Verfasst von: Manuel | 18.06.2010

Paperblog: Du bist etwas ganz besonderes, wie alle anderen auch

Wachsende Besucherzahlen mit einem noch eher kleinen Blog einzufahren hat einige Vorteile.
Es hat allerdings auch Nachteile. Spam ist vielleicht der massivste davon. In letzter Zeit wird Zivilschein zusehends von Spamkommentaren und gefakten Trackbacks bombardiert – teilweise sogar manuell verfasst -, die zunehmend auch durch den Spamcatcher kommen.
Außerdem wird meine Mailadresse zum Anlass für Spam-Mails genommen. Ein groteskes Stück von der Sorte habe ich gestern von “Paperblog” als html-Mail (!) bekommen:

Betreff: “Zivilschein”: Einladung zur Beta-Version von Paperblog

Hallo Manuel,

ich habe Ihr Blog “Zivilschein” entdeckt und möchte Sie daher gerne dazu einladen, sich unser Projekt Paperblog anzusehen. Paperblog ist eine partizipative Internetseite für Blogger, die im Moment als Beta-Version zur Verfügung steht und demnächst offiziell online geht.

Soso. Ihr habt also mein Blog “Zivilschein” entdeckt, nennt mich beim Vornamen und siezt mich dennoch. Könnte das daran liegen, dass mein Vorname genau das ist, was bei jedem Artikel als Autor angegeben ist, und mein Nachname nur im Impressum steht?
Und: Wofür die Anführungszeichen? Damit der Satz auch ja mit jedem noch so grotesk benannten Blog funktioniert?

Wir versuchen mit unserem Projekt zum einen ein alternatives Medium aufzubauen, in dem auch Erfahrungen, Meinungen und Ereignisse ihren Weg in die Öffentlichkeit finden, die in den klassischen, großen Medien eher wenig Gehör finden. Zum anderen bieten wir den Bloggern die Möglichkeit, zusätzlich zu ihrem eigenen Blog, weitere Leser für ihre Beiträge zu interessieren. Um dies zu erreichen, sortieren wir die Beiträge der Blogger nach thematischen Ressorts.

Ahja. Ihr verschafft mir also weitere Leser, indem ihr meine Beiträge sortiert. Und damit baut ihr ein alternatives Medium auf, in dem auch Non-Mainstream-Beiträge vorkommen.
Hey! Moment mal! Das macht doch mein Blog auch schon alleine!

Ich könnte mir gut vorstellen, dass Sie an unserem Projekt teilnehmen und würde mich freuen, wenn Sie unsere Seite http://de.paperblog.com besuchen, um sich ein erstes Bild davon zu machen.

Die Seite ist im Moment noch nicht öffentlich zugänglich, Sie können sich jedoch mit folgenden Angaben einloggen:

http://de.paperblog.com

Benutzername: Betaversion
Passwort: test

Ihr könnt euch also gut vorstellen, dass ich den Quatsch mitmache, weil ihr mir einen exklusiven Betazugang gebt, der mit dermaßen generischen Zugangsdaten funktioniert? Sollten etwa auch Andere denselben Zugang bekommen? Warum denn das?

Schauen Sie sich die Seite in aller Ruhe an und wenn Ihnen unser Angebot gefällt, schlage ich Ihnen vor, Ihr Blog bei Paperblog einzuschreiben.

Yeah, as if. Ihr schickt mir eine Massenspammail, für die ihr euch genau die Zeit genommen habt, die es braucht, um meine Email aus dem Impressum zu fischen und meinen Vornamen dazuzuklatschen und erwartet, dass ich mir dafür die Zeit nehme, mir eure Seite in aller Ruhe anzusehen? Und Zivilschein bei euch anzumelden? Unter Angabe von persönlichen Daten zur Erstellung eines Accounts, über den ihr dann meine Inhalte aggregiert? Obwohl in dem Impressum, aus dem ihr meine Email-Adresse habt, drinsteht, dass ihr meine Beiträge auch so aggregieren könnt?

“Zivilschein” entspricht genau unseren Qualitätskriterien für interessante und gut geschriebene Artikel und ich bin überzeugt, dass Ihre Beiträge für die Leser des Ressorts Medien o.a. eine Bereicherung darstellen. Wenn Sie sich dazu entschließen, bei unserem Projekt mitzumachen, werden Ihre Artikel selbstverständlich immer mit einem Link auf Ihren Blog verweisen.

Ja, genau! “[Insert Blogname here]” ist ganz exakt das, was wir schon immer gesucht haben! Du bist so anders, ganz speziell, ich merke sowas immer schnell! Darum haben wir uns auch die Mühe gemacht, dich mit nur 3871 anderen Orks Spamopfern Bloggern in unsere Massenspam-Mailingliste aufzunehmen!

Besonders gute Artikel werden von unserem Team für die Startseite von Paperblog ausgesucht.

Wut? Jemand liest den ganzen Schleuder auch noch? Glaub ich nicht.

In der Hoffnung, dass Ihnen unser Projekt gefällt, stehe ich Ihnen weiterhin bei allen Fragen oder Anmerkungen sowie Verbesserungsvorschlägen zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,

Johanna

Klar, Hanni! Ich find euer Projekt total knorke. Darum hab ich auch schon einen Verbesserungsvorschlag: Hört auf, Leute, mit deren Inhalten ihr Geld verdienen wollt, zu verarschen. Das ist ganz, ganz mieses Gebaren.

johanna@paperblog.com

Paperblog auf Deutsch

Werden Sie Fan von Paperblog auf Facebook!

Oh, geil! Bonuslinks am Ende der Spammail! Klick ich gerne alles an, um Fan eures albernen Contentquirlprojekts zu werden! Hui, alles so bunt hier!

Wo sind meine Mützen und Kugelschreiber?

Update: Deutlich vor mir hat sich Maingold schon deutlich genauer mit Paperblog auseinandergesetzt.
Einen weiteren kritischeren Blick bietet offensichtlich.
Kasse4 hat einen längeren Mailverkehr mit Paperblog geführt und dokumentiert.


Responses

  1. Herzlich willkommen in der herrlichen Welt der Spamlyrik. Da haste ein großartiges Exemplar erwischt :)

  2. Demnächst müsste dann die zweite Mail bei dir ankommen, in der enttäuscht darauf hingewiesen wird, dass Du dich immer noch nicht angmeldet hast, jetzt aber noch einmal die Gelegenheit bekommst. War bei mir jedenfalls so.

  3. @Sebastian
    Danke für die Vorwarnung. Stelle ich dann wieder heir rein, den Unfug…

  4. Hatte ich heute auch in der Post

  5. Oh ja, wieder eine von diesen Mails. Denken sich wohl man kann es ja einmal probieren. Werden wohl auch ziemlich viel Erfolg damit haben. Das “Positive” an den Massenmails ist ja deren unglaubliche Streuung. So oder so habe ich Paperblog gleich einmal meinem Spamfilter hinzugefügt.

  6. Hat Spaß gemacht zu lesen, wunderbar :D
    Habe natürlich auch beide Mails bekommen. Darauf zu reagieren war mir aber von vornherein zuwider.

  7. @Hannes Schurig
    Fun Fact: Ich habe nur die obige Mail erhalten. Vermutlich haben die heldenhaften Paperblogger diesen Artikel vor dem Abschicken des zweiten gelesen und mich aus ihrem Spamverteiler genommen.
    Und jetzt demonstrieren sie ihre Glaubwürdigkeit und Transparenz, indem sie trotzdem nicht weiter auf diesen Artikel reagieren.

    You be the judge…

  8. Hi, cooler Artikel, Paperblog hat sogar noch ein paar mehr nachteile, lies mal meinen beitrag zu dem Thema :)

    http://kasse4.wordpress.com/2010/06/29/fremde-federn-thank-but-no-thanks-paperblog/

  9. [...] Top-Klicks blog.bffs.de/2010/06/sind-wir-nun-endgul…zivilschein.wordpress.com/2010/06/18/pap…maingold.com/293/paperblog/kasse4.wordpress.com/2010/06/29/fremde-f…de.paperblog.com/pages/uber-uns/protextbewegung.de/05/protext-die-bewegu…kunden.ausderhoelle.de/twitter.com/Frau_Elise [...]

  10. Ich bin ebenfalls ein ‘privilegierter Eingeladener’ von Paperblog und bei der Recherche über dieses Angebot hier gelandet. Danke für die aufklärenden Worte und auch für die weiteren Links, von einem Blogger zum anderen.

    Nein, da werde ich mich auch nicht anmelden.

  11. Ich habe als Journalist auch persönlichen telefonischen Kontakt mit Paperblog gehabt. Meine Erfahrung: Sie lesen die Artikel tatsächlich, sortieren sie auf ihren Seiten, sind international tätig und schaffen sogar richtige Arbeitsplätze. :-) Es handelt sich nicht um eine übliche Spammail, es werden tatsächlich von Hand Artikel für die Startseite ausgewählt und gelesen. Außerdem können Leser die Artikel bewerten. Das Projekt ist meiner Ansicht nach deshalb interessant, weil es mit den üblichen automatisierten Suchmaschinen schwierig ist, qualitativ hochwertige Blogs zu finden. Ich sehe natürlich auch Nachteile, aber ich kann es nicht so negativ bewerten wie meine Vorredner hier.

  12. Ja stimmt, die Bewertungsfunktion ist wirklich originär bei Paperblog. Also let’s go crazy! Im Ernst: Jeder Blogger ist für sich verantwortlich, wenn Du bei Paperblog glücklich wirst und Dir die Site auch nur einen Klick bringt – dann passt es ja :)

  13. Hint: Das Problem ist nicht, dass echte Menschen hinter dem Angebot stecken.

  14. Geilo: “Sie [...] schaffen sogar richtige Arbeitsplätze. :-)”

    Na super, wo muss ich unterschreiben?
    Zivilschein hat mir noch nicht genug gebracht, um mir ein Eis zu kaufen, aber wenn ich damit wildfremden Leuten die Miete mitbezahlen kann, bin ich doch sofort Feuer und Flamme, meine Inhalte dafür wegzugeben!

    “Sie schaffen Arbeitsplätze”… Oh wow…

  15. [...] Zivilschein, Kasse4 und Offensichtlich wurden die Hauptkritikpunkte gut zusammengefasst. Paperblog will seine [...]

  16. Kommt davon, wenn man so nebenbei Kommentare schreibt. DDie Antwort hab ich verdient. :-) Ich meinte, dass es kein Bot ist, sondern das tatsächlich Menschen dahinterstecken, und dass sie sogar Leute suchen. Ist also nicht der übliche Spamkram, wie die Mail ursprünglich mal vermuten ließ. Und bitte jetzt nicht glauben, ich mache Werbung für die. Ich recherchiere lediglich und finde die eigentliche Idee nicht schlecht.

  17. @Jens Bertrams
    Okay. Recherchetipps: Technorati, Icerocket, Rivva. Wieviel vom Gewinn bekommt ein Blogbetreiber? Und: Warum bekommen wir alle exakt die wortgleiche Werbemail, wenn das doch ein so guter Dienst gewissenhafter Menschen ist?

  18. Habe die gleiche Mail bekommen, sehe das ganz ähnlich.

    http://filmgaffer.blogspot.com/2010/08/johanna-von-paperblog-und-mein-blog.html

  19. Mich hat_s gerade auch zum dritten Mal erwischt. Humbug. (http://is.gd/eGM5F)

  20. Kommt mir bekannt vor – die Mail hatte ich vor ein paar Monaten auch. Und auf meine Frage, was es mir den bringen würde, wurde nur sehr ausweichend geantwortet.

    Wobei ich mir bei dem Vornamen+Siezen etc. nicht sicher bin, ob das nicht einfach ein Kulturproblem darstellt – das ganze scheint ja eine französische Firma zu sein, die das in Frankreich auch schon länger macht.

  21. Johanna…

    ist sehr fleißig und hat sich auch bei mir gemeldet!!

    man fühlt sich richtig ernst genommen..

    werden wohl verzichten

    Hans

  22. Vielen Dank für diese Aufklärung, ich habe just heute auch diese Mail erhalten.

    Was soll ich davon halten? Unglaublich!

  23. Ich denke, man muss hier unterschieden zwischen der Art, wie die Blogger angesprochen werden, und dem Projekt, bzw. dem potentiellen Nutzen für die einzelnen Teilnehmer.

    Klar stößt es auch mir sauer auf, dass eine offensichtlich technisch generierte Mail als persönliches Anschreiben deklariert wird. Es ist schon richtig, dass uns da, wie es irgendwo hieß, “Honig ums Maul geschmiert” wird.
    Andererseits will man ja mit seinen Beiträgen wahrgenommen werden. Soweit man nicht selbst Kasse machen will (was sicher viele möchten – theoretisch hätte ich auch für mich nichts dagegen -, was aber wohl in 99,99 % der Fälle unrealistisch ist) spricht aber m. E. nichts dagegen, wenn man sich mit dem Paperblog einen weiteren “Vertriebskanal” für die eigenen Texte erschließt.

    Was mich persönlich (der häufig seine Einträge ergänzt oder ändert – aber damit dürfte ich eine ziemlich exotische Ausnahme sein) eher stört ist der Umstand, dass in Paperblog auf ewig der alte Text konserviert ist und die Ergänzungen nicht erscheinen.

  24. … spricht aber m. E. nichts dagegen, wenn man sich mit dem Paperblog einen weiteren „Vertriebskanal“ für die eigenen Texte erschließt.

    –> Oh doch, und zwar für den Blogger unvorteilhafte AGBs, die ohne wenn und aber nur eine Seite bevorzugen. Paperblog hat niemals formuliert, was es zu tun gedenkt, um die Texte der Blogger aktiv zu pushen. Würdest Du mir also die Veränderungsgewalt und die Auswertungsrechte für Deine Texte geben, ohne dass ich eine Gegenleistung anbiete? Eben. Bleibt wachsam!

  25. hab grad die zweite mail von “hanni” im posteingang! sie wollte mich nochmal an die vorige mail erinnern :D

    oh man, ist das arm..

  26. fragt Johanna doch mal, wie sie aussieht. Und lacht :)

  27. [...] Diesmal war es paperblog.com. Wer die Mail von „Johanna“ lesen will, kann das z.B. hier tun. Seit der Beta-Phase hat sich die Textvorlage allenfalls geringfügig verändert. Unsere Anwort [...]

  28. [...] https://zivilschein.wordpress.com/2010/06/18/paperblog-du-bist-etwas-ganz-besonderes-wie-alle-anderen… [...]

  29. [...] Paperblog: Du bist etwas ganz besonderes, wie alle anderen auch 28 Kommentare Juni [...]

  30. Hab gestern auch Post von paperblog bekommen, allerdings von Julia. Ich muss zugeben, dass ich mich zunächst geschmeichelt gefühlt habe und über ein paar Gastbeiträge nachgedacht habe, etwas Werbung für meinen Blog könnte ich schließlich gut gebrauchen. Aber nachdem ich nach kurzer google-Suche auf diesen Artikel hier gekommen bin und mir dann die AGBs genauer angesehen habe, musste ich die nette Einladung dankend ablehnen.

    Sich praktisch ohne Gegenleistung die Inhalte anderer Seiten einzuverleiben – das ist schon ganz schön dreist, auf die Idee muss man erstmal kommen.

  31. hi patricia, weise entscheidung … paperball is no solution!

  32. Hallo,

    ich melde mich mal kurz zu Wort hier. Also mir ist das dreiste Angebot erst nach dem Handschlag aufgefallen. Sie nehmen also meine Texte und bringen einen fast unsichtbaren Link zu meiner Webseite an. Laut Statistik sollen auch angeblich etliche Besucher über Paperblog zu mir gekommen sein. G Analytics sagt dazu: Nope, kein einziger.

    Wenn die mir kein Gegenangebot machen, werde ich alles wieder löschen und ich hoffe, kein andere wird darauf reinfallen, das ist in meinen Augen sehr dreist.

  33. @Patrick
    Danke für den Kurzbericht aus Opferperspektive. Falls das wirklich so läuft, ist das, was Paperblog da betreibt, nicht nur dreist, sondern wohl Betrug.

  34. [...] ich nirgends einen Nachnamen von Ihnen. Auch scheinen Sie ja noch eine Schwester zu haben. Denn andere Blogger berichten mir, dass eine “Johanna von Paperblog“ ihnen geschrieben hätte. Ihre Mutter muss dann wohl [...]

  35. “goockel.com entspricht genau unseren Qualitätskriterien für interessante und gut geschriebene Artikel und ich bin überzeugt, dass Ihre Beiträge für die Leser des Ressorts Gesellschaft/Politik eine Bereicherung darstellen.” – laut Statistik dürften sie maximal 3 Artikel gesehen haben – anscheinend völlig ausreichend um sich über die Qualität ein Bild zu machen…


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