Verfasst von: Manuel | 15.07.2009

Vodafone und die Blogosphäre: Schwamm drüber?

Zu den Vorwürfen aufgrund der Vodafail-Werbung des wichtigsten Zensurproviders gegenwärtigen Netzsperrendebatte hat sich heute Johnny Haeusler als erster großer Blogger mit Vodafone-Anzeigen geäußert.

Findet die Werbekampagne ganz fantastisch: Typischer
Vodafone-Sympathisant

Seine Stellungnahme auf Spreeblick liest sich vor allem vodafone-kritisch, weist aber jeden Vorwurf zurück:

Ich muss mit der politischen Haltung von hier werbenden Unternehmen nicht übereinstimmen, und so ändern auch Vodafone-Banner auf Spreeblick nichts an meiner Einstellung zu den Netzsperren […]

Die Situation erinnert stark an die Debatte vor ziemlich genau zwei Jahren, als Spreeblick Werbung für Yahoo hatte, die wiederum die Infrastruktur für die Chinesische Internetmauer mit zur Verfügung stellten.

Johnny nahm das zunächst hemdsärmelig:

Die Arbeit an unseren Artikeln finanzieren wir seit einiger Zeit u.a. über Werbe-Banner. Werbe-Banner, die teilweise auch von den oben genannten Unternehmen gebucht werden – für die einen ein klares Indiz dafür, dass wir Morde und Diktaturen unterstützen, für uns […] eine publizistische Herausforderung […]

Dann kam er ins Differenzieren:

Yahoo hat einen Werbeplatz bei Spreeblick gekauft. Nicht mich, nicht unsere Meinung, nicht unsere Inhalte.

Und schließlich nahm er sich die Kritik doch zu Herzen und die Werbung von seinem Blog. [Update: Letzteres stimmt so nicht, hatte ich wohl falsch in Erinnerung.]
Die ganze Diskussion von damals ist immer noch sehr lesenswert und Johnnys eigene starke Beteiligung an ihr und sein offener Umgang damit ein gutes Beispiel für seine Größe und Fairness bei dem, was er macht (Eigenschaften, die er zurecht bei Vodafone vermisst wie viele Andere auch, obwohl Vodafone mit ihnen prahlt und Johnny nicht).

Dennoch (oder gerade deswegen – wegen seiner Bereitschaft, sich Kritik zu stellen nämlich) wurde Johnny damals auch harsch angegriffen und bekam Vorwürfe, letztlich die Zensur zu unterstützen.
Die Parallelen werden auch von offensiveren Kritikern als mir gesehen.

Daher möchte ich Johnny herzlich gratulieren zu seinem Entschluss, das Schweigen der letzten Tage zu brechen und die Transparenz herzustellen die man von ihm gewohnt ist, indem er zu einer offenen Diskussion einlädt.

Ich bin und war mir auch in den letzten Tagen immer völlig sicher, dass Johnny weiterhin strikt gegen die Zensur ist, für die Vodafone sich einsetzt.
Und selbstverständlich ändern auch Vodafone-Banner auf Spreeblick nichts an seiner Einstellung zu den Netzsperren.
Aber sie ändern etwas an seiner Kritik: Anstatt wie zuvor klare, konsequente Kritik zu sein, ist sie nun Kritik, die von Aufforderungen zur Kooperation mit den Kritisierten unterlegt ist.

Es ist nicht möglich “nur einen Werbeplatz” zur Verfügung zu stellen. Werbung bedeutet immer auch, den eigenen Lesern eine Empfehlung für das Beworbene auszusprechen. Ein Fernsehsender und sein Programm sind verknüpft mit den Produkten, die er bewirbt. Eine Zeitung und ihre Artikel sind verknüpft mit den Unternehmen, denen sie Anzeigen verkauft.
Und Spreeblick ist nun verknüpft mit dem größten Fürsprecher der Zensur, den es auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt gibt.

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Responses

  1. Danke für diese insgesamt sachliche Kritik. Ich bin mir der Gradwanderung natürlich bewusst und wir haben die Entscheidung nicht mit leichtem Herzen getroffen. Klar war jedoch: Es wäre moralisch noch viel fragwürdiger gewesen, die Anzeigen bei Spreeblick nicht laufen zu lassen und sich dafür “feiern” zu lassen, “hintenrum” aber via adnation-Beteiligung doch mitzuverdienen. Die wirklich völlige Konsequenz wäre somit gewesen, das gesamte Budget für alle Blogs abzulehnen und das konnten wir uns einfach nicht leisten. Klar war auch, dass wir unsere Arbeit gegen die Sperren nicht ändern oder gar stoppen werden.

    Letztendlich: Was hätten wir mit einer Ablehnung der Banner bewirkt? Hätte uns jemand dafür gelobt oder Geld an den AK oder gar an uns gespendet? Sicher nicht.

    Wir haben uns übrigens damals die Yahoo-Kampagne zwar tatsächlich zu Herzen genommen, sie aber nicht gestoppt, sondern sie lief regulär irgendwann aus. Auch hier bin ich nach wie vor der Überzeugung, dass wir das Geld damals gut angelegt haben.

    Deiner Schlussfolgerung, dass Sender und Zeitungen und Blogs durch die Banner eine Empfehlung aussprechen würden, möchte ich widersprechen, das wäre meiner Meinung nach Wahnsinn. Massig Blogs haben GoogleAds, wie meistens Dreck sind und nicht mal wirkliches Geld abwerfen, andere Medien (z.B. Heise/ TP) oder (gerade US-) Blogs, die viele lieben, sind voller Werbung, mit der sie nicht identifiziert werden. Was korrekt ist.

    Wir weisen in unserem Impressum explizit darauf hin: Empfehlungen finden allein in Artikeln statt, ohne Bezahlung. Natürlich schließt das nicht aus, dass wir mal Werbung haben, die wir gut finden, das ist aber nicht automatisch so.

    Aber: Danke. So kann man miteinander reden.

  2. Hallo Johnny, ich freu mich, dich hier begrüßen zu dürfen.
    Mit der ausführlichen Antwort hätte ich auch wirklich nicht gerechnet und ich fürchte, ich kann dem gerade gar nicht gerecht werden, aber ich versuchs trotzdem.

    Dass ihr an den Adnationeinnahmen sowieso beteiligt seid, hab ich gar nicht bedacht und klar: Die “hintenrum” mit einzustreichen, die Anzeigen aber aus Spreeblick rauszuhalten wäre noch problematischer gewesen.

    Dass ihr euch ein vollständiges Ablehnen des Vodafone-Budgets nicht leisten konntet, muss ich dir mal so abnehmen. Ich kenne ja eure Zahlen nicht und das ist auch richtig so, denn sie gehen mich nichts an.
    Ich halte es zwar immer noch für falsch, dass ihr auf Vodafone eingestiegen seid, aber mit einem vollen Bauch und der vertraglichen Zusicherung, jeden Monat einen festen Betrag überwiesen zu kriegen, lässt es sich natürlich bequem urteilen.
    Ich hab die letzten Tage auch drüber nachgedacht, wo meine eigenen Grenzen auf dem Territorium wären (etwa, wenn ich bei Vodafone gewesen wäre, als die Zensursula-Geschichte losging) und bin froh, meinerseits so eine Entscheidung nicht als Selbständiger treffen zu müssen.

    Die Verknüpfung zwischen dem werbefinanzierten Medium und den Werbenden würde ich gerne unterstreichen, aber ich krieg gerade die Konzentration nicht mehr zusammen, um meine Gedanken da halbwegs fundiert darzustellen, sorry.

    Mir bleibt: Ich kann euch nach deiner Erwiderung hier besser nachvollziehen, halte die gefundene Lösung aber für schlecht (auch wenn, richtig, wohl mit keiner Lösung etwas wirklich “zu gewinnen” gewesen wäre und zugestanden: Mir fallen auf Anhieb einige Lösungen ein, die noch viel schlechter gewesen wären).

    Edit: Vielleicht sagst du hierüber ja eines Tages “Ich war jung und ich brauchte das Geld.” ;)

  3. Hi Cosmo,

    danke für deine Antwort! Ich bin ja der letzte, der behauptet, dass das alles easy wäre. Grundsätzlich leichter ist es natürlich, ein Blog ohne Werbung zu betreiben (wie wir es auch sehr lange gemacht haben), was jedem freisteht, doch auch da halte ich tatsächliche Unabhängigkeit für diskussionswürdig, denn irgendeine finanzielle Abhängigkeit wird es immer geben (solange der Autor sein Geld selbst verdient und nicht von Mama und Papa bekommt). Und das Blog wird rein zeitlich nicht mehr als ein Hobby bleiben können, was ja für die meisten Fälle auch perfekt ist.

    Insgesamt halte ich es aber für eine gute Sache, wenn sich Blogs, die mit regelmäßigem Content relativ viele Leser und damit auch Arbeit haben, refinanzieren können. Wenn das über Werbung passiert, wird es immer wieder Grenzfälle geben, über die man dann streiten kann, logisch.

    Doch der “Ausverkauf der Blogs” und deren “Ende” wurde schon vor Jahren ausgerufen, passiert ist er nicht. Oder ganz woanders: Die Blogs, die tatsächlich so ziemlich alles für Kohle machen (z.B. Schleichwerbung oder bezahlte Links im Content, um den PageRank der verlinkten Site zu steigern) sind ganz andere und die meisten von ihnen fliegen unter dem Radar der Leute, die sich gerade über VF-Banner aufregen. Ich lehne jede Woche Deals von Leuten ab, die in den Content wollen, obwohl es keiner mitbekommen würde, wenn wir so 1.000 bis 2.000 Euro im Monat “nebenbei” machen würden, uns werden rund 500 Euro für Links im Content angeboten. Ich lehne das ab, weil ich keine Werbung im Content will (Ausnahmen sind gekennzeichnete Affiliate-Links, wenn sie passen, die ich okay finde und natürlich ist jeder Artikel über ein Produkt oder eine Band oder ein Buch oder einen Film etc. auch irgendwie Werbung, aber eben nicht im Auftrag usw. du weißt schon). Bezahlte, gebuchte Werbung muss gekennzeichnet außerhalb des Contens stattfinden.

    “Ich war jung …” werde ich nicht mehr sagen, denn ich bin fast 45 Jahre alt, finanziere inkl. mir selbst vier Leute komplett und ein paar freien Autoren und einem Techniker mindestens ihre Miete, meist mehr. Ich habe keinen Chef, der mir etwas vorschreibt und bisher hat es von Werbekunden keinerlei Versuche gegeben, uns in unsere Arbeit oder in unsere Entscheidungen reinzureden. Das versuchen absurderweise immer nur andere Blogger. :)

    Viele Grüße!

  4. Lass mich dir mal ne Frage stellen.

    Wir haben jetzt gesehen, dass man ganz moralisch einwandfrei wohl gar nicht bloggen/arbeiten/leben kann.

    Und ich nehme mal an, die Entscheidung zwischen problematischer Werbung und ausbleibenden Einnahmen ist eine graduelle: Bestimmt müsstest du nicht gleich Hartz IV beantragen, wenn ihr Vodafone abgelehnt hättet, aber ich erwarte natürlich auch schon nicht, dass du lieber deine Teebeutel dreimal aufkochst als das Vodafone-Budget anzunehmen.
    Man kann aber erkennen, dass die Geschichte (wie schon die Yahoo-Sache) schon in einem Grenzbereich auch für dich liegt. Und ich bin mir sicher, dass es Werbekunden geben könnte, die du bei demselben Angebot abgelehnt hättest – aus moralischen Gründen.

    Udo Vetter sagte kürzlich, dass es ab einer gewissen Summe für ihn keine moralischen Bedenken mehr gäbe (er meinte da zwar was anderes, aber du siehst, worauf ich hinauswill).
    Würdest du für einen Blankoscheck auch extrem bedenkliche Werbung bei Adnation akzeptieren? Oder auf Spreeblick?

    Oder, anders formuliert: Wenn die Vodafone-Werbung und die damals für Yahoo Grenzfälle sind, wie würde für dich ein Grenzfall aussehen, der knapp auf die andere Seite der Grenze fällt und für dich gerade so nciht mehr akzeptabel ist?

  5. […] meiner Diskussion über die Vodafail-Werbung mit Johnny Haeusler denke ich aber, dass eben der den dieswöchigen Kommentarpokal verdient hat: Obwohl ich ihn schon […]

  6. also ich weiß nicht. habe das gefühl, hier haben sich einige der prominentesten deutschen blogger für die falsche sache einnehmen lassen und der community damit einen bärendienst erwiesen.

    ich finde, gerade beim thema zensur wiegt das alles besonders schwer.

  7. Hi cosmo,

    ich mach’s aus Zeitgründen kurz: Ich glaube, auch Udo Vetter würde für Geld nicht alles tun. Ich habe schon sehr viel Geld in meinem Leben abgelehnt. Bei Fällen, in denen man nachdenken muss, trifft man manchmal die “richtigen” Entscheidungen, manchmal macht man auch Fehler. Wie im echten Leben.

    Es gibt Fälle, da braucht man gar nicht abzuwägen und dazu gehört sowieso schonmal alles, was in den rechtsextremen Bereich fällt. Es gibt noch andere Fälle, die ich und andere abgelehnt haben, die muss man hier aber nicht ausbreiten.

    Was die tiefere Diskussion bei den Fällen angeht, die wir angenommen haben: Die führe ich gerne mal in einem persönlichen Gespräch weiter, denn das führt hier zu weit.

  8. […] Das hab ich nicht nochmal genauer ausgeführt, und selbst, als Johnny mir da direkt widersprach, war ich zu rammdösig, um das nochmal deutlicher darzulegen. […]

  9. Was wäre es angenehm gewesen, wenn die ganze Diskussion um Vodafone auf diese Art und Weise abgelaufen wäre, wie man sie hier in den Kommentaren bewundern darf. Aber ich vermute mal, das darf man nicht erwarten, wenn die Meute erstmal ein Opfer identifiziert haben will. Vermutlich profitiert Vodafone am Ende noch durch die Aufmerksamkeit von der ganzen Geschichte.

  10. […] Mein Nachfolgeartikel über die Vodafail-Debatte, über den Johnny Haeusler selbst noch mitdiskutierte […]


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