Verfasst von: Manuel | 18.08.2009

TV ohne Nutz – Warum niemand das Fernsehen braucht

Der aktuelle Spiegel trägt den Titel „Netz ohne Gesetz – Warum das Internet neue Regeln braucht“. Ich habe die gleichnamige Titelgeschichte nicht bis zuende gelesen, weil ich mir nach ein paar Seiten nur noch die Haare raufen konnte und mir dafür meine Mittagspause zu schade war.
Offenbar ist der Artikel selbst fast so dumm wie sein Name vermuten lässt und damit ein weiteres Stopschild auf dem Weg internetferner Bürger zu einem Verständnis dafür, wie das Netz technisch und rechtlich funktioniert und warum dessen Regulierung in die falsche Richtung läuft.

Letzten Montag rief Markus Beckedahl auf dem bekannten Blog netzpolitik.org dazu auf, ein CDU-Wahlplakat mit Wolfgang Schäuble als Grundlage für eigene Schöpfungen zu nehmen:

Das Motiv ist doch geradezu eine Einladung, etwas schönere Slogans abseits der Partei-PR zu bauen. Und daher eröffnen wir den Remix-Wettbewerb. Zu gewinnen gibt wie immer Ruhm und Ehre. Werdet kreativ.

Innerhalb kürzester Zeit trafen Massen an kreativen Bildbearbeitungen ein, auch von weiteren Plakaten oder ganz anderen Vorlagen. Für weniger Talentierte hat ein Teilnehmer sogar einen automatischen Remix-Generator gebaut.
Tags darauf meldete sich die Fotografin der ursprünglichen Schäuble-Ablichtung zu Wort. Sie wehrte sich gegen die von ihr wahrgenommene „Diffamierung“, sah ihre Kunst verletzt und bestand auf einer Löschung all der Einreichungen und der Aufforderung zum Mitmachen.
Markus Beckedahl ließ es jedoch nach reiflicher Überlegung darauf ankommen. Die Fotografin gab in der taz noch einige sehr wunderliche Stilblüten zum Besten (Klimax des Bizarren: „Ich finde es schade, dass meine Urheberrechte nicht akzeptiert werden, dass es keinen Respekt vor meiner Arbeit zu geben scheint.“), nahm aber von einer Durchsetzung ihrer Interessen auf juritischem Wege Abstand.
Inzwischen gibt es hunderte von Einreichungen zu dem Wettbewerb und seitens netzpolitik.org wird überlegt, die eine oder andere davon wie die Originalplakate am Straßenrand aufzuhängen.

Warum ich gerade diese beiden Geschichten zusammen erzähle? Weil sie mich interessieren. Weil ich sie verfolgt habe und deshalb die Zusammenhänge dahinter verstehe. Und weil jede dieser beiden Geschichten letzte Woche zum Anlass genommen wurde, Internet und Politik im „ZDF-Morgenmagazin“ zu diskutieren.

Schauen wir doch mal, wie das aufbereitet wurde. Zuerst, die Titelgeschichte des aktuellen „Spiegel“ im „ZDF-Morgenmagazin“, besprochen zwischen ZDF-Moderatorin und Spiegel-Redakteurin – Video A:

Eine gute Stunde später sprach der mittlerweile für die Kollegin eingewechselte Cherno Jobatey noch einmal kurz mit derselben Redakteurin über das Titelthema – Video B:

Und nun, besprochen zwischen zwei „Morgenmagazin“-Moderatorinnen, der Schäuble-Remix-Wettbewerb als Beispiel dafür, „wie im Moment Wahlkampf im Internet funktioniert“ – Video C:

Welche wissenswerten Informationen kann ein interessierter „ZDF-Morgenmagazin“-Zuschauer aus diesen Erklärungen gewinnen?
Zum Beispiel diese:

Video A:

  • Im Netz kann sich jeder so bewegen, wie er das möchte.
  • Das Internet ist ein weltweit frei zugänglicher Rechtsraum.
  • Das Internet ist ein Netz ohne Recht.
  • Die Piratenpartei hat sich gegen Ursula von der Leyens „Kinderpornogesetz“ gegründet.
  • Dieses von Ursula von der Leyen lancierte Zugangserschwernisgesetz versucht, bestimmten Seiten „den garaus zu machen“.

Video B:

  • Regeln im Internet müssen erst noch geschaffen werden.
  • Im Internet ist noch kein Recht etabliert.
  • Viele Menschen treibt die Frage um, ob es sein kann, dass man wenigstens „eine Art Recht“ etabliert.
  • Das Internet ist ein weitgehend rechtsfreier Raum.
  • In diesem rechtsfreien Internet fühlen sich viele Menschen sehr wohl.
  • Kinderpornografie, Gewaltdarstellungen, Beleidigungen und Verleumdungen sind „im echten Leben“ nicht möglich.
  • Im Netz dagegen ist all das scheinbar schon möglich.

Video C:

  • Die Piratenpartei ist nicht nur offiziell, sondern auch inoffiziell im Netz unterwegs.
  • Die Piratenpartei stiftet im Netz Unruhe.
  • Hinter netzpolitik.org steckt die Piratenpartei.
  • Netzpolitik.org hat sich ein CDU-Wahlplakat geklaut.
  • Das Thema Netzsperren und die Frage, ob das Internet reguliert werden soll, ist das einzige Thema, welches das Netz bewegt.

Ich bin – ich habe das oben schon angedeutet – mit den in diesen Videoausschnitten besprochenen Dingen relativ gut vertraut. Aus diesem Grund weiß ich, dass jede einzelne dieser Informationen nachweisbar falsch oder irreführend ist. Menschen aber, die das „ZDF-Morgenmagazin“ schauen, werden typischerweise nicht so vertraut mit alldem sein und könnten den Unfug, den diese Sendung da verbreitet hat, leicht für bare Münze nehmen.
Nicht einer der Moderatoren hinterfragt die kontroversen Aussagen seines Gegenübers. Nicht einmal wird die Frage gestellt, warum im Internet nicht dieselben Regeln wie überall sonst gültig sein und durchgesetzt werden sollten. Niemand verwendet einen Moment auf die Überlegung ob es nicht auch legitim sein kann, Netzsperren abzulehnen oder welche tatsächlichen Argumente eine solche Ablehnung begründen könnten.
All der unhaltbare Quatsch, der innerhalb weniger Minuten von diesen Journalisten geäußert wird, steht unwidersprochen im Raum und hunderttausenden Zuschauern wird damit Grund zur Annahme gegeben, dass man ihn auch getrost glauben kann.
Korrigiert wird sowas ja auch nie.

Und hier ist die Crux: Ich kenne mich mit Themen wie diesen deutlich besser aus als mit den meisten anderen Themenfeldern. Ich verstehe eher wenig von wirtschaftlichen Zusammenhängen, von Nahostpolitik, von Infrastrukturen und von noch vielen anderen Dingen. Für meine Informationen zu aktuellen Ereignissen aus solchen Themengebieten muss ich mich also auf Quellen stützen, auf die ich mich verlassen kann.
Nachdem ich gesehen habe, wie Themen, von denen ich zufällig einiges weiß, von Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (eine davon ist immerhin heute-Journalistin) präsentiert werden: Wie könnte ich je wieder auf die Idee kommen, das ZDF als seriöse Quelle heranzuziehen? Realitätsfernen Humbug zum Thema Internet kann ich ganz gut als solchen erkennen, aber bei realitätsfernem Humbug zum Thema Landwirtschaft fehlt mir dazu das Know-How. Es käme auf eine Vertrauensfrage hinaus.

Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen uns aber schon so die Taschen vollgehauen hat bei einer Angelegenheit, bei der wir das bemerkt haben: Warum sollten wir das Fernsehen als Informationsquelle überhaupt noch ernst nehmen?

(Videos via netzpolitik.org (zweimal), Stefan Niggemeier (zweimal) und Lawblog)

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Responses

  1. Genau darin liegt die große Macht des Internet: es wird uns vor Augen geführt, wie lange uns schon „Wahrheiten“ verkauft werden, die wir NIE hinterfragt oder gar geprüft haben. Heutzutage kann ja „jeder was ins Netz schreiben“, und da werden immer mehr Leute – zu recht – vorsichtig, alles zu glauben. Wäre schön, wenn mehr Leute diese Vorsicht auch dem Fernsehen und den Zeitungen gegenüber an den Tag legten.

  2. Das schlimme ist, gerade zu diesen Zeiten gucken eben hauptsächlich Renter Fernsehen bei ARD und ZDF. Die nehmen das für bare Münze, dazu die Aussagen von Zensursula und Co – und das Bild ist perfekt.

    Und schon hat die CDU die Stimmen, die Sie braucht, um die kommende Wahl wieder zu gewinnen.

    Armes Deutschland.

  3. Wäre halt toll, wenn wir die ganzen genervten, gelangtweilten, frustrierten und desillusionierten Jungwähler mal dazu bringen könnten, wählen zu gehen anstatt ihren Rausch auszuschlafen…

  4. @damax

    Genau darin liegt die große Macht des Internet: es wird uns vor Augen geführt, wie lange uns schon “Wahrheiten” verkauft werden, die wir NIE hinterfragt oder gar geprüft haben.

    Aber wozu das noch zulassen? Immer dieses Richtigstellen, auf Unwahrheiten hinweisen, nachbessern, protestieren…
    Kann man zu desinformierenden Fernsehsendungen nicht einfach den Zugang sperren? ;)

  5. Remix Plakate
    Zensur=Diktatur

  6. @reaktor
    Ich beglückwünsche von ganzem Herzen zum Gewinn des ersten Godwin-Pokals auf Zivilschein.
    Wurde nach über 160 Artikeln aber auch mal Zeit, dass jemand einen gepflegten Nazivergleich in die Diskussion einbringt!

    Aber ernsthaft: Möchtest du vielleicht noch was inhaltliches zum Thema beitragen? Du hast doch mehr drauf als das…

  7. […] Kommentar der Woche (20): daMax Endlich sind vergangene Woche mal wieder ein paar bewertbare Kommentare hier eingegangen (Nummer 17 bis 19 stelle ich mir in Ermangelung von Preisträgern selber in den Schrank). Der Gewinner ist dabei einer der fleißigsten Kommentatoren dieses Blogs und bekommt den Kommentarpokal für seine Anmerkung unter meinem Artikel über den Schmarrn, den das ZDF-Morgenmagazin verbreitet. […]

  8. […] Mein flammender Angriff auf das Fernsehen im Allgemeinen, das ZDF im Speziellen und das Morgenmagazi… […]


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