Verfasst von: Manuel | 09.11.2010

Myranor 1

Ich hatte hier ja schon mal über das Vorhaben des Uhrwerk-Verlags berichtet, das dort erscheinende Rollenspiel Myranor mit Kurzfilmen zu bewerben, die als kleine Promotrailer fungieren sollen.
Inzwischen hat Patric Götz den ersten dieser Trailer auf dem eigens dafür eröffneten Youtube-Kanal des Verlags präsentiert. Leider trägt das Stück trotz der starken Narrative und der immerhin fünfminütigen Länge keinen Namen, weswegen als Titel halt „Myranor 1“ verwendet wird.

Generell finde ich die Idee der Werbetrailer großartig und endlich etwas verfilmtes Offizielles aus der Welt des Schwarzen Auges zu sehen ist so faszinierend wie überfällig. Das vorliegende Ergebnis ist aber so durchwachsen, dass ich mich ihm mit einer kurzen Filmkritik widmen möchte.
Kurz gesagt: Keep it up! „Myranor 1“ zeigt so viel Verbesserungspotenzial, dass sich erkennen lässt, dass das Format echte Perlen hervorbringen kann. Er hat aber auch so gewaltige Probleme, dass man dringend daran feilen muss, bis eine solche auch wirklich entstehen kann.

Ich weiß zugegeben nicht genau, welches Budget den Machern für den Kurzfilm zur Verfügung stand und, wichtiger, an wen genau er sich eigentlich richtet. Das ist insofern relevant, als einige komische Effekte (High Fantasy, aber fast alle Figuren sind Menschen, beim Stichwort „undurchdringlicher Dschungel“ wird ein Blick in den lichten Teutoburger Wald geworfen etc.) zumindest erklärlich werden, wenn hier aus wenig viel gemacht werden musste, und die gröbsten Schnitzer (auf die ich gleich komme) nicht ganz so wild sind, wenn die Zielgruppe ohnehin nur aus Rollenspielern besteht, die Myranor zumindest vom Hörensagen schon kennen. Zumal eine kleine und spezielle Zielgruppe ihrerseits ja wiederum ein kleineres Budget rechtfertigt.
Vielleicht lege ich hier also etwas verzerrte Maßstäbe an, aber jedes Problem, dass der Streifen hat, ist ein Problem, auch wenn womöglich die Größe nicht ganz stimmt.

Um das Lob zunächst aus dem Weg zu bekommen: „Myranor 1“ ist die Gnade einer grundsoliden Regie zuteil geworden. Die Kampfszenen, die Lock and Load Montage, die Übergänge zwischen Erzählung und Erzähltem, das alles funktioniert verdammt gut. Die Kameraarbeit ist nichts anderes als exzellent, wahrscheinlich eine ganze Liga über allen anderen Aspekten. Der Schnitt ist gut, das Pacing klappt prima. Die Postproduction (insbesondere die Farbstichigkeit) ist vielleicht etwas übertrieben, passt aber. Die Kostüme und Requisiten sind äußerst überzeugend. Das Setdesign und die Locations sind bis auf wenige Ausfälle (etwa den doch sehr deutsch anmutenden Pferdestall (?) bei 2:30) klasse. Die Schauspieler, insbesondere die Hauptdarstellerin, liefern überzeugende Leistungen ab. Die Musik lässt zwar Feingefühl vermissen, ist aber passend arrangiert und unterstützt die Bilder, ohne zu stören. Die Story ist stabil genug: Die Heldin (Yay Gendering!) ist eine Verurteilte, die sich die Freiheit erarbeitet, indem sie sich auf eine Queste begibt, einen verschollenen Forscher heimzubringen – oder zu töten, um sein kostbares Wissen nicht dem Feind in die Hände fallen zu lassen.

Das größte Problem ist, dass uns die Handlung fast nur in Monologen erzählt wird, und das auch noch durch zwei verschiedene Erzähler. Das bringt unnötige Distanz zwischen Zuschauer und Handlung auf – Show don’t tell wäre hier besser gewesen. Außerdem reden und reden und reden die Erzähler, und insbesondere dem Auftraggeber fallen dabei ständig weltspezifische Fachbegriffe aus dem Mund, die allein zum (exotischen) Worldbuilding dienen sollen:

Caia Termon, ehemalige Lokegu der dreizehnten Myrmidone, Ihr seid eine Verräterin am Sternenthron, verurteilt zu Sklaverei und der Arbeit in den Oktrelitminen von Xarxaron. Der Thearch hat Euch in seiner Allweisheit eine letzte Gnade zuteil werden lassen: Erfüllt eine Mission für die Häuser Apirdanos und Taramnos, und ihr seid eine freie Frau!


So spricht doch kein Schwein.
Und wo wir schon bei den Erzählern sind: So toll die Hauptdarstellerin auch spielt, ihren Dialog liefert sie reichlich käsig ab (der eine Gag am Ende des Kurzfilms geht daran leider kaputt), und den Erzählmonolog fährt sie mit ihrer undeutlichen Aussprache und emotionslosen Betonung leider voll gegen die Wand.

Zudem werden die Erzähler auch noch mit massig unnützem Geblubber beschäftigt gehalten, statt Bilder und Musik einfach mal für sich wirken oder die Figuren selbst sprechen zu lassen:

Seit fast 5000 Jahren herrschen die Thearchen über Myranor, doch im Laufe der Jahrtausende nagten so viele fremde Mächte an den Grenzen des Reichs, dass die Horasiate durch viele Meilen Feindesland voneinander getrennt sind.

Wen interessiert das denn? Wozu den Zuschauer durch völlig handlungsirrelevantes Geschwafel quälen, statt Plot und Drama ein bisschen voranzubringen? Die Quellenbücher können Interessierte, so der Film sie überzeugt, ja wohl noch selbst lesen.

Besser geschriebene Monologe wären zwar weniger schlecht, aber das Konzept Erzählmonolog ist grundsätzlich fragwürdig: Warum ein Fantasy-Rollenspiel mit einem Film bewerben, dessen Handlung fast ausschließlich durch einen einzelnen Protagonisten erlebt und dann auch noch von Erzählern überfaselt wird? So kann man eine Romanverfilmung angehen, aber Fantasyfilme bauen normalerweise an sich schon auf Heldengruppen, Rollenspiel lebt und atmet sogar durch die Interaktion zwischen mehreren unterschiedlichen Typen. Solche Interaktion zwischen mehreren Helden hätte Leben in die Handlung gebracht, dynamische Dialoge die drögen Monologe ersetzen können und den Spaß am Miteinander des Rollenspielens transportieren können. Wäre eine Rollenspielrunde so wie dieser Film, nämlich durch den Spielleiter lieblos dahingeseiert, würde ich als Spieler noch in der ersten Hälfte gehen.

Die Kampfszenen des Films sind aufwändig choreographiert, man merkt, dass sie den Schauspielern großen Spaß gemacht haben, aber stellenweise werden sie albern und vor allem sind sie viel zu weit ausgewalzt. Kämpfe sehen für ein paar Augenblicke schön aus, bringen aber nicht mehr als bloße Landschaftspans, solange sie die Handlung nicht voranbringen – und das können sie nur, wenn wir wissen, wer eigentlich kämpft. Im Eingangskampf wird wenigstens die Protagonistin – dank der Regiearbeit ganz effektiv – eingeführt und als gute Kriegerin vorgestellt, über ihre Gegner erfahren wir aber genau gar nichts. Hätte sie letztlich verloren, wäre ein Übergang zur Folgeszene gelungen und wir hätten den Kampf in die Resthandlung einordnen können, während er so wie er steht lose vorn drangeklebt wirkt. In den restlichen Kämpfen scheint es darum zu gehen, den Forschungsreisenden zu finden, während die Heldin dabei aufgehalten werden soll. Durch wen erfahren wir jedoch nicht, die Gegner bleiben blass, die Kämpfe daher egal und das ganze Gekloppe frei von Drama. Verprügelt die Heldin hier Ghule mit dem Auftrag, sie zu jagen? Die Feinde, denen der Forscher nicht in die Hände fallen soll? Klingonische Standesbeamte, die ihre Bearbeitungsgebühren eintreiben wollen? Rumlungernde Justin-Bieber-Fans? Keiner weiß es, der Zuschauer wird lieber mit Details über das Werden und Fallen historischer myranischer Imperien belastet als mit Informationen betraut, wer im Bild eigentlich gerade was tut. Das ist schlechtes Storytelling.

Ein Highlight unfreiwilliger Komik ist das Zusammentreffen der beiden Hauptfiguren ab 4:01. Gulderianus, der Forscher, läuft forsch über einen großen Platz, den er auch mit Blicken ausforscht:

Plötzlich – ZACK – stolpert der Arme mitten ins Schwert der Protagonistin, die sich überraschend neben die Kamera teleportiert hat und erst dann für ihn sichtbar ist, als sie auch ins Bild kommt:

Hilarious! Angesichts der Tatsache, dass der einzige absichtliche Witz, den, so abgedroschen er ohnehin schon ist, die Hauptdarstellerin auch noch vermasselt, direkt danach kommt, sozusagen eine Doppelspitze humoristischer Unfreiwilligkeit.

Weil die dösigen Monologe wirklich viel verderben und dem ganzen Film Dynamik fehlt, da die beiden Hauptfiguren erst am Schluss zusammentreffen, ist „Myranor 1“ weit entfernt davon, ein Glanzstück zu sein, aber die tolle Regie und der fantastische Kameraeinsatz retten die Zivilschein-Wertung von 6/10 Gummimaskenghulen.
Ich warte gespannt auf die weiteren Kurzfilme.

Update: Bei den Mitverantwortlichen von Orkenspalter.tv wird das Video mit einem kurzen Begleitkommentar aus Produktionsnotizen gepostet. Daraus geht hervor, dass die weiteren Filme dieselbe Geschichte weiterbehandeln werden, statt andere zu erzählen – das lässt wenigstens auf etwas mehr Hintergrund hoffen. Die Filmlocations klingen allerdings erstaunlich:

Mindestens zwei weitere Filme dieser Art werden die Geschichte vertiefen. Entstanden ist der Film im August in Italien, Österreich, Griechenland, Bayern…und Franken.

Zudem wird die von Thamor schon hintertragene Geschichte mit dem Festplattencrash als Erklärung für die auf der Ratcon ausgefallene Premiere bestätigt:

Eigentlich sollte er schon auf der Ratcon Premiere feiern, aber da gab es ein Malheur mit einer gewissen Festplatte…


Responses

  1. […] This post was mentioned on Twitter by DSA-News, Herr Zivilschein. Herr Zivilschein said: Filmkritik des Trailers zu #Myranor: http://wp.me/pulj1-11s #Kurzfilm #Leuenklinge […]

  2. […] ausführliche  Filmkritik kann man im Blog Zivilschein finden, wo der Clip mit 6/10 “Gummimaskenghulen” abschneidet. Man sollte anmerken, dass […]

  3. Das sind dieselben Leute, die schon Leuenklinge gemacht haben. Also praktisch kein Budget. Lustigerweise bekommt hier derselbe Schauspieler aus dem Nichts ein Schwert an die Kehle gehalten – den Gag werden sie, wenn sie niemand aufhält, noch zu Tode verwenden.

    Ich gehe mal stark davon aus, dass man fast nur Erzählstimmen verwendet hat, weil das aus der Produktion einfach enorm Komplexität herausnimmt. Guter Ton im Freien ist ganz schwer hinzubekommen.

    Leider hat man dieselben Probleme wie bei Leuenklinge. Die besonders „dramatische“ Erzählstimme wirkt einfach zu dick aufgetragen, besonders am Ende, wo doch ein wenig Abgeklärtheit besser ausgesehen hätte. Dass die Hauptrolle gleichzeitig nur einen Gesichtsausdruck hat (irgendwie grimmig gucken), ist auch übertrieben. Zudem muss man sich doch Fragen, ob die Heldin da nicht das alte Klischee erfüllt: Frauen, die kämpfen, sind eben frustrierte Emanzen und permanent schlecht gelaunt.

    Die verschiedenen Erzähler sind ja in Wirklichkeit Charaktere, die tatsächlich im Film aufkreuzen. Dass die Kämpfe völlig unmotiviert sind, d.h. ohne weitere Erklärung oder Sinn auskommen, lässt das ganze wie eine Art „DSA-Xena“ erscheinen.

    Aufgrund der Landschaften und der Kostüme sicher ein großer Schritt vorwärts im Vergleich zu Leuenklinge. Aber so richtig überzeugen will mich das Ergebnis nicht mal in Trailerform. Ich habe DSA-Fan-Hörspiele gehört, die mehr Qualität hatten und mehr Stimmung verbreiteten!

  4. […] bräuchte den Vergleich mit der bislang einzigen offiziellen DSA-Verfilmung, den Myranor-Trailern (deren erster hier schon ausführlich kritisiert wurde) sicher nicht zu […]


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