Verfasst von: Manuel | 24.05.2010

Horst Köhler will den totalen Respekt für Krieg

Bundespräsident Horst Köhler gab nach seiner Rückkehr von einem überraschenden Besuch deutscher Truppen in Afghanistan am Samstag ein Interview im Deutschlandradio Kultur, welches allerdings mittlerweile bereits einige Wellen geschlagen hat.
Dort forderte er „mehr Respekt“ für die deutschen Soldaten in Afghanisten.

Köhler stellte fest, in Afghanistan werde „auch für unsere Sicherheit in Deutschland“ gekämpft. Dieser Umstand würde zwar zur Klärung des jahrealten Mysteriums beitragen, wieso Truppen, die von einer Institution namens Verteidigungsministerium verwaltet werden, an Kampfhandlungen weit außerhalb ihres Staatsgebietes, aller benachbarten Staatsgebiete und sogar ihres Heimatkontinents teilnehmen, entbehrt aber leider einer Erklärung, wovor genau unsere Sicherheit in Deutschland denn da verteidigt wird.
Viel interessanter ist allerdings seine Begründung für militärische Einsätze. Das Deutschlandradio selbst zitiert:

Es sei in Ordnung, wenn kritisch über den Einsatz diskutiert werde. Allerdings müsse Deutschland mit seiner Außenhandelsabhängigkeit zur Wahrung seiner Interessen im Zweifel auch zu militärischen Mitteln greifen. Als Beispiel für diese Interessen nannte Köhler ‚freie Handelswege‘. Es gelte, Zitat ‚ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auf unsere Chancen zurückschlagen‘ und sich somit negativ auf Handel und Arbeitsplätze auswirkten.

Jawohl, für „Handel und Arbeitsplätze“ müssen auch mal eine Bombe oder zwei fallen dürfen, „unsere Chancen“ werden auch mit Panzern verteidigt, daher freies Feuer für „freie Handelswege“!
Wer bislang noch skeptisch gegenüber deutschen Militäreinsätzen im Ausland war, weil immer von „Stabilisierungsmaßnahmen“ und „Friedenssicherung“ die Rede war, dürfte nun den Respekt für die Bundeswehr wiederfinden, den Horst Köhler einfordert: Handel und Arbeitsplätze, Chancen und freie Handelswege kann man nie genug haben, auf der ganzen Welt! Was soll also die falsche Bescheidenheit, wenn wir stattdessen auch richtigen Imperialismus betreiben können! Denn nichts anderes ist Krieg für den eigenen Wirtschaftsvorteil…

Das vollständige Interview hält das Deutschlandradio hier als mp3 vor.

(Nach kurzer Zeit kürzte das Deutschlandradio sowohl den Mitschnitt als auch die Zusammenfassung um die scharf diskutierten Stellen, worauf Vorwürfe von Zensur laut wurden. Nach wie vor ist aber neben der gekürzten auch die Langfassung des Interviews abrufbar, außerdem steht die Nachrichtenmeldung, in der sie selbst die heiklen Äußerungen Köhlers wiedergeben, immer noch zur Verfügung.
Es ist zwar schon merkwürdig, ein Interview mit dem Bundespräsidenten von 5:11 Minuten auf 4:16 Minuten zu kürzen und dann dafür auch noch ausgerechnet das zu schneiden, was wohl das meiste Empörungspotenzial bietet – aber für eine inhaltliche Zensur mit der Absicht, die Verbreitung von Köhlers Aussagen zu vermeiden, geht das Deutschlandradio viel zu wenig gründlich vor. Daher ist wohl eher nicht von einer tatsächliche Selbstzensur, um diese Äußerungen wegzuwischen, auszugehen.)

Update 1: Der Markt-Zyniker bringt das Interview mit früheren Aussagen Köhlers in Zusammenhang.

Update 2: Im Zusammenhang mit seinen Äußerungen im Deutschlandradio Kultur ist Horst Köhler einige Tage nach dem Interview zurückgetreten.
Mehr zum Rücktritt gibt es hier.

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Responses

  1. Ich finde diese Rechtfertigungsversuche alle lächerlich. Krieg ist Krieg und meiner Meinung nach nie gut. Man sollte sich nicht überall einmischen. Klar, dass sich das nicht immer vermeiden lässt und in manchen Fällen eingegriffen werden muss. Aber das Einmischen wird in der heutigen Zeit sehr übertrieben! Dabei geht es doch oft um den eigenen Vorteil. Und es leiden ja auch nicht die, die es betrifft, sondern in erster Linie Zivilisten. Dafür gibt es keine Rechtfertigung!

    [Anmerkung des Blogbetreibers: Ich gehe stark davon aus, dass dieser Kommentar ein automatisierter Spambeitrag ist. Weil er aber inhaltlich zumindest entfernt zum Thema passt, habe ich nur den Link aus dem Namen des Autors entfernt und lasse ihn so stehen.
    Falls ich mich täuschen sollte, „Francesca“, können Sie sich gerne nochmal melden.]

  2. Die Kriegsrechtfertigung des Bundespräsidenten empfinde ich als eine Zumutung.
    Ich halte dagegen (aus meinem blog, Archiv März 2010):

    Es ist Krieg

    Die Mutter aller Schlachten ist die Lüge,
    der Vater dieses Gedankens fiel im Felde,
    und die Kinder spielen bereits wieder am vergifteten Brunnen.

    Großvater ruht ausgezeichnet in unbekannter Erde,
    Großmutter war Trümmerfrau.
    Ein reicher Onkel in Amerika macht in Öl,
    seine Frau sich von der Fahne.
    Der gute Onkel leidet unter dem Zölibat,
    seine kurzsichtige Schwester glaubt an den Mond.
    Ansonsten kümmert man sich wenig um die bucklige Verwandtschaft,
    schlägt sich durch im täglichen Wachstumskrampf,
    pflegt seine Mimosen und Pandemien, nicht zuletzt durch überreichlichen Genuss eines Mediensalats, der seine Unhaltbarkeit mit Geschmacksverstärkern kaschiert.

    Das Schweigen im Walde verschläft den Bildungsnotstand, deckt Bespitzelung und Verwaltungsorgien und tarnt Korruption als Lobbyismus. Finanzbetrug scheut nicht einmal den frischwindigen Donnerbalken, das Gesundheitswesen verhebt sich an stinkenden Geldaufhäufungen einerseits und verrenkt sich an leeren Klassen-Kassen andererseits. Waffen werden produziert und gehandelt wie Brote, doch die geschundene Erde gibt für viele weniger als das „täglich Brot“, weil die Saat der Versprechungen nicht aufgeht.

    Sie schießen wieder – sogar „kriegsähnlich!“ – und eine verblödete Herde blökt nicht einmal, weil sie Hammeln nachtrottet – so frei von Argwohn, zufrieden im Klatsch und Tratsch und doch so verängstigt vor Terrorismus, für dessen Entstehen die Hornviecher alles bereiteten, während sie ihren Gefolgen Hörner aufsetzen.

    Es ist Krieg an vielen Brennpunkten der Welt,
    aber ihr verdammt ihn scheinheilig nur in der Historie,
    lenkt von den gegenwärtigen grausamsten Menschheitsversagen ab.

    Nie wieder sollte von diesem Land Krieg ausgehen!
    Das könnt ihr doch nicht vergessen haben.
    Nein, ihr lügt so gelassen, wie ihr belogen werdet!
    Geht es euch gut? – Das ist die Hauptsache.

    Es ist Krieg! – Merkwürdig.
    Ein merkwürdiger Krieg: Die Schlacht gegen das Menschsein.
    Keines eurer Gebete hat Krieg verhindert,
    da ihr sogar Waffen segnet.

    Hättet ihr doch nur Ahnung,
    wie euch der Glaube an Gott und Geld entmenschlicht!

    Ihr würdet euch ändern.

  3. Hallo liebe Leute,

    ich habe eine Strafanzeige gegen unseren Bundeshorst erstellt und erstattet.

    Lesbar und als PDF-Download unter http://bundeshorst.wordpress.com

    Bitte weitergeben. Danke :-)

    Laevus Dexter

  4. […] dem Krieg für die Arbeitsplätze bekommen wir jetzt also auch die Zensur für die Finanzlage. Man kann nur nochmal betonen: Das ist […]

  5. […] – womöglich eher versehentlich ehrlichen – Äußerungen, mit denen er in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur um mehr Respekt für Auslandseinsätze der Bundes…. Die in Zusammenhang mit Köhlers Rücktritt immer wieder zitierte Passage lautet: Meine […]

  6. […] zurückgetreten. Das war richtig so: Nicht nur war er ohnehin kein guter Präsident, sondern seine kriegsverharmlosenden Ansichten haben ihn als Staatsoberhaupt untragbar […]


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