Verfasst von: Manuel | 20.08.2009

Zivilschein veröffentlicht Erzählungen von Franz Kafka. Heute: „Gestern kam eine Ohnmacht…“

Gestern kam eine Ohnmacht zu mir. Sie wohnt im Nachbarhaus, ich habe sie dort schon öfters abends im niedrigen Tor gebückt verschwinden sehn. Eine große Dame mit lang fließendem Kleid und breitem mit Federn geschmückten Hut. Eiligst kam sie rauschend durch meine Tür, wie ein Arzt der fürchtet zu spät zum auslöschenden Kranken gekommen zu sein. »Anton«, rief sie mit hohler und doch sich rühmender Stimme, »ich komme, ich bin da.« In den Sessel auf den ich zeigte ließ sie sich fallen. »Hoch wohnst Du, hoch wohnst Du«, sagte sie stöhnend. Tief in meinem Lehnstuhl nickte ich. Zahllos hüpften vor meinen Augen die Treppenstufen auf, die zu meinen Zimmern führten, eine hinter der andern, unermüdliche kleine Wellen. »Warum so kalt?« fragte sie, zog ihre langen alten Fechterhandschuhe aus, warf sie auf den Tisch und sah mich den Kopf geneigt augenzwinkernd an. Mir war als sei ich ein Spatz, übe auf der Treppe meine Sprünge und sie zerzause mein weiches flockiges graues Gefieder. »Es tut mir von Herzen leid, daß Du Dich nach mir verzehrst. Oft schon sah ich aufrichtig traurig in Dein abgehärmtes Gesicht, wenn Du im Hof standst und zu meinem Fenster aufblicktest. Nun ich bin Dir nicht ungünstig gesinnt und hast Du auch mein Herz noch nicht, so kannst Du es doch erobern.«


Verfasst 1917, ursprünglich ohne Titel

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