Verfasst von: Manuel | 06.05.2010

Nicht Sokrates: Zitiert

Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Diesen Ausspruch hatte ich gestern als von Sokrates stammend zitiert. Zu Unrecht, denn sein Urheber ist mutmaßlich viel jünger und wahrscheinlich kein Grieche.
Mir kam die Zuschreibung zunächst plausibel vor, denn abgesehen davon, dass sie nicht nur mehrfach in der Wikipedia, sondern auch auf mehreren Universitätswebseiten vollzogen wird, klingen ein paar seiner Reden in Platons Politeia für mich gar nicht so weit davon.
Davon abgesehen zitiert Platon seinen Mentor auch mit einigermaßen unphilosophischen Äußerungen wie “Kriton, wir schulden dem Asklepios einen Hahn. Opfert ihm den und versäume es nicht.” – seine wohl letzten Worte.

Auf einen Hinweis hin habe ich ein wenig herumgesucht und diesen Artikel der Zeit gefunden, in dem es heißt:

Der Philosoph beklagt sich [in der Politeia] über eine Auflösung der Rollenverteilung zwischen Alten und Jungen. Auch an anderen Stellen findet man negative Äußerungen des Sokrates über die Jugend. Das genannte Zitat allerdings findet sich zumindest bei Platon nirgends, wie drei ausgewiesene Experten von deutschen Universitäten bestätigen.

Das ist einigermaßen miese Arbeit: Christoph Drösser trägt gewissenhafte Quellenarbeit vor sich her, mit der er ein Zitat als Fehlzuschreibung entlarven will, beruft sich dabei aber auf “drei ausgewiesene Experten von deutschen Universitäten”, die er sich nicht nur nicht beim Namen zu nennen getraut, sondern deren Universitäten er nicht einmal bis zu den Städten, in denen sie stehen, einzugrenzen schafft.
Immerhin gibt er ein paar wichtige Gedanken zu Zitatquellen allgemein ab.

Interessanter ist schon die englische Wikiquote-Seite zu Sokrates, wo das Zitat unter “Misattributions” auftaucht:

  • Apparently dates from 1953: see Respectfully Quoted: A Dictionary of Quotations Requested from the Congressional Research Service, Edited by Suzy Platt, 1989, number 195.
  • See also this discussion about the topic.

Ersterer Link fördert zutage, dass der Aphorismus erstmals in dem Buch “Personality and Adjustment” der Amerikaner Patty und Johnson 1953 nachweisbar ist und spricht von einer 1966 erfolgten

summary of the efforts of researchers and scholars to confirm the wording of Socrates, or Plato, but without success.

Der lapidare Schluss lautet:

Evidently, the quotation is spurious.

Der zweitere führt auf eine kreuzinteressante Diskussion bei Google Answers, in der mitunter gemutmaßt wird, aus welchen Passagen die Zuschreibung zusammengebaut worden sein könnte. Die am ehesten nachvollziehbare verweist auf Buch vier der Politeia, und laut Opera Platonis liest sich der betreffende Teil nach der Übersetzung von Wilhelm Siegmund Teuffel so:

Auch die scheinbar kleinen Gesetzlichkeiten also, fuhr ich fort, welche die Früheren samt und sonders verloren hatten, finden diese wieder auf.

Welche?

Die folgenden: das Schweigen der Jüngeren im Beisein von Älteren nach Gebühr, und das Niedersetzen und Aufstehen und die Verehrung der Erzeuger, und das Haarschneiden und die Gewandung und Beschuhung, und das ganze Äußere des Körpers, und was noch sonst alles von dieser Art ist. Oder meinst du nicht?

O ja.

Aber hierüber Gesetze zu geben halte ich für einfältig; denn sie würden weder befolgt noch irgend Bestand haben, wenn sie mündlich oder schriftlich als Gesetze aufgestellt werden.

Diese Sätze zu dem Eingangszitat zusammenzuführen ist allerdings günstigenfalls eine abenteuerliche Interpretationsleistung. Insofern lässt sich wohl zusammenfassen: Der genannte Satz ist höchstwahrscheinlich aus dem Jahr 1953 und kein Sokrates-Zitat.

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Responses

  1. Vielen Dank für diese klare Aufarbeitung. Ich kannte diese Quellen noch nicht, habe aber den Ursprung entweder Ende der 40er Jahre oder in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts vermutet. Vielleicht findet sich da noch etwas.

    Mich beschäftigt diese Zitatzuschreibung an Sokrates deshalb, weil in ihr ein beunruhigender Ungeist zum Ausdruck kommt. Sokrates wurde ja gerade deswegen angeklagt und schließlich zum Tod verurteilt, weil er die Jugend verderbe. Offensichtlich war für viele Sokrates gerade der Verursacher des Jugendzustandes, der im Zitat beklagt wird. Wenn man dieses Zitat nun Sokrates in den Mund legt, versucht man Sokrates in ein ganz kleines Karo zu vereinnahmen. Das tut Sokrates mit Sicherheit Unrecht und tötet ihn gewissermaßen noch einmal.

    Noch eine zweite Anmerkung: Zu den letzten Worten des Sokrates mit Asklepios und dem Hahn, das Sie eine “unphilosophische Äußerung” nennen. Da habe ich doch etwas gestutzt.

    Wenn Asklepios, als Heilgott und Sohn Apollos, des Gottes des “Erkenne Dich selbst” und des sokratischen Nichtwissens, das Letzte ist, was Platon den Sokrates sagen läßt, ist das natürlich höchst philosophisch. Es ist wahrscheinlich weniger sokratisch als platonisch, wie der ganze Phaidon. Es ist in gewisser Weise eine platonische Summa von Sokrates, die fast unbegrenzte Deutungsmöglichkeiten öffnet.

  2. Vielleicht ist es eine philosophische Summa. Ich würde den Satz aber wenigstens *auch* so lesen, daß damit der bevorstehende Tod als Heilung von langer Krankheit (wofür dem Heilergott Asklepios Dank und also Opfer geschuldet wird) gedeutet wird, und zwar noch einmal spezifischer als Ausweg aus dem profanen Mißverständnis, in das sich Kriton über die Natur der Gesetze begeben hatte, als er es für gerechtfertigt hielt, Sokrates gesetzeswidrig vor seiner Todesstrafe zur Flucht zu verhelfen, nur weil diese Anwendung dieser Gesetze schlecht war.

  3. @Thomas Weber
    Woher kommt Ihre Vermutung, das Zitat sei aus den 40er- oder 20er-Jahren?
    Der Thread bei Google Answers liest sich für mich so, als ob einer der Diskutanten “Personality and Adjustment” in der Hand hatte und Patty und Johnson darin eben nicht nach einem ihrer Vorgänger, sondern vorgeblich “nach Platon” zitieren.
    Um das zu verifizieren, dürfte sich ein Blick in das besagte Buch lohnen und vielleicht eine Anfrage bei Patty oder Johnson, aber mein Rechercheeifer verlässt mich an dieser Stelle.

    Zum, wie Sie sagen, unsokratischen Geist des Zitats kann ich wohl nichts besseres sagen als Sie, der Sie sicher der bessere Sokrates-Exeget sind.
    Ich vermute aber keine Absicht hinter der Fehlzuschreibung, sondern würde Patty und Johnson hier Hanlons Skalpell zugestehen: Womöglich haben sie Sokrates einfach fehlinterpretiert.

    Was Sokrates letzte Worte betrifft: Nunja, aus den Aphorismen großer Männer, die unserem Kulturschatz überliefert sind, ist “Kriton, opfer noch einen Hahn” nicht gerade eine der poetischeren oder erleuchtenderen, oder?

  4. [...] selbst nichts geschrieben hat. Wer zu diesem Thema weiterlesen möchte: hier, auch hier oder hier, sogar hier. Share this:TwitterFacebookGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem dieser post [...]


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