Verfasst von: Manuel | 17.07.2010

Abiball 2010

Ich war am Sommersonnenwendewochenende 2010 auf dem letzten Abiturball meiner Heimatstadt. Das war weder mein Abiball, noch der von jemandem, den ich näher kenne; aber einem Jahrgang von Abiturienten, die nicht nur ihre eigene Schulzeit zuende führen, sondern auch die Tradition, mit der sie sich von ihr verabschieden, wollte ich dafür beiwohnen.
Und ich wollte das Buffet plündern.


Während ich 2004 in einem albernen Bundeswehr-Sketch mitspielte, stellte ich angesichts auf mich gerichteter Kameras stolzer Väter die Entscheidungen in Frage, die mich in diese Situation gebracht hatten. Ich trug Lederhosen und einen falschen Bart, und im Programm unseres eigenen Abiballs waren noch zwei weitere Punkte vorgesehen, zu denen ich vorn stehen und Witze machen sollte. Die Leute amüsierten sich prächtig, und das fand ich prima, aber wir hatten auch eine nette Liveband da, die Gelegenheit, mit meinen Lehrern mal bei einem Bier ganz locker über dies und das zu reden, würde wohl nie so wiederkehren und der Abend musste auch noch die Gelegenheit zum Feiern unter Freunden hergeben können.
Ich habe im Verlauf jenes Abends viel interessantes erfahren, eine Menge Spaß gehabt und als alles vorbei war, fragte ich mich irritiert, wo die Zeit bloß hin war. Ziemlich früh war mir klar, dass ich auch locker drei- oder viermal zugleich hätte da sein können, jedesmal, ohne weniger als einen großartigen Abend zu erleben. Als gegen halb vier die Stühle im Saal hochgestellt waren, weigerte sich die Bar, dem stellvertretenden Schulleiter, seiner Tochter, deren Freund aus meinem Englisch-LK, mir oder den paar anderen Verbliebenen noch irgendwas auszuschenken. Man setzte uns vor die Tür. Wir hatten den Abend bis zum letzten Moment ausgekostet.


Die Idee an sich, mich in anderer Leute Abiball zu schleichen, kam mir 2006 noch aufregend vor. Ich kannte von der Abschlussklasse nur ganz wenige Leute, und eigentlich nur einen gut genug, um auf Unterstützung beim Reinmogeln zu hoffen, aber ich kam kurz bevor hinten das Eisbuffet aufgebaut wurde. Zwar standen schwarzbejackte Türsteher am Hintereingang ebenso wie vor dem Gebäude, aber es war ein sehr warmer Sommerabend, weswegen die Eistorten draußen serviert wurden und dort entsprechend ein reges Ein- und Ausgehen entstand. Ich ließ mir ein Stück Erdbeer geben, aß ein wenig davon, um mich damit unauffällig unter die Meute zu mischen und schlenderte außen lässig, innen hoffnungsfroh durch die Türen, bis ich ein barsches „HALT!“ vernahm.
Mein Herz raste. Der Kerl hatte sicher bemerkt, dass ich keinen Stempel am Gelenk hatte wie jeder andere. Er hat mich nie mit einer Eintrittskarte gesehen und konnte sich nicht erinnern, mich in den letzten Stunden überhaupt mal wahrgenommen zu haben. Sicher wollte er mich nach meiner Karte fragen. Auf die Lüge hin, dass ich die am Tisch hätte liegenlassen, müsste ich ihn zielsicher zu meinem Freund bringen, aber wo saß der? Der Typ prägte sich doch jetzt mein Gesicht ein und dann wäre jeder weitere Einschleichversuch zwecklos!
Ich drehte mich um und zog unschuldig fragend die Augenbrauen hoch. „Mit dem Teller bitte nicht nach drinnen.“, bat mich der Gewichtheber und deutete auf die Kalorienbombe in meiner Hand.
Was war ich enttäuscht, die nicht auf der Tanzfläche zuende essen zu können…

Den womöglich einzigen Abiball der Stadt mit nicht einer, sondern zwei Livebands verdankte der Jahrgang dem Auftritt der Oxymorons, der sagenhaften Partyband von Schülern aus ihren eigenen Reihen. Die zweite Band, welche Zeitlos oder so ähnlich hieß, kam zu spät, denn sie hatte auf dem Weg zur Veranstaltung Ärger mit der Polizei bekommen. Dass einer der Livemusiker gerade erst seinen Führerschein abgeben musste, bot Witzestoff für den ganzen Abend („Führerscheinlos“, „Glückslos“, „Talentlos“), aber immerhin waren sie noch spielfit.
Ich besorgte mir die Abizeitung des Jahrgangs und war von ihrem Umfang schwer beeindruckt: Das wohl erste Falkenberger Exemplar seiner Art mit einem Buchrücken kam auf stolze 94 Seiten. Ich erinnerte mich, in der Zeit vor meinem eigenen Abiball unsere damalige Redaktion praktisch nur zum Schlafen verlassen zu haben und konnte daher einschätzen, was es geheißen haben muss, unsere damals schon happigen 88 Seiten zu toppen. Der Umfang allein sagt natürlich nicht viel, aber soweit ich weiß, ist er nie wieder überholt worden, und bei Menschen, die sich selbst berechtigterweise ein Denkmal setzen, kann man davon ausgehen, dass jede einzelne Seite Inhalt mit sehr viel Herzblut beschrieben wurde.
Ich sprach mit den wenigen mir bekannten Jugendlichen und einigen der Lehrer, und obwohl ich mich bemühte, diesmal nicht als letzter zu gehen, verließ ich den Saal, als dort eigentlich nur noch ein paar Abiturienten zur Musik schwoften, in eine Nacht, die schon wieder heller zu werden begann.


Ich hatte 2008 das Glück, die Freundin eines meiner engsten Freunde in der Abschlussklasse zu wissen. Dieser hatte sein Abitur schon seit 2005, und das bedeutete nicht nur einen gewissen Kontakt zu den Feierern, sondern auch jemanden, mit dem ich schlimmstenfalls den ganzen Abend verbringen konnte, falls ich sonst gar nichts finden würde. Als wir uns am späten Abend vor dem Eingang trafen, sahen die Türsteher beileibe nicht so aus, als käme ich an ihnen vorbei, aber mit etwas Hilfe durch meinen Kumpel schaffte ich es auch diesmal hinein. 2008 war dieser Sommer, in dem Himmelslaternen ein ganz großes Ding waren. Als ein ganzer Schwarm davon hinter dem Gebäude in die Nacht entlassen wurde, konnte ich wiederum unbehelligt von hinten den Saal betreten.

Irgendwie war wohl die Ära der Abibälle mit Livemusik seit 2006 zuendegegangen, und so schallten aus den Boxen so ziemlich genau die Klänge, die man auch auf jedem Dorffest und Weihnachtsmarkt zu hören kriegt, auf dem ein lokaler DJ Musik zum Tanzen beisteuert.
Ich unterhielt mich wiederum sehr gut mit einigen Lehrern und mit ein paar der Schüler. Zum Abschluss tanzte ich mit der Freundin meines Kumpels als einziges Paar auf der Tanzfläche den letzten Tanz des Abends. Das Schlusslied war Stephan Remmlers „Vogel der Nacht“ – kitschig zwar, aber in seiner pathetischen Hinausschickerei auch in gewisser Weise passend.


Über den Abiball 2010 habe ich lange Zeit nachgedacht. Den Fremde-Abipartys-kapern-Hattrick hätte ich schon gern gemacht, und immer die Abschlussfeiern der geraden Jahreszahlen mitzunehmen war eine gefällige Idee. Allerdings kannte ich aus der Abschlussklasse genau zwei Mädchen. Sehr flüchtig. Da diese Klasse gerade neu an der Schule gewesen war, als ich mein eigenes Abitur gemacht habe, ist das wohl verzeihlich. Außerdem war mein Kumpel, der mich mit dem 2008er-Abiball unterstützt hatte, verhindert, der andere gute Freund, mit dem ich dort hätte aufkreuzen können und der eventuell noch jemanden gekannt hätte, war auch nicht in der Stadt und auch sonst waren Begleitungen/Gesprächspartner von außerhalb nicht zu bekommen. Und: Wurde ich nicht langsam etwas alt für sowas?
Dann aber bekam ich Wind davon, dass dies der letzte Abiball in der Stadt werden sollte. Spätere Gelegenheiten dieser Art würde ich also nicht mehr bekommen und, wichtiger, sonst auch niemand. Die junge Tradition, sich mit einem Abschlussball vom städtischen Oberschülertum zu verabschieden, die erst 1992 aufgekommen war, nahm hier und jetzt ihr Ende, und das gab dem Abschied noch eine zweite Ebene. Davon wollte ich berichten können, und wenn es niemanden geben sollte, mit dem ich reden konnte, könnte ich mich immer noch am letzten kostenlosen Abiballbuffet der Stadt vergehen und dabei miterleben, wie ein Saal vergnügter Menschen das Zuendeführen zuendeführt.
Also warf ich mich in Hemd und Weste und machte mich auf den Weg.

Eines dieser beiden Mädchen kannte mich wahrscheinlich besser als ich sie – wie üblich erinnert man sich viel stärker an die Schüler, die älter als man selbst sind als an die, die jünger sind. Aber ich war ihr in den letzten Jahren noch zwei-, dreimal privat begegnet und daher hätte ich sie zumindest wiedererkennen können.
Die andere Abiturientin wohnte einen Steinwurf von meinem Elternhaus entfernt und war die Cousine des ersten Freundes, den ich je hatte, aber ich habe die beiden nie in einem Raum gesehen und ich hatte mit ihr auch sonst nie viel zu tun. Sie sieht ihrem Cousin ein bisschen ähnlich, aber weil ich nie wirklich mit ihr gesprochen hatte, wären wir zweifelsfalls wahrscheinlich unerkannt aneinander vorbeigelaufen. Ihre Eltern hingegen kannte ich aus regelmäßigen Nachbarschaftspartys ziemlich gut und verstand mich mit ihrem Vater großartig, doch bezweifelte ich meine Chancen, darauf beim Reinschleichen bauen zu können.
Das waren schlechte Voraussetzungen, nach wie vor.

Unser Jahrgang feierte sechs Jahre zuvor gemeinsam mit dem Abschlussjahrgang einer anderen Oberschule, mit dem wir teilweise auch gemeinsamen Unterricht gehabt hatten, und das war zwar billig, aber auch organisatorisch aufwändiger. Jeder von uns bekam damals drei Karten. Eine, damit er selbst reinkommt. Zwei für seine Erziehungsberechtigten. Ein paar wenige überschüssige Karten wurden unter dutzenden Bewerbern verlost, die gerne den Partner oder ein Geschwister mitgenommen hätten. Mein bester Freund und ich saßen am Tisch gegenüber einem von uns, der zu Schulzeiten wenig mit Mädchen gehabt hatte und – so dachten wir – Single war. Er hatte eine sehr schöne Begleiterin mitgebracht, die lächelnd neben ihm saß. Respektvoll fragten wir ihn, wer das denn sei und wieso wir erst jetzt von ihr erfuhren und er erklärte uns, er kannte sie auch erst seit einem Dorffest vor kurzem, wäre noch gar nicht richtig mit ihr zusammen, habe sie aber mal mitgebracht, weil er ja eine vierte Karte gewonnen hätte. Das war das einzige Mal, dass ich sie gesehen habe. Wir fanden das verdammt witzig, waren uns aber sicher, dass nicht wenige, deren Partner zuhause bleiben mussten, darauf verdammt sauer gewesen wären.

Die Schülerzahlen der Abiturjahrgänge haben seither drastisch nachgelassen und nachfolgende Abschlussfeste hatten weniger Platzmangel zu organisieren, aber einfach vorn reinspazieren war wohl immer noch keine gute Idee.
Als ich gegen halb elf vor der Stadthalle eintraf, fuhr gerade Mathias Winter mit zwei Lieferwagen seines Eiscafés vor. Ich wähnte mich im Glück: Die würden das Eisbuffet hinten aufbauen, Gedränge verursachen und ich könnte mich wieder dazwischenmogeln. Ich wurde misstrauischer, als die ganze Mannschaft vorn ins Gebäude lief – ohne Kühlbehälter. Winter baute nicht das Eisbuffet auf, der baute das warme Buffet ab. Ich umlief das Haus, um hinten auf pulkweise rauchende Jugendliche zu treffen, wähnte mich aber erneut im Glück: Keine Sicherheitsleute. Das war diesmal erstaunlich einfach.

Direkt an der kleinen Bar neben dem Hintereingang saß dieser Kerl, der sich ausschließlich für jüngere Mädchen interessiert. Als ich neu auf dem Gymnasium war, machte er sich an Mädels aus unserer Klasse ran, dabei war er mehrere Jahre älter und nicht mal auf unserer Schule. Wann immer ich ihn später gesehen habe, hatte er eine, die jünger war als ich. Sein neues Mädchen übertraf er also locker um die Hälfte ihres Lebensalters.

Nachdem ich mir ein Pils bestellt hatte, um weniger deplaziert auszusehen, während ich mich nach bekannten Gesichtern umsehen würde, begegnete mir jemand aus dem Jahrgang nach meinem. Hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm, aber seine Freundin war unter den Abiturientinnen. Ein wenig Rumgehämmer auf uralten Witzen, bis ich erwähnte, dass ich meine Nachbarn suchte – die saßen mit bei ihm am Tisch, neben dem Fronteingang. Ich wähnte mich im Glück.

Zunächst entdeckte ich aber den Lehrertisch, wo mein ehemaliger Deutsch- und mein ehemaliger Sportlehrer beieinandersaßen. Ich kenne beide auch privat, sorgte mit meinem Auftauchen aber trotzdem für ein Hallo. Mit beiden konnte ich mich gut unterhalten, ersterer präsentierte mir stolz seine „Zuckerbrot und Peitsche“-Medaille, die er erhalten hatte. Auch andere Lehrer und Lehrerinnen aus meiner Zeit saßen dabei und mit ein paar konnte ich im weiteren Verlauf des Abends gute Gespräche führen. Am stärksten beeindruckte mich mein früherer Englischlehrer. Der hatte mehrere Leistungs- und vermutlich Grundkurse nach meinem, konnte aber Details reproduzieren, die ich in über sechs Jahren längst vergessen hatte. Wir unterhielten uns über Herausforderungen, über Peter Gläser (den wir beide im Jahr nach meinem Abitur in Kölsa live gesehen hatten, drei Jahre vor seinem Tod) und über REM und wir stießen nach all den Jahren noch aufs Du an.

Wunderkerzen: Wie Unmengen kleiner Sterne, die für ein paar Momente hell aufleuchten und schließlich verstummen

Dann überfiel ich meine Nachbarn, mit denen ich kurz plaudern konnte, bevor ihre Tochter dazukam. Ich gratulierte diesem blendend aussehenden Mädchen für ihren ausgezeichneten Schulabschluss und sah ihr währenddessen zu, wie sie hinter irritiert blickenden Augen fieberhaft nachdachte, wer ich eigentlich war. Da hatte ich den Vorteil ihr gegenüber erwischt. Ihre Mutter stellte uns galant vor und wir wohnten dem letzten Programmpunkt des Abends bei: Dem Programmende.
Die Abiturienten schwenkten Wunderkerzen zur Intro von „My Heart Will Go On“, das Eisbuffet – das ich dann wohl doch nicht verpasst hatte, Winter hatte nicht abgebaut, er hatte nur Platz gemacht – wurde angekündigt (ich wähnte mich im Glück) und dem Publikum ein Dank ausgesprochen. Beherzter Applaus. Anerkennendes Gemurmel. Anschwellendes Aufbrechen zum Eisbuffet.

Kollektives Erinnerungsfoto mehrerer Generationen: Bei Verlust eigener Feierbilder einfach ausdrucken und ersetzend ins Album kleben

Ich zog mich bei der Gelegenheit aus der Situation, um noch mit der einen anderen mir bekannten Abiturientin zu reden, die mir eben durchs Blickfeld lief. Ich freute mich darüber, wie sie sich freute, mich zu sehen und darüber, wie fabelhaft sie aussah. Sie freute sich über ihr fabelhaftes Abitur und ich freute mich mit ihr. Ich erzählte ihr von meinem Abitur, von früheren Abibällen und von meinem Studium. Wir sprachen kurz über Filme und über Litaratur und ich sah mir nebenher ihr Exemplar der Abizeitung an. Mir kann man leicht kritische Worte entlocken und ich bin schnell skeptisch. Unter meinen Mitredakteuren hatte ich in unserem damaligen Abizeitungsteam den Ruf, ein nörgelnder Miesmacher zu sein. Ich hatte von vornherein Bedenken, ob diese 2010er Abizeitung zu den besseren gehören könnte und ob sie als die letzte ihrer Art ihrer Rolle würdig gerecht werden könnte. Eigentlich ging das gar nicht, das war mir klar. Aber sie ist großartig. Ich war überwältigt und sagte ihr, dass die Abizeitung großartig war. Sie erzählte mir, dass sie eine Menge der Texte verfasst hatte, meine Nachbarn die Redaktionsräume gestellt hatten, deren Tochter das gesamte Layout gemacht hatte. Was für eine kleine Welt. Ich ließ mich der Chefredakteurin vorstellen, die mir ein Exemplar verkaufte und hatte nun auch noch etwas tolles zu lesen, falls alles andere schieflaufen sollte.

Was lange gärt, geht endlich unter: Das Schlusswort hat die Schlussredaktion.

Ich unterhielt mich noch mit einer anderen Bekannten, deren Abiball 2007 ich leider ausgelassen und die ich hier gar nicht erwartet hatte, genoss noch ein paar Bier, tanzte das erste Mal zu Lenas „Satellite“ (die hatte doch auch Abitur gemacht, gabs da auch einen Abiball? Musste sie auf ihrem eigenen Abiball singen?), bestellte Weißwein auf Kosten Anderer und sah den Feiernden beim Feiern zu.

Wir waren nie so jung.
Wir waren jünger.

Eines meiner größten Schrecknisse ist es, eines Tages der peinliche Alte zu sein, der mit dem Lampenschirm auf dem Kopf auf den Tischen rumhampelt, und weil man immer am schönsten ist, wenn man gerade geht, verließ ich deutlich nach dem Großteil der Eltern und Lehrer, aber deutlich vor dem Großteil der Jugendlichen, den Saal gegen drei und schlug den Heimweg ein. Gleichzeitig mit mir ging mein alter Sportlehrer, der ebenfalls unfern meiner Eltern wohnt, und wir verabschiedeten uns draußen voneinander. Ich verabschiedete mich vom Abiball, von allen Abibällen der Stadt. Abschied vom Abschied vom Abschied.

Während ich durch diesen prächtigen Abend ging, fiel mir auf, dass weniges an ihm wirklich auf 2010 hindeutete. Tatsächlich: Bis auf Details hätte das auch ein Abiball 2001 sein können. Das macht ihn nicht weniger grandios, im Gegenteil, es macht ihn zu einem passenden grandiosen Schlusspunkt einer grandiosen Reihe. Aber so vieles daran scheint einfach zum Muster „Abiball“ zu gehören, wie es immer wieder in dieser Stadt praktiziert wurde – selbst wenn die Organisatoren kaum voneinander wussten -, oder einen Rückgriff auf Altbewährtes darzustellen:

  • Als Thema gibt es die Titanic mit entsprechender Untergangsmotivik und maritimer Rhetorik („Die letzten gehen von Bord.“), obligatorische Wortspiele („Abitanic“) inklusive
  • Hauptbezugspunkt kultureller Referenzen ist der gleichnamige Film von James Cameron aus dem Jahr 1997
  • Soundtrack ist dessen Titelsong „My Heart Will Go On“, gesungen von Céline Dion, aus demselben Jahr
  • Die Mädchen tragen zeitlos wunderschöne Kleider und sehen alle klasse aus
  • Die Jungs tragen eigens besorgte Anzüge
  • Selbst die Vor- und Nachnamen der Abiturienten sind aus den letzten 20 Jahrgängen alle schon irgendwie bekannt, teilweise sogar in denselben Kombinationen
  • Irgendwo begegnet man irgendwem, der Stein und Bein schwört, dass man sich kennen würde und wild herumrät, woher
  • Die Musik ist fast ausschließlich aus den 80ern und 90ern, teilweise werden die Songs exakt in derselben Reihenfolge gespielt wie auf dem Abiball 2008 (und wie auf Dorffesten und Weihnachtsmärkten…)
  • Die meisten Tanzpaare erhält locker die „inoffizielle Hymne des Spreewalds“, die Annemarie-Polka („Liebchen Adé“)
  • Das größte Aufsehen durch Tänzer außerhalb der Tanzfläche erreichen die Polonaisen (zuerst „Steig ei, mir fahrn in die Tschechei“ von De Randfichten, dann „Life is Life“ von Opus, das auch – Surprise, Surprise – für die Polonaise auf dem Schulfasching verwendet wurde, den mein Jahrgang in der elften Klasse organisiert hatte)
  • Die größte Verausgabung verlangt spielend der vertechnote Sirtaki mit einem großen Kreis außen und einem kleinen innen
  • Kulinarischer Höhepunkt ist ein Buffet aus Eistorten
  • Stimmung wird kurzzeitig mit Wunderkerzen erzeugt
  • (Keine Himmelslaternen, aber die sind ja inzwischen verpönt und waren vor 2007 schlichtweg unbekannt)
  • Gegen Mitternacht verdrücken sich die Lehrer nach und nach, einige hartnäckige versumpfen stattdessen an der Bar
  • Erst ab halb zwei wird konsequent etwas aktuellere Musik gespielt: die Discohits der letzten Zeit – entsprechend gehört die Tanzfläche ab da allein den (discotreuen) Jugendlichen und wird auch nicht mehr zum Tanzen verwendet, sondern zum Abzappeln; es stellt sich heraus: Wer die Dorfdisco durchschaut, versteht die letzten Stunden des Abiballs besser

Vielleicht ist gerade die ewige Allgemeingültigkeit das passendste Denkmal für die kurze aber glorreiche Tradition, die Falkenberg mit dem Abiturball vergönnt war.


Sebastian von socialissuesandstuff war 2007 auf einem Abiball einer Waldorfschule und kurz darauf auf dem eines Wirtschaftsgymnasiums.
Jens Scholz hat 1989 auf seiner Abifeier die Abschlussrede gehalten.


Responses

  1. „Damit stirbt eine Tradition.“
    – Svens Vater in „Erik der Wikinger“

  2. Ein schöner Rückblick ist das. Auf die Idee mit den fremden Abibällen muss man auch erst einmal kommen. Wusste auch garnicht, dass die teilweise mit Sicherheitsdiensten arbeiten.

    Mein erster Fremdabiball war auf einer Waldorfschule. Da bestand die Sicherheit aus einer Mutter und einer Kassette, in die man freiwillig etwas reintun konnte. Der Abend bestand im Wesentlichen aus Lehrern, die sich in den Mittelpunkt drückten und darüber irgendwie vergaßen, um wen es hier gehen sollte.

    Beim zweiten Abiball, der gleich darauf war, haben Schüler die Security übernommen. Da das ein Wirtschaftsgymnasium war, hat hier die Bilanz am Ende sicher gestimmt.

    Irgendwo waren das aber beides für die Schüler schöne Abende, ich kann verstehen, dass man als Ehemaliger gerne nochmal vorbeishaut. An meine eigene Abschlussfeier erinnere ich mich, als wäre sie letzte Woche gewesen. Einziger Programmpunkt: Grillen und Trinken im Garten. Auch nett.

  3. @Sebastian
    Gute Ergänzung. Ich hab deine beiden Kommentare mal zusammengeschmolzen und die Links auf deine Artikel vernetzungshalber in den Text hoch übernommen.

  4. Was soll man dazu sagen? *schnief* Hätt ich mir gern auch mal angesehen. Freut mich, dass ein aktueller Abiball noch immer Spaß machen kann.

  5. Unglaublich schön geschriebener Text, den man mit Freude lesen kann, selbst wenn man nicht aus der Gegend stammt und auch die Schule nicht kennt. Interessente Mischung aus folgenden Elementen:

    – zum einen das spitzbübische „sich einschleichen“, das mit soviel Planung betrieben wird, dass man einfach schmunzeln muss (und dazu noch die Tradition mit den geraden Jahreszahlen – Tradition und Rebellion vereint!)
    – zum anderen das mit den ehemaligen Lehrern reden (was so unverkrampft wirkt)
    – dann dieser kritische Blick auf die Abi-Zeitung, vor dem dennoch etwas bestehen kann (was ein sehr gesundes Verhältnis zu Kritik zeigt)

    Was mich aber absolut umhaut: Dass jemand, der nur sechs Jahre zuvor selbst Abitur gemacht hat, so würdevoll und treffsicher über den Lauf der Zeit schreiben kann. Ich hatte bisher immer mit der Vorstellung gelebt, junge Leute hätten mangels Erfahrung keinen besonders gut ausgeprägten Zeithorizont, könnten daher nicht Dinge beobachten, die sich aus den Eindrücken vieler Jahre ergeben. Außerdem müsste doch einerseits zuviel Distanz zu den frischen Abiturienten sein, um mit ihnen als Gleichaltrige zu fühlen, und zu wenig, um sie als „nächste Generation“ zu sehen. (Und nach so wenigen Jahren nach dem Abi könnte ja auch eine Zwischenphase der Ernüchterung kommen, etwa „das ist noch gar nichts, das richtige Leben kommt erst noch“, „die haben ja keine Ahnung, wenn die nur wüssten“ oder „davon kann man sich auch nichts kaufen, im Leben danach will einen keiner haben“.)

    Stattdessen kommt eine nüchterne, treffsichere Aufzählung über die Punkte, die sich nicht geändert haben – und mehrere unheimlich schöne Stellen, an denen Glück und gutes Aussehen der Abiturienten beschrieben wird und man merkt, wie es der Autor ihnen gönnt. Das wirkt authentisch herzlich und kommt ohne das „die Jugend von heute“, „ist alles anders“ oder gar „Wir hatten ja damals nichts“ aus, das man von einer Elterngeneration befürchten müsste. Und dann sind auch noch zwei Zeilen aus „Star Trek VII – Treffen der Generationen“ eingebaut (mäßiger Film, Hammerzitat)!

    Wenn man einen Text sucht, in dem mit Herz und Hirn gleichermaßen über Abibälle geschrieben wird, mit Freude und der richtigen (kleinen!) Dosis Melancholie – hier ist her. Einzige Kritik: Ich kann ihn nicht 1:1 übernehmen für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich mal vor Abiturienten reden muss.


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