Verfasst von: Manuel | 25.04.2010

Kolja

Oder Kolja: Kolja war der faulste Russe, der mir je begegnet ist. Eines Abends, als ich gerade Nudeln aß, lehnte er sich in den Rahmen der Küchentür und fragte mich, ob ich schon mal LSD genommen hätte. Das hatte ich nicht. Auf seine Frage, ob ich es mal versuchen will, überlegte ich kurz, ihn zu fragen, ob ich vorher noch aufessen dürfte, lehnte aber ab.
2006 war das. Ich hatte gerade mein Studium in Berlin aufgenommen und ein Zimmer in einer Wohnung bezogen, die zu einem Studentenwohnheim gehörte. In diesen paar Monaten lernte ich: Am unangenehmsten lebt in einer WG derjenige, der am saubersten ist, denn er leidet unter der Unsauberkeit aller anderen. In unserer WG war das Janek, und Janek war Pole. Ein sehr erfindungsreicher, smarter, gewitzter, hilfreicher, eifriger, aber eben auch penibler Mensch.
Wir hatten einen Plan mit einem wöchentlichen Turnus, nach dem jedes Wochenende reihum einer von uns den Flur, das Bad und die Küche reinigen sollte. Das waren ziemlich kleine Räume und dermaßen abgewirtschaftete, dass diese auch an ihren besten Tagen nicht sonderlich viel hermachten. Ihre besten Tage sahen sie immer dann, wenn Janek dran war. Oder wenn er sich mal so etwas Zeit nahm, um eben drüberzuwischen. Ich bemühte mich, meine Reinigung so durchzuziehen, dass nachher wenigstens deutlich erkennbar war, dass ich sie gemacht hatte. Benjamin, mein norddeutscher Zimmernachbar, war auch nicht gerade der Einfachste, aber einen Besen konnte er wenigstens am richtigen Ende halten. Kolja hingegen… war nicht da.
Kolja war oft mehrere Tage lang nicht da, manchmal für Wochen, verdächtig oft aber genau dann, wenn er hätte saubermachen sollen. Seine Tür schloss er fast nie ab. Benjamin durfte in seinem Zimmer – dem größten der Wohnung, und dem mit dem Balkon – ein- und ausgehen, und auf seinen Instrumenten spielen, wenn er wollte. Ich habe es nur einmal betreten und sonst selten einen Blick reingeworfen, aber es sah chaotisch aus. Er machte dort offenbar nie sauber. In der restlichen Wohnung eben auch nicht.
Das machte Janek wütend. „Wenn er nicht saubermacht“, sagte er zu mir, „dann müssen wir seinen Dreck wegmachen! Das geht nicht! Ich werde mit ihm reden!“
Kurz darauf, als Kolja mal wieder dran war, sah die Wohnung gut aus. Ich hatte die Wohnung noch nie gut aussehen gesehen, also war ich entsprechend perplex. In der Küche saß Kolja mit seiner weißhaarigen Großmutter, die mir sofort von den Fleischklößchen anbot, die sie gemacht hatte. Die Küche war zu klein, um zu dritt am Tisch zu sitzen. Eigentlich war die Küche schon zu klein, um alleine in ihr zu stehen, aber das immerhin gelang uns meistens noch irgendwie. Koljas Oma stand also auf, damit ich essen könne, und das konnte ich nur ablehnen, also ging ich in mein Zimmer, bis die beiden fertig waren und aß später. Die Oma hatte etwas für mich übriggelassen. Sie war eine großartige Köchin.
„Hast du gesehen, dass Kolja seine Großmutter hier hatte?“, fragte mich Janek, „Er holt seine alte Großmutter, um hier für ihn zu putzen!“ Ich muss zugeben, auch wenn mir so eine Lösung nie in den Sinn gekommen wäre, war mir eigentlich gleich, wie Kolja dafür sorgte, dass die Bude sauber wird, solange er dafür sorgte. Janek aber war empört: „Das kann nicht sein! Erst macht er hier nicht sauber und dann holt er auch noch seine Großmutter, die es für ihn machen soll! Ich habe ihm schon gesagt, dass das nicht geht!“

Wenn es nur das gewesen wäre. Kolja war bei weitem der auffälligste Bewohner unserer WG. Auch wenn, vielleicht gerade weil, er oft nicht da war. Er pflegte Nelken zu kochen und in einem geblümten Topf feucht stehen zu lassen. Ich bin nie drauf gekommen, was jemand mit feuchten Nelken wollen könnte, aber Kolja ließ sie einfach stehen. Sie fingen an, stark zu riechen. Dann gammelten sie. Schließlich wucherte pelziger Schimmel bis zur halben Höhe des Topfes.
Im Kühlschrank lagen Lebensmittel von Kolja, die älter aussahen als seine Großmutter, und ganz gewiss weniger reinlich waren.

Einmal ließ Kolja eine halbe Zitrone liegen, auf einem Unterteller auf dem Küchentisch. Ich habe gelernt: Nachdem eine reife, gelbe Zitrone eine Weile gelegen hat, wird sie wieder sehr grün, etwas kleiner und schrumpelig. Danach wird sie nie wieder gelb.


Responses

  1. Gute Güte, so lange Texte schüttelst Du mal eben ausm Ärmel? Oder liegen die eh auf Halde und werden jetzt nur noch rausgekloppt?

  2. Das war gestern abend spontan weggetippt.
    Das Zeug in den letzten Tagen war (bis auf die zwei Zitate) alles „ausm Ärmel“. Ich wollte mal eben gerade nicht groß an einem Text rumfeilen, bevor ich ihn raushaue.


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