Verfasst von: Manuel | 27.09.2009

Die schlimmsten Wähler, die es gibt

Wählen gehen!

Heute ist Bundestagswahl. Ich selbst darf heute fünf Stimmen abgeben. Das werde ich auch tun. Und ich verrate keinem, wer sie bekommt.1
Ebenso wird es hier keine Wahlempfehlung geben. Ich respektiere die Wahlentscheidung jedes reflektierten Wählers und bin daher dringend dafür, dass jeder heute zum Wahlzeittel greift seine eigene Wahl trifft.
Mit mir sind jedoch noch einige Millionen andere Bundesbürger heute stimmberechtigt. Sehr viele werden aber dieses Privileg falsch nutzen.
Und das lehne ich strikt ab.

Fünf Stimmen, die man in meinem Wahllokal abgeben kann

Ich verachte euch, Nichtwähler!

Ihr wählt mit, aber ihr wählt falsch.

Auf der Welt, in der wir leben, gibt es über zwei Milliarden Menschen in mehr als vierzig Ländern [pdf], die niemals gefragt werden, von wem sie regiert werden wollen. Das ist jeder Dritte. Demokratische Bemühungen werden in vielen dieser Länder mit Verfolgung oder sogar Hinrichtungen beantwortet. In manchen werden selbst Friedensnobelpreisträger für den Einsatz für demokratische Wahlen eingesperrt.

Zur Bundestagswahl 2009 treten insgesamt 27 Parteien an und in jedem Wahlkreis sind mindestens neun davon auf der Landesliste. Für jeden Bürger ist es möglich, darunter eine Partei zu finden, die seine Interessen vertritt. Herauszufinden, welche das ist, ist heute so einfach wie noch nie.

Es ist noch keine fünfundzwanzig Jahre her, da wurden Wahlen auf deutschem Boden noch als Farce durchgezogen, indem Wahlberechtigte praktisch nur eine einzige Partei zur Wahl bekommen haben, die entsprechend ihre unmenschliche Herrschaft gerechtfertigt hat.

Heute wird jeder wahlberechtigte Bundesbürger gefragt, von wem er sich in den nächsten Jahren in der Bundespolitik vertreten lassen möchte.

Wer nicht wählen geht, tritt dieses Privileg mit Füßen und trägt direkt zur Entdemokratisierung der Politik bei: Jede Stimme, die nicht abgegeben wird, ist eine Stimme, die der Legitimität des Parlaments und der Regierung fehlen wird und daher ein Beitrag zu einer faktisch nicht demokratisch legitimierten Politik.

Ob man wählen geht ist keine Frage davon, ob man „sich für Politik interessiert“, es ist eine Frage des Anstands. Seine Stimme zur Wahl abzugeben ist das absolute Minimum an bürgerlicher Beteiligung, das jeder geben muss, um den freiheitliche-demokratischen Rechtsstaat, in dem wir leben, zu verdienen.
Damit, dass man wählt, hat man sich noch nicht politisch beteiligt. Man hat nur gezeigt, das einem die Welt, in der man lebt, nicht vollkommen egal ist.

Jede nicht abgegebene Stimme ist eine Stimme für die falsche Partei.

Wer nichtwählt, wählt falsch.

Ich verachte euch, taktische Wähler!

Ihr seid noch schlimmer als die Nichtwähler, denn eure Stimme hat mehr Einfluss, als ihr glaubt.

Manche Journalisten erzählen ihren Lesern Dinge wie „Wer die A-Partei wählt, unterstützt damit die B-Partei!“, rechnen vor, welche Regierungskoalition durch welche Stimmabgabe wie wahrscheinlich wird, empfehlen für die Erststimme die Wahl eines der „erfolgversprechendsten Gegenkandidaten“ oder raten zur Nutzung der verfassungswidrigen Überhangmandate, um der eigenen Stimme „mehr Gewicht“ zu verleihen.

Was ein taktischer Wähler tatsächlich tut ist aber seine Stimme nicht von Wahlprogrammen abhängig zu machen, sondern stattdessen vom Wahlverhalten der Anderen. Taktische Wähler verhalten sich wie Schüler, die immer erst nachsehen, wie die anderen sich aufführen, um sich dann den Beliebteren anzuschließen. Sie wählen nicht die Vertreter ihrer Ansichten – sie wählen Phantome ihrer Ansichten.

Tatsächlich schaffen Wahlen aber Mehrheitsverhältnisse. Die Direktkandidaten werden darauf verweisen, wieviele Stimmen sie auf sich vereinen konnten und die Parteien (jede einzelne, ganz sicher) werden ihre Ergebnisse als Wahlsiege verkaufen, indem sie auf die Wähler pochen, die für sie gestimmt haben.
Wieviele das „mit der Faust in der Tasche“ oder „aus taktischen Gründen“ gemacht haben, ist der Mehrheitsverteilung aber völlig egal. Jede Stimme schafft Macht für eine bestimmte Partei, und diese wird auf viele Jahre auf die erreichte Stimmenzahl verweisen können.

Taktisches Wählen sieht nur auf die sich ergebenden Verhältnisse in den Wochen bis zur Regierungsbildung. Die Stimmabgabe aber ist die Legitimierung der Gewählten bis zur nächsten Wahl und ist eine Stärkung der Gewählten bis zum Ende der Demokratie.

Ich habe schonmal gesagt:

Wer Inhalte wählt, wird von inhaltlich denkenden Politikern regiert.
Wer taktisch wählt, wird von Taktikern regiert.

Und dabei bleibt es: Wer langfristig seine Überzeugungen vertreten sehen will, muss die wählen, die seine Überzeugungen teilen.
Wer jemand anderen wählt, weil derjenige bessere Chancen hat oder ein genehmeres Stimmenverhältnis schaffen kann, unterstützt aber Klüngelpolitik, die Inhalte jeder Art grundsätzlich nebensächlich behandelt.

Jede taktische Wahl ist eine undemokratische Wahl.

Wer taktisch wählt, wählt falsch.

Ich verachte euch, Stammwähler!

Ihr seid die Schlimmsten von allen, denn ihr wählt jedes Mal aufs Neue falsch.

Ihr wählt eine Partei, weil ihr schon immer diese Partei gewählt habt. Weil ihr euch irgendwann man dafür entschieden und das seitdem nicht überdacht habt. Weil schon eure Eltern diese Partei gewählt haben. Weil ihr womöglich sogar Parteimitglieder seid.

Die, die eure Stimme bekommen, bekommen eure Stimme sowieso. Sie sind sich eurer Unterstützung sicher und deshalb sind sie sich auch ihrer Macht sicher. Sie müssen euch nicht mehr überzeugen und haben daher keinen Anlass mehr, irgendetwas für euch zu tun. Sie müssen sich nur noch um die Stimmen der anderen kümmern.
Eure Stimme ist deren Mühe gar nicht mehr wert.

Demokratische Wahlen brauchen verantwortungsvolle Wähler. Sie brauchen eine kritische Entscheidung von jedem Wahlberechtigten. Erst dann bilden Mehrheitsverhältnisse auch die Ansichten der Bürger ab.
Wenn Wähler nur das wählen, was sie immer wählen, ist ein reflektiertes Nachdenken über die Politik seitens der Politiker aber überflüssig. Je mehr Stimmen aus Gewohnheit abgegeben werden, desto weniger müssen Politiker also für ihre Macht tun.
Vertreterdemokratie steht und fällt aber damit, dass die Macht direkt und möglichst eng daran geknüpft ist, dass die Mächtigen sich um die Gunst der Wähler bemühen müssen.

Jede Wahl aus Gewohnheit ist eine Wahl gegen die Demokratie selbst.

Wer aus Gewohnheit wählt, wählt falsch.

Wählt richtig, aus Überzeugung!

Seine Stimme „verschenken“, wie das sehr oft von Politikern in den letzten Tagen im Munde geführt wurde, kann man nicht, wenn man jemanden wählt, der die eigenen Überzeugungen teilt.
Seine Stimme verschenken kann man nur, wenn man seine Stimme so wie oben beschrieben nutzt.
Seine Stimme richtig nutzen kann man hingegen nur dadurch, dass man sich kritisch über die informiert, die sie haben wollen und dann für die stimmt, die dieselben Ansichten haben.

Wer die Demokratie nicht scheitern sehen will, muss daher aus Überzeugung wählen.
Mit jeder Stimme.


  1. Es gibt ein paar Bewerber, die meine Stimme offensichtlich nicht bekommen werden, aber Wahlen in Deutschland sind geheime Wahlen, und ich gedenke, auf dieses Prinzip zu bestehen. []
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Responses

  1. […] […]

  2. Heute auch in“Katerstimmung“, habe ich im Internet zum ersten Mal cosmo gefunden, darunter den Atrikel : Die schlimmsten Wähler die es gibt“. Ich bin beeindruckt. Bislang dachte ich , ich stehe alleine mit dieser dort angesprochenen Haltung.
    WARUM. WARUM, WARUM haben nicht viele junge Menschen in Deutschland ein bissichen auf cosmo Diskussionen & Beiträge gehört?
    Vor der 2ten G.W. Bush-Wahl habe ich unter meinen amerikanischen Freunden gewarnt, dass ein Staat nur die Regierung bekommt , die seine Wähler verdienen; das gilt nun leider auch für uns Deutsche.

  3. […] Mein Wahlaufruf und Angriff auf die schlimmsten Wähler, die es gibt […]


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