Verfasst von: Manuel | 17.07.2009

Warten auf den Zug

Freitagabend mitten im Hochsommer. Feierabend. Ich sitze am Bahnhof auf einer Zugangstreppe inmitten von Menschen, die auf ihre Züge warten. Meiner hat 90 Minuten Verspätung. Andere 20, 50, 120 Minuten. Eigentlich würde ich schon eine Stunde unterwegs sein und die Landschaft beim Vorbeiziehen beobachten, aber das Schienentransportsystem hat heute offensichtlich einen Verkehrsinfarkt erlitten.

Ursprünglich wollte ich meinen Zug am Hauptbahnhof besteigen, aber als ich ihn dort schon mit 50 Minuten Verspätung ausgewiesen sah, war mein nächster Entschluss, ihm ein Stück entgegenzufahren, um vor dem Hauptteil der Zusteigenden einen Platz zu bekommen.
Nun sitze ich zwischen einem latzhosentragenden, lesenden Arbeiter vor mir und einem sportiven, musikhörenden Mittdreißiger hinter mir.

Während ich ein paar Fahrkarten aus meiner Hosentasche befördere, um sie durchzusehen, bekomme ich einen Anruf. Er sagt mir, dass mein Zug sehr deutlich hinter seinem Pensum liegt und wohl eher 100 als 90 Minuten auf der Uhr hat.
Links von mir sitzt ein mittelaltes und vom Leben gebeutelt wirkendes Paar mit einer aufgeweckten kleinen Tochter. Eine junge Frau mit einem orangenen Kleid steigt zwischen uns die Stufen hinab, wirft einen Blick den Bahnsteig hinunter und geht wieder hinauf, wo sie sich neben ihren Freund setzt und eine Zigarette raucht.

Auf allen Sitzplätzen am Bahnsteig sitzen Leute, manche auch auf dem Boden. Ein paar lehnen an Säulen. Mit mir sitzt eine kleine LKW-Ladung Menschen auf der Treppe. Menschen, die jetzt eigentlich woanders sein wollten.
Während ich leises Herumalbern schräg hinter mir höre und das Kichern der beiden Mädchen, die direkt mir gegenüber mit Bier vor ihren Fahrrädern auf dem Boden sitzen, während ich zwei Kinder beim Haschespiel beobachte und die Kleine links neben mir, die an der Rolltreppe herumturnt, während ich dem Kräftigen vor mir beim Lesen zusehe und den Pärchen, die am Bahnsteig in die Luft starren, kommt mir der Gedanke, dass es vielleicht ganz wohl tut, wenn der Verkehr von Zeit zu Zeit überraschend die Luft anhält.

Rechts vor mir nimmt ein junger Mann mit einer Wegwerfschüssel Chinaessen Platz. Ich frage mich, wie lang er auf seiner Treppenstufe sitzen bleiben würde, wenn sein Zug heute gar nicht mehr führe. Ich überlege, wo er mit seinen Sportklamotten, seinem Rucksack und seiner Laptoptasche hinwill, und ob dort jemand auf ihn wartet.
Ein junger Mann mit einer Mütze in der Hand kommt lässig die Stufen herunter und fragt manche Leute nach etwas Geld. Niemand gibt ihm etwas und er macht bei den Gleisen weiter.
Ich frage mich, wo die Dutzendschaften am Bahnsteig und auf meiner Treppe herkommen. Weil inzwischen schon mehrere Züge ihre Abfahrtszeit überschritten haben, haben sich Menschen versammelt, die sicher in ganz verschiedene Ecken möchten. Wenn sie alle jetzt schon dort wären, ginge es ihnen dann besser? Was haben sie noch vor heute abend und an dem Wochenende, das vor ihnen liegt? Und was würden sie darum geben, jetzt schon damit anzufangen?

Überraschend viele meiner Mitmenschen wirken ausgelassen oder fröhlich, aber andere sind offenbar miesgelaunt oder gelangweilt. Einige sehen nachdenklich an die Wand oder irgendwohin.
Die beiden mit dem Bier mir gegenüber lachen herzhaft auf. Mittlerweile liegen sie auf dem Boden, die Köpfe auf ihren Rucksäcken. Sie hätten im Zug nicht denselben Spaß, und wo immer ihr Weg sie noch hinführt, hätten sie auch nicht denselben Spaß. Spaß sicherlich, und vielleicht größeren, aber sie würden über andere Dinge reden, über andere Dinge lachen, sich über andere Dinge freuen. Es ist nicht nur die Reise, die sie verändert. Auch die Unterbrechung tut das.

Ein Zug fährt ein. Pünktlich. Ein paar stehen auf und stellen sich an die Bahnsteigkante, viele Reisende steigen aus, einige steigen ein.

Reisende… sind sie froh, nicht wie wir anderen lange abwarten zu müssen? Oder nehmen sie uns andere nicht weiter wahr und gehen nur ihrer Routine nach?
Bin ich auch ein Reisender? Und all die, die mit mir auf der Treppe und am Bahnsteig sind? Machen wir nur eine Pause auf unserer Reise oder hat unsere Reise aufgehört für das Warten darauf, dass sie weitergeht?
Wenn unsere Züge niemals kämen: An welcher Stelle hört jemand auf, Reisender zu sein? Wenn er begreift, dass der Zug nicht mehr kommt? Wenn er aufgibt und geht? Oder schon, wenn er sich setzt, um zu warten? Oder erst dann, wenn er an seinem Ziel angekommen ist, egal, um wieviel zu spät?

Ich widme mich wieder den Fahrkarten, die ich zuvor aus meiner Hosentasche befördert habe. Ein paar sind schon benutzt, einige abgestempelt, einige nicht, ein paar sind noch leer. Auch Straßenbahnkarten einer ganz anderen Stadt sind dabei. Reisen, die ich schon gemacht habe, Reisen, die ich noch vor mir habe. Manche habe ich gern unternommen, andere nicht. Manche werden mich zufriedenstellen, manche mich enttäuschen.
Wenn ich eines Tages auf die Reisen in meinem Leben zurückblicken sollte, werde ich wohl feststellen, dass ich auf wenigen Reisen meines Lebens je über eine Stunde hatte, um mir über das Woher und Wohin gründliche Gedanken zu machen.

Mein Zug fährt ein. Viele stehen auf und drängen sich an der Bahnsteigkante. Menschen steigen aus, Menschen steigen ein.
Wo kommen all diese Menschen her? Wo gehen sie hin? Was treibt sie um? Waren sie glücklich, wo sie herkommen, werden sie glücklich sein, wo sie hingehen?

Und wer hätte seine Fahrt auch dann angetreten, wenn er vorher gewusst hätte, wie sie verlaufen würde?

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