Verfasst von: Manuel | 13.10.2010

Zivilschein-Interview mit Andreas Claus: „Der Zustand der Deiche ist katastrophal.“

Andreas ClausIm September 2010 kam es aufgrund starker Regenfälle zu einem Hochwasser von Neiße und Oder. Ebenso kam es auch zu bedrohlich hohen Wasserständen der Schwarzen Elster, die als Nebenfluss der Elbe durch die Lausitz fließt.
In einigen Städten Südbrandenburgs wurde Katastrophenalarm gegeben, in Elsterwerda wurde das Krankenhaus evakuiert.
Am 6. Oktober, dem Tag der Aufhebung des Katastrophenalarms für den größten Teil des Landkreises Elbe-Elster sprach ich mit dem amtierenden Bürgermeister der Stadt Uebigau-Wahrenbrück, Andreas Claus, über die Lage vor Ort und über den Katastrophenschutz.

Zeitungsberichte zum HochwasserZivilschein: Man sieht das Hochwasser an der Elster inzwischen abschwellen. Ist schon abzusehen, wie groß die Schäden sind?

Andreas Claus: Das kann noch nicht abgeschätzt werden. Noch ist man dabei, die Gefahrenabwehr zu einem guten Ende zu bringen. In Herzberg ist man sogar noch damit beschäftigt, Wasser aus dem Nebeneinzugsgebiet wieder zurück in den Fluss zu pumpen. Etliche Grundstücke stehen dort noch außerhalb des Haupteinzugsgebietes unter Wasser.
Sicherlich geht jetzt beim Krisenstab Schritt für Schritt ein, was der Einsatz gekostet hat, was für Schäden entstanden sind – bevor aber konkrete Zahlen vorliegen, wird man sich noch gedulden müssen.

Hochwasser an der Elsterbrücke in München an der Elster

Z!: Dieser Einsatz der Hilfskräfte, das Gerät… von wem wird das alles getragen?

Claus: An sich vom Land Brandenburg. Das Land wird sicherlich bestimmte Kosten dem Landkreis übertragen. Der muss natürlich seinerseits sehen, wie er sich mit den Kommunen ins Benehmen setzt… am Ende tragen es die Bürger.

Stark verbreiterter Lauf der Schwarzen Elster vor der Elsterbrücke in München an der Elster

Z!: Neben dem rigorosen Einsatz von Hilfskräften in den letzten Tagen konnte man aber sehen, dass auch viele Betriebe aus der Region Einsatz gezeigt haben. Ebenso sind Bürger selbst hinzugekommen und haben zusätzliche Arbeit verrichtet. Wie wichtig war dieser „Einsatz von unten“?

Im Hochwasser versunkene Uferbäume vor der Elsterbrücke in München an der Elster, Blickrichtung südost

Claus: Ohne den Einsatz von Bürgern und Unternehmen – und auch seitens der Bundeswehr -, muss man ganz einfach sagen, hätten wir dieses Hochwasser so nicht überstanden.
Wenn wir nicht auf diese teilweise sicher auch in Rechnung zu stellenden Leistungen hätten zurückgreifen können, hätten wir es, glaube ich, nicht geschafft. Die Kommunen alleine schaffen das aus eigener Kraft nicht.
Es gibt viele freiwillige Helfer – bei der Feuerwehr, beim THW, bei den Sanitätsdiensten, überhaupt in der Bevölkerung… ohne deren Hilfe, davon bin ich fest überzeugt, hätte es nicht geklappt.

Im Hochwasser versunkener Uferbewuchs hinter der Elsterbrücke in München an der Elster, Blickrichtung nordwest

Z!: Nun ist das den betreffenden Betrieben und Bürgern sicher hoch anzurechnen, aber was sagt dieser Umstand über die Bereitschaft und die Ausrüstung hier vor Ort?

Hochwasserbedingt gesperrter Uferradweg entlang der Schwarzen Elster

Claus: Man kann sich vorbereiten. Es gibt ja Katastrophenschutzpläne. Auch für die Schwarze Elster ist nach dem Hochwasser 2002 für jedes Stadtgebiet ein solcher Katastrophenschutzplan erarbeitet worden. Es sind auch Krisenstäbe in den Städten eingerichtet worden. Technische Ausrüstung gibt es ohnehin bei den Feuerwehren, für sämtliche Katastrophenfälle.
Aber man kann sich natürlich nicht hundertprozentig auf alles so vorbereiten, wie man das vielleicht gern hätte. Das ist eine Frage von finanziellen Ressourcen. Selbst beim Personal. Man kann keine dauerhaften Stäbe einrichten, die werden immer punktuell eingerichtet, wenn es notwendig wird, und dann steht die Verwaltungsarbeit hintenan und das Tagesgeschäft bleibt liegen. Bis auf eine Notbesetzung wird die Verwaltung ausgesetzt und alles, was zur Verfügung steht wird dann zur Abwendung von Schäden herangezogen.

Überschwemmtes Feld hinter Uebigau

Z!: Ihr Kollege Michael Oecknigk (CDU), der Bürgermeister von Herzberg, hat im Zusammenhang mit dem Hochwasser scharfe Worte gegen den brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck erhoben. Inwiefern hätte das Land Sie, auch im Vorhinein, besser unterstützen müssen?

Claus: 2002 hatten wir das große Hochwasser an der Elbe…

Z!: …damals wurden auch ganze Städte evakuiert, was so hier nicht der Fall war…

Claus: …richtig. Da gab es auch einen Rückstau in die Schwarze Elster, aber die Lage war hier damals nicht ganz so dramatisch wie gegenwärtig. Jetzt, 2010, haben wir höhere Wasserstände und höhere Abflussmengen an der Schwarzen Elster.
Die sogenannte Vb-Wetterlage hat sich ebenfalls in der Oberlausitz niedergeschlagen. Allein im Gebiet des Gewässerverbandes „Kleine Elster – Pulsnitz“ ist eine Niederschlagsmenge von ca. 250 Millionen Kubikmetern niedergegangen.

Überschwemmtes Feld hinter Uebigau

Natürlich kann man sich auf sowas vorbereiten, indem man versucht, die technischen Standards zu verbessern und die Einsatzbereitsschaft zu erhöhen. Andererseits wissen wir, dass der Fluss Schwarze Elster allein das Land Brandenburg auf einer Länge von 86 Kilometern durchfließt. Auf beiden Seiten haben wir da Deiche, die sind bis zu 150 Jahre alt.
Da hätte man schon seit 2002 umfassender Sanierungsarbeiten durchführen müssen. Ich habe in den letzten Tagen feststellen müssen: Die Deiche sind teilweise wie Pulver, weil sie aus dem sandigen Erdboden gebaut wurden, der bei der Begradigung der Schwarzen Elster abgelagert worden ist. Mit einem Deich hat sowas eigentlich nichts zu tun.
Punktuell gab es ja mal ein paar Sanierungen, wie ich auch schon gegenüber dem RBB gesagt habe. Zum Beispiel in Wahrenbrück im letzten Jahr. Oder nach dem Sturm Kyrill in Bad Liebenwerda, auf etwa 60, 70 Metern. Ansonsten sind die Deiche aber in einem katastrophalen Zustand.

Überschwemmtes Feld zwischen Uebigau und München an der Elster

Z!: Also auch wenn das Hochwasser nicht über die Deiche tritt, sickert es durch?

Mündung der Kleinen Elster in die Schwarze Elster bei Wahrenbrück bei normalem WasserstandClaus: Das sickert durch. Teilweise ist das ganz normaler Sandboden, Mutterboden, Bestandteile sind auch aus Torf. Und nun haben wir am Pegel in Bad Liebenwerda einen Durchfluss von 120 Kubikmetern pro Sekunde. Am Zusammenfluss von Kleiner und Schwarzer Elster, in Richtung Neumühl, hatten wir einen Pegel von durchschnittlich zwischen 140 und 160 Kubikmetern pro Sekunde. Normal sind da zwischen 7 und 14 Kubikmeter pro Sekunde.
Das sind also Wassermassen, die hat die Region noch nie gesehen. Und wenn das auf die Deiche drückt, dann saugen die sich bei ihrem Zustand voll, werden schwammig. Löchrig sind sie ohnehin, durch Maulwürfe, Mäuse, Bieber und anderes Getier – wie in anderen Ackerlandschaften auch. Zudem lassen abgestorbene Bäume ihr Wurzelwerk zurück, das dann im Deich richtige Holzröhren bildet. Wenn dort das Wasser reindrückt, schießt es auf der anderen Seite armdick raus.
Ich habe wirklich viele Kilometer abgelaufen in den letzten Tagen. Die Deiche sind in einem extrem schlechten Zustand. Man muss schon sagen, es ist ein Wunder, dass sie dem Wasserdruck standgehalten haben. Ich hätte vermutet, dass großflächig Deiche regelrecht wegschwimmen.

Überschwemmte Flächen zwischen Uebigau und München an der Elster

Z!: Sie haben das Elbehochwasser von 2002 schon erwähnt. Ebenso den Orkan Kyrill 2007, der schwere Schäden in Ihrer Region hinterließ. Auch im Mai 2010 gab es schwere Sturmschäden. Was können Sie den Bürgern in Zukunft noch an Sicherheit versprechen?

Claus: Ich kann überhaupt nichts versprechen, denn ich bin für die Schwarze Elster nicht fachlich zuständig. Ich kann den Bürgern lediglich versprechen, dass ich mich dafür einsetze, dass hier was in der Sanierung der Deiche passiert. Das habe ich in den letzten Jahren getan. Zusätzlich zum ohnehin üblichen Tagesgeschäft haben wir das Thema auf den Tisch gezogen, weil wir es für wichtig halten, dass was passiert. Wir mussten das Thema überhaupt erst in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses ziehen.
Natürlich hat das Land Brandenburg 1500 Kilometer Deichanlagen zu unterhalten und die Sanierungskosten belaufen sich heute etwa auf eine Million Euro pro Kilometer. Bis man da alle Deiche durchsaniert hätte, würde das lange dauern. Rein volkswirtschaftlich gesehen halte ich das für nicht machbar. Deswegen ist es erforderlich, sich über die Strukturen Gedanken machen.
Für mich ist es wichtig, dass künftig Ortslagen, Gewerbegebiete, Infrastrukturen – Schienenwege, Straßenwege – geschützt werden. Ebenso natürlich privates und kommunles Eigentum. Aber man wird es nicht mehr hinbekommen, dass man kilometerweit Deiche größer und breiter baut und dahinter im Grunde Grünland hat.
Der Fluss Schwarze Elster hat 99% seiner natürlichen Überflutungsflächen durch die Kanalisierung eingebüßt. Beginnend vor 150 Jahren hat man den Fluss in ein Korsett gezwängt. Und das fliegt nun weg aufgrund der extremen Witterungslagen weg. Manchmal haben wir Dürre, dann haben wir wieder viel zuviel Wasser. Ich denke, das hat auch mit dem Klimawandel zu tun, und darauf muss man sich einstellen.
Ich glaube, wir sollten darüber nachdenken, was für uns wichtige Schutzgüter sind. An erster Stelle ist das der Mensch. Dann natürlich die Infrastruktur, Gewerbegebiete, Kulturgüter. Auch Natur: All den Baumbestand, der sich auf den Deichen entwickelt hat, abzuholzen, ist unsinnig. Eine Kurstadt Bad Liebenwerda ohne den Park mit seinen Linden wäre ein katastrophales Bild!

Überschwemmte Wiese bei München an der Elster

Z!: Wo Sie vom Schutz der Anwohner selbst sprechen: Viele Häuser müssen bereits ausgepumpt werden, da die Keller überflutet wurden. Würden Sie dem Bürger empfehlen, sein Haus selbst besser zu schützen, in der Voraussicht, dass staatliche Schutzmaßnahmen vielleicht nicht rechtzeitig kommen?

Claus: Das würde ich nicht sagen. Sicherlich: Eigentum verpflichtet, das steht im Grundgesetz. Generell gilt, dass jeder für sein Eigentum selbst verantwortlich ist. Auch muss jeder dafür Sorge tragen, dass sein Eigentum nicht andere schädigt. Insofern hat jeder natürlich eine Pflicht, auch selbst Vorsorge zu treffen.
Es gibt aber ein Problem, dass über viele Jahrzehnte überhaupt nicht thematisiert wurde: Wir haben im Lausitzer Revier bis zum heutigen Tage Bergbau. Zu DDR-Zeiten hat man da jährlich 300 Millionen Tonnen Rohbraunkohle gefördert. Braunkohle war das Hauptstandbein der DDR-Energieversorgung. Mittlerweile ist die Förderquote zurückgefahren worden, andere Energieträger wurden eingesetzt – Öl, und Gas…

Z!: …auch Windkraftanlagen…

Claus: …überhaupt, erneuerbare Energien. Die jährliche Förderquote beläuft sich heute also nur noch auf etwa ein Sechstel dessen, was vor 1990 gefördert wurde, etwa 50 Millionen Tonnen. Die Bergbauregion Lausitz verändert sich. Es gibt strukturellen Wandel, heute sind nicht mehr 50000 Leute dort beschäftigt, sondern nur noch 10000. Mit angeschlossenen Betrieben vielleicht 15000.
Aber eines wurde nicht bedacht: Zu DDR-Zeiten hat man immer gedacht, die Kohle bleibt hier ewig. Mittlerweile sieht man Energie aus Braunkohle als Brückentechnologie. Irgendwann wird es einen Ausstieg aus der Braunkohle geben. Wenn man aber keine Braunkohle mehr fördert, wird man kein Grundwasser mehr absenken. Ende der Achtzigerjahre, anfang der Neunzigerjahre haben die Hydrologen ein Grundwasserdefizit in der Lausitz ermittelt. Ein sogenannter Absenkungstrichter ist durch den Bergbau entstanden, weil man etwa 7,5 Milliarden Kubikmeter Wasser abgepumpt hat. Durch die Sanierungsarbeiten ab Mitte der Neunzigerjahre ist dieser Absenkungstrichter halbiert worden. Aktuell ist das Defizit bei etwa 3,5 Milliarden Kubikmeter. Wir merken in Senftenberg, in Lauchhammer: Das Grundwasser steigt wieder an. Da gibt es städtische Vorfluter, Gräben, die über Jahrzehnte leerstanden und dann zugefüllt wurden – heute muss man sie wieder aufmachen.
Auch hat man zu DDR-Zeiten Wohnbausiedlungen in vormaligen Überschwemmungsgebieten der Schwarzen Elster zugelassen. Die sind bebaut worden, ahnlich wie in anderen Teilen Deutschlands auch.

Wasserrückstände auf einer Ackerfläche zwischen Uebigau und München an der Elster

Z!: Welche Gebiete sind das in dieser Region?

Claus: Die Gewerbegebiete Senftenberg und Lauchhammer zum Beispiel. Die Schwarze Elster, deren Niederungsgebiete das sind, ist ja gerade im Senftenberger Raum sehr oft verlegt worden. Das Gewerbegebiet Elsterwerda ist auch ein klassisches Niederungsgebiet der Schwarzen Elster. Der gesamte Schraden, der heute intensiv landwirtschaftlich genutzt wird, war vor allerdings schon längerer Zeit noch vergleichbar mit dem Spreewald! Da war ein mächtiger Eichenwald, der abgeholz worden ist. Und wenn er heute so unter Wasser steht, dann zeigt uns sozusagen der Fluss, welchen Anspruch er erhebt. Seine alten Arme werden bei entsprechenden Wassermengen einfach wieder aktiviert, und da gehen natürlich flächendeckend Kulturen unter Wasser.
Das ist es, worüber man sich lange überhaupt keine Gedanken gemacht hat. Jetzt aber steigt das Wasser wieder an. Alte Wasserstände pegeln sich wieder ein. Für uns stellt sich damit die Frage: Wie will man damit umgehen?
Fakt ist: Das Thema Wasser spielt in Zukunft nicht nur an Elbe und Spree eine Rolle, sondern – das zeigt uns 2010 – auch an der Elster.

Karte aus dem Jahr 1910 vom Zustand der Schwarzen Elster vor 1852

Auf alten Karten des früheren Flussverlaufs kann man sehen, dass dieser viel mehr Arme hatte. Teile dieser Altarme sind noch da, im Bereich Neudeck gibt es noch viele. Angesichts der Entwicklung müssen wir uns für die Zukunft Gedanken machen: Geben wir dem Fluss wieder mehr Raum?
Die Europäische Union hat ihre Mitgliedsstaaten aufgefordert, sogenannte Hochwasserrisikomanagementpläne zu erstellen. Die Risiken sollen minimiert werden, Eigentum, volkswirtschaftliche Werte müssen geschützt werden. Für uns gibt es da verschiedene Optionen. Eine wäre, die Deiche, wie sie jetzt sind, abzutragen, aber breiter, höher, an denselben Stellen neu zu errichten. Damit verfestigt man einen Zustand, der seit 150 Jahren gilt. Es gibt aber eine Variante. Grünland, das hinter dem Deich liegt, muss man nicht zwingend mit umfangreichen Deichanlagen schützen, wenn man sich auf den Schutz von Ortslagen konzentriert. Um Wahrenbrück, Bad Liebenwerda und Herzberg zum Beispiel gibt es sogenannte Ring- oder Flügeldeiche. Solche kann man nutzen, um die Ortslagen zu schützen, und ansonsten das natürliche Geländeprofil nutzen, um das Wasser auch in die Fläche laufen zu lassen.

Z!: …und den alten Zustand wiederherzustellen?

Claus: Wenn man das will. Den einen oder anderen Altarm kann man sicherlich anschließen. Aber wir haben ja das Problem, dass sich Jahre mit viel Wasser mit Jahren mit wenig Wasser abwechseln. Der gegenwärtige Ausbauzustand des Flusses ist angelegt, um das Wasser aus der Region abzutransportieren. Die Kanalisierung erhöht die Fließgeschwindigkeit, damit ist das Wasser schnell weg. Lässt man den Fluss mäandrieren, bewegt sich das Wasser langsamer und verbleibt länger in der Landschaft. Das ist in Dürrejahren vorteilhaft, weil der natürliche Boden als Wasserspeicher genutzt wird. Zwischen diesen beiden Extremen bewegen wir uns: Dürre und Überfluss. Das richtige Zwischenmaß zu finden, wird am Ende Aufgabe der Wissenschaftler sein. Die Hydrologen, mit denen wir ja auch zusammenarbeiten, sollen dafür entsprechende Konzepte erstellen. Das ist ein sehr weites Feld.

Wasserrückstände auf einer Ackerfläche bei Uebigau

Z!: Wobei Sie dazu neigen, Seitenarme wieder freizugeben?

Claus: Ich bin der Meinung, dass man sich volkswirtschaftlich fragen muss: Wieviel Hochwasserschutz können wir uns eigentlich leisten? Für mich hat der Schutz des Eigentums, der volkswirtschaftlichen Werte, absolute Priorität. Ortslagen, Gewerbegebiete kann man nicht einfach untergehen lassen, das muss geschützt werden. Und dann kann es sinnvoll sein, große Grünflächen, wo es keine dichte Bebauung gibt, unter Wasser gehen zu lassen und als Retentionsraum zu nutzen. Sollte ein Hochwasser landwirtschaftliche Kulturen schädigen, muss man den Landwirt entschädigen können.
Aber grundsätzlich, das ist richtig, muss man dem Fluss wieder mehr Raum geben. Das geht gar nicht anders. Wir sind hier an der tiefsten Stelle, im Lausitzer Urstromtal. Wenn der Fluss stellenweise im Senftenberger Raum in den vergangenen Jahren schon trockengefallen ist, ist das doch genauso ein Alarmsignal! Die Extreme fallen immer weiter auseinander. Bei einer Dürre müssen wir eigentlich versuchen, das Wasser so lange wie möglich zurückzuhalten, aber das geht nicht mit einem Kanal. Dafür braucht man einen mäandrierenden Fluss. Bei Hochwasser führt ein mäandrierender Fluss aber dazu, dass das Wasser eben nicht so schnell abfließt. Man muss beides versuchen, hinzubekommen. Das ist aber eine Gratwanderung.
An der Kleinen Elster hat man ja einen Kanal als Hochwasserabführrinne erhalten, lässt den Fluss aber bei normalen Wasserständen durchaus mäandrieren. Vielleicht geht das auch an der Schwarzen Elster.
Da ist Fachverstand ebenso wie der wissenschaftliche Verstand der Hydrologen gefragt.

Wasserrückstände auf einer Ackerfläche bei Uebigau

Z!: Zu Ihren konkreten Maßnahmen in der aktuellen Hochwassersituation hat auch die Absage des Münchner Oktoberfests gezählt, eines der wichtigsten Volksfeste für die Region. Warum diese Absage?

Claus: Weil es nicht vertretbar ist, im Katastrophenfall – der Alarm ist schließlich erst am Vormittag des 6. Oktober aufgehoben worden und galt in der Vorwoche schon – zusätzlich noch zwei- bis dreitausend Leute hineinzuziehen. Bei der Vorstellung, draußen liegen die Kameraden im Dreck und sichern die Deiche – und womöglich bricht dann so ein Deich -, hätte ich es nicht verstanden, wenn man sich in ein Zelt gesetzt und gefeiert hätte, während andere Angst um ihr Eigentum haben müssen. Und die Mehrzahl der Bürger, mit denen ich gesprochen habe, sehen das ganz genauso. Das ist nicht vertretbar.
Jemand der weiter entfernt von der Elster wohnt, mag darüber den Kopf schütteln. Aber das interessiert in diesem Falle nicht. Stellen Sie sich nur mal vor, wir haben 3000 Leute auf dem Festplatz in München, plötzlich bricht uns dort der Deich und von hinten wird das ganze Gelände über den Mühlgraben unter Wasser gesetzt. Dann kommen die mit den Fahrzeugen nicht mehr vom Parkplatz runter. Vielleicht sind von den 3000 dann 500 sturzbetrunken. Was soll dabei rauskommen? Da bricht doch eine Panik aus. Wir haben das alles schon erlebt. Duisburg ist das letzte Beispiel dafür.
Für mich als Genehmiger wäre es unverantwortlich gewesen, das Fest zu diesem Zeitpunkt durchzuführen. Deswegen habe ich auch mit dem Veranstalter Mathias Winter gesprochen. Der hat sicherlich im ersten Moment mit den Zähnen geknirscht, aber im Nachhinein ist er auch ganz froh, dass wir diese Entscheidung getroffen haben. Das Risiko war zu groß. Auch wenn wir alle gerne feiern: Der Schutz der Gesundheit geht vor.
Deswegen haben wir diese Entscheidung, auch in Übereinstimmung mit dem Landkreis, so getroffen. Herr Winter hat also zwei Untersagungen bekommen: Einmal von unserer Seite, von Seiten der Stadt. Wir haben unsere schon erteilte Genehmigung zurückgenommen. Und dann nochmal vom Landkreis. Und er hat da sehr gut reagiert, das akzeptiert und sich nicht gewehrt. Gemeinsam haben wir dann die Lösung gefunden, das Ganze um eine Woche zu verschieben.

Wasserrückstände auf einer Ackerfläche in Uebigau

Z!: Diese Verschiebung um eine Woche dürfte höhere Kosten und geringere Einnahmen mit sich bringen. Sollte der Veranstalter angesichts der Aussichten darüber nachdenken, das Oktoberfest anderswo auszurichten?

Claus: Ich glaube nicht, dass das erforderlich ist. Ich hoffe nicht, dass wir jetzt jedes Jahr um die Zeit mit dem Hochwasser zu tun haben.
Das Oktoberfest muss in München stattfinden. Die eigentliche Festwiese ist ja trocken geblieben. Aber das Einzugsgebiet rundherum ist ja von der Schwarzen Elster, vom Mühlgraben und von der Rieke beeinträchtigt. verlegen sollte man das nicht, mit solchen Ausfällen muss man hingegen schon rechnen. Das ist eine Kostenfrage, aber für einen solchen Fall muss man auch versichert sein.
Von den Veranstaltern muss man im Katastrophenfall aber auch entsprechendes Verständnis erwarten.

Wasserrückstände auf einem Feld zwischen Uebigau und Falkenberg

Z!: Abschließende Frage: Werden Sie nach der heutigen Entwarnung auf dem bevorstehenden Oktoberfest mit Mathias Winter ein Bier trinken?

Claus: Gar keine Frage! Es wäre ja fatal, wenn wir ihn jetzt hängen lassen. Der Landrat wird morgen wie vereinbart gemeinsam mit dem Braumeister von Paulaner den Fassbieranstich machen, wie geplant, allerdings um eine Woche verschoben. Ich stehe mit Mathias Winter auch regelmäßig in Kontakt.
Wir unterstützen privates Engagement nach wie vor mit unseren Möglichkeiten. Und das wird auch so bleiben. Man kann froh sein, wenn man Leute hat, die sowas organisieren, statt einfach nur die Hände in den Schoß zu legen und zu meckern.

Überschwemmtes Feld bei Uebigau

Z!: Herr Bürgermeister Claus, vielen Dank für das Interview!

Über das Hochwasser an Schwarzer Elster, Pulsnitz und Röder arbeitet der Falkenberger Naturschützer Dieter Lehman derzeit an einem Buch, das im November erscheinen soll.

Das versprochene Bier hat Andreas Claus tatsächlich auf dem Oktoberfest mit Mathias Winter getrunken, wie LR-Online dokumentiert.


Responses

  1. […] Oktoberfest war für die Tage vom 30. September bis zum 3. Oktober 2010 geplant, geriet aber durch das Hochwasser der Schwarzen Elster in Schwierigkeiten: Der Veranstaltungstermin fiel in die Zeit des anhaltenden Katastrophenalarms, […]

  2. […] auch Pulsnitz und Schwarze Elster schwer betroffen – nachdem erst im vorherigen Herbst ein Rekordhochwasser das südliche Brandenburg auf eine harte Probe gestellt […]

  3. […] September 2010 wurde die Region um die Schwarze Elster von einem schweren Hochwasser getroffen. Im Januar 2011 wiederholte sich die Notsituation bei einer weiteren […]


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