Verfasst von: Manuel | 07.07.2009

Zivilschein bleibt im Internet. Aber nicht privat.

Heute abend war ich im Museum für Kommunikation Berlin, wo eine Podiumsdiskussion zum Thema „Lebe lieber digital. Was bleibt im Internet privat?“ stattfand.
Diskutanten waren Arndt Roller, der die Online-Partnerbörse Parship betreibt, der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar, Uwe Hasebrink, Direktor des Hans-Bredow-Instituts und Stefan Niggemeier – moderiert wurde mangels des geplanten Moderators ersatzweise (und ganz gut) von Kai Biermann.

Letzterer sagte einleitend: „Das Thema lautet ‚Lebe lieber digital‘, und wenn ich mir so den Altersdurchschnitt ansehe, wird das eine Informationsveranstaltung.“
Er hatte Recht: Für das netzaffine Thema waren verblüffend viele ergraute oder kahle Häupter im Saal – womöglich hat der Veranstalter selbst so einen Draht zur älteren Generation – und das finde ich sehr gut und richtig so. Informieren dürfte eine der wichtigsten Aufgaben sein, die im Zusammenhang mit der Privatheitsproblematik im Netz bestehen.
Chapeau Kommunikationsmuseum!

Auf diesem Foto nicht erkennbar: Arndt Roller, Peter Schaar, Kai Biermann, Uwe Hasebrink und Stefan Niggemeier (von links nach rechts)
Die Akustik war übrigens noch grauenhafter als dieses Bild.

Ich hatte einen Platz nah am Gang und saß ein paar Meter rechts von Felix Schwenzel, der mich in echt sogar ein bisschen mehr an Wiglaf Droste erinnert als auf Bildern. Sonst kannte ich im Publikum aber keinen. War also wohl keine Bloggerveranstaltung.

Uwe Hasebrink betonte in seinem Eingangsbeitrag, dass Privatheit ein sehr junges Konzept sei: Früher haben eh alle beisammen gelebt und etwas Abgetrenntes „für sich“ hatte niemand. Erst in den vergangenen wenigen Jahrhunderten hätte sich die Idee des Privaten entwickelt und daher sollte man sich bewusst sein, wenn man über „Verlust der Privatsphäre“ redet, dass man über den Verlust von etwas rede, das es noch gar nicht so lange gäbe.
Ich fand das äußerst irritierend. Herr Schaar wies (ohne direkt darauf zu antworten) gleich danach darauf hin, dass es erst durch „das Private“ davon abtrennbar „das Politische“ geben kann und damit hat er natürlich völlig recht: Das, was man Öffentlichkeit nennt, wird ganz entschieden erst dadurch gebildet, dass man es vom Privaten abgrenzt.
Peter Schaar rekurrierte hier (nicht explizit und wahrscheinlich nicht einmal bewusst) auf die Konzepte des Oikos und der Polis, des Haushalts und der Bürgerlichkeit, die aus dem antiken Griechenland als sehr distinkte Ideen überliefert sind: Was nicht auf der Straße, sondern in meinem Haus geschieht, geht nur mich (den Hausherrn) etwas an; in der Antike war das noch radikaler als heute bei uns, denn dort hatten wirklich viele Gesetze grundverschiedene Gültigkeit in Oikos und in Polis.
Insofern hatte Uwe Hasebrink mit seiner Einleitung nicht einfach Unrecht, er redete gefährlichen Unsinn: Nicht nur ist das Private keine neue Mode, an die sich zu klammern aber ganz schön übertrieben ist, sondern es gehört seit es Zivilisation gibt zu den Urbedürfnissen eines Jeden.
Wahrlich: Wem man die Kontrolle über seine Privatheit nimmt, den beschneidet man im Menschsein selbst. Und wer das unterstützt oder kleinredet, der handelt falsch.

Mehrmals im Verlauf des Abends wurde von mehreren Diskutanten eine „Differenzierung des Öffentlichkeitsbegriffs“ angeregt – nicht nur, wer etwas initial mitbekommt und mitbekommen soll muss entscheidend sein, sondern auch, wer alles darauf zugreifen kann.
Sehr überzeugend und bedenkenswert fand ich da Uwe Hasebrinks Beispiel einer Elfjährigen aus einer afghanischen Familie, die ein Tagebuch online schreibt. Dieses Mädchen beginnt, sich für sehr intime Dinge zu interessieren und möchte verständlicherweise nicht Aufzeichnungen dafür verwenden, die in ihrem Zimmer von den Eltern oder Geschwistern gefunden werden könnten. Daher führt sie ein Tagebuch, auf das – passwortgeschützt – nur sie selbst Zugriff hat. Ihre Intimitäten sind vollkommen online – physisch irgendwo ganz woanders, wo sie zu Fuß niemals hinkäme… aber sie sind vollkommen privat, so wie sie es in ihrem eigenen Schreibtisch niemals wären.

Arndt Roller betonte den Aspekt der Freiwilligkeit: Bei freiwillig Angegebenem müsse sich jeder über die Konsequenzen bewusst sein, was Verfälschungen oder sogar Rufmord betrifft läge aber die Verantwortung anders. Hier forderte er klarere Regeln und strengere Gesetze und bewies damit, dass er keine Ahnung hat, wovon er da gerade redet. Alle paar Tage wird jemand abgemahnt oder vor einem Gericht verurteilt, weil ein Markenname irgendwo verwendet wurde oder nachweislich korrekte Fakten über zwielichtige Unternehmen veröffentlicht werden. Wenn das Gesetz hier irgendwohin verändert werden muss, dann eher weg von mehr Strenge und hin zu Nutzerfreundlichkeit und Verbraucherstärkung.

Zum Ende hin konnten sich alle Diskutanten der von Kai Biermann ständig hineinmoderierte These anschließen, dass „Privatheit“ sich ändert. Klar – weil sich die Rahmenbedingungen gerade drastisch wandeln, wandeln sich auch unsere Begrifflichkeiten.
Den interessantesten Gedanken hierzu brachte Uwe Hasebrink ein, der anregte, doch mal die Telefonzelle, die man früher aufwändig schalldicht gestaltete, damit ihr Nutzer bloß für sich behalten konnte, was er da tut (und die „öffentliche (!) Telefonzelle“ genannt wurde), mit den Telefonaten zu vergleichen, die heute lautstark und offen am privaten Handy in der U-Bahn geführt werden.

Ein weiterer kluger und sehr wichtiger Beitrag von ihm während des Schlussteils (dem mit der Publikumsbeteiligung) belief sich darauf, wie Privatheit mittlerweile auch sanktioniert wird: So wie es inzwischen zunehmend schwer ist, als günstige Geschäfte bevorzugender Kunde NICHT seine Daten auf Onlineplattformen rauszuhauen, als diskussionsbegeisterter Mitbürger NICHT in sozialen Netzwerken, Foren oder Blogs seine Signaturen zu hinterlassen, so ist es inzwischen zunehmend schwer, als Schüler NICHT im SchülerVZ vertreten zu sein.

Ein Berliner Zuhörer meldete sich damit zu Wort, es habe sich da jetzt eine ganz eigenartige Partei gegründet, die Piratenpartei, und die fordere „totale Freiheit im Netz“, was soll man denn davon halten?
Stefan umging das offensichtliche Verständnisproblem des guten Mannes, indem er anmerkte, dass der Erfolg der Piratenpartei wohl auch daher kommt, dass bisher Wirtschaft, Medien und eben auch Parteien nicht verstanden haben, was sich wirklich verändert: Natürlich kann man nicht alles frei haben, aber alle Regelungen wie bisher beizubehalten geht eben auch nicht.

Nach der Veranstaltung bin ich nicht weiter geblieben, weil diese Geizkrägen sich nicht mal ein kleines Buffet aus dem Kreuz leiern konnten und ich kein Geld für das vom Veranstalter vorgeschlagene Nobelrestaurant hatte.
Mit Stefan mal über das Internetz und den Journalismus diskutieren kann ich sicher ein anderes Mal.

Update: Das Kommunikationsmuseum hats auch selbst verbloggt und verlinkt auch weitere Berichte.

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