Verfasst von: Manuel | 16.07.2014

Interpretation: „In Aegypten“

Der Lyriker Paul Celan wurde 23. November 1920 im damals rumänischen Czernowitz geboren. 1941 wurde er mit allen anderen Juden in das Ghetto der nun besetzten Stadt gezwungen, von wo seine Eltern 1942 in ein Lager deportiert wurden, in dem sie schließlich starben. Von 1942 bis 1944 war Celan selbst Lagerhäftling. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs floh er über Ungarn nach Wien. Dort begegnete er, bevor er Ende Juni nach Paris übersiedelte, am 16. Mai 1948 erstmals Ingeborg Bachmann, mit der ihn bald ein jahrelanges Liebesverhältnis verband.

Im Oktober 1948 erscheint bei Sexl in Wien Celans erster Gedichtband „Der Sand aus den Urnen“ mit der Erstveröffentlichung der „Todesfuge“. Ebenfalls darin abgedruckt ist ein Gedicht namens „In Ägypten“, das Celan erst am 23. April 1948 in Wien geschrieben hat. Beide Gedichte erlangten erst größere Bekanntheit mit ihrer Neuveröffentlichung in Celans zweitem Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart im Dezember 1952.
Bei seiner ersten Begegnung mit Ingeborg Bachmann ist er 27 Jahre alt. Kurz darauf – am 24. Juni 1948, einen Tag vor ihrem 22. Geburtstag – übergibt er ihr neben einem Cézanne-Bildband auch den Bildband „Peintures 1939-46, Introduction d’André Lejard“ mit den letzten Werken von Henri Matisse. Am Anfang jenes Buchs befindet sich eine Abschrift der Urfassung des Gedichts, das dahin noch „In Aegypten“ heißt, versehen mit einer Widmung an Ingeborg Bachmann („Für Ingeborg“).1

„In Aegypten“ besteht aus neun anaphorischen Anweisungen, die stets mit „Du sollst“ beginnen. Der erste bis sechste sowie der achte bis elfte Vers sind streng jambisch gehalten. Der siebte und der elfte Vers stellen Ausnahmen hiervon dar: Im Trochäus vervollständigen sie die jeweils vorangegangene Anweisung: „Du sollst“ jeweils „sagen“, die beiden herausragenden Verse beginnen dann „Seht“, „Sieh“.
Die Sprache des Gedichts ist mit surrealen Chiffren wie „Sei das Wasser!“ oder „Wolkenhaar“ verschlüsselt. „Du sollst“ „zum Aug […] sagen“ und „im Aug […] suchen“. Dem Wasser kommt hohes Gewicht zu, gleich in den ersten drei Versen wird es je einmal erwähnt; vom Schmücken ist ebenfalls in drei Versen die Rede.
Der Text enthält keine explizit männliche Figur. Frauen hingegen sind von großer Bedeutung. Namentlich kommen „Ruth“, „Mirjam“ und „Noemi“ vor, gegenübergestellt wird ihnen „die Fremde“, immer wieder wird mit „sie“ auf die ersteren oder letztere rekurriert. Ein lyrisches Ich ist nicht präsent, das Personalpronomen „ich“ kommt nur in den beiden zitierenden Versen vor, verweist dort also auf das angesprochene „Du“.
Gewidmet ist das Gedicht Bachmann gleich zweifach: Einerseits über das konventionelle „Für Ingeborg“ gleich unter der Titelzeile, dann andererseits über drei noch unterhalb der Abschriftnotiz „Wien, am 23. Mai 1948“ anschließende Verse in poetischerer Weise

Der peinlich genauen,
22 Jahre nach ihrem Geburtstag

, wobei Ingeborg Bachmann weder im angegebenen Monat Mai noch am Übergabedatum, dem 24. Juni 1948, 22 Jahre alt wurde, sondern einen Tag nach letzterem: Bachmann wurde am 25. Juni 1926 geboren. Hieraus erklärt sich der dritte Widmungsvers

Der peinlich Ungenaue

.

„Aegypten“ verweist mit der altertümlich wirkenden Umschreibung des einleitenden „Ä“ und mit den hebräischen Namen Ruth, Mirjiam und Noemi auf den biblischen Exodus des Volkes der Juden aus Ägypten. Mit dem Bezug auf die mythische Vertreibung der Juden aus dem Land, in dem sie jahrhundertelang unterdrückt wurden, reflektiert das Gedicht den mit Verteibungen und Enteignungen verbundenen Holocaust in Europa, der in seiner zeitlichen Nähe zur Gedichtentstehung ein ähnlich katastrophales Ereignis darstellt. Die Verarbeitung dieser Katastrophe hat darin nicht stattgefunden, das Gedicht ist nicht „aus“ oder „nach Aegypten“ geschrieben, sondern noch „in Aegypten“, also dort, wo die Unterdrückung stattfand. Die Verortung ist dabei nicht als lokale Zuschreibung zu verstehen, sondern als Geisteszustand: Die geistige Selbstbefreiung hat noch nicht stattgefunden, der „Schmerz“ (Vers 9) ist noch gegenwärtig. Gemäß der literarischen Konvention repräsentiert das Wasser Vergänglichkeit und Tod, aber auch Trauer um das Vergangene. So ist der erste Vers, demzufolge „du“ „zum Aug der Fremden“ sagen sollst: „Sei das Wasser“ eine Aufforderung, zu Trauer aufzurufen. „[D]ie du im Wasser weißt“, also Ruth, Mirjam und Noemi, stehen für im Holocaust ermordete jüdische Frauen, um die „Schmerz“ empfunden wird.
Einen weiteren religiösen Bezug stellt die strenge Form des Gedichts dar, die immer in Form von „Du sollst“ beginnenden Aufrufen Vorschriften stellt, gleich den zehn biblischen Geboten. Im Gedicht bleibt es jedoch bei nur neun Geboten, bescheiden tritt der Text kürzer als die dem Alten Testament zufolge von Gott gegebenen Lebensvorschriften.
Zweimal soll etwas gesagt werden. In der sechsten Vorschrift „zu Ruth, zu Mirjam und Noemi“: „Seht, ich schlaf bei ihr!“ – diese wörtliche Rede trennt die ersten sechs Vorschriften von den letzten drei, in denen es nur noch um den Umgang mit „der Fremden“ geht. Der gedankliche Umgang mit den früheren Bekanntschaften soll die heutige nicht ausschließen, jeder Frau soll sich die angesprochene Figur für sich erinnern und nicht vortäuschen, dass es nach ihr keine weiteren gäbe. Die andere Sprechanweisung „zur Fremden“: „Sieh, ich schlief bei diesen!“ tauscht die Anzusprechenden gegen die, über die gesprochen werden soll, aus. Das letzte Gebot, das den Text abschließt, weist an, auch der gegenwärtigen Geliebten nicht zu verschweigen, dass es andere vor ihr gab und jeder ihre eigene Legitimität zuzurechnen ist. Da Paul Celan in Czernowitz und Bukarest eine enge Freundin hatte, deren voller Name Noëmi Ruth Kraft war,2 und er Ingeborg Bachmann, die keinen jüdischen Hintergrund hatte, kurz nach Abfassen des Gedichts kennen lernte, lassen sich die benannten Frauenfiguren, die „Fremde“ und das angesprochene „Du“ auch biografischen Einflüssen zuordnen.
Das angesprochene Du ist über den Bezug auf die biblischen zehn Gebote hinaus nicht als Textadressat zu verstehen. Vielmehr spricht das lyrische Ich, das eben nur als „Du“ pronominalisiert wird, hier zu sich selbst, erlegt sich Lebens- und Liebesregeln auf. Der Umgang mit Trauer, Schmerz, Verlust, aber auch mit Liebe wird betrieben, indem selbstauferlegte Maxime formuliert werden. Die Situation „in Aegypten“ soll somit ertragbar, ihre Unfassbarkeiten fassbar werden.


  1. Paul Celans Werke sind noch nicht gemeinfrei. Der Gedichttext ist aber leicht im Internet zu finden. Die hier verwendete Fassung ist die der handschriftlichen Widmung im genannten Matisse-Bildband, zitiert nach: Herzzeit: Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Hrsg. von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009 []
  2. Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. von Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2005, S. 610 []

Responses

  1. Paul Celan und die Gruppe 47

    Im Oktober 1948 erschien Paul Celans erster Gedichtband “Der Sand aus den Urnen” beim Verlag A. Sexl in Wien. Darin enthalten waren unter anderem das Gedicht “In Ägypten” sowie die “Todesfuge”. Dem Gedichtband wurde…

  2. […] kurz nachdem er im Mai 1948 Ingeborg Bachmann zu ihrem 22. Geburtstag in Wien das Gedicht “In Aegypten” widmete, zog Paul Celan Ende Juni nach Paris, wo er im Herbst 1951 Gisèle de Lestrange kennen lernte. […]

  3. […] Liebe füreinander ist 1957 wiederum – eher noch als zu Beginn ihrer Bekanntschaft – das eine Element, das die Kommunikation zwischen Celan und Bachmann überhaupt aufrecht […]


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