Verfasst von: Manuel | 14.12.2009

Brutal Violins: Don’t Forget to Tell me

Am Freitag sind Brutal Violins auf der 5. Stiftsweihnacht in Kaufungen aufgetreten. Das hab ich hier nicht vorher erwähnt. Weil ich es selbst nicht vorher wusste.

Am Mittwochabend rief mich unerwartet unser Bassist an. Ich war gerade in Berlin unterwegs und hatte eigentlich keine Zeit, um über die Band zu reden. Er sagte mir daher knapp: Seine andere Band muss einen Auftritt am Freitag absagen und man braucht dringend Ersatz. Uns blieben also weniger als 48 Stunden, um zu entscheiden, ob wir einspringen wollen, abzusprechen, was wir spielen wollen, den Auftritt zu organisieren und unser Equipment nach Kaufungen auf den Stiftshof zu bringen. Proben? Keine Zeit!
Wir haben das später am Abend nochmal alle miteinander abgesprochen und uns entschieden, das zu stemmen. Unser erstes Konzert war ja ins Wasser gefallen und seitdem hatten wir nicht mehr gespielt, also konnte uns die Gelegenheit, uns endlich mal auf der Bühne zu beweisen, Recht sein.
Also haben wir am Donnerstagabend nochmal zu dritt telefoniert, um alles weitere abzuklären.

Eine der größte Herausforderungen war für mich die Tour nach Kaufungen.
Für die weitere Dokumentation veröffentliche ich hier daher einfach mal mein Tourtagebuch (höhöhö):

  • Freitag, 11. Dezember 2009, 7:50, Berlin Steglitz-Zehlendorf: So… anziehen, frühstücken, Tasche packen, und ab dafür. Sind gut 7 Stunden Fahrt bis Kaufungen, in denen ich dem Quer-durchs-Land-Ticket alle Ehre mache. Das wird also ein ganz schön zugiger Tag für mich.
  • 10:30, RE Berlin-Potsdam: Ich möchte mich in dem sehr vollen Zug neben einen Vokuhila-Träger mit Oberlippenbart setzen. Der Gute hat einen Rucksack (gewöhnliche Schulrucksackgröße) neben sich auf dem Sitz, den er ganz dringend dort lassen möchte. Die Gepäckschiene (sicher nicht üppig, aber für seinen Rucksack locker geräumig genug) ist klaffend leer.
    Folgender Dialog entspinnt sich:
    „Kann ich mich hier hinsetzen?“
    „Und wo soll dann meine Tasche hin?“
    „In den Fußraum?“
    „Ja und meine Füße?“
    „Ich werde hier bestimmt nicht stehen, damit Ihre Tasche sitzen kann…“
    „*grummelndestascheindenfußraumstellen*“
    „Danke!“
    „*düsteresgrummeln*“
    Alsbald wir durch Potsdam durch sind, setze ich mich woanders hin. Ich möchte seine gute Beziehung zu seiner Tasche lieber nicht unnötig belasten.
  • 12:20, RE Magdeburg-Sangerhausen: Mir gegenüber sitzt ein langhaariger 17-jähriger, auf dessen T-Shirt das alte Batman-Logo von 1964 prangt.
    Ein harter Typ eigentlich, aber er hat eine Rose auf den Hals tätowiert.
  • 15:00, RE Sangerhausen-Witzenhausen: Mir gegenüber sitzt ein unauffälliger Lockenkopf.
    Zwei Sitze vor mir ein dickes Mädchen, auf dessen grellgelbem mit T-Shirt die Aufschrift „Be peacefull“ steht. Sie liegt so inhaltlich richtig wie orthografisch falsch.
  • 15:40, Bus Witzenhausen-Helsa: Ich zahle für eine Dreiviertelstunde Busfahren 6,20€. Über sechs Euro. Für eine Fahrt. Komme mir etwas albern dabei vor. Wie im Vergnügungspark.
    Während der Fahrt springt bergab dem Bus offenbar der Gang raus und der Fahrer lässt mehrmals im Leerlauf den Motor durchdrehen. Da letzterer mit der Verkleidung weit in den Passagierraum hineinragt, sind die Geräusche deutlich zu hören. Ein Geek auf der anderen Seite des Busses lächelt mir belustigt zu. In Uengsterode fährt der Bus – versehentlich, wie ich erst vermute – auf eine schmale Brücke, die zu überqueren mir selbst als Radfahrer abenteuerlich vorkäme. Als er darauf hält, nehme ich an, er setzt gleich behutsam wieder zurück und wählt einen sicheren Weg. Stattdessen ist die Fußgängerbrücke eine Haltestelle, wo ein paar Schüler zusteigen. In Großalmerode fährt das Vehikel gute 50m auf dem Bürgersteig entlang. Mir wird mit jeder Minute unwohler, obwohl die anderen Insassen die Fahrt zu genießen scheinen. Wie im Vergnügungspark.
  • 16:25, Helsa Bahnhof: Hinter mir liegen bereits gut sechs Stunden Reisezeit, als ich aus dem Bus steige, um erstmal zu Fuß weiterzugehen. Die besten Ortsnamen auf meiner Route waren: Kirchmöser, Wusterwitz, Genthin, Güsen(b Genthin), Güsten, Hettstedt, Berga-Kelbra, Heringen(Helme), Wolkramshausen, Bleicherode Ost, Heilbad Heiligenstadt und Witzenhausen-Hundelshausen.
    Ich begebe mich zur Kirche, wo ich unseren Gitarristen treffe. Er bringt mich auf den aktuellen Stand der Dinge, bevor wir wieder gemeinsam zurück zum Bahnhof laufen, um die Tram zu nehmen.
  • 17:15, Tram Helsa-Kaufungen: Eine Menge Leute in der Bahn. Viel Dorfjugend unterwegs. Wollen aber alle nicht auf den Weihnachtsmarkt, sondern haben privates Gelage vor. Da ist wieder dieser Gedanke, dass Rockmusik etwas für alte Leute ist…
  • 17:30, Kaufungen: Yay, Kaufungen! Die Geburtsstadt von Bruce Willis seine Mutter! Wir tigern hoch in den Stiftshof, um unser Zeug loszuwerden und ein paar Hände zu schütteln.
    Kurz darauf treten Brutal Violins zum ersten Mal seit Juni zusammen.
  • 19:15, Stiftsweihnacht Kaufungen: Der Weihnachtsmarkt ist gut besucht, die Besucher bei starker Stimmung. Nach dem Musikzug kam noch eine Kindergartengruppe auf die Bühne. Gut eine halbe Stunde später als geplant und nach einem wenig ermutigenden Soundcheck fangen wir an, den Platz zu rocken.
    Nach den ersten Takten von „Hold on, I’m Coming“ springen kleine Mädchen vor der Bühne auf und ab. Meine von der Kälte tauben Finger machen mir beim Gitarrespielen Schwierigkeiten – nachlassen wird das erst nach einer ganzen Weile.
  • 19:20: Nach dem zweiten Song die ersten „Zugabe! Zugabe“-Rufe aus dem Publikum. Frage mich irritiert, wie wir den Eindruck vermittelt haben, schon aufhören zu wollen.
  • 19:30: Wir spielen zum ersten Mal an diesem Abend einen Song, den ich geschrieben habe: „Cassandra“. Auf das erste Mal, dass er gut gespielt wird, wird er noch weiter warten müssen.
  • 19:40: Mit „As a Child“ endet unser zweiter eigener Song des Abends. Der reichhaltige Applaus und Jubel von wildfremden Menschen versetzen mich in tiefe Rührung.
    Mein hinterhergeworfenes Ranschmeißen an den Austragungsort wird mir aber scheinbar nicht recht abgenommen.
  • 19:55: Mit „Make it Yours“ geht unser fünfter und vorerst letzter eigener Song zuende. Es ist seine Livepremiere. In der Schlussstrophe singe ich einige Zeilen von John Lennons „Happy XMas“. Das ungefähr Einzige an unserem Auftritt auf der Stiftsweihnacht, das man als „weihnachtlich“ bezeichnen könnte.
    In der folgenden gut fünfminütigen Pause versuchen wir, unser Flügelhorn und das Keyboard aufeinander abzustimmen, bis wir verzweifelt aufgeben. Wir fahren also ohne den Song mit dem Horn fort.
  • 20:10: Wir spielen den Song mit der Mundharmonika. Nachdem mir kurz zuvor eröffnet wurde, dass wir unsere Mundharmonika nicht dabei haben, spielen wir ihn aber ohne Mundharmonika.
    Während ich den letzten Refrain ins Mikrophon brülle, bemerke ich, wie sich meine Stimme langsam verabschiedet.
  • 20:15: Während unseres Elvis-Covers ist meine Stimme so entschlossen, schon mal Feierabend zu machen, dass ich mich schonungshalber nicht in die oberen Tonregionen begebe. Ich bin heilfroh, dass Elvis schon tot ist, da er sich so immerhin nicht wegen unserer Darbietung umbringen kann, habe aber keine Zweifel daran, dass er auf Hochtouren in seinem Grab rotiert – zu Unrecht, denn anders als mir mein Eindruck sagt, klingt die Nummer gut.
    Danach gelingt es mir, eine Tasse heißen Tee zu trinken und meine Stimme etwas zu schonen (weil der nächste Song nicht von mir gesungen wird).
  • 20:20: Der aufrichtige Jubel und die begeisterten Pfiffe auf dem Stiftshof verwirren mich nachhaltig. Meine Meinung von unserer Leistung in der letzten Viertelstunde geht mit der der Gäste jedenfalls stark auseinander.
    Mit „Stand by Me“ von Oasis beginne ich daraufhin einen unserer besten Songs des Abends. Noch ein bisschen besser wäre er, wenn unserem Gitarristen und Zweitsänger nicht das Mikrophon stummgedreht wäre.
  • 20:30: Nach der Livepremiere von „Outta Here“ entschuldige ich mich aufrichtig beim Publikum. Zurecht: Das war unter aller Kanone.
    Es folgt die Livepremiere von „Don’t Forget to Tell Me“, dem ältesten Stück aus unserem Eigenmaterial. Sie verläuft verdammt gut: Den letzten nicht gecoverten Song des Abends kriegen wir nahezu fehlerfrei und ziemlich gelungen über die Bühne.
  • 20:40: Während des Schlussakkords von Tom Pettys „Walls“ stellen wir uns einzeln vor und verabschieden uns von den Verbleibenden. Erneut (aber deutlich entschiedener) werden Rufe nach Zugabe laut.
  • 21:00: Nach zwei weiteren äußerst bekannten Liedern kündige ich unter Jubel unser nächstes Konzert an. Eine Stunde nach dem offiziellen Ende der freitäglichen Stiftsweihnacht geht ein Konzert mit reichlich Pannen und Verspielern zuende. Während ich über unsere Performance den Kopf schüttele, verwundert mich die starke Begeisterung davon seitens des Publikums.
    Einer der jugendlichen Zuschauer lässt sich von jedem von uns Autogramme auf die Mütze geben. Teeniemädchen springen auf der Bühne herum. Mir völlig Unbekannte gratulieren mir für den Abend.
  • 22:00: Nach einer Stunde Abbauen und Einladen machen wir uns vom Acker. Meine Stimme fühlt sich wieder normal an. Hinter uns liegt das erste Brutal-Violins-Konzert, wovon wir alle vor 52 Stunden noch nichts geahnt hätten.
  • 1:00: Nach der Nachbesprechung mit unserem Gitarristen setze ich den letzten Tweet des Tages ab und gehe pennen. Um acht werde ich frühstücken, um neun trete ich meine Heimreise an.

Unseren nächsten Auftritt werden wir am 20. Februar hinlegen.
Update 26. Januar: Nein, werden wir nicht. Der findet schon am 13. Februar statt.

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