Verfasst von: Manuel | 27.10.2009

12 Monkeys

„It’s just like what’s happening with us… Like the past… The movie never changes. It can’t change… But every time you see it, it seems different because you’re different. You see different things.“

2035 lebt die stark reduzierte Menschheit in erbärmlichen Bedingungen unter der Erde. Ihr Überleben wird bedroht durch ein Killervirus, das 1996 bereits fast die gesamte Weltbevölkerung ausgelöscht hat.
Um eine Probe des noch nicht mutierten Originalvirus sicherzustellen, soll jemand in die Vergangenheit reisen, der besonders fähig und belastbar ist. Die Wahl fällt auf den Gefängnisinsassen James Cole (Bruce Willis). Nach mehreren Reisen in falsche Zieljahre kommt er schließlich ins Jahr 1996, wo er mit der Psychiaterin Kathryn Railly (Madeleine Stowe) der „Armee der 12 Monkeys“ nachsetzt, die als Urheber des Virus vermutet werden.

„12 Monkeys“ hat in dem französischen Film „Am Rande des Rollfelds“ von Chris Marker seine Vorlage, und wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass er sich sehr französisch anfühlt: Die surreale Zukunftsästhetik der Dystopie von 2035 und die ständigen Akkordeonklänge im Soundtrack allein erinnern bereits stark an französische Brocken wie „Die Stadt der verlorenen Kinder“.
Die häufigen Dolly Zooms und großzügig eingesetzten Dutch Angles tragen ihr übriges dazu bei, dass „12 Monkeys“ über weite Strecken sehr verstörend und irritierend wirkt.

Sehr bemerkenswert außerdem, wie die naheliegende „Fahr in die Vergangenheit und rette die Menschheit“-Brühe vermieden wurde: Der Film ist weitestgehend als persönliche Queste des Protagonisten inszeniert. Immer wieder bekommen wir Flashbacks gezeigt, setzen uns mit seinen Zweifeln an der eigenen Geistesgesundheit auseinander und verfolgen ihn bei seiner Selbstfindung, wenn er mit unwahrscheinlichen Nebenfiguren spricht, einfach Stimmen hört oder sich am Anblick der Sonne oder dem Geruch der frischen Luft weidet.

DAMIT MENSCHEN, DIE DEN FILM NOCH NICHT KENNEN, IHN DENNOCH GENIESSEN KÖNNEN, MARKIEREN WIR HIERMIT DEN TEIL, IN DEM INHALTLICHE DETAILS DISKUTIERT WERDEN.

Mit klugen Twists ist der Film ebenfalls nicht sparsam: Dass die 12 Monkeys letztendlich gar nichts direkt mit dem Killervirus zu tun haben, ist ein gewagter Kniff, aber er geht ausnahmsweise auf. Das macht den gesamten Filmtitel (samt Artworks usw.) zu einem riesigen Red Herring.1 Da aber der die Aufgabe des Protagonisten eigentlich weniger wichtig ist als sein persönliches Erleben, und weil dieses sich stark an den 12 Monkeys orientiert, funktioniert das.
Wie am Ende aufgelöst wird, dass Cole die Szene, die er immer wieder als Flashback aus seiner Kindheit sieht, selbst zusammenbaut, ist außerdem sehr gelungen. Durch die Verkleidung, die er notwendigerweise als Erwachsener hatte, konnte er nie ahnen, dass der Mann, den er als Kind hat sterben sehen, sein zukünftiges Ich ist. Weil Kathryn sich als Tarnung die Haare gefärbt hat, sieht sie, als er ihr als Erwachsener das erste Mal begegnet, nur so ähnlich aus wie die Frau in seinem Flashback, nicht genauso.

Scheinbar gibt es kein Happy End: Der Versuch Coles, die Verbreitung des Killervirus zu verhindern, scheitert, und er kann damit nichts dagegen tun, dass die Menschheit weitestgehend dahingerafft wird. Zudem stirbt er selbst auch noch.
Seine eigene Queste hingegen gelingt es ihm zu vollenden: Er legt die Hinweise im ersten Weltkrieg, im Jahr 1990 und in diversen Fotos und Telefonanrufen 1996 an, die notwendig sind, um den Verlauf der bekannten Ereignisse zu ermöglichen. Er findet heraus, was es mit den 12 Monkeys auf sich hat und wie das Killervirus verbreitet wird. Er kommt mit der Frau seiner Träume (!) zusammen. Er genießt mit ihr gemeinsam die Sonne und die frische Luft des Jahres 1996. Er erlangt die Gewissheit, nicht verrückt zu sein. Und er schafft es endlich aufzulösen, was hinter seinen Flashbacks stand.
In diesem Moment seiner größten Erkenntnis nimmt sein Leben ein Ende, und schließt damit die Schleife, die einige Meter entfernt in ihm als Kind von neuem beginnt: Er hatte all die Jahre sein eigenes Ableben vor Augen.

Der Niedergang der Menschheit kann zwar nicht verhindert werden, aber die Schlussszene (eine der wenigen Szenen, die ohne Cole auskommen – notwendigerweise, er ist ja schon tot) zeigt, wie eine seiner Auftraggeberinnen selbst neben dem Verbreiter des Killervirus im Flugzeug sitzt. Damit scheint es allerdings zu gelingen, deren ursprünglichen Plan zu erfüllen und eine Probe des originalen Virus ins Jahr 2035 zu schaffen, wo ein Heilmittel hergestellt werden könnte.

So schrecklich tragisch ist das Ende also gar nicht.

DAMIT ENDET DER TEIL, IN DEM INHALTLICHE DETAILS DISKUTIERT WERDEN UND WER DEN FILM NOCH NICHT KENNT, KANN VON HIER AN BEDENKENLOS WIEDER WEITERLESEN.

Interessante Randnotiz: Man achte mal darauf, wie stark die Situation, in der sich der Protagonist wiederfindet, seinen inneren Zustand auf seinem Weg zur Auflösung seines seelischen Konflikts widerspiegelt.
Als alter Mann, 40 Jahre nach dem Schlüsselerlebnis seines Lebens, befindet er sich in einer kargen Landschaft lebensfeindlicher Bedingungen. Es gibt kaum Licht in seinem Erleben. An der Oberfläche ist alles brache Ödnis, im Inneren unter der Oberfläche gibt es zwar Leben, aber es ist karg und trostlos. Die wenigen Menschen, zu denen er Kontakt hat, verhalten sich sehr kalt zu ihm.
Er kehrt zurück in die Zeit seiner Kindheit. Da er aber Jahre vor seinem Schlüsselerlebnis ankommt, als er eigentlich noch ein Baby ist, macht die Welt um ihn herum keinen Sinn. Viele Stimmen reden durcheinander, er wird eingesperrt, man erklärt ihn für verrückt. Lediglich eine starke Frauenperson, die sich um ihn kümmert, findet sofort seine Zuneigung.
Seine nächste Reise bringt ihn in eine Zeit, zu der selbst seine Eltern noch nicht einmal geboren waren. Er strandet sofort in einer existenzgefährdenden Umgebung, in der niemand seine Sprache spricht: Im Grabenkrieg des Ersten Weltkriegs. Es gibt keine Möglichkeit des Verhandelns oder Helfens, vielmehr wird er sogar sofort lebensbedrohlich am Bein verletzt.
Erst mit seinem dritten Zeitsprung kommt er in die Zeit, in der sein Flashback stattfindet. Hier bekommt er auf einmal Orientierung, es gelingt ihm, Spuren zu verfolgen und Verbündete zu finden, vor Allem in der Frau, die sich zuvor um ihn gekümmert hatte. Je weiter er sich dem genauen Zeitpunkt seines Flashbacks nähert, umso fähiger und erfolgreicher wird er, bis er seinem seelischen Gleichgewicht an dem Ort und der Zeit am nächsten kommt, an dem er sich abspielt.

Brad Pitt spielt übrigens einen wahnwitzigen Tierschützer, und wie immer, wenn er keine primitiven Schönlinge spielt, spielt er hervorragend. Schon damals („12 Monkeys“ ist immerhin von 1995) stand ihm der Oberlippenbart überraschend gut. Willis meistert seine Rolle sogar hervorragend, man muss sich nur mal vor Augen halten, wie schwach andere „Auserwählte“ wie Keanu Reeves in derselben Rolle ausgesehen hätten. Madeleine Stowe macht an seiner Seite in seiner Therapeutin eine gute Figur als eigenständige Frau.

Die sehr eigene Darstellung des Films, der oft irritierende Soundtrack und das wiederkehrende Motiv des immer erst im Nachhinein Begreifens der eigenen Taten machen „12 Monkeys“ zu einem sehr geschickt komponierten Thriller der intelligenten Art. Die individuelle Handschrift, die er dabei entwickelt, macht ihn unverwechselbar, aber niemals zu abweisend.

Als anspruchsvoller und gewagter, aber keineswegs zu aufdringlicher Film verdient er daher locker seine 8/10 ausgerissenen Zähne.

Übrigens: Obwohl der Film 1997 der erste war, der in Europa als DVD veröffentlicht wurde, kam er als Bu-Ray erst im Sommer 2009 raus. Aufgrund der visuellen Eindrucksstärke könnte sich das Zuschlagen lohnen.

Weitere Meinungen?

Entropie09 befasst sich mit der Entropie im Film und speziell mit dem Kreislauf, den Coles Flashbacks ausmachen.
Der Zeitverschwender vergibt 8,5/10 Punkte und hat eine interessante Diskussion in der Kommentarsektion.
Jason Bailey spricht von „Gilliam’s Masterpiece“.
Pretty Sure I’m Right lobt die Verwirrung in „12 Monkeys“ und nennt ihn immerhin „really enjoyable“.
Madali redet nach einem Wiederholten Ansehen von „one of the best time travel films and probably Terry Gilliam’s best work“ und vergibt 4/5 Punkte.
Postapocalypticmovies.com fand den Fillm genial und hatte dieselbe „Stadt der verlorenen Kinder“-Assoziation wie ich.
Cillefish findet ihn okay, meint aber, dass er zuviel auf einmal versucht und sich dabei verliert.
Hunter J Hudson lobt den Film, vor allem für seine gute Kameraarbeit.


  1. Der einzige Fall, von dem ich das ansonsten kenne, ist das DSA-Computerrollenspiel „Sternenschweif“ von 1994: Dessen Name bezieht sich auf eine Subquest, die für den Hauptplot keine Rolle spielt, sodass man das Spiel sogar durchspielen kann, ohne jemals von „Sternenschweif“ zu hören.[]
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Responses

  1. Jo, das ist schon ein ziemlich cooler Film. Und da du auf deinem Weg an Klassikern der Neuzeit bestimmt auch an Fight Club vorbeikommen wirst, hier eine interessante Lektüre für dich:

    http://metaphilm.com/philm.php?id=29_0_2_0

    • @daMax
      Sehr hübscher Text, in der Tat. :)
      „Fight Club“ (den ich schon ein paarmal gesehen hab) werd ich dieser Tage erstmal nicht rezensieren, aber später kann das durchaus noch kommen.

  2. Kann nur zustimmen, einer der besten Terry Gilliam Filme und das soll schon was heißen!

  3. […] 12 Monkeys « Zivilschein a few seconds ago from web […]


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