Verfasst von: Manuel | 31.05.2010

Die Große Hecke von Indien

Schon immer haben Menschen Grenzen gezogen, um ihre Ansprüche zu sichern, um einander die Freizügigkeit einzuschränken, um den Fluss von Gütern und Waren zu regulieren.
Für viele davon wurden mächtige Mauern, Wälle und Zäune errichtet.

Andere Demarkationslinien sahen ausgefallener aus.

Die East India Company, die im 18. Jahrhundert de facto ein Monopol des Handelsverkehrs zwischen Europa und Indien unterhielt, übte im Verlauf desselben zunehmend die Herrschaft über große Landstriche des Subkontinents aus. Immer mehr übernahm sie Militär- und Verwaltungsaufgaben und ließ dafür in ihrer ursprünglichen Aufgabe des Handeltreibens nach. 1757 besiegte die Honourable East India Company in der Schlacht bei Plassey die Truppen des Nawab von Bengalen Siraj-ud-Daula, des letzten unabhängigen Herrschers von Bengalen. Damit setzte die Company Rule in India ein, in der die HEIC tatsächliche Regierungsmacht über die von ihr besetzten Gebiete Indiens durchsetzte.

Bereits als die East India Company anfang des 17. Jahrhunderts erstmals in Indien Fuß fasste, war die Versorgung des Empire mit indischem Salz eine ihrer wichtigsten Tätigkeiten. Die Inder waren es gewohnt, auf das lebenswichtige Mineral Steuern zu bezahlen, aber die erhebliche Erhöhung der Salzsteuer durch die East India Company gehörte zu den Problemen, die für wachsenden Unmut in der Bevölkerung sorgten. Als das britische Unternehmen zwei Jahre nach seinem Sieg bei Plassey in den Besitz von Salzwerken bei Kalkutta kam, führte es zudem Transitgebühren auf das Salz ein. Für die Company erwies sich das als so profitabel, dass diese daraufhin die Kontrolle des Salzabbaus und -handels in den folgenden Jahrzehnten immer stärker für sich einnahm.
Im frühen 19. Jahrhundert wurde der illegale Salzhandel und -schmuggel zu einer wachsenden Unannehmlichkeit für die Company. Auch der schwer kontrollierbare Handel mit Opium machte ihr Schwierigkeiten. Um ihre Einnahmen weiter abzusichern, richtete sie Zollkontrollen entlang einer Grenze ein, die zum Zwecke des Salztransports zu überschreiten hohe Gebühren mit sich brachte. Die immense Größe des Landes, in dem die Einheimischen sich weit besser auskannten als die Besatzer, brachte es jedoch mit sich, dass sich der Schmuggel von Salz und Opium auch damit nicht vollständig unterbinden ließ.

Vielleicht liegt es an einer besonderen Affinität der Briten zum Gartenbau, dass über den größten Teil dieser Grenze kein künstlicher Wall gezogen wurde. Um ihre Zollbarriere durchzusetzen, errichtete die East India Company in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts eine lange Strecke aus Dornenpflanzen – eine Hecke.

Die Great Hedge of India erstreckte sich quer durch Indien. Wenn die Chinesische Mauer das bis dahin größte Bauwerk der Menschheit war, ist die Great Hedge bis heute ihre größte Anpflanzung. 1869, im Jahr als der Sueskanal eröffnet wurde, dessen erstmalige Verbindung von Mittelmeer und Rotem Meer den Seehandel Europas stark vereinfachte, erreichte die Große Hecke von Indien eine Länge von 3200 Kilometern, die von knapp 12000 Soldaten bewacht wurden.

Lage und Ausdehnung der Großen Hecke von Indien in den 70ern des 19. Jahrhunderts.
Abbildung in „The Great Hedge of India: The Living Barrier That Divided a Nation“ von Roy Moxham.

Der Einsatz dieser Customs Hedge kann als äußerst effektiv bewertet werden: Bis 1858 brachte das Salzmonopol ein Zehntel der Einnahmen der Britischen Kolonien in Indien ein. Unzählige Inder starben am Salzmangel, den die enormen Salzpreise mit sich brachten. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die nicht zuletzt durch die hohen Salzsteuern ohnehin schon bedenklich wurde, nahm angesichts der faktischen Teilung Indiens durch die Dornenhecke weiter zu.
Anfang der 80er war dem Druck aus der Bevölkerung nicht mehr beizukommen. Die Hecke wurde an vielen Orten weggerissen, in den Folgejahren auch niedergebrannt. Zwar blieb auch nach der Auflösung der East India Company die hohe Besteuerung von Salz durch das Britische Empire bestehen, die Große Hecke jedoch wurde vernichtet und geriet in Vergessenheit.

Obwohl es verschiedene Aufzeichnungen gibt, die mehr oder weniger ausführlich von der Großen Hecke von Indien berichten, nahm kein Chronist oder Historiker sie je in eine Geschichtsschreibung auf. Bald wurde sie eine Legende, und schließlich starben im 20. Jahrhundert die letzten, die noch etwas von ihr wussten. Als 1946 im Zuge der Unabhängigkeit Indiens die immense Salzsteuer – die bis dahin noch mehrfach erhöht worden war – aufgehoben wurde, gab es bereits niemanden mehr, der noch von der Großen Hecke sprach, mit der sie einst durchgesetzt wurde.
Ein Jahrhundert lang gehörte sie zu den großen Leistungen, die von der Menschheit vergessen worden waren.

Erst 1995 weckten Erwähnungen der Hecke in alten Texten das Interesse eines Konservators der Universität London, Roy Moxham. Die Diskrepanz zwischen den gigantischen Dimensionen der Hecke und des völligen Fehlens historischer Dokumentationen derselben irritierte Moxham. Er sammelte alle Informationen, die er finden konnte, und reiste nach Indien, wo er unter großen Anstrengungen Hinweise auf Überreste der Großen Hecke fand. Bei seiner dritten Expedition 1998 stieß er schließlich bei Chakanagar in Etawah auf einen durch jahrzehntelangen Bewuchs herausgehobenen Hügelkamm mit einem Dickicht dorniger Gewächse. Er hatte Überrreste der Großen Hecke von Indien wiedergefunden.
Roy Moxham schrieb ein Buch über seine Arbeit, welches er 2001 unter dem Titel „The Great Hedge of India: The Living Barrier That Divided a Nation“ veröffentlichte und das bis heute das Standardwerk über die Hecke darstellt.

Die Große Hecke von Indien, die mindestens drei Jahrzehnte überdauert hat, erreichte mit ihrer Länge von 3200 Kilometern die mächtigste Ausdehnung, die eine menschliche Anpflanzung je aufwies. Sie stellte die größte Hecke dar, die es je gegeben hat. Wahrscheinlich war sie der bislang einzige fast vollständig biologisch abbaubare Grenzwall, mit dessen Hilfe ein ganzes Volk bis zum Elend unterdrückt wurde. Sie teilte eines der bevölkerungsreichsten Länder seiner Zeit in Ost und West, hundert Jahre, bevor die DDR auch nur gegründet wurde, auf einer längeren Strecke, als die gesamte Grenze des ostdeutschen Mauerstaats sie je darstellte.
Ein ganzes Jahrhundert lang sprachen weder die Inder noch die Briten über die Great Hedge, und deshalb war sie für lange Zeit vollkommen vergessen.

Diese Geschichte ist in ihrer Gänze so unglaublich, dass der Leser sie hoffentlich auch nicht glaubt, sondern selbst nachliest.


Responses

  1. […] die Geschichte irgendwie vergessen hat. Aus ersterem Artikel könnte dem geneigten Zivilscheinleser die Große Hecke von Indien bekannt […]

  2. […] hat sich Indien allerdings eines: Die Goldmedaille für die längste Hecke aller Zeiten. Wer sagt, dass die East India Company keinen Humor hatte? Dieser Eintrag wurde veröffentlicht […]


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