Verfasst von: Manuel | 05.04.2009

Solo für Klarinette

So, damit hier mal ein bisschen Content in die Bude kommt, widme ich mich als nächstes der im Missionstatement großmäulig angekündigten, aber bislang ausgebliebenen Rubrik „Filme“.
Ich hab von 2003 bis 2006 mal in einem anderen Zusammenhang ein paar Filme rezensiert, die ich um die Zeit herum (größtenteils im Kino) gesehen habe. Und weil meine Meinung zu den Streifen sich in den meisten Fällen kaum geändert hat, gebe ich diese Texte hier nach und nach wieder.

Den Anfgang macht eine Besprechung des schwer unterschätzten Thrillers „Solo für Klarinette“ aus dem Jahr 1998 mit Götz George, Corinna Harfouch und Tobias Schenke.


Vielleicht erinnert sich noch jemand daran, wie Götz George zum Ende der Neunziger zum Inbegriff des rotzigen, arroganten Arschloch-Künstlers stilisiert wurde. Wie er damit identifiziert wurde, bei jeder sich bietenden Gelegenheit irgendwas „scheiße“ zu nennen oder Leuten, die seine Filme nicht mögen, Niveau abzusprechen.
Na gut, der deutsche Film war und ist in den letzten Jahren nichts einfaches – das zeigen auch und gerade die international erfolgreichen Vertreter. Und schwierige Filme sind nicht jedermanns Sache. Und sicher gibt es Leute, die einen Klops wie Wim Wenders „Million Dollar Hotel“ vor allem inhaltlich schlecht finden, obwohl sie ihn tatsächlich schnallen.
Aber auch Filme mit Denken-vor-der-Glotze, die gnadenlos auf jede Action, jeden Gag und alles, was sonst noch populär macht, verzichten, können gute Filme sein. Schwierig, anstrengend, verwirrend – aber gut.
„Solo für Klarinette“ ist so ein Film.

Als kurz nach einem erfolgreichen Polizeieinsatz Kommissar Bernhard Kominka gleich zum Tatort eines Mordfalls gerufen wird, ist er damit eigentlich zufrieden. Schließlich erfüllt ihn sein Beruf voll und ganz und sein Feierabend ließ sich vollkommen desaströs an: Seine Frau fühlt sich mit ihrem geisteskranken Sohn daheim allein gelassen und lässt ihren Ärger über ihre miese Ehe an ihrem Mann aus.
Also begibt sich Kominka zum Tatort, an dem ein Alleinstehender in seiner Wohnung in den Penis gebissen und danach mit einer Klarinette erschlagen wurde. Seine einzige Spur neben einigen mageren Indizien ist eine Frau im roten Regenmantel, die er das Gebäude gerade verlassen sieht.
Als ihn kurz darauf seine Frau aus der Wohnung wirft, sein Vorgesetzter ihm die Karriere versauen will und er beginnt, sich für die Fremde im roten Mantel zu interessieren, gerät er in einen Strudel von Perversion, Kriminalität, Liebe, Selbstzweifeln, Sex, seelischen Entgleisungen, Entscheidungsdilemmata, moralischen Zwängen und der ach so normalen Berliner Alltagswelt.

Erschreckend klar visualisiert, erforscht dieser Film die Gefühle und Gedanken zweier Menschen, die vor den Trümmern ihrer Leben stehen, ohne dabei jemals vorzugaukeln, dass diese etwas ganz besonderes darstellen würden. Im Gegenteil: Zwar wirkt jede der noch so kurz vorkommenden Figuren nach außen zunächst wie du und ich und all die anderen, die jeden Tag das machen, was „normal“ ist, ihren löblichen Motiven nachgehen eigentlich ganz glücklich sein könnten. Aber fast alle von ihnen haben tatsächlich den einen oder anderen Dachschaden, kämpfen mit sich selbst und wissen manchmal ganz und gar nicht weiter.
Im Stile deutscher Krimigeschichten fängt Georges Figur in diesen Film an, distanziert sich aber sehr bald von dessen bekannten Serienrollen und macht das ganze Werk, in das sich der Zuschauer gerade noch so leicht hineinversetzen konnte, zu einem komplizierten, kompromisslosen, ungeschönten Charakterstreifen.

Chips und Bier kann man getrost im Schrank lassen, und wer herzhaft lachen oder beherzt mitschmachten möchte ist mit 95% der Filme des letzten Jahrzehnts besser bedient.
Dieser Knüppel ist nicht für jedermann. Er ist schwierig, anstrengend und verwirrend. Er verzichtet gnadenlos auf jede Action, jeden Gag und alles, was Filme sonst noch populär macht. Ich finde ihn trotzdem gut.

8/10 blutige Klarinetten.

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