroers sieht sich in einem Brief an Celan veranlasst, sich vom “misstönenden Geschrei der Tafelrunde” zu distanzieren.

Wie konnte es zu diesem Debakel kommen?

Im Nachhinein rechtfertigt Organisator Hans Werner Richter die harschen Äußerungen gegenüber Celan mit dessen Art, seine Gedichte vorzutragen. In der Tat ist Celans Vortragsweise für die deutsche Tradition ungewöhnlich:

In Richters Worten:

Seine Stimme klingt mir zu hell, zu pathetisch. Sie gefällt mir nicht. Wir haben uns das Pathos längst abgewöhnt. Er liest seine Gedichte zu schnell. Aber sie gefallen mir, sie berühren mich, obwohl ich die Abneigung gegen seine Stimme nicht überwinden kann.4

Walter Jens erinnert sich an größere Härte:

Als Celan zum ersten Mal auftrat, da sagte man: “Das kann doch kaum jemand hören!”, er las sehr pathetisch. Wir haben darüber gelacht. “Der liest ja wie Goebbels!”, sagte einer. Er wurde ausgelacht, so daß dann später ein Sprecher der Gruppe 47, Walter Hilsbecher aus Frankfurt, die Gedichte noch einmal vorlesen mußte.5

Dieser “Einer” mit dem Goebbelsvergleich, ist Hans Werner Richter – im engeren Kreis beim Mittagessen, allerdings in Celans Gegenwart, der ihn dafür konfrontiert.

Toni Richter, die Ehefrau des Organisators, spricht beschwichtigender, auch sie sieht keine Verantwortung bei den deutschen Nachkriegsliteraten:

Das traurigste Ereignis war die Lesung von Paul Celan, ein Mißverständnis, das an der Art seines Vortrages lag. Ich denke, keiner der Heimkehrer aus dem Kriege in der Gruppe kannte den Namen und das Schicksal von Paul Celan, noch hatten sie von der Tradition der jüdisch-rumänischen Gedicht-Rezitation im rhythmisch hohen Ton gehört. Da war auch die Stilfrage “Littérature pure” oder “engagée” müßig. Celan fragte in den Raum, ob denn Rimbaud hier unbekannt sei, auch dieser löste Verse in musikalische Schwingungen auf.6

Günter Grass, der 1952 noch nicht in der Gruppe 47 ist, aber später mit Celan verkehrt, kommentiert zurückblickend:

Er war ein miserabler Interpret seiner Gedichte. Das hat wahrscheinlich dazu beigetragen, dass er bei der Gruppe 47, wo man nun besonders ausgenüchtert war, nicht verstanden wurde. Denn davon hatten sie nun alle die Nase voll!7

Tatsächlich ist das immer gleiche Ritual in der Gruppe 47 fehleranfällig: Niemandem liegt der Text vor, nur aufgrund einer einzelnen Lesung des Autoren selbst wird das Urteil der Zuhörenden gebildet, das sofort im Anschluss ausgesprochen wird.
Ein Gedicht wie “Ein Lied in der Wüste” oder eben die “Todesfuge” stampft man dennoch nicht brutal in den Boden, nur weil man die Art, wie sie vorgetragen werden, nicht gewohnt ist. Das stellt vielmehr nur einen Vorwand dar.

Ein echter Grund für die starke Abneigung gegen Celans Lyrik dürfte in den grundverschiedenen Literaturvorstellungen liegen, die ihn von denen der meisten Tagungsteilnehmer unterscheiden.
Schon die Hauptprotagonisten und Gründungsmitglieder der Gruppe 47, Hans Werner Richter und Alfred Andersch, Walter Kolbenhoff und Wolfdietrich Schnurre hegen ganz bestimmte Konzeptionen. Ab 1950 wird auch ein “Preis der Gruppe 47″ vergeben. Die beiden ersten Preisträger sind: Günter Eich und Heinrich Böll. Das ist Kahlschlagliteratur. Auch Walter Jens und Günter Grass (der 1958 zum Preisträger wurde) sind nicht gerade absolute Poeten.

An die Gründungstagung der Gruppe 47 erinnert sich Hans Werner Richter klar:

Und nun beginnt etwas, was keiner in dieser Form erwartet hatte: Der Ton der kritischen Äußerung ist rau. Die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor den Mund. Jedes vorgelesene Wort wird gewogen, ob es noch verwendbar ist, verbraucht in den Jahren der Diktatur, der großen Sprachabnutzung. Jeder Satz wird, wie man sagt, abgeklopft. Jeder unnötige Schnörkel wird gerügt. Verworfen werden die großen Worte, die nichts besagen und nach Ansicht der Kritisierenden ihren Inhalt verloren haben: Herz, Schmerz, Lust, Leid. Was Bestand hat vor den Ohren der Teilnehmer sind die knappen Aussagesätze.

Das ist eine Poetik, die der von Celan entgegengesetzt ist.

Der Literaturhistoriker Helmut Böttiger urteilt:

In der Gruppe 47 und in ihrem Umfeld erlebte man zum ersten Mal, dass Literatuftreffen zu “Events” werden konnten. [...] Hier war zum ersten Mal das Fernsehen dabei, hier wurden neue Formen der Präsentation erprobt, hier ließen sich Autoren öffentlich von Moderatoren befragen – etwas, was damals noch sehr ungewohnt und gewöhnungsbedürftig war. Der Literaturbetrieb erlebte eine unvorhergesehene Konjunktur.8

Auch eine solche Eventkultur würde einem stillen Gemüt wie Celan eher nicht einfallen.

Paul Celan selbst schreibt noch aus Frankfurt nur eine Woche später in einem Brief an seine spätere Frau Gisèle de Lestrange:

Die Wirkung war eindeutig. Hans Werner Richter, der Chef der Gruppe, Initiator eines Realismus, der nicht einmal erste Wahl ist, lehnte sich auf. Diese Stimme, im vorliegenden Falle die meine, die nicht wie die der andern durch die Wörter hindurchglitt, sondern oft in einer Meditation bei ihnen verweilte, an der ich gar nicht anders konnte, als voll und von ganzem Herzen daran teilzunehmen – diese Stimme musste angefochten werden, damit die Ohren der Zeitungsleser keine Erinnerung an sie behielten.
Jene also, die die Poesie nicht mögen – sie waren in der Mehrzahl – lehnten sich auf. Am Ende der Sitzung, als man zur Wahl schritt, haben sich sechs Personen an meinen Namen erinnert.9

Jene Wahl “am Ende der Sitzung” gilt dem Preis der Gruppe 47 des Jahres 1952, und mit sechs Stimmen ist Celan immer noch drittplatziert.10 Er geht nach Auszählung des Votums an Ilse Aichinger für die Erzählung “Spiegelgeschichte”. 1953 erhält den Preis Ingeborg Bachmann für vier Gedichte aus “Die gestundete Zeit”. Das allerdings ist keine Kahlschlagliteratur. Es zeigt, dass die Gruppe 47 durchaus ein Potenzial zu Flexibilität hatte. Günther Grass sieht das ganz konkret:

Wenige Jahre später wäre die Lesung von Paul Celan ein Erfolg gewesen!

Helmut Böttiger ist der Ansicht:

Mit dem Auftreten von Aichinger, Bachmann und Celan begann etwas Neues.11

In den unvereinbaren Poetiken von Celan und der Tagungsmehrheit liegt also auch nicht der entscheidende Grund für das Fiasko. Die eigentliche Ursache ist vielmehr in den Personen selbst zu finden, in den tieferliegenden Unterschieden zwischen Paul Celan und den deutschen Neorealisten.

Aufschlussreich ist bereits ein Blick auf die Tagungsorte bis dato:

    06.-07.09.1947 im Haus von llse Schneider-Lengyel am Bannwaldsee bei Füssen
    08.-09.11.1947 im Haus von Hans und Odette Arens in Herrlingen bei Ulm
    03.-04.04.1948 in der Jugendherberge in Jugenheim an der Bergstraße
    September 1948 auf dem Gut der Gräfin Degenfeld in Altenbeuern/Hinterhör (Oberbayern)
    28.04.-01.05.1949 im Rathaus von Marktbreit bei Würzburg
    14.-16.10.1949 im Cafe Bauer in Utting am Ammersee
    Mai 1950 im ehemaligen Augustinerinnenkloster in Inzigkofen
    04.-07.05.1951 im Haus für internationale Begegnungen in Bad Dürkheim (Pfalz)
    Oktober 1951 in der Laufenmühle im Welzheimer Wald
    23.-25.5.1952 im Erholungsheim des NWDR in Niendorf an der Ostsee

Die Gruppe 47 begann augenfällig wirklich als kleine Gruppe von miteinander Bekannten, als – das muss an sich nicht schlecht sein – eine Art Seilschaft. Man war für die ersten beiden Zusammenkünfte darauf angewiesen, dass Interessenten mit einem hinreichend großen Privatanwesen teilnahmen und auch bereit waren, dieses zur Verfügung zu stellen. Noch im zweiten Jahr musste man mit den Räumlichkeiten einer Jugendherberge vorlieb nehmen, konnte aber diese auch schon finanzieren. Schon bald war die Gefolgschaft arriviert genug, um bei Würzburg in einem Rathaus oder einem Haus für internationale Begegnungen in der Pfalz zu gastieren. Dass im Mai 1952 der Nordwestdeutsche Rundfunk sein Urlaubsressort für die Tagung zur Verfügung stellt, ist ein vorläufiger Höhepunkt, aber nicht der letzte: Die Tagung im folgenden Oktober findet auf Burg Berlepsch bei Göttingen statt, die beiden des Folgejahres in Schlössern in Mainz und bei Tübingen. In fünf Jahren sind Hans Werner Richter und die seinen zu Prominenten geworden, deren arme Tage hinter ihnen liegen. Paul Celan wohnt in dieser Zeit erst in Bukarest, dann in Wien und schließlich in Paris, wo er sich allerdings noch immer mit Übersetzungsarbeiten über Wasser halten und mehrmals umziehen muss.

Als der sensible Poet Celan zum einzigen mal eines der Literaturevents der Gruppe 47 betritt, kommt er sicher nicht nur Richter still und in sich gekehrt vor. Eine weniger sachnüchterne Literatur ist für die Gruppe 47 nichts Unmögliches, das belegen die Erfolge von Aichinger und Bachmann. Dichterinnen, die empfindlich wirken, denen auf der Bühne die Stimme versagt, passen ins Bild der Literaturgrößen. Paul Celan stellt für die gewohnte Geschlechterbinarität seiner Zeit eine Art Uncanny Valley dar: Er wirkt auf die Gruppe 47 zu männlich, als dass sie sein unmännliches Verhalten akzeptieren könnte.

Vor allem trennen die Biografien. Böttiger urteilt über die Gruppengründer:

Und auch die Anfänge der Gruppe 47 waren von jener deutschen Sprache durchdrungen, die der Nationalsozialismus bis ins Detail geprägt hatte.12

Deutlicher wird das in Hans Werner Richters eigenen Worten:

Was bei allen ebenfalls unbemerkt zum Ausdruck kommt, ist die nur auf die Aussage zielende Sprache der “Landser”, die Reduzierung der Sprache auf das Notwendige, eine Abkehr vom Leerlauf der schönen Worte und eine Hinwendung zu ihrem unmittelbaren Realitätsbezug. Sie haben es alle gelernt in der Masse des Volkes, in der sie gelebt haben, jahrelang, tagaus, tagein, in den Kompanien, in den Kasernen, in den Lagern und Gefangenenlagern.13

Die Hauptfiguren der Gruppe 47 waren Landser. In der Masse des Volkes, in den Kompanien, in den Kasernen. Paul Celan ist ein Jude, dessen Heimat von der Wehrmacht besetzt und dessen Eltern in ein Vernichtungslager deportiert und von der SS umgebracht wurden. Der auf zwei Jahre in Arbeitslagern zurückblickt. Ein Flüchtling. Ein Staatenloser.
Vor dem Hintergrund der erst wenige Jahre zurückliegenden Gräueltaten Nazideutschlands sitzen hier Täter und ein Opfer einander gegenüber. Das Verarbeiten der erlebten Untaten steht bei diesem noch ganz am Anfang, eine Aufarbeitung der eigenen Rollen bei jenen noch in weiter Ferne.

Die Disposition wird unter den Teilnehmern durchaus bewusst, wenn auch nicht reflektiert. Wenn Richter sagt (siehe oben), “Wir haben uns das Pathos längst abgewöhnt. Er liest seine Gedichte zu schnell”, dann eröffnet er ein einschließendes Wir (der fortschrittlicheren “Landser”) und ein ausschließendes Er (für Celan). Bei einem im Umgang mit Menschen so gewieften Mann wie Richter sagt seine Wortwahl mehr als das, was er mit ihr zu sagen beabsichtigt. Martin Walser zitiert später, Richter hat “1953 im Herbst in Bebenhausen” dem Autoren Albert Vigoleis Thelen gegenüber

sofort die Kritik an sich gerissen und gesagt – ich zitiere das ungern: “Dieses Emigrantendeutsch brauchen wir nicht.” (…) Solche Szenen von äußerster Peinlichkeit hat es in diesem Spontaneitätszirkus auch gegeben!14

Walter Jens‘ Äußerung (siehe oben), “daß dann später ein Sprecher der Gruppe 47, Walter Hilsbecher aus Frankfurt, die Gedichte noch einmal vorlesen mußte”, lässt noch tiefer blicken: Damit Celans Gedichte legitim genug für den etablierten Anspruch vorgetragen werden, “müssen” sie noch einmal von einem Deutschen, einem Sprecher der Gruppe, vorgelesen werden.

In so einem Zusammenhang werden Verse wie “der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau / er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau” missgünstig aufgenommen – unabhängig davon, wie sie vorgetragen werden, und auch nicht vorrangig wegen verschiedener Poetiken.

Hans Weigel erinnert sich zur Rezeption der “Todesfuge”, “daß nachher einige Kollegen höhnisch vor sich her skandierten: ‘Schwarze Milch der Frühe …'”15 und Milo Dor, dass Hans Werner Richter angemerkt habe, Celan hätte „in einem Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge“.4 Paul Celan schreibt andererseits nach der Tagung in einem Brief an seinen Wiener Freund Klaus Demus:

Mein guter Klaus, es ist so schwer zu sagen, was ich von all dem halten soll – es war aufregend und dennoch beinah ganz ohne Niveau. Inge hat mich wieder sehr enttäuscht. […] Ihre Gedichte, nicht die meinen, blieben die gültigen […] Und dieser Erfolg hat nun keineswegs rein literarische Ursachen. […] Ich war dort oben beleidigt worden: H.W. Richter […] sagte nämlich, meine Gedichte seien ihm auch darum so zuwider gewesen, weil ich sie im “Tonfall von Goebbels” gelesen hätte. Nach der Lesung der Todesfuge! Und so etwas muß ich erleben!16

Paul Celan nähert sich der Gruppe 47 nie wieder an. Sein Kontakt zu Hans Werner Richter bleibt sporadisch.

Auf der Tagung macht Ingeborg Bachmann nach ihren Lesungen Paul Celan einen Heiratsantrag. Celan lehnt ab. Beide begegnen sich in den folgenden Jahren nicht mehr, ihre ganze Kommunikation trocknet aus. Im Dezember 1952 erscheint bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart sein zweiter Gedichtband “Mohn und Gedächtnis”, der ihn einem größeren Publikum zugänglich und unter anderem die “Todesfuge” weithin bekannt macht. Im selben Monat heiratet er Gisèle de Lestrange, die er im Herbst 1951 kennen gelernt hat. 1955 erwirbt er die französische Staatsbürgerschaft und sein Sohn Eric Celan wird geboren.


  1. Herzzeit: Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Hrsg. von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009, S. 48 []
  2. Herzzeit: Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Hrsg. von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009, S. 49 []
  3. Herzzeit: Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Hrsg. von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009, S. 268 []
  4. Arnold, Heinz Ludwig: Die Gruppe 47. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2004, S. 75 []
  5. Arnold, Heinz Ludwig: Die Gruppe 47. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2004, S. 76 []
  6. Toni Richter: Die Gruppe 47 in Bildern und Texten, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997, S. 49 []
  7. Böttiger, Helmut: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2013, S. 148 []
  8. Böttiger, Helmut: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2013, S. 16 []
  9. Brief aus Frankfurt vom 31. Mai 1952 in: Paul Celan – Gisèle Celan-Lestrange: “Briefwechsel”. Erster Band: Die Briefe, S. 21-23, zitiert nach: Arnold, Heinz Ludwig: Die Gruppe 47. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2004, S. 77 []
  10. Böttiger, Helmut: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2013, S. 140 []
  11. Böttiger, Helmut: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2013, S. 148 []
  12. Böttiger, Helmut: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2013, S. 13 []
  13. zitiert nach: Arnold, Heinz Ludwig: Die Gruppe 47. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2004, S. 39 []
  14. Böttiger, Helmut: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2013, S. 155 []
  15. Felstiner, John: Paul Celan. Eine Biographie, S. 98 []
  16. zitiert nach Böttiger, Helmut: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2013, S. 140 []
Verfasst von: Manuel | 16.07.2014

Interpretation: “In Aegypten”

Der Lyriker Paul Celan wurde 23. November 1920 im damals rumänischen Czernowitz geboren. 1941 wurde er mit allen anderen Juden in das Ghetto der nun besetzten Stadt gezwungen, von wo seine Eltern 1942 in ein Lager deportiert wurden, in dem sie schließlich starben. Von 1942 bis 1944 war Celan selbst Lagerhäftling. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs floh er über Ungarn nach Wien. Dort begegnete er, bevor er Ende Juni nach Paris übersiedelte, am 16. Mai 1948 erstmals Ingeborg Bachmann, mit der ihn bald ein jahrelanges Liebesverhältnis verband.

Im Oktober 1948 erscheint bei Sexl in Wien Celans erster Gedichtband “Der Sand aus den Urnen” mit der Erstveröffentlichung der “Todesfuge”. Ebenfalls darin abgedruckt ist ein Gedicht namens “In Ägypten”, das Celan erst am 23. April 1948 in Wien geschrieben hat. Beide Gedichte erlangten erst größere Bekanntheit mit ihrer Neuveröffentlichung in Celans zweitem Gedichtband “Mohn und Gedächtnis” bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart im Dezember 1952.
Bei seiner ersten Begegnung mit Ingeborg Bachmann ist er 27 Jahre alt. Kurz darauf – am 24. Juni 1948, einen Tag vor ihrem 22. Geburtstag – übergibt er ihr neben einem Cézanne-Bildband auch den Bildband “Peintures 1939-46, Introduction d’André Lejard” mit den letzten Werken von Henri Matisse. Am Anfang jenes Buchs befindet sich eine Abschrift der Urfassung des Gedichts, das dahin noch “In Aegypten” heißt, versehen mit einer Widmung an Ingeborg Bachmann (“Für Ingeborg”).1

“In Aegypten” besteht aus neun anaphorischen Anweisungen, die stets mit “Du sollst” beginnen. Der erste bis sechste sowie der achte bis elfte Vers sind streng jambisch gehalten. Der siebte und der elfte Vers stellen Ausnahmen hiervon dar: Im Trochäus vervollständigen sie die jeweils vorangegangene Anweisung: “Du sollst” jeweils “sagen”, die beiden herausragenden Verse beginnen dann “Seht”, “Sieh”.
Die Sprache des Gedichts ist mit surrealen Chiffren wie “Sei das Wasser!” oder “Wolkenhaar” verschlüsselt. “Du sollst” “zum Aug […] sagen” und “im Aug […] suchen”. Dem Wasser kommt hohes Gewicht zu, gleich in den ersten drei Versen wird es je einmal erwähnt; vom Schmücken ist ebenfalls in drei Versen die Rede.
Der Text enthält keine explizit männliche Figur. Frauen hingegen sind von großer Bedeutung. Namentlich kommen “Ruth”, “Mirjam” und “Noemi” vor, gegenübergestellt wird ihnen “die Fremde”, immer wieder wird mit “sie” auf die ersteren oder letztere rekurriert. Ein lyrisches Ich ist nicht präsent, das Personalpronomen “ich” kommt nur in den beiden zitierenden Versen vor, verweist dort also auf das angesprochene “Du”.
Gewidmet ist das Gedicht Bachmann gleich zweifach: Einerseits über das konventionelle “Für Ingeborg” gleich unter der Titelzeile, dann andererseits über drei noch unterhalb der Abschriftnotiz “Wien, am 23. Mai 1948″ anschließende Verse in poetischerer Weise

Der peinlich genauen,
22 Jahre nach ihrem Geburtstag

, wobei Ingeborg Bachmann weder im angegebenen Monat Mai noch am Übergabedatum, dem 24. Juni 1948, 22 Jahre alt wurde, sondern einen Tag nach letzterem: Bachmann wurde am 25. Juni 1926 geboren. Hieraus erklärt sich der dritte Widmungsvers

Der peinlich Ungenaue

.

“Aegypten” verweist mit der altertümlich wirkenden Umschreibung des einleitenden “Ä” und mit den hebräischen Namen Ruth, Mirjiam und Noemi auf den biblischen Exodus des Volkes der Juden aus Ägypten. Mit dem Bezug auf die mythische Vertreibung der Juden aus dem Land, in dem sie jahrhundertelang unterdrückt wurden, reflektiert das Gedicht den mit Verteibungen und Enteignungen verbundenen Holocaust in Europa, der in seiner zeitlichen Nähe zur Gedichtentstehung ein ähnlich katastrophales Ereignis darstellt. Die Verarbeitung dieser Katastrophe hat darin nicht stattgefunden, das Gedicht ist nicht “aus” oder “nach Aegypten” geschrieben, sondern noch “in Aegypten”, also dort, wo die Unterdrückung stattfand. Die Verortung ist dabei nicht als lokale Zuschreibung zu verstehen, sondern als Geisteszustand: Die geistige Selbstbefreiung hat noch nicht stattgefunden, der “Schmerz” (Vers 9) ist noch gegenwärtig. Gemäß der literarischen Konvention repräsentiert das Wasser Vergänglichkeit und Tod, aber auch Trauer um das Vergangene. So ist der erste Vers, demzufolge “du” “zum Aug der Fremden” sagen sollst: “Sei das Wasser” eine Aufforderung, zu Trauer aufzurufen. “[D]ie du im Wasser weißt”, also Ruth, Mirjam und Noemi, stehen für im Holocaust ermordete jüdische Frauen, um die “Schmerz” empfunden wird.
Einen weiteren religiösen Bezug stellt die strenge Form des Gedichts dar, die immer in Form von “Du sollst” beginnenden Aufrufen Vorschriften stellt, gleich den zehn biblischen Geboten. Im Gedicht bleibt es jedoch bei nur neun Geboten, bescheiden tritt der Text kürzer als die dem Alten Testament zufolge von Gott gegebenen Lebensvorschriften.
Zweimal soll etwas gesagt werden. In der sechsten Vorschrift “zu Ruth, zu Mirjam und Noemi”: “Seht, ich schlaf bei ihr!” – diese wörtliche Rede trennt die ersten sechs Vorschriften von den letzten drei, in denen es nur noch um den Umgang mit “der Fremden” geht. Der gedankliche Umgang mit den früheren Bekanntschaften soll die heutige nicht ausschließen, jeder Frau soll sich die angesprochene Figur für sich erinnern und nicht vortäuschen, dass es nach ihr keine weiteren gäbe. Die andere Sprechanweisung “zur Fremden”: “Sieh, ich schlief bei diesen!” tauscht die Anzusprechenden gegen die, über die gesprochen werden soll, aus. Das letzte Gebot, das den Text abschließt, weist an, auch der gegenwärtigen Geliebten nicht zu verschweigen, dass es andere vor ihr gab und jeder ihre eigene Legitimität zuzurechnen ist. Da Paul Celan in Czernowitz und Bukarest eine enge Freundin hatte, deren voller Name Noëmi Ruth Kraft war,2 und er Ingeborg Bachmann, die keinen jüdischen Hintergrund hatte, kurz nach Abfassen des Gedichts kennen lernte, lassen sich die benannten Frauenfiguren, die “Fremde” und das angesprochene “Du” auch biografischen Einflüssen zuordnen.
Das angesprochene Du ist über den Bezug auf die biblischen zehn Gebote hinaus nicht als Textadressat zu verstehen. Vielmehr spricht das lyrische Ich, das eben nur als “Du” pronominalisiert wird, hier zu sich selbst, erlegt sich Lebens- und Liebesregeln auf. Der Umgang mit Trauer, Schmerz, Verlust, aber auch mit Liebe wird betrieben, indem selbstauferlegte Maxime formuliert werden. Die Situation “in Aegypten” soll somit ertragbar, ihre Unfassbarkeiten fassbar werden.


  1. Paul Celans Werke sind noch nicht gemeinfrei. Der Gedichttext ist aber leicht im Internet zu finden. Die hier verwendete Fassung ist die der handschriftlichen Widmung im genannten Matisse-Bildband, zitiert nach: Herzzeit: Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Hrsg. von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009 []
  2. Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. von Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2005, S. 610 []
Verfasst von: Manuel | 19.06.2014

Suchbegriffe MOAR

Nach unserer kurzen Sommerpause melden wir uns wieder zurück mit den Suchbegriffen April bis Dezember 2010:

Bei der Arbeit

brandschutz lustig

Lustiger als der Brand allemal.

rettungsring berliner feuerwehr

Gut, manche sind vielleicht ein bisschen vollschlank, aber das sind doch alles nur Äußerlich… oder meinst du sowas?

vodafone zensu

Oje, da haben die Kollegen schon das R wegzensiert!

Alles nur Äußerlichkeiten

papst hut

Und der steht ihm gut.

im film das boot was für ein typ

Allerdings! Nicht schlecht, Herr Kaleun!

manche sehen zwar nicht schön aus sind es aber trotzdem zivilschein

Äh… danke?

Rat und Tat

wie kann man sich nicht ärgern

Mein Kumpel mit dem Herzkasper nimmt ja immer Betablocker.

lutsch meinen

Deinen Papsthut?

ungewaschene schwänze

Ja, klar. Was musste ich auch fragen.

Und der Goldene Googlehupf geht an:

übertriebene werbung

Was? Übertreibungen?? In der WERBUNG???


Meer davon gibts wie immer bei Max oder hier im Blog.

Verfasst von: Manuel | 15.05.2014

Doppelte Optik

Mit dem Begriff der “wechselnden” oder “doppelten Optik”1 beschrieb Friedrich Nietzsche die Eigenschaft der Opern Richard Wagners, sowohl die Allgemeinheit als auch die besonders gebildeten Kenner anzusprechen. Der Terminus wurde von Eberhard Lämmert wieder aufgegriffen und auf die Deutung poetischer Texte übertragen, um Thomas Manns Erzählkunst damit zu beschreiben.2 Auch hier ist damit eine Doppelstruktur gemeint: Einerseits ist ein Text dieser Art leicht verständlich und unterhaltsam, andererseits ist er mit Elementen angereichert, die zu literarisch anspruchsvollen Deutungen einladen, für die eine tiefere Expertise unerlässlich ist. Thomas Mann selbst beschrieb – freilich noch ohne Verwendung dieses Begriffs – in der 1911 entstandenen Novelle “Der Tod in Venedig” das Talent des fiktiven Schriftstellers Gustav von Aschenbach, “den Glauben des breiten Publikums und die bewundernde, fordernde Teilnahme der Wählerischen zugleich zu gewinnen”2, womit das Konzept bereits angelegt war und zu ihrer Übertragung auf die Novelle selbst einlädt, die ihrerseits sowohl zu den erfolgreichsten deutschen Novellen gehört als auch für ihren Reichtum an Wortgewandtheit und Anspielungen geschätzt wird.
Anwendbar ist der Terminus auf viele Werke der Weltliteratur. Das bezeichnete Konzept wird als konstituierende Eigenschaft postmoderner Literatur verstanden. Joachim Rickes zeigte, dass auch die Romane Daniel Kehlmanns Doppelte Optik verwenden.4 Das ist mit einigen Beispiele belegbar. Etwa die vielen Namen von Künstlern und Autoren in “Ich und Kaminski”: Neben Pablo Picasso, der als erster Prominenter ein Bild des Malers Manuel Kaminski kauft, und Vincent van Gogh werden unter anderem Henri Matisse, Diego Velázquez, André Breton, Édouard Manet und Hieronymus Bosch in unterschiedliche Bezüge zu den beiden Hauptfiguren gesetzt. Während den meisten der zahlreichen Leser, deretwegen “Ich und Kaminski” zu einem internationalen Erfolg wurde, diese Namen etwa so austauschbar erscheinen dürften wie die der eigens erfundenen Figuren, ergeben sich für Kenner weitere Deutungsansätze aus dem bekannten Wirken dieser Persönlichkeiten und ihrer Einbettung in den Roman. Ebenso wird das Buch im Ganzen vielen zurecht als eine unterhaltsame Erzählung über zwei sehr verschiedene Männer vorkommen. Erst bei genauerer Betrachtung empfiehlt sich z.B. die allegorische Ausdeutung als eine Suche nach Gott, der allerdings seinen Blick auf die Welt verloren hat und von dieser ihrerseits vergessen worden ist.
In der “Vermessung der Welt” indessen wird Humboldt von vier Ruderern den Orinoco entlang begleitet, die ihn damit nerven, ständig Erfundenes zu erzählen, in dem nicht einmal eine Lehre steckt. Diese Spannung führt zu mehreren komischen Situationen, doch erst mit der speziellen Erkenntnis, dass die Namen der vier – Carlos, Gabriel, Mario und Julio – den zeitgenössischen spanischsprachigen Schriftstellern Carlos Ruiz Zafón, Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa und Julio Cortázar zugeordnet werden können, lässt sich ihr Erzählen in diesem Zusammenhang weiter interpretieren.


  1. Dass dieser Artikel dem Wikipedia-Artikel gleichen Namens stark ähnelt, hat den einfachen Grund, dass ich auch letzteren erstellt habe. []
  2. Eberhard Lämmert: Doppelte Optik. Über die Erzählkunst des frühen Thomas Mann. In: Karl Rüdinger (Hrsg.): Literatur Sprache Gesellschaft. München 1970, S. 50–72. []
  3. Thomas Mann: Der Tod in Venedig. Erzählungen. Aufbau‑Verlag, Berlin und Weimar 1980, S. 193. []
  4. Joachim Rickes: Die Metamorphosen des ‘Teufels’ bei Daniel Kehlmann – “Sagen Sie Karl Ludwig zu mir”. Königshausen & Neumann, Würzburg 2010, ISBN 978-3-8260-4339-0, S. 49f. []
Verfasst von: Manuel | 23.02.2014

Computerspiele

Wer sich noch an den Zivilschein-Podcast “Lost Technology” erinnert, dem wird auch Pierre noch bekannt sein. Dieser traf mich in Berlin-Mitte, und gemeinsam besuchten wir das Computerspielemuseum. Über dieses und über Computerspiele allgemein unterhielten wir uns daraufhin in der Feinbäckerei am Rosa-Luxemburg-Platz bei Backwaren und authentischen Berliner Straßengeräuschen.

Um Computerspiele ging es hier bei Zivilschein schon so einigemale, das Computerspielemuseum ist sogar im “Lost Technology”-Artikel schon verlinkt. Was Pierre und ich dazu zu sagen haben, liegt hiermit als Podcast vor.

Als Stütze bei der Frage, ob sich eine mp3 von 90 Megabyte voller Kühlschrankbrummen und Autogeräuschen lohnt, empfehlen sich vier Teaser aus dem Podcast: “Flutschfinger (Cornetto-Langnese-Consolewar)”, “Hornbrille”, “Qualität (nur noch mit dir)” und “Foursquare-Mayor der Citytoilette (Gamification des Alltags)” deuten schon an, wo wir beide überall hinassoziieren.

Interessante Links zu den besprochenen Themen:


Für Ergänzungen, Korrekturen, Anmerkungen und Diskussionsbeiträge bitte wie üblich die Kommentare aufsuchen.

Heute wird endlich formalisiert, was seit Wochen in Stein gemeißelt steht: Die SPD stimmt der Großen Koalition (“GroKo”) zu. Danach heißt es wieder “Durch die Nacht mit mit Union und SPD”, vier Jahre lang. Die mit knapp 80% größte Koalition aller Zeiten lässt sich dabei aber nicht zu unüberlegten Schnellschüssen hinreißen, sondern findet als die Koalition der klugen Kompromisse mit Augenmaß immer den richtigen Mittelweg als gemeinsame Lösung.
Zivilschein wirft einen Blick darauf, wie die kommenden vier Jahre als Konsens zwischen den verschiedenen Ausgangspositionen aussehen:

  • Zwar gibt es keine Mietpreisbremse, aber immerhin auch kein Mietpreisgaspedal.
  • Einerseits wird kein richtiger Mindestlohn eingeführt, andererseits aber eben auch kein Höchstlohn.
  • Deutschland wird sich zwar verstärkt an Kriegen beteiligen, dabei jedoch strengstens auf deutsche Wirtschaftsinteressen achten.
  • Es gibt doch keine doppelte Staatsbürgerschaft. Aber wenigstens können die in Deutschland lebenden Türken ihren Türkenpass behalten.
  • Zwar gehts jetzt wieder mit “Autobahn” und “Ausländer” los, dafür aber erstmal nur in Form einer PKW-Maut.
  • Natürlich kommt die Vorratsdatenspeicherung wieder. Allerdings diesmal mit besserer PR. So wird die Einführung unter einem schöneren Namen stattfinden (z.B. “Freiheitsdatenliebe”).
  • Zugegeben, Nahles und Gabriel als Minister sind schlimm. Dafür setzt aber diesmal auch die Union nur Dreckfressen ein.
  • Die Energiewende wird endgültig begraben. Zum Ausgleich allerdings auch jeder andere politische Richtungswechsel.
  • Direkte Demokratie wird wegen verfassungsrechtlicher Bedenken Sigmar Gabriels stärker ab- als aufgebaut. Im Gegenzug wird mit indirekter Demokratie ebenso verfahren.
  • Auf der einen Seite wird keine Reichensteuer eingeführt. Auf der anderen Seite bleibt auch Armsein weiterhin steuerfrei.1
  • Über das bedingungslose Grundeinkommen wird die nächsten Jahre nicht nachgedacht. Aber eben auch nicht über bedingungslose Grundausgaben.
  • Die absehbaren Lohnkürzungen werden ausgeglichen durch unabsehbare Sozialkürzungen.
  • Zwar gibt es weiterhin keine Ehe für Homosexuelle. Dafür werden reiche Homosexuelle aber auch nicht durch das Ehegattensplitting bevorteilt.
  • Zügig wird das Urheberrecht weiter verschärft. Allerdings werden auch Industrie und Verlage stärker an den Gewinnen beteiligt.
  • Noch vor Ablauf der Legislaturperiode kommt es zu einer verbindlichen Frauenquote – wenn auch zunächst nur für das Regierungsoberhaupt.
  • Wenn der Spitzensteuersatz abgesenkt wird, tritt im Gegenzug eine Garantie ein, dass noch mindestens bis zum Ende der Legislaturperiode “Wer wird Millionär?” im Fernsehen läuft.
  • Im Gesundheitssystem kommt es zwar zu keiner Ablösung der Unterscheidung zwischen Privat- und Kassenpatienten, dafür wird aber auch die Praxisgebühr nicht wieder eingeführt.
  • Die Regierung wird gleich ab 2017 zusätzliches Geld in die Bildung investieren. Und zwar in die von Marietta Slomka.

  1. Diese Vorhersage hatte der Gurkenkaiser schon vor Wochen mal getwittert. []
Verfasst von: Manuel | 09.12.2013

Der 30c3: Die sind Helden

Vom 27. bis zum 30. Dezember findet der 30c3 statt, der 30. durch den Chaos Computer Club ausgerichtete Kongress. Seit kurzem ist der “Fahrplan” dazu online, also die vorläufige Aufstellung der geplanten Veranstaltungen.

Bereits der 29c3 im letzten Jahr verlief alles andere als unproblematisch. Das wäre Anlass genug, bei der diesjährigen Organisation etwas mehr Verantwortungsbewusstsein an den Tag zu legen. Stattdessen enthält bereits der “Fahrplan” einen Vortrag von Jacob Appebaum und Julian Assange, der wohl per Skype (!?) aus der ecuadorianischen Botschaft in London zugeschaltet werden soll. Julian Assange ist nicht nur das Gesicht von Wikileaks und sitzt seit Jahren auf tausenden geleakten, aber unveröffentlichten Dokumenten, die er als Druckmittel einfach zurückhält, bis ihm etwas zustößter hat auch mehrere Vergewaltigungen begangen, vor deren Ahndung er sich seit einiger Zeit drückt.

Auf die bereits aufkommende Kritik schon im Vorfeld der Veranstaltung erkärt CCC-Sprachrohr Frank Rieger, Julian Assange sei ein Held, seine Taten “böse Facetten”.
Auch anderswo wird der Diskurs mit dem Heldenbegriff geführt. Der erscheint immer in Zusammenhang mit der ersten Person Plural: “Wir” “brauchen” “Helden”. Wer in diesem “Wir” eingeschlossen wird, bleibt genauso unhinterfragt wie wozu Helden überhaupt gut sind, wenn man nicht gerade 12 und auf der Suche nach einer Orientierung im Leben ist.

Eine Auseinandersetzung mit Assanges Taten wird gern unter dem Verweis auf rechtsstaatliche Prinzipien verweigert: Er ist ja nicht verurteilt, daher muss er als unschuldig gelten. Das wäre interessant, würde der Prozess gerade laufen und das Urteil leider erst ganz kurz nach dem Kongress fallen. Der Rechtsstaat, der Anklage erhebt, den Beschuldigten vor ein Gericht stellt und Pro und Contra abwägt, um zuletzt ein Urteil im Namen des Volkes zu sprechen, ist aber gerade etwas, das Julian Assange ablehnt. Er floh aus Schweden, wo genau das geschehen würde, und er entzog sich mit seiner Flucht in die Londoner Botschaft von Ecuador auch dem Zugriff der britischen Behörden, die ihn zu diesem Zweck (und nur diesem) nach Schweden (und nur dorthin) überantwortet hätten. Man kann diese Darstellung – ebenso wie ein Ernstnehmen der eigentlichen Vergewaltigungsvorwürfe – für naiv halten und wie Julian Assange selbst eine Verschwörung vermuten, deretwegen dieser in die USA verschleppt und dort unfair behandelt werden würde. Dann gibt man die Legitimation über rechtsstaatliche Argumente aber gänzlich auf.
Wer hier das Verfahren nach prinzipiellen rechtsstaatlichen Grundsätze fordert, sollte sich zudem überlegen, auf welcher Seite beispielsweise der “Free Pussy Riot!”-Aufrufe er damit gestanden hätte: Diese Gruppe wurde 2012 für Taten, die auch in Deutschland strafbar wären, auf Anklage der Staatsanwaltschaft nach längst erlassenen Gesetzen durch ein legitimiertes Gericht verurteilt. Natürlich sind die Haftstrafen für die Frauen falsch, aber nach rechtsstaatlichem Ermessen sind sie ebenso “schuldig” wie Julian Assange “unschuldig” ist.

Tatsächlich geht es gar nicht um Rechtsstaat, weil der CCC keine Behörde ist und selbst oft genug mit dem rechtsstaatlichen Gesetz in Konflikt war. Bei keinem anderen Speaker wird gefordert, dass irgendeine Institution zuerst ihr Ermessen abgeben müsste, bevor eine Zulassung erfolgen könnte (wobei das die lange Leitung bei der Veröffentlichung des 30c3-Programms erklären würde), der CCC ist da souverän. Worum es geht, ist Verantwortung.
Seiner gesellschaftlichen Verantwortung könnte der CCC sich stellen, indem er sich mit Julian Assange angesichts seines Hintergrundes in irgendeiner Art auseinandersetzt. Ihn über die Verklärung zum “Helden” unangreifbar zu machen, ist eine Verweigerung dieser Verantwortung. Ihn unter Verweis auf einen noch nicht erfolgten Schuldspruch, dessen Ermöglichung er ja noch dazu mit allen Mitteln zu verhindern versucht, als “unschuldig” zu deklarieren, bedeutet ein Abwälzen dieser Verantwortung. Beides fällt dem CCC aktuell leichter als das Integrieren von feministischen Hackerinnen.

Eine tiefergehende Diskussionen zum Thema liefert Sanczny:

Das Fandom dieses Helden spinnt Verschwörungstheorien und investiert eine Menge Energie ins Ignorieren von Fakten.

Ich sehe selber, dass sich Leute auf diese Verschwörungstheorien beziehen und sich darüber lustig machen, als könnte sowas nicht sein. Und ich finde es naiv, zu glauben, dass die USA sowas nicht aufsetzen könnten. Die exportieren verkürzte Vorstellungen von Demokratie und Freiheit mittels Krieg. Klar könnten die jemandem eine Vergewaltigung anhängen. ABER SIE MUSSTEN ES NICHT. Julian Assange hat Dinge eingeräumt, die sich als Vergewaltigung qualifizieren [Quelle]. Penetration ohne Zustimmung. Penetration einer schlafenden Frau. Jetzt erklärt mir mal bitte, wieso Penetration von schlafenden Menschen keine Vergewaltigung ist? Was stimmt mit euch nicht?

Vergewaltigung ist keine Ansichtssache. Penetration einer schlafenden Frau ist Vergewaltigung. Das sollte euch unabhängig vom jeweiligen Rechtssystem einleuchten. Nachträgliche Zustimmung macht nicht wieder gut, dass er sie schlafend penetriert hat. Und dass eine Frau, der gerade droht, ohne Zustimmung und ohne Kondom penetriert zu werden, den Typen, der auf ihr drauf liegt auffordert, ein Kondom zu benutzen, ist keine Zustimmung zu Sex. Das ist Geistesgegenwart. Das ist Selbstschutz. Man kann von Leuten nicht erwarten, in einer gefährlichen Situation “Nein” zu sagen oder sich “angemessen” zu wehren. Der Frau die Verantwortung aufzuerlegen, nicht ohne ihre Zustimmung penetriert zu werden, ist Rape Culture. Männer könnten einfach respektieren, dass Frauen nicht einfach anfickbar sind.

Man braucht keine Feminist*innen zu mögen, um zu merken, dass das scheiße ist. Da muss man nur für 5 Cent nachdenken.

Auch Hans’ Überlegungen sind sehr lesenswert:

Die öffentliche Reaktion des CCC-Spitzenpersonal ist Abschottung. Anstatt sich dem Diskurs zu stellen, wird Assange banal als “hero” verklärt. Ein bisschen, wie man als 15-jährigens Kid sich nicht den linken “Helden” Che Guevara durch die Debatte um seine Kriegsverbrechen, zu denen auch Vergewaltigungen gehörten, kaputt machen lassen wollte. Aus Trotz hat man das T-Shirt auch zur nächsten Demo angezogen, bevor man drüber nachgedacht hat. Aber hier sind erwachsene Leute am Werk, die gesellschaftliche Rahmenbedingungen mitbestimmen. Wenn die solche Trotzreaktionen bringen, dann ist das nicht entschuldbar, sondern einfach nur gefährlich. Einen Personenkult um Menschen zu fahren, die Vertreter_innen ihrer Strukturen im Rampenlicht waren, verschließt den Blick auf Diskursgegenstände, die wir uns dringend vornehmen müssen, nämlich eine strukturorientierte netzrevoltierende Arbeit.

Aber dann bleibt noch die Frage, warum eine Organisation einer emanzipatorischen und gesellschaftskritischen Veranstaltung überhaupt jemanden wie Assange die Bühne gibt. Die Antwort ist einfach: der 30C3 ist keine emanzipatorische Veranstaltung, genauso wie die geselllschaftskritische Komponente eine staatstragende, reformistische ist. Der ehrwürdige Chor, der “Zensur! Meinungsfreiheit! Rechtsstaat!” singt, hat da seine Jahreshauptversammlung. Assange ist die Garantie dafür, dass der Kongress in den Medien landet und einen gesamtgesellschaftlich bekannten Namen präsentieren kann. Er ist nur die logische Konsequenz dessen, was der Chaos Computer Club seit Jahren als Strategie verfolgt.

Verfasst von: Manuel | 27.01.2013

Re: Aufschrei

Seit Donnerstagnachmittag werden auf Twitter sehr viele Tweets mit dem Hashtag #aufschrei verfasst. Dieser Hashtag ist für Schilderungen von Frauen, wie sie Belästigungen, Übergriffe, Sexismen etc. alltäglich erleben oder von ihnen geprägt wurden.
Begonnen hatte das mit einer Unterhaltung zwischen @vonhorst und @marthadear. Seither sind bereits einige Sammlungen und eine sehr lebhafte Debatte um die Tweets entstanden. Andernorten werden Erlebnisse auf mehr als 140 Zeichen verarbeitet.
Auch die Presse berichtet mittlerweile über die Aktion.

Für Männer sind solche geballten Entladungen unangenehmer Erfahrungen oft sehr überraschend, denn zu ihnen ist die Welt, die sie erleben, ganz anders als zu den betroffenen Frauen. Die häufigsten Reaktionen sind basses Erstauenen darüber, womit Frauen täglich konfrontiert sind (oft verbunden mit Aufrufen, die Schilderungen ebenfalls zu verfolgen) – und Kritik an der Aktion als solcher.

Unter den sehr vielen kritischen Einwänden gibt es vereinzelt auch legitime und der Sache angemessene, die auch entsprechend diskutiert werden.
Die meisten ergießen sich aber in demselben Unsinn, der bereits genau so im Rahmen der Übergriffe auf dem 29C3 gegen die “Creeper Move Cards” vom Thema ablenkte.
Ein klassisches Beispiel dafür ist “Das Schreien der Lämmer”, das auch immer noch eifriger weitergereicht wird als die längst vorhandenen Antworten.

Auf zwei klassische Abwehrmuster möchte ich noch einmal eingehen: Das eine ist “Aber Männern passieren doch auch…”, mit dem die Erlebnisse von Frauen delegitimiert werden, weil auch Männer unangenehme Erfahrungen machen. Das andere ist “Wenn so ein bisschen Busengrapschen schon Belästigung ist, kann man ja bald gar keine Frau mehr ansprechen, ohne gleich als Sexist zu gelten!” – gern wird auch unter Verweis auf die ganz unterschiedlichen Wahrnehmungen auch unter Frauen hiermit eine Überempfindlichkeit der Betroffenen attestiert, die somit ja auch dem ganzen Kampf gegen Vergewaltigungen (oder gleich dem ganzen Feminismus) schadeten.

“Aber auch Männer werden belästigt!”

Zunächst einmal: An #aufschrei nehmen tausende von Frauen teil. Vielen der Tweets und vor allem Blogeinträgen lässt sich entnehmen, dass die Verfasserin mehrere Erlebnisse zur Sache schildern kann und viele erzählen auch mehreres.
Ich habe darüber nachgedacht, ob ich sexualisierte Belästigungen gegen mich erfahren habe, von denen ich erzählen könnte. Mir fallen nur zwei Vorfälle ein, vergleichsweise wenig. Ich möchte vom ersten davon, als Einzelfall, berichten, um eine männliche Perspektive beizutragen.

Ich war 18 Jahre alt, als ich eines Sommerabends ein Konzert auf der Hutbergbühne in Kamenz besuchte. Nach dem Konzertschluss ging ich dort wieder hinaus, wo ich in den Publikumsbereich reingekommen war. Natürlich nicht alleine, ich war in Begleitung, aber wie das in Menschenmengen oft ist, kam nach ein paar Metern ein gewisse Abstand zwischen uns. Das Auto war wie viele andere auf einem Dreckplatz geparkt, zu dem der Weg durch ein Stück Wald führte und weitestgehend unbeleuchtet war. Einige hundert nur schemenhaft erkennbare Menschen latschten also – keineswegs dichtgedrängt, sondern eher lose – über Gras und Staub. Als ich gerade wieder auf offenes Gelände kam, hörte ich jemanden von hinten näherkommen, der unverständlich vor sich hin nuschelte. Ich habe das nicht auf mich bezogen und mich demnach auch nicht bedroht gefühlt, deswegen war ich sehr erschrocken, als ich von hinten am Arm gepackt wurde. Sein Gebrabbel endete mit “…du kleiner Käfer!” (vielleicht euch “…geiler…”, sehr undeutliche Aussprache) und er hielt mich auf der Stelle und drehte mich zu sich um. Ich trug damals meine Haare relativ lang und blond gefärbt, und das war zu jener Zeit nicht das erste oder das letzte Mal, dass mich jemand bei schlechten Sichtverhältnissen für eine Frau hielt. Ich war nicht sonderlich kräftig und konnte weit und breit niemanden sehen, den ich kannte. Ratlos, was eigentlich gerade passiert, sah ich in das überraschte Gesicht eines etwa vierzigjährigen Mannes, schlank, aber deutlich stärker als ich. Sein Gesicht war narbig und er selbst offenbar rotzeblau. Kurz kniff er die Augen zusammen, begriff, was für einen Fehler er gemacht hatte, und trollte sich dann wortlos. Mein Schreck legte sich erst am Auto, verarbeitet hab ich das alles erst später.
Ich hatte Glück, dass der Mann sofort abließ und ging, mit anderen Wildfremden im Alkoholrausch hatte ich schon schlimmere Straßenbegegnungen – allerdings nie mit sexuellen Absichten. Was genau passiert wäre, wenn er statt mir tatsächlich eine jugendliche Frau erwischt hätte (die womöglich genauso – oder noch mehr – verblüfft gewesen wäre als ich), male ich mir lieber nicht aus.

Dass ich so etwas nur erlebt habe, weil ein Mann mich kurz für eine Frau gehalten hat, zeigt: Entweder bin ich eine Ausnahme, der solche Übergriffe ganz besonders selten passieren und dieser war ein spezieller Zufall – oder ich habe einfach als Mann weniger zu befürchten als die Frauen, die jeweils mehrere deutlich krassere solche Vorfälle erlebt haben.

“Da werden aber auch ganz harmlose Komplimente überbewertet!”

Auch gern “Ist jetzt jede dumme Anmache gleich sexistisch?” oder “Wie soll man sich denn dann überhaupt Frauen nähern, ohne gleich als Sexist zu gelten?”. Besser als andere zeigt diese Art Argument, dass es immer noch als schlimmer empfunden wird, als übergriffig benannt zu werden, als übergriffig zu handeln: Problematisch sei nicht, was passiert, sondern wer als was “gilt”.

Was die Bewertung dessen angeht, was Belästigung ist und was nicht, möchte ich folgende vier Punkte klären:

1. Jeder Mensch hat seine eigenen Grenzen.
Manche suchen gern körperliche Nähe anderer, auch wenn sie ihnen noch nicht sehr gut bekannt sind. Anderen sind selbst kurze Berührungen nahestehender Menschen schnell zuviel. Manche mögen anzügliche Witze und Doppeldeutigkeiten. Andere sind von Anspielungen schnell gekränkt.
Es gibt keine für alle funktionierenden Richtlinien, was mit anderen gemacht werden kann und was nicht. Nur weil man eine Bekannte hat, für die ein bestimmtes Verhalten in Ordnung geht, ist dieses Verhalten noch lange nicht anderen gegenüber akzeptabel.

2. Jeder Mensch bestimmt seine eigenen Grenzen. Anderen steht darüber kein Urteil zu.
Sicher gibt es viele, denen das Verhalten bestimmter Menschen sehr offen vorkommt, weil sie selbst sehr viel engere Grenzen um sich ziehen. Und auch viele, denen das Verhalten bestimmter Menschen sehr steif vorkommt, weil sie es als normal empfinden, andere näher an sich heran zu lassen.
Niemand ist aber ein besserer oder ein schlechterer Mensch als ein anderer, weil er seine Grenzen in bestimmter Art zieht. Kultur und Gesellschaft kennen bestimmte Normen, wie offen zu sein in Ordnung ist, aber diese legitmieren niemanden, über die Grenzen anderer zu urteilen. Wenn eine Person andere sehr nahe an sich heranlassen möchte, ist das ihre Entscheidung. Wenn eine Person großen Abstand halten will, ist das ihre Entscheidung. Über beides hat niemand sonst zu befinden.

3. Jeder Mensch reagiert auf Grenzüberschreitungen auf seine Art.
Manche Menschen werden sehr aggressiv, sobald ihre Grenzen überschritten werden. Andere erklären nüchtern, wo das Problem liegt. Wieder andere kommen erst später auf den Vorfall zurück. Manche artikulieren sich gar nicht.
Nichts davon ist schlecht oder falsch. Niemand kann anderen vorschreiben, sich “zu wehren” oder “nicht so aufzuregen”. Erst recht ist niemand wegen seiner Reaktion auf eine Grenzüberschreitung “selbst schuld” oder für das Verhalten anderer mitverantwortlich. Vorwürfe an Personen, denen “drüber reden” schwerfällt, sind daneben.

4. Anderer Menschen Grenzen zu überschreiten ist unangebracht.
Es kommt nicht darauf an, ob eine Grenzüberschreitung Absicht war oder nicht, welchen Zweck sie haben sollte oder wie sie gemeint war. Grenzen sind zu achten, wann eine Überschreitung vorliegt, hat nur zu entscheiden, wessen Grenzen es sind und niemand ist in der Pflicht, die eigenen Grenzen von sich aus zu kennzeichnen oder ihre Verletzung zu benennen.


Ebenfalls diesen Monat wurde der Begriff “Opfer-Abo” zum Unwort 2012 erklärt.

Nachtrag: Um Erziehungsfragen im Zusammenhang (In welcher Welt werden unsere Kinder groß?) machen sich Mama arbeitet, berlinmittemom und Das Nuf sehr lesenswerte Gedanken.

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