Verfasst von: Manuel | 28.10.2010

Solidarnosc

Historische Settings sind als Hintergrund für Computerspiele äußerst beliebt. Das war nicht immer so, aber seit das Computerspiel zum wichtigsten und umsatzstärksten Unterhaltungsmedium geworden ist, zählen in historisch motivierten Settings handelnde Exemplare zu den Dauerbrennern. Unter Spielen, deren Handlung im 20. Jahrhundert stattfindet, sind die weitaus meisten im Verlauf des zweiten Weltkriegs situiert. Wenige dieser Spiele finden vor dem zweiten Weltkrieg statt, noch deutlich weniger danach.

Dass das Setting im 20. Jahrhundert in Computerspielen aber nicht zwangsläufig mit dem zweiten Weltkrieg einhergeht, sondern durchaus deutlich danach möglich ist, zeigt zum Beispiel die Politsimulation „Aufschwung Ost“.
1993 wurde „Aufschwung Ost“ durch den hessischen Computerspieleentwickler Sunflowers entwickelt und veröffentlicht, womit es eines der ersten Spiele überhaupt des Unternehmens war, das später mit der Veröffentlichung von „Anno 1602“ die erfolgreichste deutschsprachige Computerspielereihe begründete.

„Aufschwung Ost“ wurde bei Erscheinen oft mit „SimCity“ (keine Zahl – von den Teilen der Reihe mit einer Zahl im Titel gab es bei der Entwicklung von „Aufschwung Ost“ noch keines) verglichen, gab dem Spieler aber wesentlich weniger direkte Einflussmöglichkeiten als die Städtebausimulation. Mit dem November 1989 wurde als Startzeitpunkt eine Situation gewählt, die bei Veröffentlichung des Spiels noch keine vier Jahre zurücklag:

Bezeichnenderweise musste „Aufschwung Ost“, wie jedes der wenigen Computerspiele, die sich näher mit der deutschen Wendezeit befassen, erst von einem deutschen Entwickler hergestellt werden. So überlässt man – anders als bei weiter Zurückliegendem – den mehr oder minder Beteiligten selbst die mediale Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte; die räumliche und kulturelle Distanz bleibt ebenso wie die zeitliche aus.

Genauso verhält es sich mit „Solidarnosc“, einer Politsimulation, die sich mit der 1980 entstandenen Bewegung gleichen Namens in Polen beschäftigt: Der Name ihrer Herstellerfirma, California Dreams, sollte nicht davon ablenken, dass es bei ihr um ein polnisches Entwicklerstudio handelt. Das 1991 entstandene Spiel beginnt mit der Situation im Dezember 1981, in der aufgrund der Unruhen in Polen just das Kriegsrecht verhängt und der Vorsitzende des Streik-Koordinationskomitees, Lech Wałęsa, interniert worden war. Immerhin knapp zehn Jahre Abstand zum Sujet gönnte sich der Hersteller also, der nach Fertigstellung zunächst erfolglos versuchte, einen Vertreiber für sein Produkt zu finden, bevor er dieses schließlich selbst veröffentlichte. Anders als für Sunflowers mit „Aufschwung Ost“ lag der größte Erfolg für die polnische Softwarefirma aber nicht vor, sondern bereits hinter ihr: „Solidarnosc“ war eines ihrer letzten Computerspiele, wenige Monate nach dessen Veröffentlichung stellte sie den Betrieb ein.

Aus der Solidarność-Bewegung ging eine zunächst sehr populäre Gewerkschaft hervor, über deren Mitbegründer Lech Wałęsa 1991 ein Film erstellt werden sollte, der auch internationale Verbreitetung finden sollte. Da das Computerspiel auch zur Bewerbung dieses allerdings nie fertiggestellten Films dienen sollte, ist Wałęsa seine Titelfigur:

In der desolaten Situation des Winters 1981/1982 stellt man im Spiel Forderungen, gegen die Mangelwirtschaft und Hungerlöhne vorzugehen, und vergrößert mit der eigenen Bewegung auch den Druck gegen die Regierung.
Wie sich die Simulation spielt, habe ich in zwei Videos mal zu dokumentieren versucht:


Responses

  1. […] zur Situation von Spielen, die historische Ereignisse mit geringerer Distanz thematisieren; siehe dazu etwa “Aufschwung Ost”, das Wendespiel aus Hessen und “Solidarnosc&#8221…. Der Ubootkrieg aus deutscher Perspektive ist also – sicher auch dank Petersens […]


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