Verfasst von: Manuel | 28.07.2009

Zivilschein-Interview (2): Martin Eiser

Nach der Demonstration „Wir sind Gamer! Demonstration für Spielkultur“ am Samstag in Berlin habe ich versucht, einen der Organisatoren der Demonstration, Martin Eiser, zu einem Interview zu bewegen, aber der Mann von der Taz war schneller. Danach hatte der engagierte Videospieler aber auch noch für ein weiteres Gespräch die Zeit und hat sich daher auch meinen Fragen gestellt.
Martin Eiser, Student der Digitalen Medien, beschäftigt sich auch journalistisch wie in seiner Freizeit mit Videospielen. Auf der Berliner Demonstration „Wir sind Gamer! Demonstration für Spielkultur“ vom 25.07.2009 stand er als Anmelder mit seinem Namen ein und ging als Frontshouter mit dem Megaphon voraus, um den Demonstationszug mit den passenden Slogans zu versorgen.

Zivilschein: Die heutige Demonstration war eine Demonstration „für Spielkultur“ im Gegensatz zu…?

Martin Eiser: …zu Spielezensur, zu Spieleverboten, zu Stigmatisierung von Spielern. Eine Demo, die sich dafür einsetzt, dass Spiele anders wahrgenommen werden, dass es eben eine Spielkultur gibt und nicht eine „Killerspiel“-Kultur.

Z!: Siehst du, dass es derzeit in Deutschland eine Zensur gibt, was Spiele betrifft?

ME: Es gibt im Moment in Deutschland auf jeden Fall Anpassungen in Sachen Jugendschutz. Darüber kann man streiten – zum Teil sind die sinnvoll, da trag ich es mit, manchmal sind sie nicht so sinnvoll.
Ich halte es zum Beispiel nicht für sinnvoll, aus einem Spiel das Blut herauszunehmen, weil ich glaube, dass es dann gar nicht mehr diesen abschreckenden Effekt hat, sondern viel einfacher dazu führt, dass man verroht und verstumpft – wenn man überhaupt davon sprechen kann. Dann schon lieber so etwas drin lassen und eine entsprechende Altersstufe davorsetzen. Das halt ich für sinnvoller. Es sollen ja auch nur die Menschen Zugang zu den Spielen haben, wenn sie auch ihrem Alter entsprechen.

Z!: Es gibt in Deutschland verbindliche Alterskennzeichnungen. Spiele dürfen erst verkauft werden, wenn sie altersgekennzeichnet sind. Da gibt es Siegel „Freigegeben ohne Altersbeschränkung“, „Freigegeben ab 6 Jahren“, „ab 12 Jahren“, „ab 16 Jahren“ und „ab 18“. Findest du, dass diese Abstufung so richtig ist? Und findest du, das wird zu streng gehandhabt oder eher zu lasch?

ME: Ich glaube, dass zu viele Altersgruppierungen da auch nicht sinnvoll wären. Ich denke, dass man mit diesem System schon ganz gut fährt. Wenn man noch mehr unterschiedliche Stufen schafft, dann wird es ja auch schwerer, noch zu untrescheiden, was ist jetzt der Unterschied zwischen dem Einen und dem Anderen.
Problematisch ist es ja auch ohnehin immer nur in dem Bereich, wo es um die 16er- und 18er-Titel geht oder darum, ob man es überhaupt auf den Markt lässt. In den niedrigen Bereichen, wo es nicht so sehr ausdifferenziert ist, gibt es diese Probleme ja eigentlich nicht.
Zur Frage, ob das zu streng oder zu lasch gehandhabt wird: Ich denke, dass es schon okay ist, wie im Moment eingruppiert wird. Es gibt schon strittige Punkte, wo man sich fragt: Warum hat das jetzt eine 16er-Wertung bekommen, aber das vor ein paar Monaten ein 18er-Rating? Oder umgekehrt. Aber im Großen und Ganzen haut das schon hin.

Z!: Nun gibt es in der Diskussion um weitere Verbote, auch in der Innenministerkonferenz immer die Argumentation von gewaltverherrlichenden Inhalten, aber auch von menschenverachtenden Inhalten – „menschenähnliche“ Figuren werden „umgebracht“, das sei sittenwidrig… Findest du, dass es solche menschenverachtenden Inhalte in Computerspielen geben sollte und dass sie jeder kaufen können sollte?

ME: Da ist unser Gesetz schon jetzt ziemlich eindeutig. Schon bevor die Innenministerkonferenz sich darüber den Kopf zerbrochen hat, war klar definiert, dass Spiele, die gewaltverherrlichend sind, nicht in den Markt kommen sollen. Und das halte ich auch für richtig.
Die Frage ist natürlich, wie man das einstuft: Je ungenauer ein solches Gesetz festgeschrieben ist, desto mehr Auslegungen hat dann die Politik, wie man damit umgeht. Und wenn ich von Gewalt gegen menschenähnliche Figuren spreche, dann müsste ich wahrscheinlich auch irgendwann „Rayman“ oder „Super Mario Bros.“ oder was auch immer verbieten, weil es da Gewalt gegen „menschenähnliche Figuren“ gibt – denn der Bösewicht Bowser hat ja durchaus sehr menschliche Züge.

Z!: Nun sind ja „Rayman“ und „Super Mario Bros.“ nicht in der Diskussion, sondern genannt werden da meistens „Counter-Strike“ oder „GTA IV“, eher Actionspiele…

ME: …aber gerade bei diesen beiden Titeln wird auch viel Unsinn erzählt. Das fängt an bei „GTA IV“, wo plötzlich die wunderbarsten Funktionen dieses Spiels entdeckt werden. Was man bei diesem Spiel angeblich alles machen kann! Ähnlich funktioniert das bei „Counter-Strike“, wo in der Argumentation Sachen genannt werden, die so gar nicht im Spiel möglich sind.
Für mich geht es bei GTA als Spielzweck auch gar nicht darum, durch die Stadt zu fahren und Leute zu über den Haufen zu schießen oder zu überfahren, sondern es geht darum, möglichst kein großes Polizeiaufsehen zu erregen, es geht darum, die Missionen zu erfüllen und das eben manchmal auch ohne Waffen.

Z!: Man spielt schon einen Kriminellen – und „Grand Theft Auto“ heißt „Schwerer Autodiebstahl“. Brauchen wir solche Spiele?

ME: Brauchen wir „Rambo“? Brauchen wir „Terminator“? Das ist dieselbe Frage. Es geht nicht darum, ob wir einschätzen wollen, ob das Spiele sind, die besonders wertvoll sind oder besonders anspruchsvoll, sondern es geht darum: Sind sie jugendgefährdend oder sind sie es nicht? Das ist die Frage, über die wir sprechen.
Ich würde ja auch nicht Thomas Anders gleich verbieten, weil ich ihn für jugendgefährdend halte, sondern es gibt Organisationen, die das einschätzen. Auch bei Musik wird ja geprüft, ob sie jugendgefährdend ist. Ähnlich sollte das bei den Spielen auch passieren. Ich glaube auch, dass bei einem Spiel wie GTA durchaus – je nach Titel, die Spiele sind ja nicht alle gleich, auch im Spielumfang – eine 16er- oder 18er-Wertung schon angebracht ist.

Z!: Immer wieder wieder kommt das Thema auf nach School Shootings oder „Amokläufen“, wie sie in der Presse auch genannt werden. So etwa in Erfurt, zuletzt auch in Winnenden. An diesen jugendlichen Straftätern fällt auf, dass sie tatsächlich alle das, was man „Killerspiele“ nennt, nämlich Spiele mit gewalttätigen Inhalten, gespielt haben. Siehst du es nicht so, dass diese Korrelation darauf hinweist, dass ein Verbot solcher Spiele sinnvoll sein könnte?

ME: Das ist so ähnlich wie wenn ich sagen würde: 98% der Menschen, die einen Amoklauf begangen haben, haben Brot gegesen; wir müssen Brot verbieten.

Z!: Aber essen müssen wir alle. „Killerspiele“ spielen nicht.

ME: Wir müssen aber auch nicht Brot essen. Wir können ja vielleicht irgendwas anderes essen. So ähnlich seh ich es auch mit Spielen, bei deren Inhalt Gewalt eine Rolle spielt. Wenn ein Spiel ab einem bestimmten Alter freigegeben ist, z.B. ab 18, dann erwarte ich, dass man sich dabei mündigen Menschen gegenüber sieht. Ein Spiel, das Gewalt als Inhalt hat, ist wie gesagt auch mit Actionfilmen vergleichbar – man müsste dann dort anfangen zu zensieren. Es gibt Bücher, die in ihren Inhalten sehr gewalttätig sind, auch darüber müsste man diskutieren.
Viele Jugendliche sind nun einmal Spieler und viele Jugendliche haben vielleicht auch mal den einen oder anderen Actiontitel gespielt.
Ich selbst bin z.B. gar kein Shooterfan, weil ich mit der Steuerung viel zu große Probleme hätte, sondern ich bin mehr so ein Fan von Rollenspielen, Adventures… da ist alles schön ruhig. Aber meine Schwester wiederum, die spielt gerne Shooter. Und das ist ein sehr lebendiges, aufgewecktes junges Mädchen, von der ich keine Angst hätte, dass sie irgendwann Amok läuft.

Z!: Spielt sie auch „Killerspiele“?

ME: Sie spielt auch, was man „Killerspiele“ nennt. Sie hat auch eine zeitlang „Counter-Strike“ gespielt, nicht in einem Clan, sondern nur so für sich. Und sie ist da auch immer ganz fit drin gewesen, anders als ich, der dann immer mit diesem Hoch-Runter-Links-Rechts Probleme hatte.
Und deshalb sehe ich da auch das Problem nicht, sondern ich denke, dass das Problem ein anderes ist.

Z!: Warum gehören diese Spiele, die als „Killerspiele“ bezeichnet werden, in die Kultur hinein?

ME: Ich sage: Videospiele gehören in die Kultur hinein. Das ist ein Unterschied. Es ist ähnlich wie mit der Musik, was ich vorhin schon kurz angedeutet habe: Niemand würde sagen, die Werke von Beethoven oder Mozart sind keine Kultur. Da würde jeder sagen: Das ist Kultur! Musik ist eine kulturelle Errungenschaft von Menschen.
Wenn ich jetzt Modern Talking oder Britney Spears anbringe, dann würden vielleicht einige sagen: Aber das ist doch keine Kultur! Das wiederum stimmt nicht: Musik ist Kultur, und damit ist die gesamte Musik Kultur. Es ist nicht alles anspruchsvoll und vielleicht nicht alles besonders wertvoll. Aber es ist Kultur.
So ähnlich ist es auch bei den Spielen: Man wird nicht darüber streiten, dass dort viel Ästhetik und Arbeit in vielen Spielen steckt. Das einzige, worüber man vielleicht streiten kann, wenn man über den Kulturbegriff spricht, ist: Wie wohltätig sind eben Spiele für die Gesellschaft? Und Spiele sind das Medium des 21. Jahrhunderts. Sie verbinden eben Musik, Bild und zum Teil auch Text miteinander in ganz besonderer Art und Weise und sind deswegen natürlich auch Kultur. Das ist nur eben etwas Neues und es gibt Spiele, bei denen man viel schneller sagen würde: Das ist ein toller Titel, das ist ein Kulturgut. Zum Beispiel kennen heute schon viele Menschen „Super Mario Bros.“, was es seit dem NES gibt, und würden sagen: Natürlich ist das ein Titel, der ganz wichtig ist. Vielleicht nicht jeder, aber es gibt schon eine große Zahl von Menschen, die dieses Spiel gespielt haben und gesagt haben, das ist toll.
Nintendo ist inzwischen mit seinen Produkten tief in die breite Masse der Bevölkerung hineingekommen. Da würde niemand sagen, das muss man verbieten. Niemand würde sagen: Zuviel Dr. Kawashima macht dumm! Aber auch das sind Videospiele, das gehört alles zusammen, es ist alles Kultur. Man kann da nicht eines ausschließen.
Ausschließen kann man nur, was gegen das Gesetz verstößt, was gewaltverherrlichend ist, was menschenverachtend ist. Man kann aber nicht urteilen: Dieses Spiel ist gut, das darf Kultur sein, dieses aber nicht.

Z!: Abschließende Frage: Welches Videospiel hat dich persönlich am meisten beeindruckt?

ME: Nachdem ich es letztens nochmal gespielt habe und es mir immer wieder hängen bleibt: „Secret of Mana“ auf dem Super Nintendo. Das kann ich heute noch spielen und finde die Geschichte immer noch fesselnd!

Z!: Vielen Dank für das Interview!

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Responses

  1. Wenn man mich jetzt vor die Wahl stellen würde, ob ich lieber alle Spiele dieser Welt verboten sehen oder mit Martin Eiser asoziiert werden will, so müsste ich doch sagen: Verbietet sie. Begrabt sie. Alle.

  2. Weil er nicht akzeptiert, dass Dr. Kawashimas Gehirnjogging dumm macht?

  3. Weil er die „Secrets of Mana“-Geschichte „fesselnd“ findet.

  4. […] Die interessanten Aussagen von Demoanmelder und Megaphonhalter Martin Eiser über Computerspiele und… […]

  5. […] werden) und das Wetter fing nach einem zuerst halbwegs sonnigen Nachmittag wieder zu wechseln an. Ich sprach noch kurz mit Martin Eiser und ging dann wieder nach Hause. Noch ein gekillter Spieler: Dieser junge Mann ist selber schuld, […]

  6. […] Mein Interview mit Aktivist Martin Eiser über Computerspiele und Kultur […]


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