Verfasst von: Manuel | 21.10.2009

“Zimmer frei!” mit Martin Sonneborn

Anfang des Monats machte die Nachricht die Runde, dass Martin Sonneborn, Bundesvorsitzender der Partei “Die PARTEI” und ehemaliger Chefredakteur der Titanic, bei der WDR-Sendung “Zimmer frei!” zu Gast sein sollte. Die Aufzeichnung jener Folge fand offenbar im September statt, wurde jedoch nicht wie geplant am 4. Oktober ausgestrahlt. Nachdem diese Meldung durch die Presse ging und sich Sonneborn dazu auch in Interviews geäußert hatte (NGZ-Online, Meedia), gab es scheinbar Aufforderungen an den WDR, die Sendung doch noch zu senden. Der WDR reagierte mit einer nachgeholten Ausstrahlung am Dienstag um 0:15.
Und das zu Recht.

“Zimmer frei!” ist ein Format, das von der Chemie zwischen dem charmant-geschickten Götz Alsmann und der ernsthaften Christine Westermann lebt. Mit ihrem Zusammenspiel mit dem jeweiligen Studiogast steht und fällt das ganze Konzept. Wenn sympathische und umgängliche Publikumslieblinge wie Anke Engelke oder Thomas Quasthoff zu Gast sind, entspinnt sich entsprechend hervorragende Unterhaltung. Man isst nett zu Abend, unterhält sich über das Mahl, spielt ein paar eigens auf den Gast zugeschnittene Spiele, es gibt Musik, es gibt Videoeinspieler und zuletzt entscheidet das Publikum, dass der Studiogast “in die WG einziehen darf”, also ein toller Gast war (was ungefähr so aussagekräftig wie der Applaus am Anfang von “Wetten dass…?” oder die Höflichkeit der Jury in der “Mini Playback Show” ist).

Martin Sonneborn ist nun aber weder charmant noch ein besonderer Sympath. Er ist ein Satiriker und wer seine öffentlichen Auftritte kennt, der muss wissen, dass seine Art von Humor mit Eierjonglieren, Tortenwerfen und Saft-am-Geschmack-Erkennen nichts zu tun hat und er in klassischem Unterhaltungsfernsehen nicht richtig funktionieren kann.
Warum das WDR sich trotzdem für ihn als Gast entschieden hat und was man sich dort dabei gedacht hat, lässt sich nur vermuten. Zwar hieß es, bei “Zimmer frei!” wäre man davon ausgegangen, Sonneborn träte nicht “in seiner Rolle als Vorsitzender der PARTEI” auf, aber er ist nunmal der PARTEI-Vorsitzende. Zudem sagte Sonneborn selbst: “Es gab die Bitte, ebenso wie die Ansage, ich könne auf der Bühne machen, was mir gefällt. […] Lustigerweise hat mir die Redaktion ein Wahlbüro oben ins Zimmer gebaut und sich dann gewundert, daß ich in der Umgebung über Politik rede.” Unter diesen Voraussetzungen kann das Verwundern des WDR also kaum ernst gewesen sein.

Die entstandene Sendung ist also weder auf frivole “Zimmer frei!”-Art unterhaltsam, noch ist sie subtil beißend und hintergründig scharf wie man es von Sonneborn und der Titanic gewohnt ist. Äußerst sehenswert ist sie aber dennoch, nämlich als überfälliges Zeugnis davon, wie Fernsehen aussieht, wenn es nicht so läuft, wie es soll – nicht wegen kleiner Pannen oder alberner Versprecher, sondern weil ein altbewährtes Konzept von grundauf scheitert.

Schon direkt zu Beginn baut sich eine Spannung vor allem zwischen Sonneborn und Christine Westermann auf, die im weiteren Verlauf zu einer immer größeren Kluft wird. Westermanns Job in der Sendung ist es, zugleich mütterlich-privat und journalistisch-investigativ Nachfragen über das persönliche Leben und die Gefühlswelt zu stellen, während Götz Alsmann Lücken überbrückt und kleine Scherze einbaut.
Mit Sonneborns steifer, scheinbar arroganter Art kommt sie jedoch nicht klar.

Zu Beginn lacht Sonneborn noch ein paarmal ungezwungen:

Aber jedesmal reißt er sich sofort zusammen, und diese lockeren “Entgleisungen” werden später bei ihm seltener:

Sichtlich unwohl ist Westermann, als sie Sonneborn in ihrer typischen Einfache-Hausfrau-Art eine Frage stellt, wie sie in einer solchen Sendung als Steilvorlage für joviales Geflirte dienen soll, mit denen der Gast Sympathiepunkte sammeln kann.
Sonneborns Antwort lässt sie eiskalt stehen:

Westermann: Muss man intelligent sein, Herr Sonneborn, um Ironie zu verstehen?
Sonneborn: Ich glaube nicht.

Schweigen. Irritation bei Westermann. Das offenbar im Vorhinein stark angeheizte Publikum überbrückt mit Gelächter und Applaus, worauf sich Westermann zu einem gequälten Lächeln durchzuringen versucht, an dem sie kläglich scheitert:

Etwas besser gelingt die Gesprächsführung Götz Alsmann, etwa als Sonneborn davon spricht, die Bundestagswahl wiederholen lassen zu wollen. Aber auch hier bleibt der Dialog spröde, zwischen Alsmanns spritzigen Bemerkungen und Sonneborns hintergründigem Gestus:

Alsmann: Man spricht von afghanischen Verhältnissen.
Sonneborn: Spricht man?
Alsmann: Ja.
Sonneborn: In Köln?
Alsmann: Überall.
Sonneborn: Mh.
Alsmann: Vor allen Dingen in Kabul.

Gesprächspause. Sonneborn blickt Alsmann verschmitzt an, versucht ihn aus der Reserve zu locken:

Sonneborn: Das war lustig, Herr Alsmann.
Alsmann: Im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Dann geht man zum ersten Spiel über, das bereits die Essenz der restlichen Sendung aufzeigt: Sonneborn interessiert sich keinen Augenblick lang für den Spielverlauf und überlässt den Moderatoren das Spiel und den Sieg, begibt sich selber lieber sofort auf die Metaebene (“Was sie so für Wörter kennen!”). Die sorglosen Verknüpfungen mit seiner Person und seinen persönlichen Geschichten, zu deren Aufbau die Spiele eigentlich nur Anlass sind, torpediert er mit distanzierender Ironie, indem er ungefähr alles, was die Moderatoren über ihn sagen, von sich weist (“Ich hatte meinen Fahrer gebeten, diesen Fragebogen auszufüllen.”, “Man sagt viel, wenn der Tag lang ist – gerade als Politiker.”). Den Jux macht er eher gelangweilt mit.

Zur Mitte der Sendung wird dem Gast sein Zimmer vorgestellt. Das ist ein Moment, in dem Alsmann aus dem Programm verschwindet und Westermann mit dem Kandidaten über eine Wendeltreppe in eine Kulisse geht, die speziell auf diesen ausgelegt eingerichtet ist. Oft steckt viel Detailverliebtheit in diesen Kulissen und diese sind tatsächlich Anlass für ein paar persönliche Anekdoten während dieses “Vertrauensgesprächs”. Für Sonneborn hat man ein Wahllokal eingerichtet und Westermann hatte offenbar ganz konkrete Fragen vorbereitet, mit denen sie nah an ihn heran wollte. Noch penetranter als die restliche Sendung über spricht sie ihren Gast “Sie als Herr Sonneborn” an und besteht darauf, dass dieser “doch als Martin Sonneborn hier” sei:

Dieser bleibt von Westermanns Vorgehen jedoch unbeeindruckt und erzählt stattdessen von der PARTEI und geht auch nicht auf Westermanns Konzept ein, als diese “wie Frank Plasberg” dazwischengehen und ihre Frage wortgleich erneut stellen will:

Daraufhin reißt Christine Westermann der Geduldsfaden und ihr rutscht ein Satz raus, der wohl zu den besten der deutschen Fernsehgeschichte gehören dürfte:

Herr Sonneborn, wenn ich Sie jetzt im Fernsehen sehen würde, würde ich Sie ausschalten.

Beim letzten Spiel der Sendung, als es darum geht, eine Geschichte zu erzählen anhand von Gegenständen, die man gereicht bekommt, führt Sonneborn das Konzept wiederum vor: Er tut mit der Geschichte an sich gar nichts, sondern bleibt beim Kommentieren der Gegenstände (Riesenrad: “Da sitzen nur ältere Damen drin…”, Rührgerät: “Oh, ein Dings!”):

Als die Zeit vorbei ist, sind Alsmann und vor allem Westermann sichtlich erleichtert.
Die Abstimmung geht so negativ aus wie noch nie (etwa die Hälfte der Zuschauer ist gegen einen Zuzug) und Alsmann kommentiert kritisch: “Überlegen wir uns nochmal.”

Martin Sonneborn macht den inzwischen durch die späteren Interviews bereits bekannten Witz, dass die gezeigte Zustimmung das beste ist, was man als Politiker erwarten kann und verabschiedet sich mit großer Geste:

Tatsächlich hat er mehr gewonnen als nur eine WDR-Unterhaltungssendung: Martin Sonneborn hat der gekünstelten Fröhlichkeit, mit der die meisten Gäste in solchen Sendungen vorspielen, dass sie tatsächlich fröhlich wären und etwas vorzuspielen gar nicht nötig hätten, die Maske heruntergerissen. Er hat mit wenigen Schritten die Sendung entführt und zu einer Satire ihres eigenen Konzeptes gemacht.
Das war nicht besonders charmant oder sympathisch, es war nicht einmal eine besonders gelungene oder gute Fernsehsendung und es war nur mäßig unterhaltsam. Aber es war eine höchst interessante Sternstunde des deutschen Fernsehens.

Man kann sich die Sendung zur Zeit immer noch auf den Seiten des WDR online ansehen, aber ich weiß nicht, wie lange noch. Sicher wird die Folge aber auch bald anderswo auftauchen.

Weitere Meinungen?

Update:

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Responses

  1. Ich schau mir die Sendung gerade an und schmeiß mich weg :D

    Die gute Frau ist ganz offensichtlich vollkommen überfordert mit Herrn Sonneborn’s Verhalten – einfach köstlich!! ;)

  2. […] Kommt jetzt eine Verbotsforderung? Damit Christine Westermann nicht mehr eingeladen wird? […]

  3. Lang ist’s her und die Sendung – komplett verschwunden. Das hat man selten. Der WDR kann was.


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