Verfasst von: Manuel | 20.05.2010

Flix sucks: Lutsch meinen stinkenden Schwanz

Um die deutsche Cartoonlandschaft steht es schlecht bestellt: Verdammt wenige deutsche Cartoonisten schaffen es überhaupt über die Relevanzschwelle, und die meisten davon liefern kreuzbiederen Hausfrauenhumor ab, um davon leben zu können.
Ralph Ruthe zum Beispiel stellt seine Anwandlungen originellen Anarcho-Humors ständig zurück, um plattes Stückwerk zu produzieren, um in Frauenillustrierten zur Auslage im Zahnarzt-Wartezimmer abgedruckt werden zu können.
Joscha Sauer hat spätestens mit der Veröffentlichung von “Nichtweihnachten” aufgehört, sein Repertoire zu erweitern und hackt seitdem zunehmend auf alten Mustern herum, um mit seinem Verkauf von Deko-Lemmingen, Yeti-Bettwäsche und Brettspielen (Cartoonbücher gibts in seinem Shop vielleicht auch irgendwo, hab ich aber zwischen all dem Merchandise grad nicht gefunden) der nächste Uli Stein zu werden.
Originelle und gewitzte Cartoonisten wie Hoi Polloi können hingegen von ihrem Werk kaum leben.

Felix Görmann veröffentlicht seit ein paar Jahren als “Der Flix” Cartoonbücher stark schwankender Qualität und führt zugleich auf seiner Homepage ein Comictagebuch (mit sich selbst als Protagonisten) sehr stark schwankender Qualität.

Manche seiner Einträge sind großartige Beispiele witzigen Ideenreichtums, aber die sind seit ein paar Monaten selten. Der aktuelle Cartoon ist ein neuer Tiefpunkt in einer langen Reihe grauenvoll mieser Cartoons: In ihm bekundet der Held seinen Ekel gegenüber stinkendem Käse, den zwei weibliche Nebenfiguren euphorisch verteidigen, und äußert als Pointe: “Aber sich über ungewaschene Pimmel beschweren…”

Beginnen wir mit dem weniger schlechten Teil dieses Totalunfalls: Der Darstellung.
Das erste Bild zeigt eine Käseplatte aus vier Stücken, von denen zwei tatsächlich nach Käse aussehen, eines mehr an ausgedrückte Leberwurst erinnert und eines ein undefinierter Blob ist. Über ihnen bildet sich eine Wolke, in die Flix zum Verständnis seiner geistig unterprivilegierten Leser die Worte “Stink! Stink!” hineingeschrieben hat. Flix ist offenbar selbst überzeugt, Gestank zeichnerisch nicht erkennbar wiedergeben zu können, obwohl er ein Cartoonist ist, der sein Geld mit Zeichnen verdient. Um ihm nicht Unrecht zu tun: Womöglich liegt er damit sogar richtig.
Flix selbst sieht in den letzten zwei Panels mühesparend identisch aus, ist aber detailreich wie immer gezeichnet. Die beiden Käseesserinnen sind hingegen deutlich grober gezeichnet, und, was noch offenkundiger ist, Zyklopenmonster. Das ist wirklich wahr: Ihre Nasen sind nur ein nach unten offener Bogen und ihre Augen nur ein einzelner mittig darübersitzender Kreis.
Das verdeutlicht uns natürlich, dass der lebensnah gezeichnete Held in dieser Geschichte der Gute ist und die grobschlächtigen, einäugigen Mutanten daneben liegen, damit der mental beeinträchtigte Flix-Leser gar nicht anfangen muss, über den Sachverhalt selbst nachzudenken.
Das ist auch nichts neues: Flix setzt schon lange Zyklopen ein, um Mitmenschen darzustellen, die indiskutabel dumme Dinge sagen und grundsätzlich Unrecht haben, weil sie das strahlende Licht der Erkenntnis nicht sehen können, das den Protagonisten umgibt.
Außerdem spart das ja auch Zeit – Disney ist mit weniger Budget ausgekommen und schneller fertig geworden, weil seine Figuren nur vier Finger hatten, warum nicht also auch ein Auge wegsparen bei Leuten, die ohnehin nur Quatsch sagen.

Zur Vollkatastrophe macht diesen Cartoonversuch allerdings nicht die schlechte Darstellung, sondern vor allem sein Inhalt: Flix begegnet zwei Frauen, die anders als er scharf riechenden Käse mögen und seine erste Assoziation ist, wie sie Schwänze lutschen.
Nur zur Auffrischung: Flix ist der Held, der die einzig wahre Art kennt, Kaffee zu trinken und allen Ungläubigen, die Kaffee auf die falsche Art trinken, tüchtig die Fresse poliert.
Dass er nun Mitmenschen ungewaschene Genitalien in den Mund wünscht, weil sie einen speziellen Geschmack für scharfen Käse haben, kann man für in gewisser Weise konsequent halten – oder einfach für Heuchelei: Wer Kaffee mit besonderem Genuss auf bestimmte Weise trinkt, ist ein Held, wer mit besonderem Genuss bestimmten Käse isst, ist aber ein dummer Zyklop.

Das Übelste ist aber, wie Flix seinen Ekel gegen die Käseesserinnen ausdrückt: Er empört sich darüber, dass diese sich “über ungewaschene Pimmel beschweren”. Pimmel! Ist das nicht toll, wie provokant er “Pimmel” sagt? Das kann ja nur bedeuten, dass dieser Cartoon was für echte Kerle ist und alle anderen nur nichts mit ihm anfangen können, weil sie schockiert sind, da sie den Flix als so lieben Typen kennen, richtig?
Falsch. Flix’ Comictagebuch beinhaltet mit großer Freigiebigkeit auch: Den sich in den Mund pissenden Alien, die fette Schwuchtel und den kotzenden Krawattenverkäufer. Falls jemand das Muster dahinter nicht sofort erkennt: Die sind alle vollkommen unwitzig und versuchen, davon mit Vulgärsprache abzulenken.

Nehmen wir an dieser Stelle zugunsten des Zeichners mal an, der Oralsex-Einwurf kommt nicht von da her, dass Frauen (womöglich die beiden Käseliebhaberinnen) ihn bereits für mangelnde Intimhygiene kritisiert haben.
Dann bleibt die Pointe immer noch derb frauenverachtend: Frauen essen etwas, das für Flix unangenehm riecht und der erste Gedanke, der ihm dabei kommt, ist der an Schwanzlutscherinnen. Was will uns der Dichter damit sagen? Frauen, die scharfen Käse mögen, sollen gefälligst auch Schwänze lutschen, selbst dann, wenn sie stinken? Wer keine stinkenden Pimmel in den Mund nehmen will, ist ein abfallfressender Zyklop? Die Weiber solln sich nich so ham?

Der krasse Sexismus, verkauft mit pseudoprovokantem Mario-Barth-Humor, ist die eigentliche Achillesferse dieses Desasters. Ohne wäre dieses Stück nur ein trauriges Häufchen eines schlecht erzählten Witzversuchs. So allerdings ist er ein Fiasko deutscher Cartoonkultur.

Update 1: Etwa zeitgleich mit Flix’ Pimmelcomic hat Chainsawsuit zufällig auch einen Comic veröffentlicht, in dem jemand über das Essen anderer nörgelt. Man sieht: Das geht auch witzig, und zwar ohne Genitalien und ohne Vulgärsprache.
Um indessen zu illustrieren, was ich mit Heuchelei meine, holzt Flix gleich im nächsten Eintrag seines Comictagebuchs wieder gegen die degenerierte Filterkaffeetrinkerschaft.

Update 2: Beetlebum ist der Comic auch… aufgefallen.


Responses

  1. [...] sucks: Zum Lachen in den Keller Ich lege mal zu dem nach, was ich gestern schon gemacht habe: Flix’ Comictagebuch [...]

  2. Yeah! Endlich wichst dem flix mal einer die Fresse ein. “Held” fand ich (für einen deutschen Comic) noch echt Toll. “Sag was” war dann schon wesentlich langweiliger, “Mädchen” hat mich überhaupt nicht mehr interessiert und danach wurde flix richtig schlimm. So isses eben, wenn man sich verheizt.

    Flix ist für mich der Sven Regener bzw. der Wachowski-Brother der Comicszene. Hat ein gutes Werk abgeliefert und versaut es mit flachen Nachfolgern aus dem gleichen Universum.

    Um mal ein gutes Gegenbeispiel zu bringen: alle Bände von “Rudi” von Peter Puck sind cool. Natürlich nicht alle gleich cool, aber doch von toller Qualität. Und warum? Weil Peter Puck sich eben Zeit lässt für seine Comics und nicht einen nach dem anderen rauskloppt.

  3. Die “verheizt”-Erklärung klingt für mich plausibel. Die meisten seiner farbigen Cartoons, die eine zeitlang auf seiner Homepage zu sehen waren und ein paar Wochen lang auch auf web.de veröffentlicht wurden, waren jedenfalls besser als das, was er mit “Da war mal was”, seinem “Faust”-Murks und in seinem Comictagebuch der letzten Wochen abgeliefert hat.

    Danke auch für die Peter-Puck-Empfehlung! Den kannte ich noch nicht…

  4. [...] cosmo zerlegt flix' ekligen, todlangweiligen und frauenverachtenden Mainstreamhumor. Immer feste druff, flix [...]

  5. Ohne jetzt wirklich drin zu sein im Thema: Vulgäre Pimmelcomics können witzig sein. Ich bin ein großer Fan von legorobotcomics (hinter dem Link mal ein Beispiel), weil das ganze auf eine surreale Ebene geführt wird. (Der hier und folgende 6 Teile gehören zum größten Mindfuck, den ich kenne, btw.)

    Kenne mich im Flixversum jetzt nicht so aus, ich weiss noch, ihn vor Ewigkeiten mal gut gefunden zu haben. Da war mal ein Comic, bei dem die Pointe war, dass ein einzelnes zerknülltes Papier als Kristallisationspunkt für ein chaotisches Zimmer fungiert, das fand ich grandios und hab’s dann eine Weile verfolgt, das war dann aber wohl schon kurz vor der Kaffee-Zeit, weil viel mehr kam da nicht.

    An dieser Stelle sei noch auf meine kurze Karriere als Comicinterpret verwiesen: http://apfelkalender.stripgenerator.com/

    Eine Handvoll dank Generator ersteller Scripts, die original niemand versteht. Schon garnicht ohne den Kontext, in dem sie damals entstanden. Aber ich plane, das mal wieder aufzugreifen. Der Comic “Suchbegriffe” ist geradezu flix-esk.

  6. Den Insektencomic finde ich auch beeindruckend, hatte ich gelesen, als du den mal per Twitter verlinkt hast.

    Zudem, Zustimmung: Vulgarität kann witzig sein, Pimmelcomics können witzig sein, sich über den Geschmack anderer lustig zu machen kann witzig sein. Und Flix’ Comictagebuch war sogar schon mal witzig.
    Wäre ich mir nicht all dessen ganz sicher, wäre dieser Artikel nicht entstanden.

  7. [...] dass Flix der Einfall gekommen ist, das mit einer verzierten Sprechblase mit Noten darzustellen, statt „Sing! Sing!“ drüberzukritzeln. Andererseits hatte der Autor wohl sonst nicht viel zu tun mit dieser Episode, weil die ersten drei [...]

  8. [...] hey, immerhin ist das hier mal ein Witz und kein Pimmelcomic, er ist heucheleifrei und es existiert irgendwo eine Pointe. Das ist schon mehr, als wir in letzter [...]

  9. [...] Flix sucks: Lutsch meinen stinkenden Schwanz 8 Kommentare Mai [...]


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