Verfasst von: Manuel | 15.05.2014

Doppelte Optik

Mit dem Begriff der „wechselnden“ oder „doppelten Optik“1 beschrieb Friedrich Nietzsche die Eigenschaft der Opern Richard Wagners, sowohl die Allgemeinheit als auch die besonders gebildeten Kenner anzusprechen. Der Terminus wurde von Eberhard Lämmert wieder aufgegriffen und auf die Deutung poetischer Texte übertragen, um Thomas Manns Erzählkunst damit zu beschreiben.2 Auch hier ist damit eine Doppelstruktur gemeint: Einerseits ist ein Text dieser Art leicht verständlich und unterhaltsam, andererseits ist er mit Elementen angereichert, die zu literarisch anspruchsvollen Deutungen einladen, für die eine tiefere Expertise unerlässlich ist. Thomas Mann selbst beschrieb – freilich noch ohne Verwendung dieses Begriffs – in der 1911 entstandenen Novelle „Der Tod in Venedig“ das Talent des fiktiven Schriftstellers Gustav von Aschenbach, „den Glauben des breiten Publikums und die bewundernde, fordernde Teilnahme der Wählerischen zugleich zu gewinnen“2, womit das Konzept bereits angelegt war und zu ihrer Übertragung auf die Novelle selbst einlädt, die ihrerseits sowohl zu den erfolgreichsten deutschen Novellen gehört als auch für ihren Reichtum an Wortgewandtheit und Anspielungen geschätzt wird.
Anwendbar ist der Terminus auf viele Werke der Weltliteratur. Das bezeichnete Konzept wird als konstituierende Eigenschaft postmoderner Literatur verstanden. Joachim Rickes zeigte, dass auch die Romane Daniel Kehlmanns Doppelte Optik verwenden.4 Das ist mit einigen Beispiele belegbar. Etwa die vielen Namen von Künstlern und Autoren in „Ich und Kaminski“: Neben Pablo Picasso, der als erster Prominenter ein Bild des Malers Manuel Kaminski kauft, und Vincent van Gogh werden unter anderem Henri Matisse, Diego Velázquez, André Breton, Édouard Manet und Hieronymus Bosch in unterschiedliche Bezüge zu den beiden Hauptfiguren gesetzt. Während den meisten der zahlreichen Leser, deretwegen „Ich und Kaminski“ zu einem internationalen Erfolg wurde, diese Namen etwa so austauschbar erscheinen dürften wie die der eigens erfundenen Figuren, ergeben sich für Kenner weitere Deutungsansätze aus dem bekannten Wirken dieser Persönlichkeiten und ihrer Einbettung in den Roman. Ebenso wird das Buch im Ganzen vielen zurecht als eine unterhaltsame Erzählung über zwei sehr verschiedene Männer vorkommen. Erst bei genauerer Betrachtung empfiehlt sich z.B. die allegorische Ausdeutung als eine Suche nach Gott, der allerdings seinen Blick auf die Welt verloren hat und von dieser ihrerseits vergessen worden ist.
In der „Vermessung der Welt“ indessen wird Humboldt von vier Ruderern den Orinoco entlang begleitet, die ihn damit nerven, ständig Erfundenes zu erzählen, in dem nicht einmal eine Lehre steckt. Diese Spannung führt zu mehreren komischen Situationen, doch erst mit der speziellen Erkenntnis, dass die Namen der vier – Carlos, Gabriel, Mario und Julio – den zeitgenössischen spanischsprachigen Schriftstellern Carlos Ruiz Zafón, Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa und Julio Cortázar zugeordnet werden können, lässt sich ihr Erzählen in diesem Zusammenhang weiter interpretieren.


  1. Dass dieser Artikel dem Wikipedia-Artikel gleichen Namens stark ähnelt, hat den einfachen Grund, dass ich auch letzteren erstellt habe. []
  2. Eberhard Lämmert: Doppelte Optik. Über die Erzählkunst des frühen Thomas Mann. In: Karl Rüdinger (Hrsg.): Literatur Sprache Gesellschaft. München 1970, S. 50–72. []
  3. Thomas Mann: Der Tod in Venedig. Erzählungen. Aufbau‑Verlag, Berlin und Weimar 1980, S. 193. []
  4. Joachim Rickes: Die Metamorphosen des ‚Teufels‘ bei Daniel Kehlmann – „Sagen Sie Karl Ludwig zu mir“. Königshausen & Neumann, Würzburg 2010, ISBN 978-3-8260-4339-0, S. 49f. []

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