Verfasst von: Manuel | 27.01.2013

Re: Aufschrei

Seit Donnerstagnachmittag werden auf Twitter sehr viele Tweets mit dem Hashtag #aufschrei verfasst. Dieser Hashtag ist für Schilderungen von Frauen, wie sie Belästigungen, Übergriffe, Sexismen etc. alltäglich erleben oder von ihnen geprägt wurden.
Begonnen hatte das mit einer Unterhaltung zwischen @vonhorst und @marthadear. Seither sind bereits einige Sammlungen und eine sehr lebhafte Debatte um die Tweets entstanden. Andernorten werden Erlebnisse auf mehr als 140 Zeichen verarbeitet.
Auch die Presse berichtet mittlerweile über die Aktion.

Für Männer sind solche geballten Entladungen unangenehmer Erfahrungen oft sehr überraschend, denn zu ihnen ist die Welt, die sie erleben, ganz anders als zu den betroffenen Frauen. Die häufigsten Reaktionen sind basses Erstauenen darüber, womit Frauen täglich konfrontiert sind (oft verbunden mit Aufrufen, die Schilderungen ebenfalls zu verfolgen) – und Kritik an der Aktion als solcher.

Unter den sehr vielen kritischen Einwänden gibt es vereinzelt auch legitime und der Sache angemessene, die auch entsprechend diskutiert werden.
Die meisten ergießen sich aber in demselben Unsinn, der bereits genau so im Rahmen der Übergriffe auf dem 29C3 gegen die “Creeper Move Cards” vom Thema ablenkte.
Ein klassisches Beispiel dafür ist “Das Schreien der Lämmer”, das auch immer noch eifriger weitergereicht wird als die längst vorhandenen Antworten.

Auf zwei klassische Abwehrmuster möchte ich noch einmal eingehen: Das eine ist “Aber Männern passieren doch auch…”, mit dem die Erlebnisse von Frauen delegitimiert werden, weil auch Männer unangenehme Erfahrungen machen. Das andere ist “Wenn so ein bisschen Busengrapschen schon Belästigung ist, kann man ja bald gar keine Frau mehr ansprechen, ohne gleich als Sexist zu gelten!” – gern wird auch unter Verweis auf die ganz unterschiedlichen Wahrnehmungen auch unter Frauen hiermit eine Überempfindlichkeit der Betroffenen attestiert, die somit ja auch dem ganzen Kampf gegen Vergewaltigungen (oder gleich dem ganzen Feminismus) schadeten.

“Aber auch Männer werden belästigt!”

Zunächst einmal: An #aufschrei nehmen tausende von Frauen teil. Vielen der Tweets und vor allem Blogeinträgen lässt sich entnehmen, dass die Verfasserin mehrere Erlebnisse zur Sache schildern kann und viele erzählen auch mehreres.
Ich habe darüber nachgedacht, ob ich sexualisierte Belästigungen gegen mich erfahren habe, von denen ich erzählen könnte. Mir fallen nur zwei Vorfälle ein, vergleichsweise wenig. Ich möchte vom ersten davon, als Einzelfall, berichten, um eine männliche Perspektive beizutragen.

Ich war 18 Jahre alt, als ich eines Sommerabends ein Konzert auf der Hutbergbühne in Kamenz besuchte. Nach dem Konzertschluss ging ich dort wieder hinaus, wo ich in den Publikumsbereich reingekommen war. Natürlich nicht alleine, ich war in Begleitung, aber wie das in Menschenmengen oft ist, kam nach ein paar Metern ein gewisse Abstand zwischen uns. Das Auto war wie viele andere auf einem Dreckplatz geparkt, zu dem der Weg durch ein Stück Wald führte und weitestgehend unbeleuchtet war. Einige hundert nur schemenhaft erkennbare Menschen latschten also – keineswegs dichtgedrängt, sondern eher lose – über Gras und Staub. Als ich gerade wieder auf offenes Gelände kam, hörte ich jemanden von hinten näherkommen, der unverständlich vor sich hin nuschelte. Ich habe das nicht auf mich bezogen und mich demnach auch nicht bedroht gefühlt, deswegen war ich sehr erschrocken, als ich von hinten am Arm gepackt wurde. Sein Gebrabbel endete mit “…du kleiner Käfer!” (vielleicht euch “…geiler…”, sehr undeutliche Aussprache) und er hielt mich auf der Stelle und drehte mich zu sich um. Ich trug damals meine Haare relativ lang und blond gefärbt, und das war zu jener Zeit nicht das erste oder das letzte Mal, dass mich jemand bei schlechten Sichtverhältnissen für eine Frau hielt. Ich war nicht sonderlich kräftig und konnte weit und breit niemanden sehen, den ich kannte. Ratlos, was eigentlich gerade passiert, sah ich in das überraschte Gesicht eines etwa vierzigjährigen Mannes, schlank, aber deutlich stärker als ich. Sein Gesicht war narbig und er selbst offenbar rotzeblau. Kurz kniff er die Augen zusammen, begriff, was für einen Fehler er gemacht hatte, und trollte sich dann wortlos. Mein Schreck legte sich erst am Auto, verarbeitet hab ich das alles erst später.
Ich hatte Glück, dass der Mann sofort abließ und ging, mit anderen Wildfremden im Alkoholrausch hatte ich schon schlimmere Straßenbegegnungen – allerdings nie mit sexuellen Absichten. Was genau passiert wäre, wenn er statt mir tatsächlich eine jugendliche Frau erwischt hätte (die womöglich genauso – oder noch mehr – verblüfft gewesen wäre als ich), male ich mir lieber nicht aus.

Dass ich so etwas nur erlebt habe, weil ein Mann mich kurz für eine Frau gehalten hat, zeigt: Entweder bin ich eine Ausnahme, der solche Übergriffe ganz besonders selten passieren und dieser war ein spezieller Zufall – oder ich habe einfach als Mann weniger zu befürchten als die Frauen, die jeweils mehrere deutlich krassere solche Vorfälle erlebt haben.

“Da werden aber auch ganz harmlose Komplimente überbewertet!”

Auch gern “Ist jetzt jede dumme Anmache gleich sexistisch?” oder “Wie soll man sich denn dann überhaupt Frauen nähern, ohne gleich als Sexist zu gelten?”. Besser als andere zeigt diese Art Argument, dass es immer noch als schlimmer empfunden wird, als übergriffig benannt zu werden, als übergriffig zu handeln: Problematisch sei nicht, was passiert, sondern wer als was “gilt”.

Was die Bewertung dessen angeht, was Belästigung ist und was nicht, möchte ich folgende vier Punkte klären:

1. Jeder Mensch hat seine eigenen Grenzen.
Manche suchen gern körperliche Nähe anderer, auch wenn sie ihnen noch nicht sehr gut bekannt sind. Anderen sind selbst kurze Berührungen nahestehender Menschen schnell zuviel. Manche mögen anzügliche Witze und Doppeldeutigkeiten. Andere sind von Anspielungen schnell gekränkt.
Es gibt keine für alle funktionierenden Richtlinien, was mit anderen gemacht werden kann und was nicht. Nur weil man eine Bekannte hat, für die ein bestimmtes Verhalten in Ordnung geht, ist dieses Verhalten noch lange nicht anderen gegenüber akzeptabel.

2. Jeder Mensch bestimmt seine eigenen Grenzen. Anderen steht darüber kein Urteil zu.
Sicher gibt es viele, denen das Verhalten bestimmter Menschen sehr offen vorkommt, weil sie selbst sehr viel engere Grenzen um sich ziehen. Und auch viele, denen das Verhalten bestimmter Menschen sehr steif vorkommt, weil sie es als normal empfinden, andere näher an sich heran zu lassen.
Niemand ist aber ein besserer oder ein schlechterer Mensch als ein anderer, weil er seine Grenzen in bestimmter Art zieht. Kultur und Gesellschaft kennen bestimmte Normen, wie offen zu sein in Ordnung ist, aber diese legitmieren niemanden, über die Grenzen anderer zu urteilen. Wenn eine Person andere sehr nahe an sich heranlassen möchte, ist das ihre Entscheidung. Wenn eine Person großen Abstand halten will, ist das ihre Entscheidung. Über beides hat niemand sonst zu befinden.

3. Jeder Mensch reagiert auf Grenzüberschreitungen auf seine Art.
Manche Menschen werden sehr aggressiv, sobald ihre Grenzen überschritten werden. Andere erklären nüchtern, wo das Problem liegt. Wieder andere kommen erst später auf den Vorfall zurück. Manche artikulieren sich gar nicht.
Nichts davon ist schlecht oder falsch. Niemand kann anderen vorschreiben, sich “zu wehren” oder “nicht so aufzuregen”. Erst recht ist niemand wegen seiner Reaktion auf eine Grenzüberschreitung “selbst schuld” oder für das Verhalten anderer mitverantwortlich. Vorwürfe an Personen, denen “drüber reden” schwerfällt, sind daneben.

4. Anderer Menschen Grenzen zu überschreiten ist unangebracht.
Es kommt nicht darauf an, ob eine Grenzüberschreitung Absicht war oder nicht, welchen Zweck sie haben sollte oder wie sie gemeint war. Grenzen sind zu achten, wann eine Überschreitung vorliegt, hat nur zu entscheiden, wessen Grenzen es sind und niemand ist in der Pflicht, die eigenen Grenzen von sich aus zu kennzeichnen oder ihre Verletzung zu benennen.


Ebenfalls diesen Monat wurde der Begriff “Opfer-Abo” zum Unwort 2012 erklärt.

Nachtrag: Um Erziehungsfragen im Zusammenhang (In welcher Welt werden unsere Kinder groß?) machen sich Mama arbeitet, berlinmittemom und Das Nuf sehr lesenswerte Gedanken.


Responses

  1. […] “4. Anderer Menschen Grenzen zu überschreiten ist unangebracht.Es kommt nicht darauf an, ob eine Grenzüberschreitung Absicht war oder nicht, welchen Zweck sie haben sollte oder wie sie gemeint war. Grenzen sind zu achten, wann eine Überschreitung vorliegt, hat nur zu entscheiden, wessen Grenzen es sind und niemand ist in der Pflicht, die eigenen Grenzen von sich aus zu kennzeichnen oder ihre Verletzung zu benennen.” – zivilschein […]

  2. Da ist mein Erfahrungshorizont aber anders…

    Wenn ich mit Freunden oder Kollegen essen oder was trinken gehe und die Bedienung hält mir ihre Brüste ins Gesicht damit sie mehr Trinkgeld bekommt, dann ist das Sexuelle Belästigung.

    Wenn ich mit meinem unter 7 jährigen Sohn auf einer Ausstellung oder Messe bin die für alle Altersklassen freigegeben ist und dann kommen Hostessen an die nur Bodypainting tragen dann ist das Sexuelle Belästigung.

    Wenn mich eine Frau fragt ob ich sie sexuell attraktiv finde und ich nein sage und sie mich dann nicht in Ruhe läßt dann ist das sexuelle Belästigung.

    Wenn Frauen einen XS-Minirock ohne Slip sitzend in öffentlichen Verkehrsmitteln tragen dann ist das sexuelle Belästigung.

  3. @Max
    Die Kellnerinnen und Hostessen, sind die als Hobby in ihrer Freizeit tätig, da wo Sie wohnen?

  4. […] immer mehr über sich selbst und ihr Verhalten. René von Nerdcore schrieb einen längeren Text und Manuel bei Zivilschein formulierte den Grund der vielen Abwehrreaktionen recht […]


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