Verfasst von: Manuel | 20.04.2010

Die re:publica 2010: Trolliert

Auf der letztwöchigen re:publica kam es zu einem zunächst nicht weiter auffälligen Vorfall, dessen Nachbetrachtung inzwischen harte Auseinandersetzungen nach sich zieht. Themen desselben waren Sexismus, Trolle, und: Krautchan.
Interessant ist, dass nun Grabenkämpfe entlang von Fronten verlaufen, die vorher so nicht vorhersehbar waren.

Krautchan ist ein Imageboard – das wohl wichtigste deutschsprachige. Wie für Imageboards üblich spielt dort Anonymität eine große Rolle und wird dort die eigene Obskurität sehr wichtig genommen.
Aus der Subkultur von Krautchan ist für diese Geschichte wichtig: 1. Krautchan möchte keiner größeren Öffentlichkeit ausgesetzt sein. 2. Krautchan hat ein Feindbild in Sascha Lobo, und dies beruht auf Gegenseitigkeit. 3. Alle Nutzer werden Bernd genannt und viele von ihnen sind technikversiert. 4. Extreme Provokationen gehören zum Alltag.

Sascha Lobo, der ein Stammredner auf der re:publica ist, reichte einen Vortrag namens “How to survive a shitstorm” für die diesjährige Konferenz ein. Ein Krautchan-Nutzer (nennen wir ihn – wie Krautchan das inzwischen tut – Berlinbernd) reichte außerdem unabhängig davon einen Vortrag namens “Haha, ich lachte, Bernd! – Notizen über ein großes deutsches Bildbrett” ein.
Durch beides dürften sich die Trolle auf Krautchan provoziert gefühlt haben, denn Shitstorms sind etwas, wofür Imageboards berüchtigt sind und ihre obskure Subkultur für eine breite Öffentlichkeit transparent zu machen widerspricht dem kulturellen Code.

Das hat viele Bernds dazu gebracht, sich beide zumindest über den Videostream der re:publica-Seite anzusehen. Berlinbernds Krautchan-Vortrag wurde jedoch, weil er im “Blauen Saal” der Kalkscheune stattfand, nicht gestreamt.
Der Videostream zeigte stattdessen die zeitgleiche Diskussion “Das andere Geschlecht – Sexismus im Internet”, die im Großen Saal der Kalkscheune stattfand.
Das heikle Thema Sexismus – diskutiert von und mit Frauen – war ein Fest für die Trolle von Krautchan, die sogleich in der Sicherheit ihrer Anonymität den begleitenden Chat zuspammten; teilweise mit schierem Unsinn, teilweise mit derben Sexismen. Auch der Videostream des drei Stunden später begonnenen Panels “Wenn Prada Pakete schickt – Die neue Macht der Modeblogs” wurde Opfer solcher Trollattacken.

Die Ereignisse sind aus Sicht der Beteiligten, teilweise inklusive Screenshots, gut dokumentiert:

Antje Schrupp hat zwei, drei Gedanken dazu aufgeschrieben und Medienelite diese kommentiert.
Eine weitere Diskussion bietet die Mädchenmannschaft.

Auf einmal stehen hier Sexismusgegner gegen andere Sexismusgegner, Trolle gegen andere Trolle und Krautchanbernds gegen andere Krautchanbernds.

Besonders interessant wird die Geschichte durch die Reaktion der re:publica-Organisatoren. Gestern nachmittag veröffentlichte Johnny Haeusler auf dem re:publica-Blog seine Sicht der Dinge:

[...] tatsächlich erfuhren Tanja und ich davon erst während des Modeblog-Panels und informierten Markus und Andreas, die ebenfalls noch nichts davon wussten, sowie die Mitarbeiter von peoplezapping, die uns sowohl den Stream als auch den Chat zur Verfügung gestellt hatten. Selbige haben sofort damit begonnen, eine Blockier-Funktion für den Chat zu programmieren, denn diese war bis dahin leider nicht vorhanden – ein Manko, ganz klar. Niemand von uns hatte daran gedacht, vorher nach Moderations- oder Blockierfunktionen zu fragen, ein Versäumnis unsererseits.

Als die Trolle ihr Unwesen trieben, wäre die einzig mögliche Gegenmaßnahme gewesen, den Livestream komplett abzuschalten, da dieser technisch fest mit dem Chat verbunden war. Ich traf die Entscheidung, den Stream nicht abzuschalten, denn diesen “Triumph” wollte ich den betreffenden Personen nicht gönnen – das Ziel der wirksamen Störung und der erhöhten Aufmerksamkeit wäre erreicht gewesen.

Peoplezapping setzte stattdessen vorübergehend die Schriftfarbe des Chats auf den gleichen Wert wie die Hintergrundfarbe, damit man als Zuschauer wenigstens seine Ruhe hatte, etwas später am Abend war die Programmierung umgesetzt, die ein Blockieren bestimmter Chat-Teilnehmer durch die einzelnen Zuschauer möglich machte.

Chat und Videostream waren also untrennbar miteinander verbunden – man konnte nur beide zusammen ansehen. Außerdem gab es keine Möglichkeiten, zu moderieren oder Chatter rauszuwerfen. In einem Stream/Chat zu DER deutschen Konferenz zu Netzthemen, die für sich internationale Relevanz beansprucht. In der Tat ein Versäumnis.
Eines, das durch ein zweites Versäumnis aber noch größer wird, auf das in den Kommentaren das Piratenweib bereits hinweist:

1. Der Vortrag von Sascha Lobo zum Thema “How to survive a shitstorm” war ganz klar der erste Grund für die Trolle, den Chat zu stören, wie könnte es auch anders sein. Das hättet ihr euch auch schon vorher denken können.

2. Die zeitgleiche Anlage des Sexismus-Panels und des Bilderbrettbetreibers B.Lieferts. Auch hier hätte euch vorn vornherein klar sein müssen, was das bedeutet. Ich wusste das jedenfalls, seit ich das Programm das erste Mal sah.

(Berlinbernd “Bernd Lieferts” ist kein Betreiber von Krautchan, sondern nur ein Nutzer der ersten Stunde.)
Die vier Dinge, die ich oben zur Krautchan-Subkultur aufgezählt habe, hätten die re:publica-Organisatoren wissen können. Auf jeden Fall hätten sie sie recherchieren oder jemanden haben müssen, der ihnen das sagt – denn zu Imageboards im Allgemeinen gehört, auf sowas gefasst zu sein und neu ist das Konzept ja nun nicht.
Mit Trollattacken konnte man seitens der Organisation also spätestens mit der Einreichung von Berlinbernds Vorschlag ausgehen. Berlinbernd selbst ist übrigens schon vom Unmut seiner Mitbernds ausgegangen.
Fraglich ist: Hat er mit dem Organisationsteam darüber gesprochen? Wer hat seinen Vortrag akzeptiert und ihm seinen Slot zugewiesen, und was konnte derjenige sich unter diesem Vortrag und unter “Krautchan” vorstellen?
Analog: Hat Sascha Lobo die Trollerei geahnt? Hat er, falls ja, diese Ahnung angemeldet?

Fakt ist ja: Es gab eine breite Lücke in der Planung der re:publica und aufmerksam wurde die Organisation darauf durch diesen “Shitstorm”.
Womöglich hätte sie aber vorher darauf aufmerksam werden können.

Update 1: Berlinbernd hat sich inzwischen in die Diskussion auf dem re:publica-Blog eingeklinkt und sagt einige interessante Dinge (auch wenn ich ihm nicht vollumfänglich zustimme).
Einer von den Trollen hat einen langen Text beigesteuert, der sehr gut nachvollziehbar macht, mit welcher Motivik und welchem Selbstbild diese operieren.
Außerdem: Further Reading bei der Mädchenmannschaft und dem Piratenweib.

Update 2: Dringend lesenswert ist dieser Beitrag von “Bernd ‘der-den-Krautchanvortrag-gehalten-hat’ Lieferts”, der eine saubere Analyse der Ereignisse (vor allem derjenigen nach der re:publica) liefert und sehr klug kommentiert. Tenor: Je eifriger man Trolle füttert, desto mehr werden sie trollen.


Responses

  1. Aus Veranstalter-Sicht kann ich nur sagen, dass uns die Korrelation eines Vortrages über Imageboard-Kultur und sexistischen Spamattacken nicht bewusst war. Der Einreichende hat uns auf mögliche Folgen auch nicht aufmerksam gemacht. Im übrigen denke ich, dass es auch so Spamattacken gegeben hätte, weil Sascha Lobo einen Vortrag gehalten hat, auch wenn wir keinen Imageboard-Vortrag angenommen hätten. Sollen wir jetzt mit Rücksicht auf einige Trolle unser Programm gestalten und Themen sowie Sprecher aus Rücksicht auf Trolle zensieren? Das werden wir nicht machen.

    Wir haben den Imageboard-Vortrag angenommen, weil er von einem jungen Teilnehmer eingereicht wurde und im Gegensatz zu vielen anderen Einreichungen schon sehr konkret war und wir viele Facetten des digitalen Lebens im Programm abbilden wollen.

    Was uns nicht bewusst war und was wir beim nächsten Mal anders machen werden, ist, einen Chat im Livestream entweder zu moderieren oder gar nicht zuzulassen.

    Im übrigen saßen auf dem Sexismus-Panel nicht nur Frauen.

  2. @Markus
    Hallo Markus und danke für deine Reaktion.
    Ich finde es gut, dass ihr den Imageboard-Vortrag angenommen habt. Ich weiß nicht, wie er war und was dort gesagt wurde, aber den Gedanken, Imageboards auszuleuchten, finde ich sehr nützlich. Auch ist es in meinen Augen richtig, Trollattacken nicht im Vorhinein Erfolg zuzugestehen, indem man das Programm auf sie anpasst.
    Ich finde aber: Ihr müsstet wenigstens jemanden haben, der merkt, dass es Probleme geben kann, wenn jemand über /b/ redet.
    Und wenn es der Vortragende selbst ist.

    Den “nur Frauen”-Fehler hab ich korrigiert, danke für den Hinweis.

  3. Kleine Anmerkung zum Artikel noch: Krautchan war von Berlinbernds Vortrag zum Thema von vornherein wenig angetan; schon kurz nach Ablauf desselben am Donnerstagnachmittag war das Imageboard nicht mehr unter der sonstigen Adresse krautchan.net erreichbar, sondern nur noch über muelleimer.krautchan.net (Obskurität…).
    Besucher der normalen Adresse bekamen bis eben (Dienstagnachmittag) stattdessen eine Dummy-Seite ohne Link auf das Imageboard zu sehen.

  4. @cosmo
    Schönen Dank auch, aber mittlerweile kennt den Link wirklich jeder.

    Verräterbernds 𝖜𝖊𝖌𝖇𝖚𝖝𝖊𝖓

  5. @Cosmo: Ich muss gestehen, dass ich in die internen Abläufe bei Krautchan keine Einblicke habe. Wir hatten eine Einreichung, eine Krautchan-Moderatorin war auch daran beteiligt und ob es nun im Interesse der Krautchan-Communuity war, dass dieser Vortrag eingereicht und gehalten wurde, haben wir natürlich nicht überprüft und können wir auch nicht checken.

    Wir hatten im vergangenen Jahr moot von 4chan auf der Bühne. Damals gab es keine Probleme. Das war auch eine Motivation, mal dem deutschen Ableger eine Bühne zu geben, zumal wir nicht explizit angefragt haben, sondern wie schon geschrieben, die Einreichung aus der Community kam.

  6. Stephanie von der Mädchenmannschaft hat heute noch mal zu diesem Thema gebloggt: http://maedchenmannschaft.net/in-was-fur-einer-gesellschaft-wollen-wir-leben/
    Und ich habe die Fortsetzung dazu geschrieben: http://www.piratenweib.de/?p=1396

  7. Ach bitte. Die Fake-Parkseite war halt ein Witz, um neue User (angelockt durch den Vortrag) abzuschrecken. Ungewohnte und abrupte temporäre Veränderungen haben Tradition bei der Administration, einmal wurde auch einfach eine Woche ein Stoppschild hingestellt, gestern war anlässlich des israelischen Unabhängigkeitstags alles voller Davidssterne und hebräischer Schriftzeichen.

    Hat im Übrigen funktioniert, ich habe durchaus von Leuten gehört, die nachher auf „dieses Krautchan“ gegangen sind (obwohl ich die URL nicht genannt habe) und verwirrt waren (schließlich ist der Fake recht offensichtlich).

    Wer sich übrigens im Krautchan-IRC herumtreibt, dürfte mitbekommen, dass man sich schon sehr für den Vortrag interessiert — ich zumindest werde ich seit einigen Tagen dauerhaft genervt mit der Frage, wann der Zusammenschnitt endlich online sei.

  8. @erlehmann a.k.a. Bernd Lieferts
    Hallo Nils. Respekt für deinen Vortrag, ich hätte im Vorfeld ehrlich nicht gedacht, dass er angenommen wird, bin aber froh, dass du das geschafft hast.

    Du sagst, dass Krautchan auch unabhängig der Veranstaltungen von Sascha Lobo und dir auf die re:publica aufmerksam geworden wäre. Kannst du erklären, warum ausgerechnet gleichzeitig mit deinem Vortrag der Videostream zugespammt wurde, während die letzten beiden re:publicas (wo weder Krautchan thematisiert wurde noch Sascha Lobo als Antagonist für Krautchan wahrgenommen wurde) keine solchen Vorkommnisse hatten?
    Falls du auf die Userzahlen bei Krautchan verweisen möchtest, gib doch bitte zugleich eine Schätzung ab, wieiviele Trolle an der Spamattacke beteiligt waren.

  9. @cosmo

    Es waren über 9000 beteiligt.

  10. Nachtrag: Sowohl dieser als auch der Blogartikel von Berlinbernd wurden in einem Faden auf Krautchan /b/ verlinkt. Für die mit einem stahlharten Magen Gesegneten halte ich den Faden als Beispiel für Krautchans Kultur hier vor.
    Außerdem hat Berlinbernd inzwischen seinen Vortrag zugänglich gemacht: Bei Vimeo sowie als Torrent.

  11. [...] mehr Visits bekommen, als in jeder anderen Woche der vergangenen Monate, was aber hauptsächlich an meinem Artikel über die re-publica-Trolle lag, der ja gar nicht so trashig [...]

  12. [...] Die re:publica 2010: Trolliert [...]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: