Verfasst von: Manuel | 25.04.2010

Höflichkeit und Anstand

Diese Ich-ruf-dich-an-Nummer ist vermutlich eine Etikettefrage. Vielleicht zeigt das ein Bemühen, einfach nett zu sein.

Das wäre dann eine gute Illustration dessen, was Stephen Bond als Unterscheidung zwischen politeness und civility verwendet: Als politeness bezeichnet er das Verhalten, andere freundlich zu grüßen, zu fragen, wie es ihnen geht und ihnen zu vermitteln, wie ernst man deren Anliegen doch nimmt. Civility hingegen ist tatsächliches Ernstnehmen des Gegenübers – verlässliches Handeln im Interesse anderer, statt solches vorzugeben.

Das ist eine Dichotomie, die mir auch schon lange auffällt, aber mir fehlten bislang gute Begriffe dafür. Ich würde vorschlagen, von Höflichkeit und Anstand zu sprechen.

Höflichkeit erkennt man etwa an der Frage „Wie geht’s dir?“, testen kann man das, indem man daraufhin von etwas erzählt, womit man sich gerade wirklich schwer beschäftigt oder man besorgt ist. Ein höflicher Mensch wird dann ein wenig nicken, möglicherweise einstreuen, dass er von sowas ja überhaupt keine Ahnung hat und sehr schnell das Thema wechseln. Erwartet hat er etwas wie „Toll, ist ja bald Wochenende, da fahr ich zum Schwimmen.“ oder dergleichen.
Anstand würde verlangen, den so Gefragten verstehen zu wollen: Man hat ihn gefragt, also ist man entweder an seiner Antwort interessiert oder man hat Interesse an seiner Antwort geheuchelt.
Wirklich erfahren möchten die meisten Leute so etwas nur bei eng Vertrauten, und von denen wissen sie derlei in der Regel bereits. Das läuft darauf hinaus, das die Frage fast immer nur Höflichkeit ist.

Das zeigt schon, dass Höflichkeit und Anstand kaum einander ergänzen können oder auch nur vereinbar sind. Meistens ist das Handeln nach dem Einen sogar der krasse Gegensatz zum Handeln nach dem Anderen. Das ist wenig offenkundig, weil sie auf den ersten Blick leider sehr ähnlich aussehen, aber ich kann ein paar Beispiele geben:

Höflichkeit: „Wir haben uns so lange nicht gesehen, wir sollten unbedingt mal wieder was zusammen machen!“
Anstand: „Hast du morgen schon was vor? Wie wär’s, wenn wir da ins Kino gehen?“

Höflichkeit: „Tut mir leid, wie ich mich verhalten habe. Ich wollte dich damit nicht stören.“
Anstand: „Tut mir leid, wie ich mich verhalten habe. Ich weiß, dass das daneben war.“

Höflichkeit: „Gib mir mal deine Nummer, ich ruf dich dann an.“
Anstand: „Gib mir mal deine Nummer, falls ich sie mal brauche.“

Höflichkeit: „Deine Zeichnung ist wirklich toll. Lass dich nicht ärgern.
Anstand: „Man kann sehen, dass du Fortschritte machst, aber an den Gesichtszügen musst du noch arbeiten.“

Höflichkeit: „Sorry, dafür habe ich überhaupt keine Zeit.“ (Nebenbei bemerkenswert: Die Implikation, der Angesprochene ist ein fauler Sack, weil er für den Quatsch, den er gerade vorgeschlagen hat, nicht zu beschäftigt ist.)
Anstand: „Sorry, lieber nicht.“

Man beachte die jeweiligen Auswirkungen 1. direkt auf die Äußerung hin und 2. langzeitig.
Ich denke, man kann erkennen: Höflichkeit ist gut geeignet, die aktuelle Stimmung des Gegenübers zu heben und darüberhinaus wirkungslos. Anstand zieht verlässliche Ergebnisse nach sich.
Die Gegenüberstellungen hinken insofern, als sie immer jeweils ähnlich klingen, die Motive dahinter aber zwangsläufig verschieden sind. Ein an gemeinsamen Aktivitäten nicht ernsthaft interessierter Mensch, der sich mit Höflichkeiten nicht weiter aufhält, wird das Thema aber gar nicht anschneiden – bei gleich gelagerten Motiven würde also Anstand statt Höflichkeit oft bedeuten, gar nichts zu sagen oder das Thema ganz anders anzugehen.

Insofern hätte die Überschrift auch „Anstand oder Höflichkeit“ heißen können.

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