Verfasst von: Manuel | 23.08.2010

DSA im Wandel der Zeit

Das Schwarze Auge (DSA) ist das älteste und bekannteste Rollenspielsystem deutscher Sprache.
1984 durch den damals 35-jährigen Fantasy-Autoren Ulrich Kiesow für eine Kooperation zwischen Schmidt Spiele und Droemer Knaur ins Leben gerufen, entwickelte es sich zum deutschen Standard für Fantasy und Rollenspiel.

Droemer Knaur stieg nach kurzer Zeit aus dem Geschäft aus, Schmidt Spiele gab im Zuge seiner Insolvenz 1997 seine Veröffentlichungsrechte an Kiesows Verlag Fantasy Productions (Fanpro) ab.
Dort wurde DSA bereits jahrelang produziert, von da an aber auch im Selbstverlag veröffentlicht.

Ulrich Kiesow selbst erlebte die Übernahme der Veröffentlichungsarbeit nicht mehr. Anfang 1997 starb der Autor im Alter von 47 Jahren kurz nach der Fertigstellung seines über tausendseitigen DSA-Romans “Das zerbrochene Rad” an den Spätfolgen eines Herzanfalls.
Die “DSA-Redaktion”, jenes Team an Autoren also, die für die wichtigen offiziellen Publikationen des Rollenspiels verantwortlich waren, verlor damit ihren einzigen Chefredakteur. Übernommen wurde diese Rolle durch zwei durchaus unterschiedliche Herren: Thomas Römer, in Fankreisen gern “T-Rex” genannt – und Florian Don-Schauen.

Die ausgehenden Neunziger waren die Blütezeit des deutschen Rollenspiels.
1992, 1994 und 1996 erschienen – “viel zu spät”, wie einige sagen“Die Schicksalsklinge”, “Sternenschweif” und “Schatten über Riva”; “die Nordlandtrilogie”, die in drei miteinander verbundenen Geschichten erstmals DSA als Computerspiel umsetzte.1 Bis heute gehören die drei Teile der “NLT” zu den erfolgreichsten deutschen Computerrollenspielen, und von den vielen tausend Rollenspielern, die dieses Hobby am Spieltisch aufnahmen, fanden große Teile über die Computerspiele zu DSA.
Kiesows “Das zerbrochene Rad” nahm die Bände 56 und 57 der damals noch im Heyne-Verlag erschienenen Romane in der DSA-Welt Aventurien ein, inzwischen gibt es über 120 davon, sowie einige Novellen. Alle zwei Monate erscheint das Magazin “Der Aventurische Bote”.
Desweiteren gab es zwischenzeitlich DSA-Brettspiele, DSA-Sammelkarten, englisch- und französischsprachige Übersetzungen des Rollenspiels, ein DSA-Miniaturenspiel (“Armalion”), und einiges mehr.
Die Neunziger waren überdies die Zeit, in der sich die wichtigen deutschen Fantasy-Conventions gründeten und an immer steigenden Besucherzahlen erfreuten. Eine der ältesten und bis heute bedeutsamsten davon konnte sich Fanpro leisten, selbst auf die Beine zu stellen, und veranstaltet sie seitdem jährlich im Spätsommer: Die Ratcon.2

2004 feierte DSA seinen 20. Geburtstag. Man befand sich mitten in der Überarbeitung der Regel- und Quellenbände anlässlich der mittlerweile vierten Regeledition. Die meisten Veröffentlichungen jener Zeit erschienen verspätet, teilweise um viele Monate, und enthielten fehlerhafte und mangelhaft lektorierte Texte. Fanpro beschäftigte 12 Festangestellte, von denen nicht alle an DSA arbeiteten. Die weitaus meisten Mitarbeiter leisteten ihre Arbeit freiberuflich oder unbezahlt. Von DSA leben konnten nur sehr wenige, aber DSA lebte von sehr vielen.
Schon in den Anfangstagen von DSA war es dem Team um Ulrich Kiesow äußerst wichtig, jeden Input von Lesern, Spielern und Fans ernstzunehmen und auf Übernahme ins Gesamtwerk zu überprüfen. In Zeiten von Breitband-Internetzugängen, kostenlosen Emaildiensten, Instant Messengern, Internettelefonie und Wikis war das Beitragen zu DSA allerdings so leicht wie nie zuvor, und das wurde auch genutzt. Die Zahl der Menschen, die überhaupt etwas zu DSA-Veröffentlichungen beigetragen haben, lässt sich kaum zuverlässig schätzen, dürfte aber locker in die Hunderte gehen.

Nachdem durch die verschiedensten Produkte mit der DSA-Thematik zigtausende junger und weniger junger Menschen geprägt wurden – gerade solche, die selbst im Literatur- oder im Softwarebereich arbeiten -, lässt sich heute keine deutsche Fantasy mehr machen, die sich nicht irgendwie mit DSA vergleichen lassen muss und es daher vermeiden könnte, sich in irgendeiner Art auf DSA zu beziehen.

2007 blickte Fanpro auf zehn Jahre DSA-Veröffentlichungen im Alleingang zurück. All die Produkte, die seit der Schmidt-Spiele-Insolvenz die Rollenspielwelt betrafen, wurden mehr oder minder direkt durch Fanpro entwickelt und verlegt. Das Ergebnis war durchwachsen: Nicht nur ernteten die Texte ob ihrer Qualität und der Terminverschiebungen Kritik und wurden Köpfe über die aktuellen inhaltlichen Entwicklungen geschüttelt.
Auch wurden in den zurückliegenden Jahren mehrere Projekte in den Sand gesetzt, für die Fanpro Geld für die DSA-Lizenz bekommen hatte: Seit der verspäteten und unter ungünstigen Begleitumständen vollzogenen Veröffentlichung von “Schatten über Riva” 1996 hatte es keinen Tag gegeben, an dem nicht mindestens ein DSA-Computerspiel entwickelt wurde, aber nicht ein einziges war veröffentlicht worden (die beiden hoffnungsvollsten Projekte waren “LMK – Legenden der Magierkriege” von Larian Studios und “Armalion” von Ikarion, deren Einstellungen beidenfalls kurz vor Entwicklungsende herb enttäuschten – die Berichte über “Drakensang”, das 2007 bereits zwei Jahre bei Radon Labs in Entwicklung war, wurden entsprechend skeptisch aufgenommen), und dem Vernehmen nach wurden auch Arbeiten an einer Zeichentrickserie, die im deutschen Fernsehprogramm (möglicherweise auf RTL2) ausgestrahlt werden sollte, abgebrochen und daraufhin womöglich zur Romanreihe “Rhiana die Amazone” verarbeitet.
Zudem hatten einige namhafte Autoren Fanpro den Rücken zugekehrt, unter Anderem um für Piper die eigenständige Fantasy-Romanreihe “Gezeitenwelt” zu schreiben.
Der Fantasyboom, der anfang der 2000er auf die Kinofilme “Der Herr der Ringe” und “Harry Potter” sowie deren Trittbrettfahrer hin aufgekommen war, verebbte, was sinkende Verkaufszahlen mit sich brachte; ebenso wie die Conventions Deutschlands immer weniger Besucher zählten – selbst die Ratcon.

Fanpro wechselte die Strategie. Hans Joachim Alpers, Werner Fuchs, Ina Kramer und Britta Neigel, die Vertrauten von Ulrich Kiesow, dem zehn Jahre zuvor verstorbenen geistigen Vater von DSA, gründeten die Significant Fantasy GbR, eine Einrichtung, die alle Rechte an “Das Schwarze Auge” übernahm und seither nichts anderes tut, als Lizenzen dafür zu vergeben.
Horchposten bekam die Lizenz für DSA-Hörspiele. Chromatrix die für die seit 2002 sehr erfolgreichen Handyspiele sowie Browsergames. Fanpro verlegt nur noch die DSA-Romane. Alle Rechte für Publikationen zum Tischrollenspiel DSA bekam der Verlag Ulisses Spiele, der im Zuge dessen auch die DSA-Redaktion übernahm.

Trotz anfänglicher Skepsis angesichts des Wechsels und nachlassender Qualität der Publikationen wurde Ulisses’ Arbeit für DSA bald begrüßt: Der Verlag hielt Veröffentlichungstermine konsequent ein und bezahlte für Texte gut, außerdem vergrößerte er die Redaktion.
Darüberhinaus wurden die Hoffnungen für DSA und für deutsche Fantasy und Rollenspiel allgemein dadurch geschürt, dass nach zwölf Jahren ohne DSA-Computerspiele “Drakensang” tatsächlich 2008 veröffentlicht wurde – mit so großem Erfolg, dass 2010 das Spiel “Drakensang: Am Fluss der Zeit” folgte, dessen Add-On “Phileassons Geheimnis” erst im August 2010 veröffentlicht wurde.
Viel verspricht man sich noch jetzt von den Rückkopplungseffekten, wie sie schon die Nordlandtrilogie mit sich brachte.
2009 wurden im Zuge des 25. Jubiläums einige Klassiker der DSA-Publikationen durch Ulisses neu veröffentlicht. Die Ratcon jenes Jahres war zudem von einigen Aktionen zum Thema “25 Jahre DSA” geprägt.

Ulisses strukturierte jedoch bald die DSA-Redaktion um: Florian Don-Schauen wurde kurz nach der Ratcon 2008, an der er noch engagiert mitwirkte, seiner Funktion als Chefredakteur neben Thomas Römer enthoben.3 2009 ersetzte man das Modell einer Redaktion mit einem Chef durch eine “Kernredaktion” aus fünf festen Mitarbeitern und weitere Redakteure, welche deren Entscheidungen unterstehen.

Die Arbeitsweise, die sich aus Ulisses neuem Umgang mit DSA und denen, die es machen, ergab, führte zu massiven Umbrüchen 2010, die zusammen mit weiteren Umständen um die Marke DSA eine allgemeine Zäsur andeuten, nach der deutsche Fantasy womöglich nicht mehr so funktionieren wird wie zuvor.

Further Reading: Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums zeichnete Spiegel Online 2009 eine Geschichte von DSA in zwei Teilen: Teil 1, Teil 2


  1. Kurzrezensionen zu den Spielen der Nordlandtrilogie wurden hier schon mal veröffentlicht. []
  2. Die Ratcon ist eine von nur zwei Cons, die der Autor dieser Zeilen mehrmals besucht hat. Von der Ratcon 2009 gibt es hier einen Bericht. []
  3. Knapp ein Jahr, nachdem Florian Don-Schauen vom Chefredakteur zum ‘normalen’ Redaktuer wurde, gab er Zivilschein ein Interview über seine aktuelle Arbeit, über DSA, und über die Zukunft des Rollenspiels im Allgemeinen. []
About these ads

Responses

  1. Schöne Übersicht. Aber hier fehlt das Briefspiel, das die Entwicklung von DSA über eine lange Zeit mit geprägt und auch “Nachwuchs” für die Redaktion generiert hat. Mancher heutige Autor hat als Briefspieler begonnen, und es integrierte sehr viele Spieler in die Fortentwicklung auf einer interaktiven Ebene, die so kein anderes Rollenspiel anbot.

  2. Danke für die Ergänzung, das stimmt tatsächlich.

    Über das Briefspiel konnte man offiziell einen aventurischen Adligen spielen und eine eigene Baronie ausgestalten – sowas war vor dem WWW eine verdammt seltene Sache.

    Die deutsche Conventionlandschaft hätte sich wohl auch nicht so entwickelt ohne das Briefspiel.
    Der erste Bilstein-Konvent fand ja sogar noch vor der RatCon statt.

    Als Briefspieler zu DSA gekommen sind unter anderem auch Florian Don-Schauen, Lena Falkenhagen, Anton Weste, Michelle Schwefel und Karl-Heinz Witzko – ein paar dieser Namen werden uns hier noch beschäftigen.

    Mehr zum Briefspiel

    (Ich muss auch gerade feststellen, dass es im aktuellen Boten einen zweiseitigen Artikel namens “Die DSA-Redaktion im Wandel der Zeit” gibt. Das ist nicht nur wegen des ähnlichen Namens merkwürdig, sondern ich hatte bis eben auch keinen Schimmer, dass kürzlich so ein Text schon geschrieben wurde und weiß bis jetzt noch nicht, was drinsteht.)

  3. […] Schwarze Auger Bei der Recherche zum gestrigen Artikel über DSA im Wandel der Zeit ist mir erstmals etwas aufgefallen, das eigentlich sehr auffällig […]

  4. […] Fantasy Productions (FanPro) das Rollenspiel Das Schwarze Auge weiterentwickelt und selbst verlegt, als 2007 die Umstände zu einer Neuorientierung des Rollenspiels zwangen. Die früheren Gefährten des 1997 schon verstorbenen Ulrich Kiesow, der 1984 DSA zur […]

  5. […] […]

  6. […] werden hier keine einzelnen Artikel ohne Kommentierung verlinkt, aber in meiner Recherche zur aktuellen Artikelreihe über die Umbrüche bei DSA bin ich auf ein erst gestern veröffentlichtes Interview […]


Das muss kommentiert werden!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: