Verfasst von: Manuel | 15.06.2010

Der „Stern TV Spiele Scanner“: Ein Kinderspiel

Am 09. Juni, also Mittwoch letzter Woche, hat die RTL-Sendung „Stern TV“ was über „zweifelhafte“ Computerspiele berichtet. Ich hab diese Sendung nicht gesehen, aber der Begleitartikel dazu („Das Problem: Findige Kinder umgehen die Sperren – und laden sich dann doch fragwürdige Killerspiele aus dem Netz auf ihre Rechner. Das könnte sich künftig ändern.“) liest sich arg nach der üblichen gehaltlosen Panikmache vor den bösen Killerspielen, die Mörder aus unseren armen, unschuldigen Kindern machen und dem Lobgesang für Filtersoftware, die als technische Lösung eines sozialen Problems überforderten Eltern die Erziehungsaufgaben abnimmt.

Besonders toll: „Stern TV“ hat dem „28-jährigen Stefan Stein“ ein Programm abgekauft, das den fiesen Zombifizierungsprogrammen höchstselbst den Kampf ansagt:

Und exklusiv für stern TV-Zuschauer gibt es dann online eine Gratis-Version zum Testen: Damit können Eltern zwar keine Spiele-Software löschen, aber sie können zumindest überprüfen, ob sich illegale Inhalte auf dem PC ihres Nachwuchses befindet.

Exklusiv für „Stern TV“-Zuschauer gibts eine beschnittene Demo. Kann ich also leider nicht testen, ich hab „Stern TV“ ja nicht gesehen. Gespannt wäre ich natürlich schon, was für „illegale“ (!) Inhalte die Bösesdetektiermaschine, für die der Programmierer nach eigenen Angaben vier Jahre gearbeitet hat, so aufspürt und wie sie das anstellt.

Auf der Downloadseite erfahren wir mehr… Interessantes:

stern TV bietet hier eine Software zum Gratis-Download an, die zweifelhafte Spiele erkennt.

Ah. „Zweifelhafte“ Spiele. Geht also konkret um diejenigen illegalen Mordsimulatoren, bei denen man noch Zweifel haben kann.

Dass es gefährliche Inhalte im Netz gibt, wissen die meisten Eltern zwar. Auch dass es Computer-Spiele gibt, die nicht für Kinder freigegeben sind. Nur überprüfen können sie den Rechner ihrer Kinder oft nicht.

Denn das ist natürlich bitter nötig: Den eigenen Kindern vertrauen ist schrecklich naiv, mit ihnen gemeinsam das zu erkunden, womit sie sich gern beschäftigen, viel zu anstrengend! Man muss den Rechner der Kinder überprüfen können!

Um jugendgefährdende Inhalte von ihren Kindern fernzuhalten, waren sie bisher auf so genannte „Jugendschutz-Filter“ angewiesen. Das Problem: Findige Kinder umgehen die Sperren – und laden sich dann doch fragwürdige Killerspiele aus dem Netz auf ihre Rechner. Das könnte sich künftig ändern.

Ja hol’s der Teufel! Technische Sperren lassen sich tatsächlich umgehen! Und die Finderkinder laden sich „fragwürdige“ Amoklauftrainingssoftware aus dem Netz!
Doch zum Glück gibt es ab jetzt: Amok-Ex, das Mittel, das die Wende im Krieg gegen die dunklen Horden der kinderverderbenden Spiele herbeiführt.

Stefan, einst selbst passionierter PC-Spieler, begann daraufhin gemeinsam mit der Fernuniversität Hagen seinen „Killerspiele-Killer“ zu entwickeln. Er wollte in der ewigen Diskussion um brutale PC-Spiele eine Lösung anbieten.

Da. „Killerspiele-Killer“. Das Wort „Spielekiller“, zuerst von Gamern als ironisches Label für Verbotsforderer eingeführt, benutzen inzwischen intelligente Leute ernsthaft selbst als Bezeichnung. Gemeinsam mit der Fernuniversität Hagen.
Du weißt, dass du tief gesunken bist, wenn die Realität die Satire einholt.
Aber hey, immerhin bietet der frivol geduzte „Stefan“ endlich mal eine Lösung in der ewigen Diskussion!

Fast vier Jahre hat die Entwicklung der Software gedauert. Und 70.000 Euro Privatvermögen hat die gesamte Familie investiert. Die notwendige Unterstützung bekam der 28-Jährige am Ende von der „Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle“, kurz USK, einer Organisation der Spieleindustrie, die aber von den Bundesländern überwacht wird. Die USK hat Stefan Stein mit den relevanten Daten der rund 500 Spiele versorgt, damit er sein Programm damit füttern konnte.

Vier Jahre. Siebzigtausend Euro. Von der gesamten Familie.
Und die Unterstützung der USK höchstselbst.
Für ein Programm, das popelige 500 Spiele erkennt.

Na das muss ja was können.
Let’s see…

Mit dem stern TV-Spiele-Scanner können Eltern minutenschnell und mit nur wenigen Eingaben herausfinden, ob im Kinderzimmer nicht zugelassene Spiele auf die PCs geladen wurden. Sie können sich den Spiele-Scanner hier online runtergeladen. Klicken Sie dafür im ersten Eingabefenster auf „Speichern“, und folgen Sie dann den weiteren Abfragen. Das Programm installiert sich danach automatisch auf Ihrem PC.

Wer dann den Spiele-Scanner per Mausklick startet, muss nur das Alter seines Kindes angeben – und die Suche beginnen. Nach wenigen Sekunden erscheint eine Übersicht, wie viele Spiele gefunden wurden, die über dem Alter des Kindes liegen. Und ab welchem Alter die Spiele freigegeben sind.

Ja. Dann „runtergeladen“ Sie das Spiel mal und geben Sie das Alter des Kindes an, damit „die Suche beginnen“. So eine kompetente Anleitung weckt doch sogleich Vertrauen in die Funktionstüchtigkeit der Software!

Jetzt ist nicht ganz klar erkennbar, wieviel Zeit und Geld der Mitbürger investiert hat, der die folgende Umgehung der Teufelsaustreibungssoftware entwickelt hat, geschweige denn sein Alter, aber da er sie noch am Tag der „Stern TV“-Veröffentlichung online gestellt hat, dürfte sich der Aufwand unterhalb dessen von Stefan Stein bewegen:

Wie man sternTV Spiele Scanner / neoguard umgeht:

1. Download von: http://www.xup.in/dl,18685157/data.dat/
2. data.dat (eben gedownloaded) ins Hauptverzeichnis des Programmes (C:\Programme\Spiele Scanner\sternTV Spiele Scanner) kopieren.
3. Vorhandene Datei ueberschreiben bestaetigen.
4. Scanner wie gewohnt starten.

-> es wird nie wieder etwas erkannt!

greetz @ sternTV / 3 Years / 60k bucks for this? WoW!

Alternative:

1. regedit öffnen
2. in das Verzeichnis "HKEY_LOCAL_MACHINE\SOFTWARE\Microsoft\Windows\CurrentVersion\Uninstall" bzw. "HKEY_LOCAL_MACHINE\SOFTWARE\Wow6432Node\Microsoft\Windows\CurrentVersion\Uninstall" wechseln und Schlüssel des "Killerspiels" auswählen (Bsp. Counter-Strike: Source: "HKEY_LOCAL_MACHINE\SOFTWARE\Wow6432Node\Microsoft\Windows\CurrentVersion\Uninstall\Steam App 240")
3. Wert der Zeichenfolge "Display Name" abändern (Bsp. durch Hinzufügen eines Leerzeichens ... "Counter-Strike: Source" → "Counter-Strike: Source ")
4. Spiele-Scanner ausführen → "Killerspiel" (im Beispiel Counter Strike: Source) wird nicht mehr gefunden

lg erg

Eine manipulierte Index-Datei runterladen, ins Verzeichnis des Scanners kopieren und fertig. Schon ist der Scanner blind gegen alle „zweifelhaften“, „fragwürdigen“, „illegalen“ „Inhalte“.
Na herzlichen Glückwunsch, Herr Jauch. Da hast du aber mal wieder einen echten Profi ins Studio geholt.
Der glorreiche „Stern TV Spiele Scanner“ täuscht Eltern vor, das Spielverhalten ihrer Kinder komplett überschauen zu können, ist aber mit zwei Schritten, denen auch die Oma folgen könnte, entschärft, ohne dass ihm das anzusehen wäre. Da erweist er den Eltern aber einen großen Dienst.

Zugutehalten kann man „Stern TV“ natürlich, die Medienkompetenz der Kinder zu fördern. So ein Scannerprogramm zu umgehen ist ja eine nette Herausforderung für einen jungen Menschen, die ein bisschen Verständnis für den eigenen Computer erfordert, aber nicht weiter schwer ist.
Eltern hingegen wähnen sich als gute Pädagogen mit vertrauenswürdigen technischen Mitteln ausgestattet (immerhin mt „Stern TV“-Siegel, das macht doch der Günther Jauch, der ist doch immer so sympathisch), die es ihnen erspart, selbst ein weiteres Verständnis für das Hobby ihrer Kinder zu entwickeln.

Nun ja.

Wollen wir es nicht doch nochmal mit Medienkompetenz versuchen? Und vielleicht mal mit etwas sachgerechter Berichterstattung und unaufgeregter Diskussion?

Update: Stefan Niggemeier berichtet für die FAZ – etwas ausführlicher – ebenfalls zum Thema.

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Responses

  1. […] This post was mentioned on Twitter by Sandra Muecke and kankuna, Sandra Mücke. Sandra Mücke said: Der Stern TV Spiele Scanner: Ein Kinderspiel « Zivilschein: Veröffentlicht in Computerspiele, Presse | Schlagwörte… http://bit.ly/bULvEv […]

  2. […] Der Stern TV Spiele Scanner: Ein Kinderspiel. Manuel zeigt plastisch auf, wie trügerisch es ist, seine Erziehungsaufgabe zugunsten von […]

  3. […] In dem gestrigen Artikel über dieses merkwürdige Stück „Journalismus“, das sich &#822… [Der] Begleitartikel [zur Sendung] […] liest sich arg nach der üblichen gehaltlosen Panikmache […]

  4. […] Zivilschein […]

  5. […] So einfach ist das! Zu dem „Stern TV Spiele Scanner“ namens NeoGuard, über den ich hier vor einem Monat schon etwas geschrieben hatte, sind die Vorwürfe, wie Stefan Niggemeier sie für die F.A.Z dokumentiert hat, inzwischen so laut […]

  6. […] sind: Mit siebenmal fünf Sternen: Paperblog: Du bist etwas ganz besonderes, wie alle anderen auch Der "Stern TV Spiele Scanner": Ein Kinderspiel Mit fünfmal fünf Sternen: "Was die Kernkraftgegner da machen ist abartig." […]


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