Verfasst von: Manuel | 10.05.2010

Die Panoramafreiheit frisst ihre Kinder

mspr0 hat auf seinem Blog einen sehr guten Artikel über die Diskussion geschrieben, die derzeit über Google Street View geführt wird.
Die Aufregung, die über die Straßenfotos demonstriert wird, sagt er, ist unsinnig, weil uns diese Bilder in Zukunft mehr helfen als schaden werden und es kein Persönlichkeitsrecht für Jägerzäune gibt, wohl aber eine – in der Debatte selten erwähnte – Panoramafreiheit: Was öffentlich zugänglich ist, darf man auch ohne Zustimmung des Besitzers fotografieren und veröffentlichen.

Ich glaube, diese an sich richtige Argumentation lässt außer acht, worüber im Zusammenhang mit Street View ganz zurecht Bedenken geäußert werden: Das Recht am eigenen Bild.

Wenn ich mich in der Öffentlichkeit bewege, möchte ich nicht fotografiert werden. Ich möchte nicht gefilmt werden, sonstwie aufgenommen werden und schon gar nicht möchte ich, das solche Erzeugnisse ohne meine Zustimmung irgendwo verbreitet werden. Wenn ich aber von einem Ort an einen anderen gelangen will, kann ich das Bewegen in der Öffentlichkeit schwerlich vermeiden.
Will ich andererseits ein Landschaftsmerkmal veröffentlichungshalber fotografieren, zumal in einer Stadt, kann ich aber kaum all die Menschen, die deshalb zwangsläufig mit ins Bild kommen, um deren Erlaubnis fragen.
Die Lösung, die das Kunsturheberrechtsgesetz dafür gefunden hat, ist dessen Paragraf 23, wo es heißt:

Ohne die nach § 22 erforderliche Einwilligung dürfen verbreitet und zur Schau gestellt werden:

1. Bildnisse aus dem Bereiche der Zeitgeschichte;
2. Bilder, auf denen die Personen nur als Beiwerk neben einer Landschaft oder sonstigen Örtlichkeit erscheinen;
3. Bilder von Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen, an denen die dargestellten Personen teilgenommen haben;
[…]

Berichtet das Fernsehen über den Berliner Alexanderplatz und filmt dafür denselben, während ich drüberlaufe, muss ich die Veröffentlichung dieser Bilder von mir hinnehmen, egal ob ich das möchte oder nicht.

Das ist ein relativ kleines und kalkulierbares Übel, wenn es um Fernsehaufnahmen oder Zeitungsfotos geht. Street View aber stellt eine einzelne Datenbank ständig abrufbarer Fotos zusammen, und diese Fotos bilden jedermann ab, der zufällig im Bild steht, ohne dessen Einwilligung.

Nun könnte das die Erwiderung „Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, muss damit rechnen, dort gesehen zu werden“ hervorrufen, und Google-Chef Eric Schmidt argumentiert ja tatsächlich so, wenn er sagt: „Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun.“
Es gibt aber nun einmal Dinge, die wir in der Öffentlichkeit, aber dennoch in der Hoffnung, vor Entdeckung sicher zu sein, tun. Aus einem Bordell kommend möchten sicher nur wenige selbst der zufriedensten Kunden fotografiert werden, und die Argumentation „Dann geh da nicht hin!“ würde sicher nicht nur Bordellbesitzern nicht gut tun.
Street-View-Fotos von Personen, die aus dem Auto heraus augenscheinlich ein Geschäft mit Straßenprostituierten anbahnen, machten bereits die Runde.

Meine Verwandtschaft sollte nicht unbedingt mitbekommen, wo überall in der Öffentlichkeit schon mein Auto stand und meinen Arbeitgeber gehen meine Straßencafébesuche nur wenig mehr an als meine Partyfotos.
Zudem: Beim Fotografieren von Hauswänden lassen sich zuweilen Personen hinter deren Fenstern ausmachen – nicht immer in fotogener Bekleidung.

Das klingt nach einer Menge Geschwurbel um ein Scheinproblem, denn bislang berichten ja auch nicht gerade viele Menschen davon, dass ihnen akribisch hinterhergestalkt wird.
Der technische Fortschritt, den wir gerade beobachten können, erleichtert das Absuchen nach Personen aber enorm. Erstens, weil Street View eben eine konzentrierte Datenbank von Fotos öffentlich zugänglicher Plätze ist. Zweitens, weil sehr bald leicht bedienbare Programme solche Suchen stark unterstützen werden.

Beispiel: Gesichtererkennungssoftware, die schon jetzt sehr zuverlässig Bilder danach sortieren kann, wer darauf zu sehen ist. Da neben Apple noch mindestens Microsoft und Google an solchen Programmen arbeiten, hält der Konkurrenzdruck die Preise niedrig und die beständige Weiterentwicklung schnell.
Weiteres Beispiel: Bilderrückwärtssuchen, die anhand eines eingegebenen Bildes weitere Bilder heraussuchen, welche dem Original ähnlich sehen. Es gibt bereits jetzt mehrere kostenlose Programme dieser Art, sowohl für die Suche im Internet als auch für die auf lokalen Speichermedien.
Sieht man sich nur mal an, wie weit allein diese beiden Entwicklungsstränge bereits sind, kann man sich ein Bild davon machen, was sie in ein paar Jahren vermögen können. Kombinierte man beides, ließe sich mit einem Frontalfoto eines beliebigen Menschen herausfinden, wo er schon überall von Street View (und womöglich: wo er noch von anderen Diensten) fotografiert wurde.
Das mag man in Kauf nehmen können, aber es ist eine Situation, die es noch nie gegeben hat und man sollte das gründlich überdenken, bevor man sich dazu eine Meinung erlaubt.

Ich halte ein euphorisches „Bahn frei, das wird uns allen helfen!“ hier für ebenso problematisch wie ein konservatives „Alles verbieten!“ – vielmehr muss für diese Entwicklung eine Lösung gefunden werden.
Die kann nicht in einem Persönlichkeitsrecht für Jägerzäune bestehen. In einem Beibehalten der Veröffentlichungsregeln aus dem vergangenen Jahrhundert aber wohl auch nicht.

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Responses

  1. Wahre Worte.


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