Verfasst von: Manuel | 05.12.2009

Antworten, die zehn Weise geben können

Das siebentorige Theben, kein Mensch
Hätt‘ es erbaut, ohne die Leitung von Königen.
Niemand schleppt Felsen für anderer Wohl.
Der Babylonier in Überfluss zerborstene Stadt –
Vergängliche Ruinen ohne stärkende Herren. Paläste
Goldstrahlender Metropolen – Ehre, wem Ehre gebührt.
Maurer der Chinesischen Mauer, in deren Schutz sie
Den Abend verbrachten, ohne es zu merken. Das große Rom
War voll großer Männer, Feldherren, die des Reiches
Wohlstand mehrten. Das vielbesungene Byzanz
Hätte kein Lied je bekommen ohne weise Beherrscher. Selbst
Das sagenhafte Atlantis wurde zur Zeit
Seines Aufstiegs nur von klugen Köpfen geführt.

Der junge Alexander eroberte Indien.
Hüter einer Herde.
Cäsar schlug die Gallier.
Ohne ihn wären sie unbesiegt geblieben.
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Keiner hatte sie retten können.
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Sein
Heer hatte gewonnen.

Jede Seite ein Sieg.
Jedem Sieg ein Sieger.
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Jedem Volk der Herr, den es verdient.

All die Toren stellen Fragen,
Die zehn Weise nur beantworten können.


Verfasst Ende 2001

Alle Eigenwerk-Posts gibt es hier.


Responses

  1. das Werk hat ja bald sein 10-jähriges.
    Einerseits zeitlos, andererseits auch ein wenig irreal, nicht einfach nur eine Liste, sondern etwas zum drüber nachdenken, sich inspirieren lassen. sicher der Form nach kein Webergedicht, aber vielleicht etwas das zur heutigen Zeit passt und sie begleiten kann – eine Begleitung, die so mancher angeblich große heutige Kopf nicht zu leisten vermag.
    Gefällt mir.

    • @alex
      Danke für deinen Kommentar!
      Ich habe ja zu Beginn dieser Reihe schwer überlegt, wieviel eigener Kommentar eigentlich gut ist, und dann entschieden, es lieber bei der Angabe der Entstehungszeit zu belassen. Zumindest, bis jemand anderes was dazu gesagt hat.

      Aber zum Thema: Du hast natürlich Recht.
      Das obige Gedicht ist als Gegenentwurf auf Brechts „Fragen“ zu verstehen. Die Schlusszeile und der Titel sind dem Sprichwort „Ein Tor kann mehr fragen, als zehn Weise beantworten können.“ entlehnt.
      Das zeigt, dass ich Brechts Gedicht da eher kritisch gesehen habe.

  2. Revision – Die von mir genannten 10 Jahre sind wohl nur das Einstellungsdatum hier im Blog. Der Urprung – also der zugehörige Fragenkatalog – lokalisiert sich dann eher so: „Bertolt Brecht. Fragen eines lesenden Arbeiters.“ Der Text könnte so in die Epoche um 1938 fallen wobei das eine sehr sehr grobe Überlegung ist, da Brecht ja doch ein paar Jahrzehnte mehr aktiv war und doch einiges an Kontinuität dabei an den Tag legte.

    Volltexte findet man ja im Web: ( http://www.sgdf.in/kultur-amp-kunst/34726-brecht-funf-schwierigkeiten-beim-schreiben-der-wahrheit-1938-a.html )

    Fragen eines lesenden Arbeiters

    Wer baute das siebentorige Theben?
    In den Büchern stehen die Namen von Königen.
    Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
    Und das mehrmals zerstörte Babylon –
    Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
    des goldstahlenden Lima wohnten die Bauleute?
    Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war
    die Maurer? Das große Rom
    ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen
    triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
    nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
    brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
    die Ersaufenden nach ihren Sklaven.
    Der junge Alexander eroberte Indien.
    Er allein?
    Cäsar schlug die Gallier.
    Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
    Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
    untergegangen war. Weinte sonst niemand?
    Friedrich der Zweite siegte im siebenjährigen Krieg. Wer
    siegte außer ihm?

    Jede Seite ein Sieg.
    Wer kochte den Siegesschmaus?
    Alle zehn Jahre ein großer Mann.
    Wer bezahlte die Spesen?

    So viele Berichte.
    So viele Fragen

  3. […] Antworten, die zehn Weise geben können […]


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