Verfasst von: Manuel | 05.04.2009

Notizen über Diablo

Ich habe in Vorbereitung auf das Sommersemester gerade Diablo durchgespielt – nachdem ich dieses Gezock seit ich es als Teenager samt Hellfire durchgespielt hatte, nicht mehr angerührt hab. Diesmal als Magier, den ich damals nur ein paar Level weit gespielt hab, bevor mir das zu langweilig wurde und ich aufgab.
Der von mir geschätzte Literaturwissenschaftler Michael Masanetz hat mal sinngemäß gesagt, je größer das eigene Wissen ist, desto größer ist der Genuss von Neuem. Je mehr man also mitbringt, womit man die Inhalte etwa eines Romans in Beziehung setzen kann, desto mehr solcher Beziehungen kann man entdecken und umso reichhaltiger ist das eigene Leseerlebnis.
Das gilt für Computerspiele selbstverständlich auch. Je mehr man mit Shadowrun vertraut ist, je mehr William Gibson man gelesen hat, je mehr man andere Cyberpunk-Spiele wie System Shock, Deus Ex oder Blade Runner man gespielt hat, desto mehr clevere Details entdeckt man in einem hochdurchdachten Meilenstein wie System Shock 2.
Und so habe ich in Diablo auch diesmal ein paar Dinge bemerkt, die vor gut zehn Jahren noch völlig an mir vorbeigegangen sind.

Vor allem, wie viel NetHack noch in Diablo steckt.
Ein einzelner Hauptcharakter ohne Begleiter, Beschränkung auf nur die nötigsten Attribute und keine Skills, zufallsgenerierte Dungeons, Basic, Magic und Unique Items… ein Großteil der Elemente, für die Diablo ob seines Mutes so viel Lob einheimste, waren in NetHack schon seit Jahren ein alter Hut.
Ich habe letztes Jahr mehrere Tage dafür draufgegeben, Monster’s Den1 zu spielen: Rein in den Dungeon, alle Monster plätten, alle Räume plündern, die Ausrüstung verwerten, die Stufenanstiege managen, Treppe runter, das Ganze von vorn. Bis man dem Obermotz begegnet und ihm den Arsch versohlen kann. Diablo ist genau so (nur ohne Heldengruppe und dafür mit einem Dorf, wo man das angeraffte Gerödel verhökern kann): Nach den vier Leveln Kirche gibt es vier Level Katakomben, dann vier Level Höhle und vier Level Hölle. Die paar Sidequests nebenher werfen nette Gegenstände ab, fallen aber sonst nicht weiter auf.
Tatsächlich ist Diablo so unheimlich fesselnd, weil es zum bewährten NetHack-Konzept (ebenso wie Monster’s Den) überhaupt nichts hinzufügt – der noch tiefgreifendste Unterschied ist der Spielverlauf in Echtzeit statt Runden; das dürfte wohl unter dem Eindruck von Doom u.Ä. in den Designprozess eingeflossen sein.

Und wo wir schon Doom erwähnen: Inhaltlich ist Diablo mit dem Ballerfest von 1993 fast auf demselben Niveau. Diablo schießt sich im Vergleich sogar noch selbst ins Bein, weil es dabei furchtbar prätentiös vorgeht: Die Sprachausgabe, mit der über das ganze Spiel verteilt ein paar vor Kitsch triefende Textabsätze aus den Lautsprechern quillen, ist dermaßen überzogen dramatisch, dass es hackt. Dabei verpasst man nicht das Geringste, wenn man – wie eben in Doom vorgesehen – seine Zeit nicht weiter mit Lesen (respektive Zuhören) verschwendet, sondern einfach niedermäht, was einem in den Weg eiert und mitnimmt, was so rumliegt. Die übergreifende Story um den Sin War und die diversen Nebenfiguren ist einfach nur wie draufgenagelt und erfüllt keinen spielrelevanten Zweck.

Überhaupt nimmt sich Diablo inmitten eines ganzen Bergs abgestandener Klischees geradezu furchtbar ernst. Wenn man im dritten Level der Hölle zwischen feuerballschleudernden Akolythen und testosteronstrotzenden Blutrittern erstmals von Diablos rechter Hand – einem finsteren Erzmagier namens Lazarus, welcher ein Kind opfern will – erfährt, weil eben jener zufällig seinen Zauberstab irgendwo hat rumliegen lassen, muss man schon sehr stark vom Spiel mitgerissen sein, um nicht laut loszulachen… oder eben ein ahnungsloser Teenager.
Und wer jetzt zur Ehrenrettung von Diablos Humorverständnis das Wort “Kuhlevel” verwenden möchte, den fordere ich heraus, nacheinander drei Karten aus einem beliebigen Spielset Munchkin laut vorzulesen, ohne zu kichern.

Update: Achja, noch eine Sache an Diablo ist sehr nethackig: Das Speichersystem. Es gibt pro Spielercharakter nur einen einzigen Saveslot, der bei jedem Speichern wieder überschrieben wird. Wenn man keine Backups macht, kann man nie zum Zustand eines früheren als des letzten Savegames zurückkehren. Was nach meiner Erinnerung damals im Allgemeinen übergangen oder allenfalls kurz negativ angemerkt wurde, hat für einen PC-Spieler merkwürdige Folgen: Man kann einen Dungeon, den man besonders gut fand, nicht ohne weiteres nochmal anspielen oder einem Freund zum Spielen geben – beides Features, die bei anderen Spielen mit zufallsgenerierten Levels bis dahin für zentral gehalten wurden.
Diablo 2 hat das noch weiter in Richtung professionelles NetHack getrieben (zumindest nach dem, was ich gelesen habe, angespielt hab ich den Nachfolger nie): Speichern kann man dort nur noch dann, wenn man zugleich das Spiel verlässt, was damals von der Spielepresse auch zurecht scharf kritisiert wurde: Damit hat sich jede Just-for-Fun-Aktion erledigt, weil man zum Speichern nicht nur seinen vorigen, geplanten Spielstand überschreiben, sondern fürs Weiterspielen erst zeitaufwändig das Spiel beenden und neu starten muss. Mal eben wegspeichern, weil man in einem neuen Gebiet angekommen ist oder kurz vor einem schweren Kampf steht, fällt damit auch flach – im ersten Teil war zumindest noch das kein Problem.

Sehen Sie demnächst in dieser Reihe: Wieviel Dungeon Keeper steckt in Black & White und Wieviel Warhammer steckt in Warcraft?


  1. Monster’s Den hat mit “The Book of Dread” inzwischen eine erweiterte Version bekommen, die gegenüber dem Original eigentlich nur Vorteile hat.[]
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Responses

  1. […] interessieren mich meine Vorhaben von vorgestern? In diesem Blog geht es auch um Musik und Bücher? Es folgen Artikel über “Black & White” und über “Warcraft”? Für jede Woche des ganzen Jahres wird ein Gratis-Spiel rezensiert und in gewissen Abständen gibt […]

  2. Trotzdem liebe ich Diablo. Ein Spiel, bei dem man so richtig schön abschalten kann. Man muss überhaupt nicht auf irgendeine Story aufpassen, sondern nur niedermetzeln was da ist. Ich muss gestehen, ich habe es bestimmt schon 5x durchgezockt, dabei allerdings sicher 3x chancenlos vor Diablo gestanden um festzustellen, dass ich meinen Character komplett verzockte hatte. Die Erweiterung “Hellfire” ist ja sogar noch dämlicher ist als das Original. Dieser total bescheuerte Alien-Level ist so ziemlich das Letzte. Und ich bleibe dabei: I’m lovin’ it™ :-D

  3. […] Meine kritischen Notizen über das überschätzte KillerComputerspiel „Diablo“ […]

  4. […] hier rein gehören natürlich Genrehybriden, wie Diablo, Deus Ex oder Battle for […]


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