Verfasst von: Manuel | 19.04.2010

Wie man mit Kritik nicht umgeht

Ich lese gerade einen Forenthread zu einem Comic, über den ich bei Comicgate gestolpert bin.
Mich hat gewundert, dass die Ästhetik des Comics und seine Darstellung von Introspektion, von Gedanken und Gefühlen so überzeugend wirken, während die Dialoge und der Plot äußerst schwach sind.

In der Diskussion zum Comic zu lesen hat mich zuerst noch mehr irritiert: Das Feedback, das dort vorgetragen wird, ist schlecht und von der eigentlich schädlichen Art Feedback: Es hängt sich an Oberflächlichkeiten auf (Was passiert auf der aktuellen Seite und wie gefällt mir das? Was ist auf den Bildern zu sehen und wie schön finde ich sie?) und, noch schlimmer, es ist fast ausschließlich Lob.
Jemand, der auf seine Arbeit nur solches Feedback bekommt, liefert normalerweise sehr schlechte Arbeit ab und wird sich kaum verbessern.
Nach einem nochmaligen Blick fiel mir aber auf, dass diese Regel hier eher bestätigt als widerlegt wird: In den über zwei Jahren, die zwischen den ersten und den aktuellen Seiten des Comics liegen, haben sich einige Dinge zwar stark verbessert – aber diese (Anatomie der Figuren, Blickwinkel, Colorierung) sind ausschließlich Dinge, die man durch bloße Übung verfeinern kann. Das, wofür Feedback unabdingbar ist, ist konstant seit Anfang der Geschichte entweder gut (“weibliche” Verhaltensweisen) oder schlecht (Dialoge).

Dass er kein sinnvolles Feedback bekommt, ist des Autors eigene Schuld, denn sobald solches aufkommt, verhält er sich äußerst defensiv, verteidigt seine Arbeit oder geht nicht weiter auf die Kritik ein. Teilweise springen ihm sogar seine Fans bei – statt diese Streits unter seinen Lesern, ob der Comic jetzt schlecht oder gut ist, zu unterbinden und die Kritik zu ermuntern, lässt er diese dann eine Debatte untereinander austragen.

Auf diese Art kann man kein wirklich gutes Werk schaffen.
Stephen Bond hat mal fünfzehn dumme Antworten auf Kritik zusammengetragen, von denen die meisten sehr häufig auftauchen. Auch wenn seine Sammlung aus Reaktionen von Fans auf Einwände von Kritikern besteht, sind einige davon auch für einen Kritisierten selbst verlockend.
Jede einzelne davon sollte vermieden werden, weil sie auf jeden Fall mehr schadet als nutzt.

Wenn man sich mit dem Feedback selbst beschäftigt, statt es wie in Bonds Beispielen zu verwerfen, gibt es eine weitere schlimme Falle: Sein Werk dagegen zu verteidigen.
Sein Werk gegen Feedback zu verteidigen ist annähernd das schädlichste, was man tun kann: Man verbaut sich selbst einen distanzierten Blick auf seine Arbeit und man gewöhnt es seinem Rezipienten ab, unvorbehalten Feedback zu geben (womöglich wird er stattdessen höflicher werden und Gefährlichkeiten wie “Ich finds auch gut, auch wenn ein paar Fehler drin sind, aber wenn die Geschichte gut erzählt ist, fallen die ja nicht so ins Gewicht.” von sich geben).

Ein konstruktiver Umgang mit Kritik ist hingegen, dem Kritiker Nachfragen zu stellen: Was genau ist für ihn problematisch und warum? Wie könnte es besser sein? Wäre die Arbeit ohne die kritisierte Stelle besser? Dieses Vorgehen produziert sogar dann hilfreiche Erkenntnisse, wenn der Kritiker destruktiv, herabwürdigend und beleidigend reagiert.
Wenn man durch weitere Fragen keine neuen Antworten mehr bekommt, dann kann man anfangen, sich mit denen, die man bekommen hat, zu befassen. Allein.
Was man erhalten hat, ist ein tiefgehender Eindruck von außen, mit dessen Hilfe man das eigene Werk distanziert abklopfen kann. Vielleicht ist das Feedback völlig daneben und wertlos. Dann kann man es verwerfen und hat immerhin jemanden respektvoll behandelt, der daraufhin auch weiter offen seinen Eindruck schildern wird. Wahrscheinlicher ist, dass mindestens ein Teil davon zu Änderungen führen sollte, durch die die eigene Arbeit besser wird.

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Responses

  1. Ach ja, das ist so ein Thema, über das ich gerade wirklich mal diskutieren wollen würde. Aber Tippseln ist so eine langwierige Angelegenheit und ich habe leider weder Zeit noch Muße dafür. Trotzdem werde ich versuchen, diese Anregung in mein Leben zu integrieren. Danke erstmal für den Denkanstoß. Stephen Bond ist mir allerdings im Moment viel zu polemisch ;)

  2. Ist er mir auch oft. Die Zitate, die er gesammelt hat, begegnen mir aber auch oft und sie sind alle problematisch.

    Viel Glück mit der Anregung – ich habe mich angesichts von Kritik selbst oft ungünstig verhalten. Das nimmt man auch schwer selbst wahr, weil man damit ja hauptsächlich sich selbst schadet, nicht anderen.

  3. Vor allem ist es sauschwer bis unmöglich, alle 5 falschen Antworten zu vermeiden…

  4. 15… nicht 5.

  5. […] “Deine Zeichnung ist wirklich toll. Lass dich nicht ärgern.“ Anstand: “Man kann sehen, dass du Fortschritte machst, aber an den Gesichtszügen […]

  6. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass fundierte Kritik, wie Du sie hier als wünschenswert darstellst, von vielen Hobby-Kreativen nicht gewünscht war. So kam, nachdem ich ernsthaft etwas zu ihren Werken gesagt hatte, sogar die Beschwernis: “Wieso sagst Du mir so’was? X sagte einfach einfach nur, dass sie mehr davon lesen wollte und lobt mich richtig.” Wohl bemerkt kam meine Kritik natürlich nicht uneingeladen.
    Zwischenmenschliche Kommunikation ist wohl all zu oft Konsensbestätigung und gegenseitige Versicherung, ob sie nun ernst ist oder nicht, wie Du auch hier beschreibst: http://zivilschein.wordpress.com/2010/04/25/hoflichkeit-und-anstand/

  7. @Cirno
    Völlig berechtiger Einwand. Ich habe auch oft die Erfahrung gemacht, nach meiner ehrlichen Meinung gefragt zu werden und als Nörgler angefahren zu werden, wenn ich sie offen äußere.
    Viele wollen einfach gelobt werden für das, was sie tun.
    Umgekehrt kenne ich das Problem, allenfalls Bestätigung für Dinge zu bekommen, für die ich nach Meinungen frage – fürs Verbessern der eigenen Arbeit bringt das ja wenig.

    Insofern richte ich diesen Artikel halt eher an Kreative, die ihr Schaffen ernst nehmen, als an irgendwen sonst.


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