Verfasst von: Manuel | 25.12.2010

Live Blogging: Winamp Shuffle 5

Ich weiß, damit hat seit der Trashwoche keiner mehr gerechnet. Aber ich hatte ja gesagt, dass es noch die eine oder andere Episode Shuffleblogging geben wird, und in einem der extrem seltenen Fälle einer eingehaltenen Ankündigung bei Zivilschein teile ich jetzt mal eine halbe Stunde Winamp-Playlist mit euch. Das ist inzwischen nicht mehr die Liste der vorigen Shufflingartikel: Ich habe Heiligabend bei meinen Eltern verbracht, und nach einer Stunde Frank Schöbel und Blasmusik habe ich mir den Verstärkereingang gemopst, um mal mit etwas Deutschpop reinzugrätschen – ruhigen, versteht sich.

PLAY

Tocotronic – Dieses Jahr

Ist auch Teil der Reihe Jahresendzeitmusik. Einer meiner ersten Tocotronic-Songs. Angenehm melancholischer Jahresrückblick, der wenigstens nicht in Kitsch verfällt. Am meisten schätze ich, wie Tocotronic das strukturiert haben: Wie üblich keine Strophe-Refrain-Geschichten, stattdessen bleibt der Song ein Song, der etwas erzählen und nichts zu feiern hat.

Die Doofen – Ich bau dir ein Haus aus Schweinskopfsülze

Vom ersten, dem einen guten „Die Doofen“-Album. Der Text ist ein klasse Beispiel für den Boning-Dittrich-Nonsenshumor, der auch „RTL Samsag Nacht“ damals so großartig gemacht hat: „Du hast Zaster und viel Geld“, „goldne Silbertruhe“, „Eier nur vom Stör“… die zweite Strophe ist komplett gesprochen und eine prosaische Rudi-Carrell-Parodie von Dittrich, textlich leider schwach. Dafür ist der Rest aber toll getextet. Musikalisch ist die Nummer übrigens auch nicht schlecht, wenn auch nichts besonderes.

Helga – Dicker Fisch

Das kennt jetzt wieder keiner. Die Band Helga wurde in meiner Heimatstadt gegründet, aus Kumpels des Jahgangs über mir am Gymnasium. Der Sänger und Texter ist der Sohn meiner damaligen Englischlehrerin. Die Gruppe einigermaßen kurzlebig, hatte aber immerhin einen Auftritt im Radio Fritz und die eine oder andere gute Songkomposition. „Dicker Fisch“ ist als jugendlicher Abgrenzungschrei eine davon: „Ich bin kein Fisch und ich werd nie einer sein, ich bin ich und ich werd es immer bleiben.“
Helga hab ich nur zweimal live gesehen (glaube ich), aber beide Male war das ein tolles Erlebnis und sicher eine Inspiration für mich, selbst Musik zu machen. Anekdote am Rande: Ich bin besagtem Frontmann mal in einer Pause in einem der Kellerräume der Schule begegnet, dem einzigen zugänglichen Raum mit einem (allerdings schlecht gepflegten und verstimmten) Klavier. Der Kerl war älter und musikalisch weiter als ich, aber ausgerechnet er war davon beeindruckt, wie ich Klavier spielte. Ist aber nichts draus geworden.

Die Ärzte – Die Allerschürfste

In eigentlich nur zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Einerseits eine interessante Art, Tango als Rockmusik zu konstruieren, die auch noch erstaunlich gut gelingt. Außerdem ein Schmählied in Dialekt (und das, obwohl die Ärzte nicht gerade oft Dialekt singen). Beides zusammen ist eine erstaunliche Mischung, aber wirklich „gut“ sind eher andere Songs des Trios.

Wir sind Helden – Die Zeit heilt alle Wunder

Ich glaube, für die Helden werde ich noch auf Jahre nicht reif genug sein. Ihr erstes Album hab ich bis heute noch nicht vollstänig verarbeitet, bis zum dritten komme ich auch nächstes Jahr sicher nicht. Für mich sind viele ihrer Songs so tiefgründig und bewegend, dass mich das Hören richtig mitnimmt. Dieser ist keiner der „schlimmeren“ in der Hinsicht, aber auch schon hart. Diese ganze „Verlust der Kindheit“-Kiste ist schon ziemlich schwermütig.
Ich wäre ja immer gern auf Partys auf denen wenigstens die beschwingteren Heldensongs gespielt werden, aber das habe ich nur einmal erlebt. Dabei sind ansprechende Instrumentierungen und smarte Texte doch so gutes Gesprächsmaterial!

Element of Crime – Damals hinterm Mond

Habe ich mal in einer Vorlesung an der Uni kennen gelernt. Echt wahr!
Ist mir jetzt aber echt zu schwermütig.

NEXT TRACK

Echt – Du trägst keine Liebe in dir

Ich weiß, das ist ein Guilty Pleasure. Aber hey: Wenigstens ist das mal eine Gelegenheit für mich, meine Integrität zu beweisen, indem ich zeige, dass ich Songs, die ich mag, durchaus kritisch einschätzen kann. Dieser hier ist ein Schlager, aber das macht ihn noch nicht schlecht. Schlecht ist er für den Kitsch mit den Geigen und den aufgeblasenen Refrain.
Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass das das einzige Lied von Echt ist, das ich wirklich mag, aber ich habe eine Schwäche für solche Pauken in Popsongs und finde auch das Schlagzeug im Zusammenspiel mit den Streichern super. Achten Sie auch mal darauf, wie Berliner hochdeutsch zu singen versuchen: „Du büst ümmer noch“, „Keine Lübe ün dia“.

Wir sind Helden – Du erkennst mich nicht wieder

Und da sind sie wieder. Das Keyboardriff ist klasse, und schon die Gitarrenlinie ist brillant, weil sie mit minimaler Änderung grundlegende Akkordwechsel vollzieht. Der Text wird immer als von Suizid handelnd begriffen, aber immer wenn Musik so offenkundig von Suizid (oder Drogen, oder Sex etc. etc.) zu handeln scheint, ist das ein Zeichen dafür, dass es eigentlich um etwas anderes geht. Ich sehe darin eine Verarbeitung der Idee, dass wir uns alle verändern und das, was uns verbindet und wir miteinander zu tun schaffen immer nur für die Zeit möglich ist, in der wir so sind, wie es dafür nötig ist. Später greift das „Für nichts garantieren“ ja nochmal auf. Das Thema ist in meinen Ohren Überfremdung angesichts der umgebenden Gesellschaft und der großen Stadt.

Die Sterne – Was hat dich bloß so ruiniert

Die Orgel! Die Orgel!
Spannend in diesem Song über „ruinierte Jugend“ ist ja das Zitat von „House of the Rising Sun“ in der Akkordfolge (das auch deshalb gelingt, weil der Song anders als die populären HotRS-Versionen nicht im 6/8-, sondern im 4/4-Takt steht). In letzteren geht es ja auch um ruinierte Jugend, dort sind allerdings Glücksspiel, Alkohol und Prostitution die Ursachen. Diese kommen bei den Sternen so nicht mehr vor, aber das musikalische Zitat stellt ja eine Anspielung auf diese Zusamenhänge dar. Eine sehr geschickte Verarbeitung musikalischer Intertextualität!

Heinz Rudolf Kunze – Finderlohn

Eines der unterschätztesten Kunze-Stücke, mir bekannt über seine Balladen-Compilation. Als ich meine erste Freundin kennengelernt hab, lag ich stundenlang sehr zufrieden mit der Welt herum und hörte ziemliche Happy-Tralala-Musik, und dieser Song war noch einer der vertretbareren davon. Es war Sommer, und wir hatten alle eine Menge Menge Spaß und nicht allzuviel Erholung davon. Jedes zweite Wochenende war irgendwo ein Dorffest oder Ähnliches und wir nahmen schier irrsinnige Wege auf Fahrrädern in Kauf, um uns nichts davon entgehen zu lassen. Hinter einem dieser Wege traf ich jemanden, der mich als Finderlohn kriegte.

Schenk mir, schenk mir einen Hut voll Zeit,
Dann lern ich, lern ich auch Bescheidenheit.
Zeig mir, zeig mir wo ich wirklich wohn,
Dann kriegst du mich als Finderlohn.
Und es leuchtet alle Erde,
Die dein schmaler Fuß berührt,
Und es jubelt jeder Windhauch,
Der dein Abbild mit sich führt.

STOP


Responses

  1. Aber Echt sind doch Flensburger! Und Weinst Du ist auch toll. Mit Echt habe ich mich irgendwann versöhnt. In der Jugendzeit musste man sie ja aus Credibility-Gründen hassen, das war Pflicht.

  2. Wie komme ich denn auf Berlin? Sind die dann umgezogen?
    Wie auch immer, ich hab die natürlich auch verachtet als Teenager, aber „Du trägst keine Liebe in dir“ ist immer noch ihr einziger Song, der mir wirklich gefällt.

  3. Ich habe die nie mit Berlin in Verbindung gebracht, das waren eigentlich immer Flensburger. Allerdings: Kim Frank hat ja vor ein paar Jahren sein Soloalbum rausgebracht (klingt aber genau so wie Echt). Da ist ein Song drauf, der Berlin heisst. Außerdem hat er ja in NVa mitgespielt, vielleicht ja auch deswegen.


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