Verfasst von: Manuel | 15.09.2014

Interpretation: „Sprachgitter“

Bereits kurz nachdem er im Mai 1948 Ingeborg Bachmann zu ihrem 22. Geburtstag in Wien das Gedicht „In Aegypten“ widmete, zog Paul Celan Ende Juni nach Paris, wo er im Herbst 1951 Gisèle de Lestrange kennen lernte. Diese heiratete Celan im Dezember 1952. Im Sommer 1955 wurde der Lyriker französischer Staatsbürger und sein Sohn Eric Celan geboren.
Im Juni 1957 erhielt Paul Celan eine Ansichtskarte des Verlegers Günther Neske, die das sogenannte „Sprechgitter“ des ehemaligen Klarissen‑Klosters Pfullingen zeigte. Kurz darauf besuchte Celan während eines Urlaubs in Österreich Klaus und Nani Demus in Wien, mit denen sowohl er als auch Ingeborg Bachmann eng befreundet waren. Dort, am Rennweg im dritten Wiener Bezirk, nahm er am 14. Juni 1957 die Arbeit an dem Gedicht „Sprachgitter“1 auf, welches am 08. Oktober 1957 von ihm fertiggestellt und schließlich zum Namensgeber seines nächsten, im März 1959 beim S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main erschienenen, Gedichtbandes gemacht wurde. Von allen Gedichtbänden Celans ist „Sprachgitter“ der schmalste.2

Das frühgotische „Sprechgitter“ des besagten Klosters war die eine Verbindungsstelle, die die Nonnen zur Außenwelt hatten: Zwischen Eisenträgern hindurch konnten an dieser Lücke in der Mauer Gespräche mit außerhalb des Klosters stehenden Personen geführt werden. Die Gesprächspartner konnten einander dabei nur durch die Gitterstäbe hindurch sehen.
Paul Celans Gedicht „Sprachgitter“ bildet diese Konstellation nach: Das lyrische Ich begegnet einem „Du“, um eine Kommunikationssituation herzustellen. Das „Augenrund“ des „Du“ ist dabei nur „zwischen den Stäben“ wahrzunehmen, die Begegnung findet zudem andeutungsweise heimlich statt, denn „der blakende Span“ „in der eisernen Tülle“ lässt sich als glimmender Brennkörper in einer Lampe verstehen, das Zusammentreffen läuft also nicht tagsüber ab, zumal „der Himmel“ nicht etwa hell ist, sondern „herzgrau“.

Damit zeigt das Gedicht bereits zwei typische Celan‑Motive: Die Dunkelheit (siehe etwa die Gedichte „Schlaflied“, „Schwarze Flocken“, „Ein Lied in der Wüste“, „Corona“ und „Von Dunkel zu Dunkel“) und das kommunizierende Begegnen von Ich und Du (siehe beispielsweise die Gedichte „Ein Krieger“, „Talglicht“, „Ein Tag und noch einer“ und „Zürich, zum Storchen“). Ebenfalls zum Grundstock von Celans Lyrik müssen die Körperreferenzen gezählt werden: Der „Mundvoll“ am Schluss, vor allem aber die Augenmotivik, die das erste Drittel von „Sprachgitter“ beherrscht: „Augenrund“, „Flimmertier Lid […] gibt einen Blick frei“, „Iris“. Diese zieht sich so stark durch Celans Gedichte, dass hier nur ein kleiner Bruchteil an Exempeln genannt werden kann: „Dunkles Aug im September“, wiederum „Corona“, „In Ägypten“, „Aus dem Meer“, „Zwiegestalt“, „Fernen“, „Die Halde“, „Ich weiß“, „Auge der Zeit“ und „Die Winzer“.

Dass die „Iris“ eine „Schwimmerin“ und zudem „traumlos“ ist, verdeutlicht die Traurigkeit der Situation: Die müden und tränennassen Augen sehen den „Himmel“ gerade nicht in romantischen Farben gezeichnet, sondern grau – dass es „herzgrau“ ist, die Herzen also ebenfalls grau und nicht etwa warm oder sehnsuchtsvoll sind, trägt die antiromantische Grundstimmung weiter.
Der Verlauf der beschriebenen Zusammenkunft ist kein glücklicher: Lediglich in Klammern wagt das lyrische Ich zu wünschen, „wie du“ zu sein, oder einem Du gegenüber zu stehen, das „wie ich“ ist. Der Konjunktiv verrät jedoch: Die vorgefundenen Differenzen sind unüberbrückbar. Die rhetorische Frage „Standen wir nicht unter einem Passat?“ macht es noch deutlicher – die beiden Passate unterscheidet man nach unterschiedlichen Windrichtungen, einer besteht nur auf der Nord-, der andere nur auf der Südhalbkugel der Erde, getrennt durch den Äquator wie die beiden Zusammentreffenden durch das Gitter. Als letztes vor der schließenden Klammer konstatiert das lyrische Ich nüchtern: „Wir sind Fremde“.
Der Austausch scheitert, die Kommunikation verharrt beim Versuch. Erneut „herzgrau“ sind in der Schlussstrophe „dicht beieinander“ „die beiden […] Lachen“, die sich aus den Tränen der „Schwimmerin“ „Iris“ gebildet haben. Zu sagen haben Ich und Du einander nichts mehr, stattdessen bilden den letzten Vers zwei „Mundvoll Schweigen“, ein jeder weint also still für sich.

Die gleichmäßig vor sich hin wabernden Gedanken des lyrischen Ichs werden durch den daktylischen Aufbau der Verse unterstützt. Lediglich zweimal wird dieser unterbrochen: Der jeweils letzte Vers der vorletzten und der letzten Strophe gibt Erkenntnisse besonderer Schwere wieder, die im Trochäus vermittelt werden: „Wir sind Fremde“ und die zwei „Mundvoll Schweigen“. Dass gerade diese beiden Wortgruppen metrisch hervorgehoben werden, unterstreicht ihre Hoffnungslosigkeit.

Völlig hoffnungslos ist „Sprachgitter“ allerdings nicht von Anfang an: Das Lid des Auges „rudert“ zunächst nach oben, der erste Blick geht also hoffnungsvoll aufwärts. Er begegnet dem Auge auf der anderen Seite des Gitters, es findet also ein ebenes Einander‑Anschauen statt. Erst danach geht der Blick „schräg“ hinab und betrachtet das Licht, das von einem der beiden Zusammengekommenen gehalten wird. Nach der Erkenntnis der Fremdheit letztlich werden „die Fliesen“ betrachtet, der Blick geht also nunmehr senkrecht nach unten.
Das Gitter legt sich nun eben nicht nur vor das Sprechen, sondern vor die Sprache selbst, ist ein Sprach- und kein Sprechgitter, weil die Kommunikation geradezu von Grund auf unmöglich ist. Der Eindruck des Schweigens beendet das Treffen: Passenderweise ist „Schweigen“ genau das letzte Wort des Gedichts, so wie Schweigen sich einem Vortrag desselben anschließen würde.

Im Kommentar zu „Sprachgitter“ in der Gesamtausgabe verweist die Herausgeberin Barbara Wiedemann zurecht auf Parallelen zu einem Gedicht aus Rainer Maria Rilkes „Neuen Gedichten“.3 Rilke, dessen Werk Celan gut kannte, lebte einige Jahre genau wie dieser in Paris, wo er im November 1902 im Jardin des Plantes das Gedicht „Der Panther“4 verortete:

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf — Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille —
und hört im Herzen auf zu sein.

Der namensgebende Panther ist im Käfig eingeschlossen, das Gedicht arbeitet sich ebenfalls an seiner Müdigkeit und seinen durch die Gitter schauenden Augen ab: „Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt“. Wie das „Flimmertier“ „Lid“ bei Celan anfangs „nach oben [rudert]“, so „schiebt sich“ in der letzten Strophe bei Rilke „der Vorhang der Pupille […] lautlos auf“. Auch der Panther bleibt zuletzt in „Stille“, „im Herzen“ hoffnungslos.
Nicht weniger nahe liegen Bezüge zu „Wink“5, dem zehnten Gedicht im „Buch Hafis“ aus Johann Wolfgang von Goethes „West-östlichem Divan“:

Wink

Und doch haben sie recht, die ich schelte:
Denn, daß ein Wort nicht einfach gelte,
Das müßte sich wohl von selbst verstehn.
Das Wort ist ein Fächer! Zwischen den Stäben
Blicken ein paar schöne Augen hervor,
Der Fächer ist nur ein lieblicher Flor,
Er verdeckt mir zwar das Gesicht,
Aber das Mädchen verbirgt er nicht,
Weil das Schönste, was sie besitzt,
Das Auge, mir ins Auge blitzt.

Auch hier trennen Stäbe das lyrische Ich von seinem Gegenüber, welches hier explizit mit einem „Mädchen“ spricht. Die Stäbe sind allerdings nicht die eines Gitters, durch das gesprochen wird, sondern eines Fächers, der aus den Worten selbst besteht: „Das Wort ist ein Fächer!“
Anders als bei Rilke und Celan bleibt die Situation in Goethes „Wink“ jedoch hoffnungsfroh: „schöne Augen“ blicken hervor und weinen nicht etwa oder sehen ermüdet, der letzte Blick verläuft nicht zu Boden, sondern ins Auge des Mädchens, „das Schönste, was sie besitzt“.
Die Kommunikation läuft hier verschlüsselt ab, ein Wort gilt „nicht einfach“, sondern wird immer mit mehrfacher Bedeutung aufgeladen, wie ein Fächer in verschiedene Richtungen aufgeht. Die eigenen Intentionen werden so nicht direkt offengelegt, bleiben wie das Gesicht hinter einem Fächer verdeckt, doch bleibt das Wesentliche letztlich nicht verborgen, sondern die Begegnung verläuft – anders als in Celans „Sprachgitter“ – glücklich für beide Teilnehmer, wie das „ins Auge“ blitzende Auge im Schlussvers zeigt.


  1. Paul Celans Werke sind noch nicht gemeinfrei. Der Gedichttext ist aber leicht im Internet zu finden. Die hier verwendete Fassung ist die der Gesamtausgabe: Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. von Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2005, S. 99 f. []
  2. Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. von Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2005, S. 643 und 652 []
  3. Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. von Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2005, S. 653 []
  4. zitiert nach: http://gutenberg.spiegel.de/buch/831/43 []
  5. zitiert nach: http://gutenberg.spiegel.de/buch/3656/3 []

Responses

  1. […] – kritisch betrachtet” beim Wuppertaler Bund am zweiten Oktoberwochenende 1957, kurz nachdem Celan das Gedicht “Sprachgitter” fertiggestellt hatte, begegneten sich beide nach vier Jahren ohne Kontakt – mit Ausnahme einer Ansichtskarte von […]


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